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Fukushima aktuell: Verantwortung und Fallstricke der Medien

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Artikelbild: Fukushima Pointing Man (Foto: TEPCO)
Fukushima-Jahrestag 2014: Fukushima, die Medien - und wir (Video: TEPCO)

Es ist der dritte Jahrestag der dreifachen Tohoku-Katastrophe und weltweit gedenken Menschen der Opfer. Doch für Betroffene und Hinterbliebene ist jeder Tag eine Erinnerung an das Geschehene, sehen sie sich mit der Aufgabe konfrontiert, trotz des Verlustes, ihr Leben meistern zu müssen. Für Außenstehende bleibt die Katastrophe unfassbar.

Drei Jahre nach Fukushima darf die Katastrophe nicht vergessen werden“ ist das inoffizielle Mediencredo der Fukushima-Berichterstattung 2014. Damit gibt man sich mahnender als in den Jahren davor, in denen mehrheitlich resümiert wurde, es werde „kaum noch berichtet“.

Tatsache ist, dass seit den Tohoku-Katastrophen vom 11. März 2011 berichtet wird. Allerdings mit unterschiedlicher Tendenz. Ereignisse mit dramatischen Auswirkungen sind bedeutend, und der Bürger hat ein berechtigtes Interesse daran, über deren Verlauf informiert zu werden.

Die Berichterstattung

Doch oft sind Berichterstattungen, wie jene über die Katastrophe von Fukushima ein zeitlich begrenzter Flächenbrand, dessen Brandherde nur dann erneut aufflammen, wenn eine dramatische Entwicklung, wie etwa ein Großleck, als berichtenswert erachtet wird.

Leicht kommen Beschuldigungen auf, Grund sei die „Atomlobby“, welche die Medien soweit manipuliere, dass beispielsweise die Berichte über illegale Abfallentsorgung in Fukushima gar nicht erst an die deutsche Öffentlichkeit dringen würden. Doch so einfach ist weder die Krise von Fukushima, noch die Umstände der Berichterstattung.

Verantwortlich dafür sind nicht alleine die Medien, die sich zumeist auf die Berichterstattung aktueller Geschehnisse konzentrieren, sondern auch der Bürger, dessen kurze Aufmerksamkeitsspanne kein langfristiges Bedürfnis nach Informationen zu einem Thema weckt. Wo keine Nachfrage, dort keine Berichterstattung.

Dies frustriert interessierte Bürger, so dass sie auf alternative Berichterstattungen zu den großen Medien zurückgreifen. Doch auch für diese Online-Angebote, bei denen eine Beeinflussung durch Lobbyisten offenbar für weniger wahrscheinlich gehalten wird, gilt die Frage von Seriosität und Verantwortung der Medien.

Die Kriterien von Auflage und Zuschauerzahlen machen sowohl für etablierte, als auch für alternative Nachrichtenanbieter erforderlich, die Aufmerksamkeit des Medienkonsumenten zu erregen, um ihn für die Inhalte der Berichterstattung zu interessieren. In diesem Punkt unterscheidet sich keines dieser Angebote.

Hier liegt jedoch auch die Verantwortung der Medien.

Wir erhalten immer wieder E-Mails von besorgten Menschen, die fragen, was denn nun an dieser oder jener Meldung dran ist – ob gar die eigene Gesundheit in Gefahr sei. Dies sind die Auswirkungen von Berichterstattung, die nicht Maß hält. Unverantwortliche Berichterstattung klärt nicht auf, sondern schürt Ängste.

Wo Fakten zu Wasserlecks übersteigert dargestellt, oder Bedrohungsszenarien konstruiert werden, muss sich der Herausgeber der Folgen seiner Handlungen bewusst sein. Dabei geht es mitnichten immer nur um Auflagensteigerung um jeden Preis.

Menschen in Japan, die von der Katastrophe betroffen sind, schildern ihre Erlebnisse und Eindrücke in Interviews, oder im Internet. Sie befassen sich nun mit Radioaktivität und Halbwertszeiten, ziehen mit ihrem Dosimeter los um Messungen durchzuführen und Schlüsse zu ziehen. Experten für Strahlungsschutz sind sie deshalb keineswegs.

