Japan aktuell: Oktoberfest 2016 in Tokyo

Japan aktuell: Oktoberfest 2016 in Tokyo

2052
0
TEILEN
Artikelbild - Tokyo: Oktoberfest 2016 im Hibiya-Park (Foto: Copyright by KJ)
Tokyo: Oktoberfest 2016 im Hibiya-Park (Foto: Copyright by KJ)

Japaner sind für viele ungewöhnliche Bräuche bekannt. Das bayerische Oktoberfest gleich in mehrfacher Ausführung zu importieren, mag eine davon sein.

Denn während in München das Oktoberfest gerade seine Halbzeit einläutet, ist der Spaß im Hibiya-Park inmitten der japanischen Hauptstadt Tokyo bereits vorbei.

Dort begann bereits am 9. September die bajuwarische Festivität  – und einer unserer Mitarbeiter war noch vor dem ersten Anstich um 16:00 Uhr für Spreadnews vor Ort, um dann auch in den folgenden Tagen immer wieder mal vorbeizuschauen.

Wie geht es also zu auf der die „Wiesn“ in Japan?

„O’zapft is!“ in Tokyo
Tracht statt Kimono: Angestellte beim Oktoberfest im Hibiya-Park (Foto: Copyright by KJ)
Tracht statt Kimono: Angestellte beim Oktoberfest im Hibiya-Park (Foto: Copyright by KJ)

Zunächst einmal ging es natürlich nicht ums gehen, sondern um das kommen.

Offenbar haben sich die Japaner nicht nur die Trinkkultur, sondern auch die deutsche Pünktlichkeit zu eigen gemacht – denn um 16:01 Uhr ertönte die erste Musik.

Tatsächlich dauerte es dann nicht lange und innerhalb kürzester Zeit war der Veranstaltungsort voller Besucher – was um so erstaunlicher ist, da es sich immerhin noch um einen Werktag handelte.

Ein Grund dafür mag jedoch weniger kulturell-kulinarisches Interesse, als vielmehr meteorologischer Art gewesen sein – denn der Wetterbericht für die nächste Woche zeigte eher trübe Aussichten, so dass die Besucher offenbar auf Nummer sicher gehen wollten.

Matsuri vs. japanische Wiesn

In Sachen „Gemütlichkeit“ haben deutsche Feste definitiv die Nase vorne. Während bei japanischen Volksfesten alles auf den Beinen ist, an Tänzen teilnimmt und man kaum einen Sitzplatz bekommt, war am ersten Tag des Hibiya-Oktoberfestes viel Platz.

Doch in den folgenden Tagen sollte sich das vor allem Abends ändern, denn nach Einbruch der Dunkelheit wurde es rappelvoll und schließlich musste man auch in Tokyo trotz der zahlreich vorhandenen Sitzgelegenheiten nach einem freien Plätzchen suchen.

Nachtszene beim Tokyoter Oktoberfest in Hibiya (Foto: Copyright by KJ)
Nachtszene beim Tokyoter Oktoberfest in Hibiya (Foto: Copyright by KJ)

Dennoch: Trotz aller Begeisterung für japanisches Lokalkolorit, geht der  Gemütlichkeits-Test zugunsten des Oktoberfestes aus.

Bier, Weib und Gesang

Auch wenn spätestens seit den 1970ern die Japaner mit dem kopieren westlicher Produkte weltweit erfolgreich wurden und so manche Erfindung perfektionierten – bei lieb gewonnenen Gebräuchen ist das Original einfach unschlagbar.

Tokyo: Wichtigster deutscher Kulturimport: Das Bier (Foto: Copyright by KJ)
Wichtigster deutscher Kulturimport: Das Bier (Foto: Copyright by KJ)

Allerdings gab man sich wirklich alle Mühe, jene Dinge zu präsentieren, die in den Augen vieler Japaner als „typisch deutsch“ gelten und bot dabei auch einiges auf,

So wurden die hemdsärmeligen Besucher von weiblichen Bediensteten bewirtet, die sich bei der Arbeit, passend zum Anlass, sogar teilweise im feschen Dirndl und davon inspirierten Kleidungsstücken präsentierten.

Arbeit gab es für die Bewirtung an den Imbissständen und Zapfhähnen jedenfalls genug, denn neben den deutschen Wurstspezialitäten war natürlich das kühle „biiru“ (Bier) die Hauptattraktion für die japanischen Gäste – Warsteiner, Krombacher, Pils, fast für jeden Geschmack was dabei.

Dazu gab es die nahezu sprichwörtliche Hilfsbereitschaft von Japanern gegenüber irritiert oder verloren wirkenden Touristen und dabei wurde dann wieder einmal der Unterschied zur „Servicewüste“ Deutschland deutlich.

