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Fukushima aktuell: Lecksuche in Reaktor 3 wirft Fragen auf

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Artikelbild - Fukushima-Reaktor 3: Blick in den MSIV-Raum am 23. April 2014 (Foto: TEPCO)
Fukushima-Reaktor 3: Blick in den MSIV-Raum am 23. April 2014 (Foto: TEPCO)

Mit der Ankündigung von Untersuchungen der Sicherheitsbehälter an zwei Reaktoren, versucht der Betreiber der Anlage in Fukushima, heute positive Meldungen präsentieren zu können. Jetzt veröffentlichte Untersuchungsergebnisse eines anderen Reaktors stellen dagegen mehr neue Fragen, als sie beantworten können.

Diese und weitere Fukushima News jetzt im Spreadnews Japan-Ticker vom 28. April 2014.

Unsere Themen zu Wochenbeginn:

  • Lecksuche in Reaktor 3 wirft Fragen auf
  • Genaue Untersuchung von Sicherheitsbehältern steht an
  • Strahlungsanstieg an Grundwassermessposten
  • Neue Zahlen zur Brennelementebergung von Reaktor 4
  • Daueraufenthalt und Übernachtung in Sperrzone zugelassen
  • Größtmögliche AKW-Sicherheit in Frage gestellt

Lecksuche in Reaktor 3 wirft Fragen auf: Im Januar 2014 hatte TEPCO ein Video veröffentlicht, auf dem zu sehen ist, wie vermutlich Reaktorkühlwasser in das Gebäude von Reaktor 3 austritt. Betroffen war der Raum, in dem sich die Frischdampfisolationsventile (MSIV) befinden und der in Nachbarschaft zum Sicherheitsbehälter liegt.

Fukushima-Reaktor 3: Aufnahme von Leitungen im MSIV-Raum am 23. April 2014 (Foto: TEPCO)
Fukushima-Reaktor 3: Aufnahme von Leitungen im MSIV-Raum am 23. April 2014 (Foto: TEPCO)

Es sei jedoch aufgrund der schweren Explosionsschäden und der hohen Strahlung nicht möglich, dort Roboter einzusetzen. Im März 2014 hatte TEPCO angekündigt, im Raum oberhalb des MSIV eine Öffnung in den Boden zu bohren, so dass man eine Kamera hinablassen könnte.

Allerdings dauerte es dann noch bis zum 23. April 2014, bis diese Untersuchung, durchgeführt und aus dem oberen Stockwerk eine Kamera, sowie Messinstrumente in den Raum hinabgelassen wurden. Die jetzt veröffentlichten Ergebnisse und Videoaufnahmen ergaben jedoch Unerwartetes.

Trotz einer Distanz von nur vier Metern zum Hauptsicherheitsbehälter, fanden sich keine Schäden an Leitungen, Leckstellen oder Wasseraustritte, die auf einen Austritt von Kühlwasser aus dem Reaktor in diesen Nebenraum hinweisen würden.

Die Messgeräte wiesen dagegen eine andere Besonderheit nach – mit zunehmender Nähe zum Boden des Raums, stiegen Temperatur und Strahlung. Betrug die Temperatur im Stockwerk über dem Raum lediglich 9 Grad Celsius, so lag sie im Raum bei 16 Grad.

Auch die Strahlung war mit 110 Millisievert pro Stunde im Raum deutlich höher, als im Stockwerk darüber, aus dem die Messgeräte herabgelassen worden waren. Der Grund für diese massiven Abweichungen konnte nach Angaben von TEPCO bislang nicht ermittelt werden.

Genaue Untersuchung von Sicherheitsbehältern steht an: Wie Kraftwerksbetreiber TEPCO am Samstag mitteilte, plant das Unternehmen eine Probe der Sicherheitsbehälter von drei Reaktoren, um mehr Erkenntnisse gewinnen zu können.

In der Tat hatten ältere Untersuchungen bereits gezeigt, dass der Plan, Sicherheitsbehälter mit Wasser zu fluten, um geschmolzene Brennelemente bergen zu können, offenbar durch Lecks behindert wird. Aufnahmen von Kameras, die Anfang April entstanden waren, zeigten Wasser innerhalb des Nebenraums des Sicherheitsbehälters.

Auch existieren Aufnahmen von einem Schaden am Sicherheitsbehälter von Reaktor 1.

Nun will TEPCO zunächst durch den Einsatz einer speziellen Endoskopkamera, von dort aktuelle Aufnahmen erhalten. Von besonderem Interesse sei dabei die Verbindung zwischen dem Sicherheitsbehälter und dem angrenzenden Raum, da man annimmt, dass Reaktorwasser dort in den Nebenraum gelangt sei.

Im weiteren Verlauf der Maßnahmen sollen an den Reaktoren 1 und 2 Roboter Bruchstellen ausmachen, an denen radioaktives Wasser austritt. In Reaktor 1 soll sich die Untersuchung auf den Boden des Sicherheitsbehälters konzentrieren. In Reaktor 2 ist die torusförmige Kondensationskammer von Interesse.

Der Beginn der Arbeiten ist frühestens Anfang Mai geplant. Das berichtet die NHK.

Die für die Zukunft geplante Bergung von Brennelementen aus den Reaktoren, wird allgemein als schwierig beurteilt, da davon auszugehen ist, dass ein Teil der Brennelemente zu einer lavaartigen Masse (Corium) zusammengeschmolzen ist, die nicht mit konventioneller Technologie entfernt werden kann.

