Start Aktuelles Japan aktuell: Behörden ignorierten wichtige US-Strahlungsdaten zur Fukushima-Krise

Japan aktuell: Behörden ignorierten wichtige US-Strahlungsdaten zur Fukushima-Krise

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Energieministerium der USA (Foto: pd)
Japan ignorierte Daten des US-Energieministeriums (Foto: pd)
Energieministerium der USA (Foto: pd)
Japan ignorierte Daten des US-Energieministeriums (Foto: pd)

Die Erlaubnis für den Neustart der zwei Reaktoren am AKW Oi, die wie absehbar am Samstag gegeben worden war, schafften es in die Internationale Presse. Im Zusammenhang mit der Krise am AKW Fukushima aktuell von stärkerem Interesse dürfte jedoch eine Meldung sein, die weitere Versäumnisse der japanischen Regierung während der Akutphase der  Fukushima-Krise aufdeckt.

Neben den Fukushima-News gibt es auch am heutigen Montag weitere Meldungen, wie etwa zu Demonstrationen gegen den Neustart. Mehr im Spreadnews Japan-Ticker vom 18. Juni 2012.

Unsere heutigen Themen:

  • Japans Behörden ignorierten wichtige US-Strahlungsinformationen
  • Proteste gegen Neustart des AKW Oi
  • Starkes Erdbeben erschüttert Nordosten Japans
  • Nahender Taifun und Toter nach erstem Unwetter
  • Giftgas-Sektenmitglied glaubt weiter an Endzeit-Lehre
    • Giftgas-Sektenmitglied wäre fast erneut entkommen
    • Takahashi war hochrangiges Mitglied der Giftgas-Sekte

Japans Behörden ignorierten wichtige US-Strahlungsinformationen: Die japanische Regierung musste in der Vergangenheit bereits einräumen, dass man die unmittelbar nach Beginn der Fukushima-Krise vom SPEEDI-System errechneten Daten zur Ausbreitung des radioaktiven Materials nicht genutzt hatte, obwohl eine Nachprüfung gezeigt hatte, dass sie realistisch und korrekt waren.

Japan-Karte: Präfektur-Fukushima radioaktiv (Foto: pd)
Japans Regierung leistete sich Evakuierungsmängel (Foto: pd)

Jetzt berichtet die Asahi Shimbun von einem weiteren Hinweis auf die Strahlungsausbreitung, der von Japans Regierung ignoriert worden war.  Die Energiebehörde der USA, das U.S. Departement of Energy, ermittelte anhand des „Aerial Monitoring System“ (AMS) mit einer Flugdauer vom 17. bis 19. März 2011  über der Präfektur Fukushima ausreichend Daten um eine, bis auf die Minute genaue Karte der Strahlungsmessung zu erstellen.

Auf der Karte ist deutlich zu sehen, wie sich eine Zone mit hoher Strahlung vom AKW Fukushima Daiichi ausgehend, weiter in nordöstliche Richtung ausbreitet – jene Gebiete in die Anwohner des AKW bei ihrer Flucht evakuiert wurden.

Diese Daten wurde der japanische Regierung durch die US-Botschaft in Tokyo zweimal, am 18. und 20. März,  per E-Mail übermittelt, jedoch nicht öffentlich bekannt gemacht. Das Außenministerium reichte die Daten unmittelbar an die Atomsicherheitsbehörde NISA und das Wissenschaftministerium der MEXT werde, da dieses für die Durchführung von Strahlungsmessungen verantwortlich ist.

Das Wissenschaftsministerium und die NISA verabsäumten es nicht nur, das Material publik zu machen, sondern übermittelten es außerdem weder an die Atomsicherheitskommission NSC noch an das Büro des Premierministers. Die US Energiebehörde veröffentlichte die Daten dann am 23. März.

Auch wenn seit dem 15 Monate vergangen sind, erklärte die PR-Abteilung der NISA auf Interviewanfragen der Asahi Shimbun, man prüfe noch, ob man die Daten erhalten habe. Es gibt nach Angaben der Zeitung jedoch genug Hinweise aus Regierungskreisen, dass die NISA das Material erhalten habe. Auch ein früheres hochrangiges Mitglied der NISA bestätigt, sich an den Aushang einer großen Karte zu erinnern.