Tokyo: Helfer auf dem Oktoberfest im Hibiya-Park am 9. September 2016 (Foto: Copyright by KJ)
Tokyo: Helfer auf dem Oktoberfest im Hibiya-Park (Foto: Copyright by KJ)

Doch für nachdenkliche Grübeleien blieb nicht viel Platz, denn musikalisch sorgten “ „AnTon & The Funny Guys“ für die passende Stimmung. Sie gaben einen Volksmusik-Mix zum besten, der ins Ohr ging – und für viele japanische Besucher sind deutsche Volksweisen nichts fremdes mehr.

Tokyo: Deutsche Musik auf dem Hibiya-Oktoberfest 2016 (Foto: Copyright by KJ)
Tokyo: Deutsche Musik auf dem Hibiya-Oktoberfest 2016 (Foto: Copyright by KJ)

So hat es das Lied von der Loreley auch nach Japan geschafft – wenn auch unter dem lautlich etwas angepassten Titel der „Rōrerai“ und mit japanischem Text. Doch zu diesem Anlass war das musikalische Werk natürlich weit weniger getragen und poetisch.

Dennoch war es überraschend, plötzlich den Dauer-Ohrwurm des Jahres 2004 – „Dragostea din tei“ zu hören. Wie Nachfragen ergaben, ist der Song ist in Japan als „koi no maiahi“ bekannt und ging auch den Gästen des Festes ordentlich in die Beine, so dass getanzt wurde.

Deutsche Feste ohne Deutsche?
Hibiya-Oktoberfest 2016: Auf Anonymität bedachter Besucher... (Foto: Copyright by KJ)
Hibiya-Oktoberfest 2016: Auf Anonymität bedachter Besucher… (Foto: Copyright by KJ)

Wenn dieser Veranstaltung, die als Exportschlager von vielen als „deutschestes“ aller Feste angesehen wird, etwas fehlte – dann waren es Deutsche!

Auch wenn Japan für seine homogene Gesellschaft bekannt ist, war es überraschend, dass 99,9 Prozent der Anwesenden Japaner waren.

Während sich auf ähnlichen Veranstaltungen in anderen Ländern die „Expats“ (Ausgewanderten) tummeln, gab es hier japanische Vorherrschaft.

Das Tat allerdings der Völkerverständigung keinen Abbruch, denn nach ein paar Glas Bier ist man sowieso gleich viel entspannter und lacht auch über Witze, deren Pointen manchmal lieber „lost in translation“ blieben.

Gegen die Stimmung gibt es definitiv nichts zu sagen, der bierseeligen Kommunikation in Form von „Where do you come from?“ und „mō ippon kudasai“ (Noch eins bitte), stand nichts im Wege.

Ein kühles Bier erfreut das Gemüt (Foto: Copyright by KJ)
Ein kühles Bier erfreut das Gemüt (Foto: Copyright by KJ)

Die Evolution leistet dabei offenbar erstaunliches. So haben die Japaner den Ruf, aufgrund genetischer Disposition weniger Alkohol zu Vertragen, als ein Europäer – dafür zeigten sich allerdings so manche Gäste überraschend trinkfest.

Es geht um die Wurst – und die Preise
Tokyo: Würstchen auf dem Oktoberfest im Hibiya-Park (Foto; Copyright by KJ)
Tokyo: Würstchen auf dem Oktoberfest im Hibiya-Park (Foto; Copyright by KJ)

Neben dem Bier durften natürlich die verschiedenen Wurstsorten nicht fehlen. Doch sowohl das Bedürfnis nach einem frischen Hopfentrunk, als auch die Lust auf eine zünftige „soseji“ (Wurst) konnte zu bösen Überraschungen führen.

Denn während das kühle Blonde in gewohnt deutscher Brautradition schmeckte und auch die Wurst nicht groß zu kritisieren war, zeigten sich die Preise nämlich typisch japanisch.

Wer auch immer sich über die diesjährigen Preise auf der Wiesn in München empört – dort kostet die Maß Bier zwischen 10,40 Euro und 10,70 Euro – sollte besser nicht nach Japan kommen, um deutschen Brauereierzeugnissen zu frönen.

Denn wer sich für den richtig großen Durst einen Zwei-Liter-Stiefel Bier gönnte, musste noch tiefer in die Tasche greifen – 5.000 Yen (ca. 44 Euro).

Drei nicht allzu große Würste gegessen – und mal eben sind weitere 2.500 Yen (ca. 22,- Euro) ausgegeben. Bei aller Heimatliebe ist das ganze ein teurer Spaß, insbesondere angesichts der nicht gerade großen Portionen.

Termine und Sonstiges

Das diesjährige Oktoberfest im Hibiya-Park endete zwar am 19. September – wer aber fernab der Heimat doch noch etwas Deutschtümelei benötigt, muss deshalb nicht verzweifeln.

 

So geht etwa das „German Fest“, das aus der Freundschaft zwischen Tokyo und Frankfurt erwuchs, und am Bahnhof Tokyo stattfindet, noch bis zum 10. Oktober. Auch hier sind Bier und Brezn garantiert.

In diesem Sinne ein „Prosit der Gemütlichkeit“ aus Tokyo!

KEINE KOMMENTARE

HINTERLASSEN SIE EINE ANTWORT