Start Aktuelles Fukushima aktuell: Erste Neustartpläne seit AKW-Katastrophe kritisiert

Fukushima aktuell: Erste Neustartpläne seit AKW-Katastrophe kritisiert

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Demonstration von Atomkraftgegnern in Tokyo am 11. Juni 2011 (Foto: Copyright by KJ)
Demonstration von Atomkraftgegnern in Tokyo am 11. Juni 2011 (Foto: Copyright by KJ)

Wenn mehr als drei Jahre nach der Katastrophe von Fukushima heute gemeldet wird, die Sicherheit eines AKW sei voraussichtlich hoch genug für Reaktorneustarts, trifft dies in Japan aktuell keineswegs auf Begeisterung. Dennoch gibt es auch Befürworter. Zusätzliche Fukushima News jetzt im Spreadnews Japan-Ticker vom 16. Juli 2014.

Unsere heutigen Themen:

  • Sicherheitsbericht bestätig AKW-Sicherheit für Neustart
  • Kritik an Sicherheitsbeurteilung des AKW Sendai
  • Reaktionen auf Reisfelderkontamination
  • ALPS-Einheit wieder in Betrieb
  • Videoüberwachung und KfZ-Erfassung gegen Diebstähle in Sperrzone

Sicherheitsbericht bestätig AKW-Sicherheit für Neustart:  Am heutigen Mittwoch legte die Atomaufsichtsbehörde NRA einen 420 Seiten umfassenden Berichtsentwurf vor, der die Sicherheit des AKW Sendai (Präfektur Kagoshima) behandelt.

Die Behörde kommt darin zu dem Schluss, dass die verschärften Bestimmungen für Katastrophenfälle erfüllt und die fraglichen Reaktoren dort sicher genug für einen Neustart sind. Nun ist noch eine bis zum 15. August dauernde Einholung der öffentlichen Meinung erforderlich, bis die endgültige Fassung des Berichts vorliegt.

Verwaltungen und Einwohner der Region hatten jedoch bereits zuvor ihre Unterstützung für die Neustarts beider Reaktoren zum Ausdruck gebracht, so dass theoretisch bereits im Herbst diesen Jahres und damit erstmals seit der Fukushima-Katastrophe, wieder ein japanisches Kernkraftwerk ans Netz gehen könnte.

Diese Aussicht  trifft jedoch bereits jetzt auf Kritik. So versammelten sich bereits nach der Bekanntgabe etwa 50 Atomkraftgegener vor dem Gebäude der NRA in Tokyo, zu Protesten. Frühere Bewohner von Gemeinden, die aufgrund der Fukushima-Katastrophe fliehen mussten, fürchten nun, es könne ein erneuter „Sicherheitsmythos“ um die Kernenergie geschaffen werden.

Die Vereinigung der Elektrizitätserzeuger will dagegen einen möglichst raschen Neustart.

Nach der Konzentration auf das AKW Sendai als wahrscheinlichstem Neustartkandidaten, will die Atomaufsicht NRA sich in Kürze wieder der Prüfung der übrigen Kernkraftwerke des Landes widmen. Die Behörde hatte jedoch bereits einige Betreiber wegen schlechter Organisation kritisiert und erklärt, mangelhafte Vorbereitungen würden Sicherheitskontrollen unnötig verzögern.

Über die Neustartaussichten und die Reaktionen darauf berichteten unter anderem Kyodo, jiji, Mainichi Shimbun und NHK.

Kritik an Sicherheitsbeurteilung des AKW Sendai: Während Energiekonzerne, Gemeinden und die Regierung in Tokyo die Einschätzung der Atomaufsicht, das AKW Sendai erfülle die verschärften Vorgaben begrüßen, sehen Atomkraftkritiker weiterhin schwerwiegende Probleme, die bei einem schweren Störfall auftreten könnten.

Insgesamt fünf atomkraftkritische Gruppen, sahen sich durch die Bekanntgabe der Atomaufsicht veranlasst, Pressekonferenzen abzuhalten. In deren Verlauf wurde der NRA vorgeworfen, übereilte Entscheidungen zu fällen, da nicht einmal die Untersuchungen zur Fukushima-Katastrophe hinreichend abgeschlossen seien.