Der stellvertretender Generaldirektor des Strategiebüros des Wissenschaftsministers, Itaru Watanabe erklärte auf Nachfrage, man habe die Information nicht für die Erstellung von Evakuierungsplänen genutzt, weil man nicht auf die Idee gekommen sei. Rückblickend räumt er ein, man hätte die Daten veröffentlichen sollen.

Auf die Frage, warum nicht nur das Premierministerbüro und die NSC, sondern sogar die höheren Stellen im Wissenschaftsministerium nicht über die Existenz der Karte informiert worden sein antwortete Watanabe, man habe zu diesem Zeitpunkt nicht gewusst, wie genau die Daten seien.

Proteste gegen Neustart des AKW Oi: Nachdem Japans Premierminister Yoshihiko Noda am Samstag die offizielle Erlaubnis zum Neustart von zwei Reaktoren gegeben hatte, kam es unter anderem in Japans Hauptstadt Tokyo zu Protesten von Atomkraftgegnern. Nach Angaben des Veranstalters nahmen etwa 400 Personen an der Demonstration vor dem Büro des Premierministers Teil, während dieser mit dem Gouverneur der Präfektur Fukui Issei, Nishikawa ein gemeinsames Einverständnis erzielte.

Neben der Demonstration mit großformatigen Bannern und Plakaten, auf denen die Rückgängigmachung der Entscheidung gefordert wurde, überreichten die Protestlern auch einem Angestellten des Kabinettsbüros ein Schreiben, in dem Premier Noda ebenfalls dazu aufgefordert wird, seine Entscheidung zu widerrufen. Hierüber berichteten die Nachrichtenagentur Kyodo und die Asahi Shimbun.

Bereits seit April finden dort regelmäßig Demonstrationen statt, doch am Freitag gab es eine Großdemonstration an der nach Meldung der Veranstalter 11.000 Personen teilnahmen. In den japanischen Medien wurden diese Zahlen jedoch nicht bestätigt und die Berichterstattung konzentrierte sich auf den Neustart der Reaktoren. Doch zumindest eine Protestkundgebung vom gestrigen Sonntag wird von der Asahi Shimbun und der Kyodo erwähnt. Diese fand in der Stadt Fukui (Präf. Fukui) statt. Hier nahmen etwa 2.200 Personen teil.

Schweres Erdbeben erschüttert Nordosten Japans: Ein Erdbeben mit einer durchschnittlichen Stärke von 6,1 erschütterte nach Angaben der japanischen Wetterbehörde am heutigen Montag gegen 5:30 Uhr (Ortszeit) große Teile des Nordosten Japans. Das Epizentrum befand sich vor der Pazifikküste der Präfektur Miyagi und lag nach Angaben der Behörde in einer Tiefe von etwa 40 Kilometern.

Von dem Erdbeben war auch die Präfektur Fukushima betroffen. Hier erreichte das Beben eine Stärke von 3 auf der siebenstufigen japanischen JMA-Skala. Probleme von den dortigen AKW wurden nicht gemeldet. Auch in Teilen der Präfekturen Iwate und Miyagi, sowie Aomori, Akita und Yamagata handelte es sich um ein Erdbeben der Stufe 3.

In anderen Teilen von Iwate und Miyagi, etwa in Ofunato, Rikuzentakata und Kamaishi (Präf. Iwate) sowie Ishinomaki, Kesennuma und Matsushima (Präf. Miyagi) wurden Erschütterungen der Stufe 4 gemessen. Hierüber berichtete die Nachrichtenagentur Kyodo.

Nahender Taifun und Toter nach erstem Unwetter: Nach dem am Samstag heftige Regenfälle im Süden und Western Japans bereits zu einer Warnung der Wetterbehörde vor Gewittern und starken Winden bis hin zu Tornados gewarnt hatte, wird für Mittwoch ein Taifu erwartet, der sich Richtung Tokyo bewegen soll.

