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Japan aktuell: Atomaufsicht erklärt Fukushima-Wasserlecks für unbedenklich

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AKW Fukushima: Leck an temporärem Grunwasser-Lagertank am 5. Juni 2013 (Foto: TEPCO)
AKW Fukushima: Anzahl der Lagertanks soll steigen (Symbolfoto: TEPCO)
AKW Fukushima: Leck an temporärem Grunwasser-Lagertank am 5. Juni 2013 (Foto: TEPCO)
Japans Atomaufsicht: Tanklecks mit radioaktivem Wasser keine Gefahr mehr (Foto: TEPCO)

Genau 30 Monate sind seit dem Tohoku-Großbeben, dem Ausbruch der Fukushima-Katastrophe und dem gleichzeitigen Beginn unserer Berichterstattung vergangen.

Doch obwohl die Krise am AKW Fukushima heute genau so wenig beendet ist, wie zum Zeitpunkt der Kernschmelze, gibt es nun eine überraschende Entwarnung.

Als gelte es, diese Behauptung Lügen zu strafen, folgte später eine Meldung über den Nachweis von radioaktiv belastetem Wasser.

Die weiteren Fukushima News befassen sich jedoch mit Katastrophenfolgen, die definitiv nicht bewältigt sind.

Das Schicksal von Überlebenden der Naturkatastrophen und Menschen, die während der Reaktorkrise flohen, ist vielfach immer noch ungewiss.

Alle aktuellen Meldungen jetzt im Spreadnews Japan-Ticker vom 11. September 2013.

Unsere heutigen Themen:

  • NRA-Führung erklärt Wasserlecks für unbedenklich
  • Sprunghafter Anstieg von Tritium im Grundwasser
  • NRA legt strengere Richtlinien für Nuklearanlagen vor
  • 290.000 Menschen immer noch Katastrophenflüchtlinge
  • Probleme beim Zeitplan der Fukushima-Dekontamination
  • Dammarbeiten in fast 60% der Fälle nicht begonnen
  • Meinung zur Rückkehr in Katastrophengebiete gespalten

NRA-Führung erklärt Wasserlecks für unbedenklich: Die Atomaufsichtsbehörde NRA hat die Lecks von radioaktiver Flüssigkeit aus den Wassertanks, die in den vergangenen Wochen für Aufsehen gesorgt hatten, für unbedenklich erklärt.

Auf einer Pressekonferenz mahnte der Vorsitzende der NRA, die Medien zur Ruhe und riet ihnen, die Situation sorgfältig zu beobachten. Die Wasserlecks selbst befänden sich nicht in einem Zustand der Anlass zur Besorgnis gebe.

Insbesondere die Kontamination von Grundwasser an der Anlage hatte zuletzt zu wieder erstarktem Medieninteresse geführt. Nun vertritt Tanaka offensichtlich einen ähnlichen Standpunkt wie Japans Premierminister Shinzo Abe.

Dieser hätte anlässlich der Bewerbungsveranstaltung um die Olympischen Sommerspiele 2020 erklärt, die Lecks wären „unter Kontrolle“. Hierüber berichtete die jiji.

Sprunghafter Anstieg von Tritium im Grundwasser: Wie Kraftwerksbetreiber TEPCO heute mitteilte, wurden in Grundwasserproben vom Dienstag 64.000 Becquerel Tritum pro Liter nachgewiesen und der Grenzwert für eine Einleitung ins Meer überschritten. Bei einer Probe vom Sonntag hatte der Wert noch 4.200 Becquerel betragen.

Der neuste Fund bedeutet somit einen Anstieg um das 15-Fache. Auf einer Pressekonferenz erklärte Vize-Präsident Zengo Aizawa, das Wasser könnte in den Erdboden um den Tank gelangt sein.

Dagegen seien nach Auskunft des Unternehmens die Höhe anderer Betastrahler an diesem Grundwassermessposten gesunken. Waren dort am Sonntag nach 3.200 Becquerel nachgewesen worden, so waren es gestern nur noch 2.000 Becquerel. Das berichtet die jiji.

NRA legt strengere Richtlinien für Nuklearanlagen vor: Am heutigen Mittwoch legte die Atomaufsichtsbehörde einen Entwurf verschärfter Richtlinien für nichtkommerzielle Nuklearanlagen vor. Die Regelungen sollen nach der Einholung von Meinungen über einen Zeitraum von 30 Tagen, am 18. Dezember in Kraft treten – die Frist hierzu beginnt morgen.