Die „Bürgermeister für ein Japan ohne Atomenergie, bemängelten ebenso wie der „Bürgerausschuss für Atomenergie“ (CCNE), die Evakuierungsplanung der Präfektur Kagoshima. Diese würde keine Schritte zur Rettung hilfloser Personen enthalten, die aufgrund von Alter oder Gesundheitszustand nicht in der Lage sind, alleine aus einem Gefahrengebiet zu fliehen.

Die betroffenen Gemeinden würden mit dem Problem allein gelassen, so dass die Sicherheit der Bürger nicht gewährleistet werden könne.

Die CCNE beruft sich zudem auf die Simulation eines Privatunternehmens wenn sie nun erklärt, bei der jetzigen Planung sei möglicher radioaktiver Niederschlag nicht richtig berücksichtigt worden und abhängig von der Windrichtungen, insbesondere Flüchtlinge Richtung Südosten, besonderer Kontamination ausgesetzt wären.

Die Kritik der Anti-Atombewegung richtet sich auch gegen die Atomaufsichtsbehörde NRA. Die Kontrollbehörde habe, trotz des Umstands, dass im 160 Kilometer Kilometer messenden Umkreis des AKW Sendai, 39 Vulkane vorhanden sind, die Auswirkung möglicher vulkanischer Aktivität nicht hinreichend berücksichtigt.

Tatsächlich bestätigt eine Kontrollgruppe, die der Atomaufsicht übergeordnet ist, dass im gesamten Prozess der Sicherheitsprüfung kein Vulkanologe hinzugezogen wurde und derartige Experten bereits öffentlich bekannt gemacht hatten, dass ein Ausbruchszeitpunkt nur schwer vorauszusehen sei.

Damit wird der Darstellung des Kraftwerksbetreibers Kyushu Electric widersprochen, der zuvor erklärt hatte, das Risiko eines großen Ausbruchs, etwa des Vulkans Sakurajima, sei gering – offenbar eine nicht qualifizierte Behauptung, wie sich nun herausstellt.

Chefkabinettssekretär Yoshihide Suga, hatte den Kritikern vor allem wirtschaftliche Gründe entgegenzusetzen. Japan mache ohne Atomenergie jährlich Verluste in Höhe von 40 Milliarden US-Dollar. Eine kostengünstige und stabile Energieversorgung sei für den reibungslosen Betrieb von Unternehmen erforderlich.

Zwar bestünde theoretisch die Möglichkeit, das Japan seine Abhängigkeit von Atomenergie reduziere, bis auf weiteres werde die Regierung jedoch Neustarts von Kernkraftwerken billigen, sofern diese den Sicherheitsbestimmungen entsprechen. Über die Proteste berichteten Medien wie die Kyodo und die NHK.

Reaktionen auf Reisfeldkontamination: Die Kontamination von Reisfeldern durch AKW-Räumarbeiten, hatte zu Beginn der Woche für Aufsehen gesorgt.

Einem Bericht das Landwirtschaftsministeriums zufolge, wurden im August 2013, aufgrund von Trümmerräumungen am AKW Fukushima Daiichi radioaktives Cäsium freigesetzt, das sich anschließend auch bei Reispflanzen mehrerer Felder nachweisen ließ. Die fraglichen Ernten wurden entsorgt und gelangten nicht in den Handel.

Eine Reis-Rispe
Kontamination von Reisfeldern vermutlich weitreichender als gedacht (Symbolfoto: pd)

Nun scheint es, als sei der Vorgang umfassender, als vom Landwirtschaftsministerium dargestellt. Wissenschaftler der Universität Kyoto kamen zu dem Schluss, die Reichweite der radioaktiven Kontamination belaufe sich, nicht nur auf mehr als 20 wie offiziell gemeldet, sondern sogar auf Gebiete in mehr als 50 Kilometern Entfernung zur Kraftwerksanlage.

Untersuchungen von Windrichtung und die wöchentliche Erfassung der Cäsiumkonzentration seit September 2012, wiesen zwischen dem 15. und 22. August 2013 in der Ortschaft Soma und damit 48 Kilometer nordwestlich der Anlage, einen Anstieg auf 1,28 Millisievert, das sechsfache des sonstigen Werts nach.

Dieser Zeitrahmen stimmt mit der Räumung von Gebäudetrümmern an der Kraftwerksanlage ein. Auch Anstiege die im Mai und Juni 2013, die in der Ortschaft Minamisoma nachgewiesen worden, fallen mit ähnlichen Räumungsarbeiten zusammen. Zukünftige Arbeiten könnten noch größere Bereiche umfassen, dies legen die Ergebnisse nahe.

