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Fukushima aktuell: Fragwürdiger Umgang mit Notfallrichtlinien

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Artikelbild - Fukushima-Reaktor 2: Kontrollraum am 27. März 2011 (Foto: TEPCO)
Fukushima-Reaktor 2: Kontrollraum am 27. März 2011 (Foto: TEPCO)

Der am Freitag wieder hochgefahrene Reaktor 4 des AKW Takahama stoppte heute automatisch, nachdem ein Generatorproblem aufgetreten war. Vor dem Neustart hatte bereits ein radioaktives Wasserleck wegen loser Bolzen für Aufsehen gesorgt.

Dagegen hatte der Betreiber des AKW Fukushima heute sowohl juristische, als auch personelle Probleme. Dennoch bemüht sich TEPCO den aktuellen Fukushima News zufolge offiziell um Kooperation mit Bürgern.

Die Details gibt es nun im Spreadnews Japan-Ticker vom 29. Februar 2016.

Unsere Themen zum Wochenbeginn:

  • Ausschuss prüft Umstände um TEPCO-Notfallrichtlinien
  • Erstmals Grundstücksentschädigung außerhalb der Evakuierungszone
  • Anklage von drei TEPCO-Managern
  • AKW-Angestellter bei Eiswallarbeiten erhöhter Strahlung ausgesetzt
  • TEPCO von Fortschritten bei Abwasserbekämpfung überzeugt
  • AKW-Betreiber will besseren Austausch mit Bürgern
  • Anklage wegen Absprachen bei Straßenwiederaufbau

Ausschuss prüft Umstände um TEPCO-Notfallrichtlinien: Kraftwerksbetreiber TEPCO will einen unabhängigen Untersuchungsausschuss ins Leben rufen, der ermitteln soll, weshalb die Kriterien des Notfallhandbuchs nicht eingehalten wurden.

Die Auswertung der Notfallrichtlinien, die Kriterien zur Definition einer Kernschmelze enthalten, hatte Fragen aufgeworfen, weshalb TEPCO erst zwei Monate nach den Ereignissen vom März 2011 die Kernschmelzen offiziell bestätigte – und somit gegen eigene Regeln verstieß.

Auch im offiziellen TEPCO-Untersuchungsbericht zur Krise am AKW Fukushima Daiichi, der 2012 veröffentlicht wurde, gibt es keinen Hinweis auf die Existenz des Handbuchs.

Der Vorwurf, man habe das Handbuch möglicherweise  unter Verschluss gehalten, um den Verstoß zu vertuschen, wird von Personen, die mit der Angelegenheit vertraut sind, jedoch zumindest teilweise in Zweifel gezogen.

Tsuneo Futami, Professor am Tokyoter Institut für Technologie, der zwischen 1997 und 2000 das Kernkraftwerk leitete, sieht mangelndes Sicherheitsbewusstsein bei den Beschäftigten als Ursache für die Versäumnisse an.

Der Eindruck, die Atomkraft sei so sicher, dass sich eine Kernschmelze niemals ereignen würde, habe vermutlich schlichtweg zum Vergessen der Existenz des Notfallhandbuchs geführt, so dass die Definitionen für eine Kernschmelze den meisten Angestellten nicht bekannt waren.

Ein weiterer Erklärungsansatz geht davon aus, dass die damalige Entscheidung der Regierung, einen Pressesprecher der früheren Atomaufsicht NISA seines Postens zu entheben, nachdem er den Begriff „Kernschmelze“ öffentlich nutzte, TEPCO eingeschüchtert habe.

Für diese Theorie spricht der Umstand, dass der Kraftwerksbetreiber nach dieser Pressekonferenz den Begriff ebenfalls vermied und auf Euphemismen und allgemein gehaltenen Begriffe wie „Schäden“ zur Beschreibung der Ereignisse zurückgriff.

Die Entdeckung der Notfallrichtlinien und die nun erwartete Untersuchung dürften weitere Neustartpläne des Unternehmens an anderen Kernkraftwerken zusätzliche Vorbehalte in den Weg legen. Das berichtete die Mainichi Shimbun.

