116. Geburtstag des „japanischen Schindler“

116. Geburtstag des „japanischen Schindler“

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Artikelbild - Visum, ausgestellt von Chiune Sugihara (Foto: pd)
Japanisches Visum, ausgestellt von Chiune Sugihara (Foto: pd)

Die Geschichte des deutschen Industriellen Oskar Schindler, der durch die Beschäftigung jüdischer Arbeitskräfte in seiner Emaillewarenfabrik etwa 1.100 Juden das Leben rettete, wurde durch die Hollywood-Verfilmung „Schindlers Liste“ weltbekannt.

Weit weniger geläufig ist der Name jenes Mannes, der am 1. Januar 1900 geboren wurde, und schätzungsweise 6.000 Juden das Leben durch Transitvisa rettete.

Die Rede ist vom „japanischen Schindler“ – Chiune Sugihara.

Als eines von sechs Geschwistern einer mittelständischen Familie, wuchs er in Yaotsu (Präf. Gifu) auf. Entgegen elterlichem Wunsch studierte er anschließend nicht Medizin, sondern Englische Literatur, bevor er 1919 in den Dienst des Außenministeriums trat.

Chiune Sugihara (Foto: pd)
Chiune Sugihara (Foto: pd)

Nach seiner Tätigkeit in der von Japan besetzten Mandschurei, wo er im diplomatischen Dienst auch Russisch und Deutsch lernte, ließ er sich aus Protest über die schlechte Behandlung der chinesischen Bevölkerung versetzen und wurde 1939 Vizekonsul in der japanischen Botschaft in Kaunas (Litauen).

Während dieser Zeit ehelichte er eine Russin und ließ sich russisch-orthodox taufen. Vor seiner späteren Rückkehr nach Japan folgte die Scheidung.

Sugihara in Litauen

Nach der Besetzung Litauens durch die Sowjetunion, sahen viele polnische Juden dies als Chance, der Verfolgung durch die Nationalsozialisten zu entkommen. Doch die hierfür erforderlichen Ausreisevisa wurden von keinem Staat ausgegeben.

Voller Hoffnung wandten sie sich unter der Leitung von Zerach Warhaftig an das japanische Konsulat in Litauen.

Als Sugihara erfuhr, dass der niederländische Konsul einigen Juden Visa nach Curaçao ausstellte, wo kein Einreisevisum verlangt wurde, versuchte er von der japanischen Regierung ebenfalls eine Erlaubnis zur Ausstellung von Transitvisa zu erhalten.

Da Japan jedoch eine ausreichende finanzielle Absicherung, sowie ein Visum eines Drittlandes zur Ausreise nach Japan als Voraussetzung verlangte, wurde die dreimalige Bitte des Diplomaten von der Regierung in Tokyo jedes Mal abgelehnt.

Visas for Life

Entgegen dem Willen seiner Vorgesetzten, begann Sugihara am 29. Juli 1940 auf eigene Verantwortung auch Zehn-Tage-Transitvisa an Juden auszustellen, obwohl diese die offiziellen Vorgaben nicht erfüllten.

Sugihara soll dieser Aufgabe mit unglaublicher Willenskraft nachgegangen sein und mit einer Arbeitszeit von bis zu 20 Stunden und der Unterstützung seiner Frau täglich 300 handschriftliche Visa ausgestellt haben – darunter auch Familienvisa, die mehreren Familienmitgliedern die Ausreise ermöglichten.

Er bekam während dieser Zeit mehrfach Aufforderungen der japanischen Regierung, die nicht autorisierte Ausgabe von Transitvisa, durch die Juden die Sowjetunion durchqueren konnten, unverzüglich einzustellen. Sugihara widersetzte sich allen offiziellen Anordnungen.

Als das japanische Konsulat am 4. September 1940 geschlossen wurde, hielt ihn das nicht davon ab, diese Arbeit fortzusetzen. Zeugenaussagen zufolge habe er noch im abfahrenden Zug weitere Visa ausgestellt und sie aus dem Fenster des Abteils geworfen.

Dabei habe es sich schließlich nur noch um Papier mit dem konsularischen Siegel und seiner Unterschrift gehandelt, die dann in gefälschte Visa übertragen werden konnten.

Sughiharas Verdienst

Die Zahl der ausgestellten Visa schwankt stark, was unter anderem an den Familienvisa liegt, die für mehrere Personen gültig waren. Auch wie viele Juden der Vernichtung durch die Nazis entkamen ist nicht ganz klar.

Das Simon Wiesenthal Center geht von Transitvisa für etwa 6.000 Juden aus. Andere Quellen setzen die Zahl deutlich höher an, oder erklären, er habe zwar insgesamt etwa 10.000 Personen geholfen, jedoch sei es nicht allen gelungen Litauen vor der Besetzung durch die Nazis zu verlassen.

Weiteres Leben

Nach weiterem diplomatischen Dienst in der Tschechoslowakei (in Prag stellte er heimlich weitere 33 Visa für Juden aus) und Rumänien, wo er und seine Familie zeitweise von den Sowjets als Kriegsgefangene interniert wurden, kehrte die Familie 1946 nach Japan zurück.

Ein Jahr später wies ihn die japanische Regierung an, zurückzutreten. Obwohl dies offiziell aufgrund des Personalabbaus geschah, gibt es Vermutungen, sein Handeln in Litauen habe ihn in Ungnade fallen lassen und zu seinem Rücktritt geführt.

Seine späteren Jahre waren von Härten und Schicksalsschlägen geprägt. So hielt er die Familie durch einfache Arbeiten, etwa als Glühbirnenvertreter über Wasser und sein jüngster Sohn starb im Alter von sieben Jahren.

Aufgrund seiner guten Russischkenntnisse lebte er alleine weitere 16 Jahre unter ärmlichen Verhältnissen in der Sowjetunion, während seine Familie in Japan blieb.

Anerkennung

Im Jahr 1968 wurde einer der Überlebenden während seiner Tätigkeit in Tokyo auf Sugihara aufmerksam. Es folgte ein Besuch in Israel und die Bemühungen um eine Ehrung in der Gedenkstätte Yad Vashem.

Im Jahr 1985 war es schließlich so weit und der frühere Diplomat, der zu diesem Zeitpunkt jedoch bereits zu krank für eine Reise war, wurde in Israel als „Gerechter unter den Völkern“ geehrt.

Auf Fragen nach dem Grund für sein Handeln, mit dem er sowohl seinen Posten, als auch seine Familie gefährdet hatte, antwortete Sugihara stets bescheiden. Ihm hätten die Menschen Leid getan. Ein Jahr später, am 31. Juli 1986, starb Sugihara in Japan.

In Kaunas und Tel Aviv wurden Straßen nach ihm benannt – ebenso ein Asteroid. Im einstigen Botschaftsgebäude in Kaunas befindet sich heute ein Museum –  wie auch in seinem Heimatort Yaotsu.

Sein Leben wurde bereits verfilmt. Außerhalb Japans wurde die Dokumentation „Conspiracy of Kindness“ (2000) produziert. Zuletzt erschien im Dezember 2015 der biographische Spielfilm „Persona non grata“ in Japan.

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