Cool Biz: Lockere Kleidung als Energiesparmaßnahme in Tokyo am 6. Juni 2012 (Foto: KJ)
Lockere Kleidung statt Klimaanlage: Energiesparen in Tokyo am 6. Juni 2012 (Foto: KJ)

Bei den Unwettern am Samstag kam es auf Teilen der Hauptinseln Shikoku und Kyushu zu starken Niederschlagsmengen. So wurden etwa in Shimbara (Präf. Nagasaki) insgesamt 80,5 Milimeter pro Stunde gemessen.

Die extremen Wetterbedingungen führten bereits zu einem ersten Todesfall. In der Stadt Saeki (Präf. Oita) wurde die Leiche eines 69 Jahre alten Mannes im stark angeschwollenenen Fluß Kurusugawa entdeckt. Auch Teilstrecken des Schnellzugs Shinkansan wurden kurzzeitig gesperrt.

Der vierte Taifun dieser Saison wurde am heutigen Montagmorgen um 9:00 Uhr (Ortszeit) in der südlichen Präfektur Okinawa gesichtet und bewegt sich von dort mit etwa 25 Kilometern pro Stunde weiter nordwärts.

Für Dienstagnacht wird er für die Hauptinsel Shikoku im Südwesten Japans erwartet. Damit sei laut Wetterbehörde bereits am Dienstag vermutlich mit starken Winden im Südwesten, Westen und Zentraljapan zu rechnen.

Die informelle, lockere Kleidung, wie sie Angestellten im Rahmen der Energiesparkampagne „Supper Cool Biz“ verordnet wurde, um Klimaanlagen herunterschalten zu können,  dürfte somit zumindest auf dem Weg zur Arbeit erst einmal wegfallen.

Giftgas-Sektenmitglied glaubt weiter an Endzeit-Lehre: Der am vergangenen Samstag festgenommene Katsuya Takahashi, der als Anhänger der Omu Shinrikyo (meist fälschlich als „Aum-Sekte“ bezeichnet) im Zusammenhang mit dem Sarin-Gasanschlag auf die U-Bahn von Tokyo 1995 gesucht worden war, hängt offenbar weiterhin den Lehren des früheren Sektenführers Chizuo Matsumoto (Aliasname Shoko Asahara) an.

Während etwa das frühere Mitglied Makoto Hirata, der sich zu Neujahr den Behörden gestellt hatte, bei Verhören angab, nicht länger an die von der Sekte entworfenen Lehre mit Weltuntergangsszenarien zu glauben und auch ein Foto des ehemaligen Gurus weggeworfen habe, wurden bei Takahashi neben Büchern von Matsumoto/Asahara auch Fotos sichergestellt, die den Sektenführer zeigen, sowie eine Aufnahme auf dem der Gefasste gemeinsam mit dem Oberhaupt der Sekte zu sehen ist. Hierüber berichteten Yomiuri Shimbun, Asahi Shimbun, und die NHK.

Nach Angaben der NHK vom Sonntag, die sich dabei auf Ermittlerkreise beruft, habe Takahashi auch im Verhör zugegeben, weiter an seinen Guru zu glauben, der seit mehreren Jahren in der Todeszelle sitzt. Nun wird geprüft, ob Takahashi während seiner 17 Jahre dauernden Flucht noch Kontakt zur Sekte hat, die sich seit dem Jahr 2000 mittlerweile Aleph nennt.

Giftgas-Sektenmitglied wäre fast erneut entkommen: Mangelnder Aufmerksamkeit von Polizeibeamten ist es zuzuschreiben, dass Katsuya Takahashi möglicherweise erneut entkommen wäre. Nachdem zwei Fahnder in Zivilkleidung ein Manga-Café betreten hatten, baten sie den Manager um Einsicht in die Kundendaten, da man Hinweise darauf habe, dass sich der gesuchte Takahashi vor zwei Tagen dort aufgehalten habe. Daraufhin informierte sie ein Angestellter darüber, dass sich eine Person, die dem flüchtigen Sektenmitglied auffallend ähnlich sehe, bereits im Lokal aufhalte.

