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Japan aktuell: Die vergangene Kirschblüte in Tokyo

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Artikelbild - Hanami im Shinjuku Koen (Foto: Copyright by KJ)
Hanami (Kirschblütenschau) im Shinjuku Koen (Foto: Copyright by KJ)

Die Kirschblütensaison in Tokyo ist praktisch vorbei, während sich andere Teile Japans weiterhin an den Blüten erfreuen. Anstatt unseren Lesern lediglich einen Sachartikel zu bieten, haben wir die Gelegenheit genutzt und einen in Tokyo lebenden Kontakt gebeten, seine Gedanken zur Kirschblüte niederzuschreiben.

Bei dem folgenden Text handelt es sich um eine Übersetzung, weshalb die Eindrücke sicher nicht in allen Nuancen erfasst werden. Dennoch wünschen wir viel Spaß beim Lesen.

Gedanken zur vergangenen Kirschblüte

Aus welchem Grund auch immer: Ich scheine mich jedes Jahr aufs Neue dabei zu erwischen, wie ich Kirschblüten im Frühling fotografieren – obwohl der prächtige Anblick der sakura genannten Kirschbäume jedes Jahr eigentlich doch derselbe ist.

Kirschblüte in Tokyo 2015 (Foto: Copyright by KJ)
Kirschblüte in Kunitachi 2015 (Foto: Copyright by KJ)

In diesem Jahr ging ich hinaus, sobald sie erschienen, um die  schönen Blütenblätter auf Film zu bannen – immer der steten Kurzlebigkeit bewusst, blühen sie jedoch gerade einmal eine Woche lang.

Jene, die Interesse an der „hanami“ genannten Kirschblütenschau haben, sollten diesem Beispiel folgen, denn die Blüten kommen nicht allein – starke Winde und Regenfälle begleiten sie und so dauert es nicht lange, bis die Blüten herabfallen.

Ich erinnere mich an einige Frühlinge, bei denen jüngst nachdem die Kirschen zu blühen begannen, ihre Zwillingsfeinde über sie herfielen und früher als erwartet, ein Blütenteppich den Boden bedeckte.

In solchen Momenten denkt man durchaus an das Bild vom jungen Krieger, der rasch wie die Kirschblüten im Kampf fällt – eine Vorstellung die vom faschistischen Japan für die Ideologie des heldenhaften Selbstmordangriffs übernommen wurde.

Kirschblüte im Großraum Tokyo: Fußgänger in Kunitachi (Foto: Copyright by KJ)
Kirschblüte im Großraum Tokyo: Fußgänger in Kunitachi (Foto: Copyright by KJ)

Einmal fand ich mich in Kunitachi wieder, eine Stadt, die etwa eine halbe Stunde Zugfahrt von Shinjuku, einem der Zentren des Großraums Tokyo entfernt liegt.

Jemand erklärte mir mal, der Name „Kunitachi“ kombiniere das „Tachi“ der weiter westlich gelegenen Ortschaft Tachikawa, mit dem „Koku“ von Kokubunji, der nächsten östlich gelegenen Stadt.

Ich weiß nicht, ob diese Aussage zur Namensherkunft der Wahrheit entspricht, doch sollte dies der Fall sein, mag sich mancher Leser nun wundern.

Weshalb heißt es dann nicht Kokutachi?

Die Lösung liegt in dem Umstand, dass die Kanji zwei Lesungen aufweisen und es sich bei „koku“ und „kuni“ um unterschiedliche Lesarten des gleichen Schriftzeichens () handelt.

Doch was hat es mit Kunitachi auf sich?

Heutzutage erweckt Kunitachi den Eindruck einer gehobenen Gegend, hat doch etwa die Hitotsubashi Universität mit berühmten Abgängern wie Tokyos kontroversem Ex-Bürgermeister Shintaro Ishihara hier seinen Sitz.

Kirschblüten-Straßenszene in Kunitachi (Foto: Copyright by KJ)
Kirschblüten-Straßenszene in Kunitachi (Foto: Copyright by KJ)

Denn einst war die Stadt für das malerische Bahnhofsgebäude bekannt – bis es vor einigen Jahren abgerissen wurde und man eine moderne Monstrosität an dessen Stelle wachsen ließ. Heutzutage ist es ein Übergangsbahnhof für tausende von Pendlern, die hier täglich verkehren – und dabei gezwungen sind, weitaus mehr Treppen zu den Gleisen zu nehmen als zuvor.

Vielleicht haben Sie schon einmal von den Konbini gehört – jenen 24-Stunden-Läden, in denen nicht nur alle Gegenstände des täglichen Bedarfs gekauft werden können, sondern die Freundlichkeit der Mitarbeiter zu einem Synonym für die Servicefreundlichkeit Japans wurde.

Wann immer ich eine Filiale einer der zahlreichen Ketten – wie Seven-Eleven, Family Mart oder Sunkus besuche und es sich dabei ergeben sollte, das eine Person vor mir in der Schlange steht, erschallt ein „Reiji onegaishimasu“ des Bediensteten an der Kasse – und umgehend besetzt ein weiterer Angestellter die zweite, zuvor ungenutzte Kasse, so dass man nicht fürchten muss, dass eben eingepackte Eis könne beim Anstehen schmelzen.

