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Die Japaner: Disziplin im Desaster von Fukushima

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Bahnhof Tokyo Shinjuku: Warteschlange zum Narita-Shuttlebus
Tokyo: Bahnhof Shinjuku: Schlange stehen zum Flughafenbus

In der Berichterstattung über den Zwischenfall im Atomkraftwerk Fukushima Daiichi, wird sowohl von Reportern als auch von Augenzeugen vielfach die Disziplin, die von den Japanern  eingehalten wird, mit einem gewissen Erstaunen erwähnt.

So kam es beispielsweise anders als auf Haiti, nicht zu großen Plünderungen von Geschäften.

Da diese Disziplin einer der Punkte ist, der so manchen Berichterstatter verwundert, soll an dieser Stelle ein wenig Hintergrundwissen vermittelt werden, ohne dabei jedoch den Anspruch zu erheben, ein Psychogramm oder eine Sozialstudie des japanischen Volkes darzustellen.

Bedeutung der Gruppe

Tokyo: Bahnhof Shinjuku: Warteschlange zum Shuttlebus Foto: KJ
Tokyo: Bahnhof Shinjuku: Warteschlange zum Shuttlebus Foto: KJ

Für die Japaner ist die Identifikation, oder zumindest die Einordnung in eine Gruppe von wesentlich größerer Bedeutung als beispielsweise in Mitteleuropa.

Während der Einzelne in Mitteleuropa vor allem versucht,  seine ihm eigene Individualität zu betonen, ist dies für den Japaner in der Öffentlichkeit nicht erstrebenswert. Eine gewisse Toleranz von Konventionen wird zumindest Künstlern gewährt.

Soziale Harmonie

Im Gegensatz dazu hat die „soziale Harmonie“ einen hohen Stellenwert. Wer sich so verhält, wie von seinen Mitmenschen erwartet, eckt nicht an, es kommt zu keinen öffentlichen Konflikten (zum Thema der privaten Konflikte findet sich beispielsweise bei Spreadnews ein Artikel über die häusliche Gewalt in Japan).

Manche sagen, für Menschen die zum einen auf einer Inselgruppe leben die relativ wenig Platz bietet und in Megametropolen zusammenlebt, ist besonders dieser Umstand besonders wichtig, da man sich nicht aus dem Weg gehen kann.  Ob dies nun tatsächlich einer der Gründe für den Europäern so fremden „Herdentrieb“ ist, sei an dieser Stelle einmal dahingestellt.

(Die Landmasse Japans selbst ist im übrigen mitnichten klein, allerdings ist der ohne Probleme bewohnbare Raum etwa durch Vulkane und die japanischen Alpen begrenzt).

Das Kimochi

Die Serviceorientiertheit vieler japanischer Händler und Dienstleister ist darauf ausgerichtet, dem Kunden ein gutes „Kimochi“ (Gefühl) zu vermitteln.

Anders als vielleicht vermutet, ist dies nicht reine Marketingstrategie zur Kundenbindung, sondern ebenfalls das Bestreben, soziale Reibung, etwa in Form von Beschwerden und Reklamationen unzufriedener Kunden  zu verhindern.

Öffentliches und privates Gesicht

Um den sozialen Frieden nicht durch unangebrachtes Auftreten oder kontroverse Meinungen zu stören, bedienen sich Japaner einer Strategie, die auf „Honne“ und „Tatemae“ beruht.

Das „Tatemae“ ist das Bild, dass man nach außen vermittelt und das den Erwartungen und Regeln der Gesellschaft und denen des sozialen Status entspricht.

Man benutzt etwa eine „Keigo“ genannte Höflichkeitssprache gegenüber sozial höher gestellten, richtet den Winkel der Verbeugung danach aus und auch Präsente sollen weniger den guten Geschmack des Schenkenden zur Geltung bringen, als vielmehr dem Status von Schenkendem und Beschenkten entsprechen.

Das „Honne“ ist dagegen die Summe der wirklichen, persönlichen Meinungen und Ansichten. Da diese nicht unbedingt mit den von der Gesellschaft vorgeschriebenen Struktur übereinstimmen, behält man diese für sich und teilt sie nur mit engen Freunden.

Diese Art des Verhaltens ist einer der Gründe, weshalb Protestbewegungen wie  Tierversuchsgegner, Umweltschützer und Anti-Atomkraft-Aktivisten öffentlich weit weniger radikal auftreten als etwa in den USA.

Die Ausflüchte der Betreiberfirma und der Regierung

Einer der vielen Gründe des japanischen Unternehmens TEPCO und der japanischen Regierung, den Ernst der Lage im Atomkraftwerk Fukushima herabzuspielen, ist daher nicht nur der Versuch eine Panik zu verhindern, sondern auch soweit wie möglich kein direktes negatives Bild zu vermitteln.

Man ist eher geneigt „es ist schwierig“ zu sagen, statt von „unmöglich“ zu sprechen oder „Nein“ zu sagen und auch eine „Stabilisierung der Lage“ könnte eher als ein Euphemismus für „wir kommen nicht weiter“ verstanden werden.

Das man dabei vor lauter „Rücksichtnahme“ vielleicht sogar unglaubwürdig wird, ist dabei prinzipiell nicht von Belang, es bedarf schon starken gesellschaftlichen Drucks um die Verantwortlichen nach unserem Verständnis „Klartext“ reden zu lassen.

Panik in der Bevölkerung

Eine derartige Reaktion ist vergleichsweise unwahrscheinlich, da sie nicht zu den gesellschaftlich akzeptierten emotionalen Ausdrucksformen gehört. Die einzige Alternative ist somit, den allgemeinen Empfehlungen zu folgen und entsprechende Vorsichtsmaßnahmen zu treffen – wie es eben alle tun.

Der Japaner – Sehen Sie den Menschen, nicht den Exoten

Zum Abschluss ist es mir besonders wichtig festzustellen, dass auch Japaner letztlich nur Menschen und einzelne Individuen sind, auch wenn sie allzu oft mit dem Bild des roboterhaften, in seinem Verhalten unverständlichen und daher umso interessanteren Exoten belegt werden (Die „Besonderheit“ der Japaner wird von ihnen selbst auch gerne betont).

Reiseführer und Bücher in denen Hightech-Toiletten, Chindogu (skurrile Erfindungen), die Begeisterung für Pachinko (eine Art Flipper-Automat) und die Abnormität der Küche (Krebsgekröse und Wespenlarven) stärker betont werden als Informationen zu Orten oder kulturellen Eigenarten, mögen interessant zu lesen sein – zu mehr Verständnis der Menschen führen sie jedoch nicht.

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