 

Aktuelle Angaben zur Strahlungsbelastung der Fukushima-Arbeiter: Am heutigen Montag übermittelte der Kraftwerksbetreiber TEPCO die aktuellen Angaben zur Zahl der Beschäftigten an der Anlage, sowie zur Höhe der Strahlungsdosis, an das Ministerium für Gesundheit, Arbeit und Soziales für den Januar 2016.

Nach Angaben von TEPCO waren im Januar 2016 insgesamt 304 Arbeitskräfte für das Kernkraftwerk Fukushima Daiichi neu eingestellt worden. Die maximale Strahlungsbelastung der Angestellten lag bei 16,44 Millisievert.

Im Bezug auf die inkorporierte Strahlenbelastung wurden keine signifikanten Werte festgestellt. Der nächste Bericht, der sich mit den Strahlungsdaten, mit Stand von Februar 2016 befassen wird, soll gegen Ende März  eingereicht werden.

Erstmals Grundstücksentschädigung außerhalb der Evakuierungszone: Über das Vermittlungszentrum für außergerichtliche Einigung in Entschädigungsangelegenheiten (ADR) kam es am Wochenende zu einer überraschenden Einigung.

TEPCO erklärte sich zur Zahlung von 6.980.000 Yen an einen Haushalt in Minamisoma (Bezirk Haramachi) bereit.

Das Besondere daran ist, dass das Grundstück zwar an den Bereich angrenzt, in dem die Eigentümer, zur Entschädigung für die Evakuierung berechtigt sind, jedoch nicht darin liegt.

TEPCO hatte andere Haushalte bereits entschädigt, jedoch die Zahlung an die dort lebende Familie zunächst abgelehnt. Nach der Darlegung, dass auch ihre Evakuierung eine Folge der AKW-Krise sei und daher Entschädigungsanspruch bestehe, stimmte TEPCO jedoch zu.

Über diese ungewöhnliche Entscheidung berichteten Präfekturmedien.

Anklage von drei TEPCO-Managern: Die am Freitag angekündigte Klage gegen drei frühere Verantwortliche des Kraftwerksbetreibers wurde wie geplant heute offiziell erhoben

Ihnen wird der Tod von 44 Patienten, die aufgrund der AKW-Katastrophe evakuiert werden mussten, sowie die Verletzung von 13 Personen, darunter Mitglieder der Selbstverteidigungsstreitkräfte am Kernkraftwerk, zur Last gelegt.

Eine Inhaftierung der Angeklagten wird nicht erwartet und auch ein baldiger Prozessbeginn ist aufgrund der Menge beizubringender Beweise fraglich. Mit ersten Sitzungen wird frühestens Ende des Jahres gerechnet.

Über die Anklage berichteten praktisch alle japanische Medien, darunter Kyodo, Mainichi Shimbun, Asahi Shimbun, jiji und NHK, sowie Präfekturmedien.

AKW-Angestellter bei Eiswallarbeiten erhöhter Strahlung ausgesetzt: Ein Angestellter Mitte 30, der bei Arbeiten am so genannten „Eiswall“ mitwirkte, wurde offenbar einer Strahlungsbelastung über dem dortigen Grenzwert von 40 Millisievert pro Jahr ausgesetzt.

Demnach war der Betroffene zwischen April vergangenen Jahres und Mitte Februar diesen Jahres einer Belastung von 43, 20 Millisievert ausgesetzt. Gesundheitliche Folgen zeige der Mann jedoch nicht.

Über die Ergebnisse der Strahlungskontrolle berichteten Präfekturmedien.

TEPCO hatte nach der AKW-Katastrophe den zulässigen Jahresgrenzwert  zunächst von 100 auf 250 Millisievert erhöht, jedoch später wieder zurückgesetzt und  im Zuge der verbesserten Arbeitssituation für Bereiche mit geringer Gefährdung strengere Regeln erlassen.

TEPCO von Fortschritten bei Abwasserbekämpfung überzeugt: In einem Interview am gestrigen Sonntag sprach Naohiro Masuda, TEPCO-Verantwortlicher für die Dekontamination und Stilllegung des AKW Fukushima Daiichi, von den Fortschritten innerhalb der vergangenen fünf Jahre.