Diese Forschungsergebnisse wurden dem Umweltministerium im März diesen Jahres vorgelegt und das Landwirtschaftsministerium wies TEPCO an, geeignete Präventivmaßnahmen zu treffen. Die Verwaltungen der Ortschaften, in deren Gebiet die kontaminierten Reisfelder liegen, wurde dagegen erst jetzt informiert.

TEPCO bestätigte, das am 19. August bis zu vier Trillionen Becquerel und damit das mehr als 10.000-fache des sonstigen Werts vor Ort, freigesetzt wurde und entschuldigte sich bei den Einwohnern für die Probleme. Das Unternehmen erklärte jedoch auch, es sei nicht eindeutig geklärt, ob ein kausaler Zusammenhang mit den Arbeiten bestehe. Das berichtet die Asahi Shimbun.

Ende des Monats will das Unternehmen die gestoppten Räumarbeiten wiederaufnehmen und plant für die Zukunft zudem die Entfernung des Schutzmantels an Reaktor 1. Durch die Ausbringung von Bindemitteln soll die Freisetzung radioaktiv belasteten Trümmerstaubs jedoch reduziert werden.

ALPS-Einheit wieder in Betrieb: Im vergangenen Monat war, nach einer ganzen Reihe von Fehlschlägen, der gleichzeitige Neustart aller ALPS-Einheiten geglückt. Für zwei Einheiten war jedoch bereits ein erneuter Halt abzusehen, um Teile auszutauschen die eine höhere Resistenz gegen Kontaktkorrosion bieten.

Nach einem Stopp von Einheit A am 8. Juni, wurde die Einheit am gestrigen Dienstag um 17:09 Uhr wieder in Betrieb genommen. Nach Angaben von TEPCO wurde bei der Kontrolle anlässlich der Arbeiten zwar eine kleine Korrosioin entdeckt, diese hatte jedoch keinen Einfluss auf die Sicherheit des Systems und es traten keinerlei Probleme auf.

Videoüberwachung und KfZ-Erfassung gegen Diebstähle in Sperrzone: Die große Zahl an fluchtartig verlassenen Privathäusern und Unternehmen im jetzigen Sperrgebiet, stellt eine leichte Beute für Kriminelle dar, so dass es in der Vergangenheit bereits mehrfach zu Festnahmen gekommen war. So hatte ein gefasster Straftäter über 100 Einzeldiebstähle gestanden.

Die Straftaten hatten schließlich ein Ausmaß erreicht, das bei mindestens einer der Gemeinden die Ausgabe von Finanzmitteln zum Wiederaufbau für verstärkte Sicherheit in der unbewohnten Ortschaft erforderlich wurde. Nun setzen die Behörden der Präfektur auf den Einsatz von Überwachungskameras in den menschenleeren Gebieten.

In Namie wurden zwischenzeitlich sieben Standorte durch Kameras versehen. Diese dienen zusätzlich der Kennzeichenerfassung von Fahrzeugen, deren Halter aus Neugierde unerlaubt die Absperrung ignorieren und in die Sperrzone fahren. Der Gebrauch dieser Technik ist normalerweise auf die Hauptstraßen Japans beschränkt, ein lokaler Einsatz dieser Art ist sehr ungewöhnlich.

Auch weitere Gemeinden, die ganz oder teilweise in der Sperrzone liegen , wie etwa Tomioka, Futaba, Okuma und Katsurao, wollen ähnliche Maßnahmen treffen. So plant etwa die Verwaltung von Okuma mit bis zu 40 Kameras und 18 Kennzeichenscannern aufzurüsten.

Ein Sicherheitsunternehmen wird bei der Sichtung verdächtiger Personen eine Streife entsenden und die Polizei alarmiert, sollte ein Fahrzeug ohne Berechtigung dort gesichtet werden. Insbesondere nachdem die Nationalstraße Nr. 6, die durch die Präfektur führt, wieder freigegeben wurde, rechnet die Polizei mit weiteren Straftaten.

In den fünf genannten Gemeinden wurden im Jahr 2013 insgesamt 212 Diebstähle gemeldet. In 192 Fällen lag neben dem Eigentumsdelikt auch ein Einbruch vor. Im laufenden Jahr wurden mit Stand vom Juni bislang 107 Diebstähle in der Sperrzone festgestellt. Über das Kriminalitätsproblem der Gemeinden berichtete die Asahi Shimbun.

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