Start Aktuelles Fukushima aktuell: Regierung will zurückgehaltene Yoshida-Papiere veröffentlichen

Fukushima aktuell: Regierung will zurückgehaltene Yoshida-Papiere veröffentlichen

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Artikelbild - AKW Fukushima: Beschädigte Büroräume im Verwaltungsgebäude am 29. März 2011 (Foto: TEPCO)
Artikelbild - AKW Fukushima: Beschädigte Büroräume im Verwaltungsgebäude am 29. März 2011 (Foto: TEPCO)

Mit einer Ankündigung zu den Yoshida-Protokollen, neuen Fällen von Schilddrüsenkrebs und der Aufgabe eines Notfallhilfssystems, sind im Bezug auf das AKW Fukushima heute wieder zahlreiche Meldungen aus Japan aktuell verfügbar. Details der Fukushima News jetzt im Spreadnews Japan-Ticker vom 25. August 2014.

Unsere Themen zum Wochenbeginn:

  • Veröffentlichung zurückgehaltener Yoshida-Protokolle angekündigt
  • Aussagen aus den Yoshida-Protokollen
  • Zahl der Fälle von Schilddrüsenkrebs in Präfektur Fukushima gestiegen
  • Alarm von Leckdetektor in Turbinengebäude
  •  SPEEDI-Prognosesystem soll eingemottet werden
  • Grundwasserverklappung durchgeführt

Veröffentlichung zurückgehaltener Yoshida-Protokolle angekündigt: Am Samstag wurde gemeldet, dass die japanische Regierung von ihrem bisherigen Kurs des Schweigens abweichen und die Aussagen des verstorbenen Kraftwerksleiters Masao Yoshida freigeben könnte. Für Montag wurde eine Bekanntgabe durch Chefkabinettssekretär Yoshihide Suga angekündigt.

Unter Berufung auf Regierungskreise wurde somit bereits am Wochenende verbreitet, die Dokumente könnten vielleicht bereits ab September veröffentlicht werden. Von dem Bericht erhoffen sich Experten Aufschluss darüber, ob Yoshida tatsächlich seine Untergebenen anwies, auf ihren Posten zu bleiben.

Dieser erklärte, die bei der Befragung gemachten Aufzeichnungen würden Anfang September öffentlich gemacht. Nachdem Zeitungen, insbesondere die Asahi Shimbun, durch ungenannte Quellen an Material gelangt waren, erste Auszüge veröffentlicht hatten, wäre eine weitere Geheimhaltung nicht länger sinnvoll. Auch sei die Befürchtung von Yoshida, die Inhalte der Befragungen könnten fehlinterpretiert werden, nicht länger gegeben.

Vor dem Tod des Kraftwerksleiters im Juli 2013 hatte dieser verfügt, seine Aussagen dürften nicht öffentlich gemacht werden. Die Befragungen fanden zwischen Juli und November 2011 statt und umfassen mehr als 20 Stunden an Material, das auf 400 Seiten durch den Fukushima-Untersuchungsausschuss der Regierung erfasst wurde.

Vollumfänglich wird das Material jedoch nicht an die Öffentlichkeit gelangen. Passagen welche Privatsphäre, Datenschutz, oder nationale Sicherheit beträfen, würden nicht preisgegeben. Nach dem Plan der Regierung sollen die ersten Dokumente einige Befragungsprotokolle von Yoshida werden.Weiteres Material werde nach Prüfung und Genehmigung veröffentlicht.

Die erforderlichen Arbeiten sollen bis Jahresende abgeschlossen sein. Insbesondere die Erlaubnis der Familie Yoshida stehe noch aus. Im Rahmen der Fukushima-Untersuchungen waren mehr als 700 Personen befragt worden. Man werde nun auch diese Personen kontaktieren, um auch von ihnen eine Genehmigung zur Veröffentlichung zu erhalten.

Nachdem bereits zuvor wichtige Persönlichkeiten wie der damalige Premier Naoto Kan und der frühere Chefkabinettssekretär Yukio Edano ihr Einverständnis zur Veröffentlichung ihrer Befragungen signalisiert hatten, war der Druck auf die jetzige Regierung im Bezug auf die Yoshida-Papiere gestiegen. Erst vor kurzem war eine Klage zur Preisgabe der Yoshida-Dokumente eingereicht worden.

Viele Personen und Organisationen erhoffen sich durch die Papiere einen Aufschluss, über die Zustände während der Akutphase der Krise am Kernkraftwerk Fukushima Daiichi. Das Yoshidas Anordnung nicht zu evakuieren von AKW-Arbeitern nicht befolgt wurde, war durch Presseberichte zuvor bekannt geworden.