Medienkritik und Experten

Nun hat auch nicht jeder Nachrichtenanbieter einen Redakteur, der zugleich Kerntechniker ist – Spreadnews nimmt sich hiervon nicht aus. Deshalb wird zumeist auf externe Experten zurückgegriffen, die eingeladen, oder deren Worte schriftlich zitiert werden.

Auch diese Möglichkeit, als qualitativ hochwertige Nachrichtenquelle zu erscheinen, wird  sowohl von den Mainstream-Medien, als auch alternativen Anbietern genutzt. Die Fähigkeit, Medien kritisch zu hinterfragen, ist jedoch gerade in solch autoritärer Berichterstattung wichtig. Welche Qualifikation weist der Experte tatsächlich auf ?

Die Bereitschaft des kritischen Bürgers, auch die Meinung eines Experten in Zweifel zu ziehen und dessen Kompetenz zu hinterfragen, ist eine der Voraussetzungen, will sich der Zuschauer oder Leser nicht einseitig manipulieren lassen – durch Mainstream-Medien ebenso wenig wie durch Verschwörungstheorien.

Wie leicht so etwas geschieht, zeigen zwei Fälle, die im Zusammenhang mit der Fukushima-Krise aufkamen: Eine bewusste Falschmeldung über eine Reaktorexplosion, sowie eine Fotomontage, die Mutation durch Radioaktivität suggerieren sollte. Auch dramatische Berichte über blutende Kiemen bei Fischen könnten auf Viren zurückzuführen sein.

Fukushima, Spreadnews und die Zukunft

Wir freuen uns, wenn Medien sich auf ihre Kernkompetenzen besinnen und nicht Schlagzeilen um jeden Preis machen wollen. Wir begrüßen kontroverse Berichte und alternative Ansichten, wünschten uns nur manchmal etwas mehr Verantwortungsbewusstsein.

Auch wir sind natürlich keineswegs ohne Fehl und Tadel – das zeigt die konstruktive Kritik, die wir per E-Mail von unseren Lesern erhalten und, wann immer es sinnvoll erscheint, auch in unsere Arbeit einfließen lassen.

Die Redaktion von Spreadnews wird weiterhin berichten – Ihr Feedback zeigt uns, dass unsere Art der Berichterstattung zum Thema Fukushima, die wir von Montag bis Freitag täglich leisten, als Ergänzung zur Berichterstattung geschätzt wird.

Im Hoffen darauf, dass der Aufbau der Region Tohoku vorankommen wird, die Kernkraftwerke Japans keinen weiteren Schaden verursachen werden und vor allem die Menschen in Japan die langfristigen Folgen der dreifachen Katastrophen bewältigen mögen, würden wir uns freuen, Sie weiter als Leser/in unserer Fukushima-Berichte zu wissen.

Die Spreadnews Redaktion

7 KOMMENTARE

  1. Guten Tag.

    Dankeschoen, dass sie schon drei Jahre schreiben.
    Ich lese oft日, auch wenn mein Deutsch語 schlecht ist.

    Gruss aus Matsushima in Japan

  2. Hey, Ihr seid großartig!
    Ich spreche nicht Japanisch und fände Englisch hierfür zu unkomfortabel.
    Authentische Medien zu finden und glaubwürdig zusammenzutragen, würde mich permanent überfordern.
    Ihr seid die ideale Informationsquelle, nahe an Fukushima mit geringstem Risiko der Verfälschung durch Hörensagen, anderer (auch renommierter großer) Medien.
    Solange wir noch mit Halbwertzeiten aus Fukushima leben müssen, dürft Ihr BITTE nicht aufhören, zu berichten! Die Welt braucht Spreadnews – zumindest die deutschsprachige.
    Sonnige Grüße!