Zu den Einrichtungen, die von der Regelung betroffen sind, gehören neben Wiederaufbereitungsanlagen für Brennelemente, auch experimentelle Reaktoren, Lager für Brennstäbe, Fabriken in denen Brennstäbe gefertigt werden, sowie Lager für radioaktive Abfälle.

Dabei müssen Betriebe zur Herstellung und Wiederaufbereitung, wie etwa die im Bau befindliche Anlage in Rokkasho (Präf. Aomori) bestimmte Katastrophenschutzmaßnahmen gegen Unfälle, wie Anstiege der Kritikalität, oder Wasserstoffexplosionen treffen, die als Folge von Naturkatastrophen auftreten könnten, berichtet die jiji.

290.000 Menschen immer noch Katastrophenflüchtlinge: Selbst zweieinhalb Jahre nach dem Großbeben und dem verheerenden Tsunami, leben immer noch etwa 290.000 Menschen nicht wieder in ihren Häusern.

Erholung für die Kinder der Katastrophe am 19. Mai 2013 (Foto: Prof. Haruhiko Okumura, cc-by)
Erholung für die Kinder der Katastrophe am 19. Mai 2013 (Foto: Prof. Haruhiko Okumura, cc-by)

Verzögerungen und Schlamperei bei der Dekontamination werfen die Erfolge des Wiederaufbaus der Region ebenso wiederholt zurück, wie die immer wieder neuen Probleme am AKW Fukushima.

Auch wenn die Zahlen in der Präfektur Fukushima im Vergleich zu den ermittelten Angaben sechs Monaten zuvor um 25.000 Fälle gesunken sein sollen, so leben immer noch 289.611 Personen weiterhin als Evakuierte außerhalb ihrer einstigen Ortschaften. Insgesamt 52.277 frühere Einwohner der Präfektur Fukushima leben nun außerhalb, berichtet die jiji.

Auch in den beiden anderen Katastrophenpräfekturen Iwate und Miyagi, sieht die Situation für viele Evakuierte nicht viel besser aus, als im Zeitraum nach den Naturkatastrophen und den Kernschmelzen.

Nach Angaben der Asahi Shimbun leben in allen drei Präfekturen immer noch 103.600 Überlebende in Übergangshäusern.

Blick in ein Übergangshaus (Copyright by Andreas Teichert/DTRG e.V.)
Blick in ein Übergangshaus (Copyright by Andreas Teichert/DTRG e.V.)

Dort leben auch ältere und pflegebedürftige Menschen auf engem Raum und werden von ihren Angehörigen betreut.

Viele Bewohner sind durch das Erlebte immer noch traumatisiert und ihr teilweise ungewöhnliches Verhalten erleichtert das Zusammenleben nicht.

Doch in Ortschaften wie Ishinomaki, wo etwa 15.000 Katastrophenopfer leben, ist nicht einmal die geringe Freude über die eigenen vier Wände gegeben. Alleine dort warten noch immer etwa 80 Haushalte darauf, dass sie Übergangshäuser erhalten.

Todeszahlen: Aktuellen Zahlen der Nationalen Polizeibehörde zufolge, starben 15.883 Personen in 12 Präfekturen durch das Tohoku-Erdbeben, den Tsunami und die Nachbeben (Stand vom 10. September 2013).

Ob Personen, die Aufgrund von Erschöpfung und anderen Folgen der Evakuierung starben, bereits in dieser Zahl enthalten sind, ist uns nicht bekannt.

Allein in der Präfektur Fukushima gibt es bislang 1.539 Verstorbene, die als „Todesfälle mit Katastrophenbezug“ anerkannt sind. In 20 Präfekturen wurden 6.146 Personen verletzt.

Probleme beim Zeitplan der Fukushima-Dekontamination: Anlässlich des Datums wird erneut hervorgehoben, dass der Zeitplan für mehrere Standorte die dekontaminiert werden sollen nicht eingehalten werden kann. Obwohl die Arbeiten bereits zwischen der Regierung in Tokyo und den Präfekturverwaltungen aufgeteilt wurde, gibt es weiterhin Schwierigkeiten.

Fukushima: Dekontamination von Bäumen mit Hochdruckreinigern im Juni 2012 (Foto: TEPCO)
Fukushima: Dekontamination von Bäumen mit Hochdruckreinigern im Juni 2012 (Foto: TEPCO)

Die Regierung in Tokyo ist für die Dekontamination von 11 Gebieten innerhalb der Präfektur Fukushima bis Ende März 2014 verantwortlich. Bislang wurden lediglich die Arbeiten in der Stadt Tamura abgeschlossen. Das Umweltministerium räumte gestern ein, für sieben Gemeinden  könne der Zeitplan nicht eingehalten werden.