Katsuya Takahashi, Mitglied der Omu Shinrikyo (Foto: original by KJ)
Terrorist wäre fast erneut entkommen (Foto: original by KJ)

Die Zivilbeamten gingen zum Sitzplatz von Takahashi und kehrten dann zum Angestellten zurück, um ihm mitzuteilen, dass die Person keine Ähnlichkeit mit Takahashi habe. Dieser schien dagegen etwas zu ahnen, denn er stellte seine Bücher ins Regal zurück und machte sich daran das Lokal zu verlassen, obwohl er mit seinem Ticket noch eine halbe Stunde lang hätte bleiben dürfen.

Die Polizeibeamten standen neben ihm am Kassenbereich, doch Takahashi blieb ruhig und erklärte dem Angestellten er wolle nun gehen, bevor er noch rasch auf die Toilette ging. Erneut nutzte der Angestellte die Gelegenheit um die Beamten davon zu überzeugen, dass es sich um den Gesuchten handelte. Als Takahashi dann an ihnen vorbei ging um das Lokal zu verlassen, blickte ihm einer der Beamten hinterher und aufgrund der Rückansicht des Mannes kamen ihm Zweifel.

Sie folgten dem Mann nach draußen und gaben sich als Polizeibeamte zu erkennen, bevor sie ihn um Kooperation bei der Fahndung nach Katsuya Takahashi baten. Daraufhin gab Takahashi seine wahre Identität preis und begleitete die Polizisten ohne Widerstand zu leisten.

Wie der Angestellte später erklärte, hatte er etwa zehn Minuten bevor Takahashi das Lokal betrat mit einem Freund darüber gesprochen, dass das flüchtige Sektenmitglied  theoretisch auch dorthin kommen könnte. Nachdem Takahashi tatsächlich hereingekommen war, zahlte er die 500 Yen für eine dreistündige Nutzung.

Die Frage nach einer Mitgliedskarte verneinte er und wünschte einen so genannten „freien Sitzplatz“, an dem keine derartige Karte erforderlich ist. Dazu reichte er einen Rabattgutschein, der ihm zusätzlich 30 Minuten kostenlos sicherte. Dann habe er sich drei Stunden lang durch Zeitungen und Mangas gelesen.

Der Angestellte war aufgrund der Ähnlichkeit misstrauisch geworden und suchte daher nach Informationen im Internet. Die Tatsache das Takahashi 1,73m groß ist und eine Aufnahme der Überwachungskamera vom 4. Juni 2012 überzeugten ihn schleißlich von der Identität.

Takahashi war hochrangiges Mitglied der Giftgas-Sekte: Aufgrund der Tatsache, dass Katsuya Takahashi zum „Nachrichtendienst“ der Sekte und damit zum innersten Kreis gehört, erhoffen sich die Ermittler neue Informationen über Vorgänge innerhalb des Endzeit-Kults.

Nachdem er seine Arbeit im Jahr 1980 aufgegeben hatte wurde er Mitglied der Sekte und lebte ab 1987 auch in deren Räumlichkeiten. Ursprünglich gehörte er zu „SPS Special Security Unit“, einer Einheit deren Aufgabe es war, den Sektenführer Matsumoto zu schützen und wurde dann im Juni 1994 Teil des Geheimdienstes. Dabei war er enger Berater von dessen Leiter Yoshihiro Inoue (42), der seit seiner Verurteilung ebenso in der Todeszelle sitzt wie der Guru.

Schließlich wurde er in mindestens zwei Fällen auch Fahrer für die Sekte. So fuhr er Toru Toyoda, einen der Männer die am terroristischen Gasanschlag auf die Tokyoter U-Bahn beteiligt waren, zu einem der U-Bahnhöfe. Er habe nach eigener Aussage von Inoue vor dem Anschlag erfahren. Takahashi habe außerdem als Fahrer an der Entführung von Kiyoshi Kariya im Februar 1995 mitgewirkt und sei an den Anschlägen mit dem Nervengas VX beteiligt. Das berichtet die Yomiuri Shimbun am Samstag.