  3. “Es ist der dritte Jahrestag der dreifachen Tohoku-Katastrophe und weltweit gedenken Menschen der Opfer. Doch für Betroffene und Hinterbliebene ist jeder Tag eine Erinnerung an das Geschehene, sehen sie sich mit der Aufgabe konfrontiert, trotz des Verlusts, ihr Leben meistern zu müssen. Für Außenstehende bleibt die Katastrophe unfassbar.“

    Ja, das war ein worst-case .
    ich möchte hiermit mein mitleid an alle angehörige, wie toten aussprechen…………….

    R.I.P

    PS an die Redaktion: NICE

    Weiter so…..

    • Da möchte ich mich sehr anschliessen. Es drückt genau das aus, wo ich auch an die Redaktion sagen möchte. Ich lebe zwischenzeitlich in Japan und bin mit einem Japaner verheiratet. Dies ist die beste Seite welche ich bis jetzt gefunden habe. Bitte macht weiter so. DANKE

  4. Vielen Dank für Ihre Berichterstattung zum Thema Fukushima. Ich komme aus der Pref. Miyagi und lebe in Deutschland. Finde es schön, dass hier berichtet wird. Bitte, schreiben Sie weiter.

  5. Auch ich danke der Redaktion sehr für die regelmäßige Information, die es sonst in dieser Form nicht gibt. Für unsere Familie sehr interessant, weil unsere jüngere Tochter im Juli für einige Zeit beruflich nach Yokohama und Tokyo geht. Ich suche für sie nach Möglichkeiten, dort eine strahlungsfreie Ernährung zu finden.
    Weiß da jemand etwas? Oder kann die Redaktion da recherchieren?
    Danke
    W.F.

    • Guten Abend Herr Fritsch,

      zunächst einmal vielen Dank für ihr Lob.

      Was die Ernährung betrifft, so hat Japan einen allgemeinen Lebensmittelgrenzwert von 100 Becquerel pro Kilogramm erlassen und legt damit strengere Maßstäbe an, als etwa die EU. Für bestimmte Lebensmittel wie Milch etc. gelten noch strengere Sonderwerte.

      Allerdings sind diese Grenzwerte nicht unumstritten.

      Insbesondere Atomkraftgegner argumentieren, dass die allgemeine Haltung „mehrere kleinere Strahlungsmengen unter 100 Bq/kg sind gesundheitlich unbedenklich“ nicht schlüssig sei, sondern die Belastung in Mahlzeiten, die aus mehreren Lebensmitteln bestehen, addiert werden müsste.

      Im Allgemeinen wird im Einzelhandel auf die Herkunft von Lebensmitteln wie Gemüse und Obst hingewiesen und auch Strahlungszertifikate vorgelegt, welche eine Unbedenklichkeit der Lebensmittel garantieren sollen.

      Folgt man dem Konzept der Addition, ist diese Maßnahme letztlich wenig hilfreich.

      Geht man jedoch davon aus, dass eine Einhaltung der Grenzwerte bei Lebensmitteln zumindest eine Einschränkung der Belastung auf sichere Werte erlaubt, macht die Berücksichtigung dieser Lebensmittelhinweise im Einzelhandel durchaus Sinn.

      Abhäng vom Händler kann es sogar den Service geben, unmittelbar vor Ort zumindest eine Dosimetermessung durchführen zu lassen – auch wenn diese nicht seher differenziert ist, da natürlich nicht auf alle radioaktiven Substanzen getestet wird.

      Eine „strahlungsarme“ Ernährung sollte in Japan also durchaus möglich sein.

      Eine allgemeine Ablehnung oder Empfehlung bestimmter Lebensmittel können wir nicht aussprechen, auch wenn beispielsweise seit der Tschernobyl-Katastrophe im Freien wachsende Pilze in der Öffentlichkeit teils sehr drastisch als „Risikofaktoren“ dargestellt werden.

      Bei einer Reise nach Japan bleibt dem ernsthaft besorgten Gast letztlich nur die Option auf Produkte aus der Präfektur Fukushima zu verzichten und den vorgelegten Messergebnissen zu glauben.

      Wir hoffen, Ihnen auch ohne konkrete Angaben einige Informationen gegeben zu haben, die bei der Entscheidungsfindung hilfreich sind.

      Mit freundlichen Grüßen

      Die Spreadnews-Redaktion

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