Bei den betroffenen Orten handelt es sich um Minamisoma, Iitate und Namie, sowie Kawamata, Katsurao, Futaba und Tomioka.

Als Ursache nannte die Behörde in Tokyo, mangelnde Lagermöglichkeiten für kontaminiertes Erdreich, sowie die Schwierigkeit, die Erlaubnis der Einwohner für die Arbeiten zu erhalten. Bis Ende des Jahres will man daher einen neuen Zeitplan aufstellen.

Im Fall der 100 örtlichen Verwaltungen, die innerhalb von acht Präfekturen für die Dekontamination verantwortlich sind, gibt es Nachholbedarf. Zwar wurden in den Präfekturen Chiba, Gunma, Iwate und Saitama die Arbeiten an schulischen Einrichtungen bereits im Juni vollständig abgeschlossen- doch nur 20 Prozent der 380.000 Wohnanlagen sind bislang dekontaminiert.

Über die Verzögerungen berichteten Mainichi Shimbun und NHK.

Dammarbeiten in fast 60% der Fälle nicht begonnen: Der gemeinsame Plan der Regierung und Ortsverwaltungen, entlang der Ostküste Dämme zu errichten, die eine Gesamtlänge von 410 Kilometern erreichen sollen, scheint praktisch stillzustehen.

Karte Japans (Grafik: pd)
Japan: Ostküste weiter ohne effektiven Tsunamischutz (Grafik: pd)

Ausgerechnet die Katastrophenpräfekturen Fukushima, Iwate und Miyagi haben praktisch kaum Erfolge vorzuweisen. Dort sind bislang nur vier Prozent der geplanten Dämme fertig, bei der Mehrheit von 67 Prozent wurden die Arbeiten nicht einmal begonnen.

An der gesamten Ostküste sind mit Stand vom August 2013 sind nur 99 der insgesamt 574 geplanten Dämme fertiggestellt, die übrigen 330 befinden sich immer noch in der Planungsphase. Das wiederum bedeutet, dass auf der Gesamtstrecke zwischen den Präfekturen Aomori und Chiba in 57 Prozent die Arbeiten nicht einmal begonnen wurden.

Ähnlich wie bei der Dekontamination und der Forderung nach Zwischenlagern für radioaktives Erdreich, sind es auch hier die Anwohner, die nach offizieller Darstellung die Arbeiten behindern. Da die geplanten Dämme fast durchweg höher sind, als die vorigen Anlagen, empfinden die Einwohner der Küstengegend sie als unansehnlich und fürchten um Arbeitsplätze an der Küste.

Meinung zur Rückkehr in Katastrophengebiete gespalten: Während eine Umfrage unter früheren Einwohnern der Präfektur Fukushima, die freiwillig evakuierten, eine steigende Bereitschaft zur Rückkehr zu zeigen scheint, gibt es zugleich erhebliche Differenzen zwischen Altersgruppen. Mit stand vom August sind etwa 146.000 Einwohner weiterhin Flüchtlinge.

Sugita-Grundschule in Nihonmatsu, Präf. Fukushima (Foto pd)
Rückkehrwille der Jugend schwindet (Abb. symbolisch)

Eine Umfrage der NHK in allen 59 Gemeinden der Präfektur Fukushima ermittelte insgesamt 49.000 Personen, die freiwillig evakuiert hatten und nun außerhalb der einstigen Wohnorte leben. Das sind 4.000 Personen weniger, als im Vorjahr.

In vielen Fällen handele es sich um Personen, deren Häuser zerstört worden waren und nicht nahe des AKW lebten. Bei einem großen Teil handele es sich um Mütter mit Kindern.

Die Rückkehr an den alten Wohnort erfolgte zum einen aufgrund von finanziellen Kosten,. als auch aufgrund des Gefühls gestiegener Sicherheit durch die Dekontamination und der sozialen Isolation, die durch die Flucht entstanden sei. In einigen Fällen evakuierten die Mütter aufgrund der Strahlungsangst erneut.

Insbesondere junge Menschen sind jedoch immer weniger bereit, in ihre Heimatorte zurückzukehren. Nach Angaben der jiji leben etwa 84.000 Personen aus Küstenortschaften nahe des AKW Fukushima Daiichi, aufgrund der dortigen Strahlungswerte weiterhin als Evakuierte. Die mangelnde Bereitschaft zur Rückkehr jüngerer Bürger, könnten viele Orte massiv überaltern lassen.

 

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