Dennoch blieben bislang letzte Fragen offen, deren Beantwortung nun durch das Yoshida-Material erfolgen könnte. Über die Bekanntgabe berichteten praktisch alle wichtigen Medien, darunter Kyodo, jiji, Mainichi Shimbun, Asahi Shimbun und NHK.

Aussagen aus den Yoshida-Protokollen: Nachdem Medienberichte bereits die Protokolle zitiert hatten, wurden vorab weitere Informationen veröffentlicht. So berichtet die NHK, von den Belastungen, denen Kraftwerksleiter Masao Yoshida ausgesetzt war.

Die Vielzahl an Informationen, die bei potentiellen Kernschmelzen an den Reaktoren 1, 2 und 3 gleichzeitig auf ihn eingestürzt seien und Entscheidungen erforderten, wären eine starke Belastung gewesen. Er legte nahe, die Befehlskette zu ändern, um künftige Überlastungen der Kraftwerksleitung zu verhindern.

In den Protokollen schildert er, dass die Regierung ihn bei der Schaffung von Sperrzonen um Rat gefragt habe, er jedoch entgegnet habe, dies sei ihm egal. Außerdem beklagte er die mangelnde Kompetenz im Notfallzentrum der Regierung. Sie hätten widersprüchliche Anordnungen erteilt, ohne die Situation auf der Anlage zu verstehen.

So habe man sich etwa entschieden, die Notkühlung durch Einspeisung in den Reaktor 1 abzubrechen, damit TEPCO die offizielle Erlaubnis zur Weiterführung beantragen könne. Yoshida hatte sich dieser Anordnung widersetzt, obwohl er wusste, dass Salzwasser den Reaktor unbrauchbar machen würde.

Er begründete sein eigenmächtiges Handeln, das ihm später sowohl Lob als auch massive Kritik einbringen würde, mit dem Umstand, dass nicht absehbar gewesen sei, ob unter den gegebenen Umständen eine Wiederaufnahme der Einspeisung nach einem Stopp überhaupt möglich gewesen wäre und er einer Reaktorkühlung oberste Priorität beimaß.

Aus den Protokollen geht hervor, dass Yoshida seinen Fehler sehr bedauerte, den Ausfall eines Kühlsystems an Reaktor 1 unmittelbar nach Ausbruch der Krise über Stunden nicht bemerkt zu haben. Diese Informationen veröffentlichte die NHK.

Zahl der Fälle von Schilddrüsenkrebs in Präfektur Fukushima gestiegen: In einer laufenden Gesundheitskontrolle von 300.000 Einwohnern der Präfektur Fukushima,  die zum Zeitpunkt der Katastrophe höchstens 18 Jahre alt waren, wurden neue Fälle von Schilddrüsenkrebs festgestellt. Die aktuellen Ergebnisse wurden am gestrigen Sonntag veröffentlicht.

Schilddrüse (Grafik: pd)
Präf. Fukushima: Neue Fälle von Schilddrüsenkrebs bei Kindern (Abb. symbolisch, pd)

Unter Einbeziehung der Verdachtsfälle, deren Zahl um 14 Personen stieg, ergibt sich eine Zahl von 104 Fällen (68 davon weiblich), in denen Schilddrüsenkrebs nachgewiesen, oder vermutet wird. Die tatsächliche Zahl von nachgewiesenem Schilddrüsenkrebs liegt somit bei 57. In einem Fall liegt ein gutartiger Tumor vor. Die Tumorgröße liegt zwischen 5 und 41 Millimetern, durchschnittlich beträgt sie 14 Millimeter.

Die für die Untersuchung verantwortliche medizinische Universität Fukushima betont jedoch, dass ein Zusammenhang mit der Strahlungsbelastung unwahrscheinlich ist. Gegen eine solche Vermutung spreche etwa, das es bei Kindern aus verschiedenen Gebieten, in denen unterschiedliche Strahlungsbelastung herrschte, kaum Abweichungen gebe.

Statistisch gesehen wurden zwar in der Region Aizu, in denen die Strahlungsbelastungen allgemein niedriger waren, durchschnittlich nur 27,7 Fälle pro 100.000 Einwohner nachgewiesen, während in den Gebieten Hamadori (inkl. der Stadt Iwaki) und Nakadori (inkl. der Städte Fukushima und Koriyama), in denen Gemeinden zur freiwilligen Evakuierungszone gehörten, zwischen 33,5 und 36,4 Fälle nachgewiesen wurden.