Insbesondere mit den Fortschritten bei der Bekämpfung radioaktiver Abwässer, sei dem Unternehmen ein Meilenstein gelungen. Dies sei auch der mutigen Entscheidung lokaler Fischer zu verdanken, die der Verklappung gefilterten Wassers zugestimmt hatten.

Doch man werde sich nicht auf den Lorbeeren ausruhen, sondern selbst nach vollständiger Bewältigung der Abwässer weiter an der Stilllegung der Reaktoren arbeiten. Über das Interview berichteten Kyodo und Präfekturmedien.

AKW-Betreiber will besseren Austausch mit Bürgern: TEPCO will ein Forum für den Dialog mit den Bürgern einrichten, um sich besser über die Arbeiten zur Stilllegung der Reaktoren am Kernkraftwerk Fukushima Daiichi austauschen zu können.

TEPCO-Zentrale in Tokyo (Foto: Yusuke Kawasaki cc-by)
TEPCO-Manager heute angeklagt (Symbolfoto: Yusuke Kawasaki cc-by)

Das Angebot soll ab April bestehen und nach Angaben des Unternehmens die Ängste vor den Maßnahmen auf den Kraftwerksgelände verringern. Mehr Transparenz könnte den Menschen bei dem Entschluss zur Rückkehr in ihre früheren Wohnorte helfen.

Man wolle dann die Gelegenheit nutzen, um auf Fragen der Bürger einzugehen und zugleich Informationen über den Fortschritt der Arbeiten zu liefern – beispielsweise über die geplante Bergung von abgebrannten Brennelementen aus dem Abklingbecken von Reaktor 3.

So hofft TEPCO innerhalb des Fiskaljahrs 2016 die notwendigen Geräte für die Arbeiten dort anbringen zu können. Anders als bei der erfolgreichen Räumung in Reaktor 4 muss dort aufgrund hoher Strahlungswerte ausschließlich ferngesteuerte Technologie zum Einsatz kommen.

Für das Fiskaljahr 2017 sind Bergungsarbeiten für abgebrannte Brennelemente aus dem Becken von Reaktor 3 vorgesehen, teilte das Unternehmen mit. Allerdings musste der Kraftwerksbetreiber auch Probleme einräumen.

So verlaufe die Filterung radioaktiv belasteter Abwässer langsamer als geplant. Dies sei jedoch nicht auf das Multinuklid-Filtersystem ALPS, sondern auf die zeitweise gestiegene Menge durch den Bau der Spundwand und Verzögerungen bei der Montage von Lagertanks zurückzuführen.

Wann ein Abschluss der Dekontamination der Abwässer zu rechnen sei, konnte der Verantwortliche Naohiro Masuda nicht sagen. Hierüber berichtete die jiji.

 Anklage wegen Absprachen bei Straßenwiederaufbau: Nach Ermittlungen gegen insgesamt 13 Unternehmen hat die Staatsanwaltschaft Tokyo nun gegen zehn Firmen eine Anklage wegen Preisabsprachen bei Ausschreibungen von Reparaturarbeiten erhoben.

Zerstörte Straße im Katastrophengebiet (Foto: DTRG e.V.)
Zerstörte Straße im Katastrophengebiet (Foto: DTRG e.V.)

Zudem wurden gegen 11 Beschäftigte der Unternehmen, zu denen auch Japans größte Straßenbaufirma Nippo gehört, ebenfalls Anklage erhoben.

Ihnen wird vorgeworfen, zwischen August und September 2011 bei der Vergabe von 12 Aufträgen für die Reparaturarbeiten nach den Tohoku-Katastrophen teilweise bereits einen Monat vor der offiziellen Ausschreibungen die „Gewinner“ festgelegt zu haben.

Insgesamt 11 der 12 Projekte wurden abgesprochen, doch im Fall der letzten Vergabe verlor das Unternehmen den Vertrag aufgrund von bürokratischen Mängeln.

Ungenannten Quellen zufolge haben die meisten der beklagten Firmen die Vorwürfe eingeräumt und die finanzielle Absicherung des Unternehmens als Motiv für die illegalen Absprachen genannt. Hierüber berichtete die NHK.

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