Strahlungsanstieg an Grundwassermessposten: Kraftwerksbetreiber TEPCO veröffentlichte am Samstag die Ergebnisse von Wasserproben des Grundwasserkontrollpostens Nummer 3-3, die am Tag zuvor dort entnommen worden waren. Dabei wurden Betastrahler von 3.500 Becquerel pro Liter nachgewiesen.

Aufgrund der starken Trübung sei es nicht möglich gewesen, Messungen auf Gammanuklide nachzuweisen, oder einen Referenzwert der Gesamtkonzentration an Betastrahlung zu ermitteln.  An den übrigen Messposten habe es keine starken Veränderungen der zuvor gemessenen Werte gegeben.

Neue Zahlen zur Brennelementebergung von Reaktor 4: Zur Bergung von Brennelementen aus dem Abklingbecken von Reaktor 4 und dem Transfer in ein Gemeinschaftsbecken, aktualisierte TEPCO heute seine Angaben.

Demnach sind mit Stand vom heutigen Montag bislang 748 der 1.533 Brennelemente geborgen. Somit wurden 726 der 1331 abgebrannten und 22 der 202 ungenutzten Brennelemente erfolgreich transferiert. Hierfür waren 34 Transporteinsätze erforderlich.

Daueraufenthalt und Übernachtung in Sperrzone zugelassen: Seit Samstag dürfen die früheren Einwohner einer 20-Kilometer-Sperrzone um das Kernkraftwerk Fukushima Daiichi herum, auch in diesen Gebieten übernachten, da die Strahlung aufgrund der Dekontaminationsmaßnahmen ausreichend gesunken sei.

Straßensperre in der Präfektur Fukushima (Foto: Prof. Haruhiko Okumura cc-by)
Straßensperre in der Präfektur Fukushima (Foto: Prof. Haruhiko Okumura cc-by)

Die Bewohner können somit wieder dauerhaft in ihren Häusern leben. Eine offizielle Aufhebung der Evakuierungsaufforderung wird in etwa drei Monaten erwartet.

Ob die Aufhebung aber tatsächlich zu einem Rückstrom einstiger Einwohner führen wird, ist fraglich. Bislang haben nur 40 der insgesamt 276 Einwohner einen Antrag auf dauerhafte Rückkehr gestellt.

Sollte man aufgrund der Dekontaminationsarbeiten tatsächlich den Status der Evakuierungsanordnung aufheben, wäre Kawauchi bereits der zweite Ort innerhalb der Sperrzone, der offiziell freigegeben wird.

Zuvor war am 1. April in der Stadt Tamura der Evakuierungsbefehl für den Bezirk Miyakoji aufgehoben worden. Dort fand am Samstag erstmals seit der Katastrophe die traditionelle Kirschblütenschau (Hanami) statt.

Falls Kawauchi freigegeben werden sollte, verblieben noch neun Gemeinden aufgrund des dortigen hohen Strahlungsniveaus innerhalb der Regelung für die Sperrzone. Das berichtete die Kyodo.

Größtmögliche AKW-Sicherheit in Frage gestellt: Sowohl Politiker der eigenen Partei, als auch wissenschaftliche Experten ziehen die Behauptung der japanischen Regierung, man habe die „weltweit strengsten Standards“, zunehmend in Zweifel.

AKW Hamaoka (Foto: Yasunobu Hiraoka cc-by-nd)
Das AKW Hamaoka (Foto: Yasunobu Hiraoka cc-by-nd)

Bereits am vergangenen Mittwoch hatte Izumida, Gouverneut der Prtäfektur Niigata die Behauptung kritisiert und in einem Interview erklärt, selbst die neuen Sicherheitsvorgaben entsprächen nicht internationalen Standards und es bestünde nicht die Absicht dies zu ändern.

Da die Standards der Atomaufsicht NRA bereits davon ausgingen, das Zwischenfälle nicht verhinderbar sind, könne man Kraftwerksanlagen selbst nach erfolgreichem Abchluss der Sicherheitsuntersuchungen nicht als sicher für die Bevölkerung angesehen werden. Die lokalen Verwaltungen würden allein gelassen.

Nun sieht es so aus, als wäre Izumida nicht der einzige politische Skeptiker.

Ex-Premier Naoto Kan erklärte, trotz einer Anfrage, weshalb Japan angeblich über die strengsten Vorgaben verfüge, habe man keine Beweise vorlegen können – ein Umstand der sogar von Ex-Industrieminister Masayuki Naoshima, der sich für einen baldmöglichen Start von Reaktoren ausspricht, kritisiert wird.

Abseits einzelner Politiker sind jedoch  auch Aufsichtsbehörden und Experten kritisch.

Auch Toyoshi Fuketa von der Atomaufsicht NRA bestägtigt zwar, die neuen Bestimmungen seien strenger als die alten, dennoch möchte auch Fuketa nicht von den „weltweit strengsten“ Vorgaben sprechen, da dies nicht ohne weiteres zu bestätigen sei.

Masashi Goto, ehemaliger Kerntechniker der Toshiba Corporation erklärte, während etwa europäische Staaten an Sicherheitstechnologie wie dem „Core Catcher“ arbeiten, der bei einer Kernschmelze die zerschmolzene Masse kühlen soll und in doppelwandigen Sicherheitsbehältern arbeite, existierten derartige Schritte in Japan überhaupt nicht.

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