Man führt dies jedoch darauf zurück, dass die Untersuchungen in Aizu noch nicht abgeschlossen. sind und die Zahl der Fälle dort noch steigen könnte. Auch der Umstand, dass in der Nachbarpräfektur Miyagi nur 1,7 von 100.000 Personen Schilddrüsenkrebs hätten, sei nicht aussagekräftig, da in der Präfektur Fukushima mehr Personen getestet wurden, auch wenn diese keine Symptome aufwiesen und daher kein Vergleich möglich sei.

Auch der Umstand, dass bei sehr jungen Kindern bis zu fünf Jahren, bei denen stärkere Gesundheitsfolgen durch Strahlungsbelastung wahrscheinlicher gewesen wären, nur wenig Fälle von Schilddrüsenkrebs entdeckt wurden, spreche gegen die Theorie einer radioaktivitätsbezogenen Krebskausalität. Das berichten Mainichi Shimbun und Asahi Shimbun.

Alarm von Leckdetektor in Turbinengebäude: Am heutigen Montag löste ein Leckdetektor an Turbinengebäude von Reaktor 3 einen Alarm aus. Die Untersuchung vor Ort stellte jedoch lediglich eine starke Ansammlung von Kondenswasser auf der gesamten Wand, als auch am Boden fest. Da keinerlei Leck gefunden wurde, geht der Kraftwerksbetreiber von einem Fehlalarm aus.

Der Detektor wird nun auf mögliche Fehler untersucht, eine Absicherung des Bereichs ist jedoch durch einen anderen Detektor weiterhin gegeben. Auch an den Reaktordaten traten keinerlei Unregelmäßigkeiten auf.

 SPEEDI-Prognosesystem soll eingemottet werden: Leser der ersten Stunde erinnern sich vielleicht noch an das SPEEDI-System. Die Atomaufsichtsbehörde NRA will die Ausgaben für die Entwicklung dieses Systems, das im Katastrophenfall die Ausbreitung von radioaktivem Material berechnet, massiv kürzen und SPEEDI de facto aufgeben.

Das so genannte „System for Prediction of Environmental Emergency Dose Information“ (SPEEDI), fand bereits während der Fukushima-Krise Anwendung und soll die Behörden bei der Koordination von Evakuierungsrouten helfen. Tatsächlich wusste selbst der damalige Premierminister Naoto Kan zunächst nicht von der Existenz des Systems, so dass es fehlbeurteilt wurde.

Die SPEEDI-Daten wurden später als ungenau bezeichnet, doch der Verzicht auf diese hatte damals zu einer Fehlevakuierung durch Gebiete mit radioaktiver Belastung geführt – eine Nutzung von SPEEDI-Daten hätte die Strahlungsbelastung verringert, wie ein Untersuchungsausschuss später feststellte.

Nachdem allerdings einige Experten bereits Zweifel daran geäußert hatten, ob das existierende System tatsächlich in seiner Genauigkeit gesteigert werden könnte und die Daten bei der Überarbeitung der AKW-Katastrophenrichtlinien zu „Referenzmaterial“  herabgestuft worden waren, soll nun das Budget für das kommende Fiskaljahr um mehr als die Hälfte gekürzt werden.

Das eingesparte Geld soll nun in die konkrete Erfassung von Strahlungswerten fließen und nicht länger in die Prognose. Als Teil des neuen Konzepts in den überarbeiteten Richtlinien sollen Gemeinden in AKW-Nähe mehr Messposten erhalten, diese, abhängig vom Gelände, in 5-Kilometer-Abständen aufgestellt und deren Daten mit der Regierung und Ortsverwaltungen vernetzt werden, so dass künftig Evakuierungen anhand von Daten aus einem 30-Kilometer-Umkreis erfolgen sollen.

Dieser Plan werde realistische Entscheidungen begünstigen, da man nicht auf Prognosen angewiesen sei. Personen innerhalb eines 5-Kilomter-Umkreises müssten demnach sofort evakuieren, Einwohner zwischen 5 und 30 Kilometern entweder freiwillig evakuieren, oder in ihren Häusern bleiben. Bei dem geplanten Neusystem ist noch unklar, wie Bürger im Katastrophenfall informiert werden sollen. Über die Entscheidung berichtete die Asahi Shimbun.

Grundwasserverklappung durchgeführt: Am Sonntag führte TEPCO auf dem Gelände des AKW Fukushima Daiichi eine weitere Einleitung von sauberem Grundwasser in den Pazifik durch. Nach Angaben des Unternehmens wurden im Rahmen der Maßnahme von 10:00 Uhr bis 18:54 Uhr insgesamt 2.203 Tonnen Wasser verklappt.

Wie TEPCO meldet, habe es keine Zwischenfälle gegeben.

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