Ich kenne eine Ecke, die von den Einwohnern „konbini dori“ (24-Stundenladenstraße) genannt wird, da sich dort die Läden aneinanderreihen. Mit derartigem Wettbewerb der einzelnen Ketten, müssen sie auf der Hut sein. Doch bereits geringe Unterschiede im Angebot retten die Filialen.

Doch am Bahnhof Kunitachi gibt es mehr zu sehen.

Ich gebe zu, dass mir der alte Bahnhof lieber war – aber all die überschüssigen Gelder müssen ja schließlich für irgendetwas genutzt werden. Außerdem ist es die einzige Zugverbindung, wenn man nach Tokyo will. Alle anderen Verkehrsmittel wie Autos, Taxis, geschweige denn Privatwagen, stehen praktisch außerhalb jeder Diskussion. Also fügt man sich – und wartet auf den Zug.

Doch einen Vorteil muss ich dem modernen Bauwerk einräumen: Aufgrund der erhöhten Position hat man einen hervorragenden Blick auf die „daigaku dori“ (Universitätsstraße) und der Campus der Universität zu beiden Seiten, ist von Kirschblüten gepflastert.

Kunitachi: Kirschblüte entlang der Daigaku-dori (Foto: Copyright by KJ)
Großraum Tokyo: Kirschblüte in Kunitachi entlang der Daigaku-dori (Foto: Copyright by KJ)

So bietet der Blick durch die Scheiben des Bahnhofs ein sehenswertes Panorama.

Besuch des Shinjuku Gyoen

Doch Kunitachi ist nicht der einzige Ort, um sich am Anblick der Kirschblüten zu erfreuen – wer es klassischer mag, kann den Shinjuku Gyoen (Shinjuku Park) besuchen. In diesem Jahr war ich das erste Mal dort und kann nun sagen, die Eintrittsgebührt von 200 Yen ist die Location tatsächlich wert.

Tokyo Hanami: Shinjuku Gyoen (Foto: Copyright by KJ)
Tokyo Hanami: Grün und Kirschblüten im Shinjuku Gyoen (Foto: Copyright by KJ)

Ich war wirklich erstaunt, wie ein derart großer Park (bebaubare Fläche ist in Japan teuer und heiß begehrt) sich so unbemerkt im Hintergrund halten kann.

Zumindest in meinem Fall benötigte ich tatsächlich Hilfe um den Eingang zu finden. Nach der Entrichtung der Gebühr, konnte ich mich dort schließlich umsehen.

Obwohl ich mitten in der Woche dort war, zu einer Zeit, da die meisten Japaner arbeiten, war der Park gut besucht, auch von ausländischen Touristen wie ich feststellte.

Wer nun fürchtet, die erhoffte romantische Exotik könnte hierdurch verloren gehen, sei unbesorgt. Sie fügten sich absolut in die Japaner ein, indem sie ihre Decke  ausbreiteten und bei ihrem jeweiligen Lieblingsgetränk den Bäumen beim Blühen zusahen.

Tradition und Moderne beim Hanami: Kiki (li.) und Chia (re.) beim Knipsen (Foto: Copyright by KJ)
Tradition und Moderne beim Hanami: Kiki (li.) und Chia (re.) beim Knipsen (Foto: Copyright by KJ)

Beim Hanami trifft man auf unterschiedliche Gesellschaftsgruppen. Von der Belegschaft einer ganzen Unternehmensabteilung, die sich Hemdsärmelig zum Bier zusammenfinden,bis hin zu Familien mit Eltern und Kindern verschiedenen Alters.

Das diese Tradition nicht nur etwas für ältere Menschen ist, sondern das Hanami auch künftige Generationen anzeigen wird, zeigt das nebeneinander von Jugendlichen und Senioren auf ihrem Weg durch den Park, oder den Plätzen auf ihren Decken.

Ich muss allerdings zugeben, dass mir die Betrachtungen vergleichsweise schnell langweilig wurde – zu meiner Verteidigung und zur Beruhigung ambitionierter Leser sei jedoch gesagt, dass ich auch an den „Onsen“ genannten Heißquellen lange verbleiben kann – mag der Blick auch noch so malerisch sein.

Ich bin jedoch auf diese Reaktion eingestellt und so führe ich stets meine Kamera mit mir, um mich beschäftigt und bei Laune zu halten.

An Stelle eines Fazits

Hanami in Tokyo: Herr Tama (Foto: Copyright by KJ)
Hanami in Tokyo: Herr Tama (Foto: Copyright by KJ)

Nun, ich denke, für jene Menschen in Tokyo die sich hierfür begeistern, war es eine durchaus zufriedenstellende Kirschblütensaison.

Ja, natürlich kamen Wind und Regen im Gepäck der Blüten, doch die Blüten, die zum Symbol des raschen Vergehens wurden, blieben zumeist an ihren Ästen und strahlten ihre Schönheit länger aus, als mancher hier erhofft gewagt hatte.

Wenn man die Fotos in diesem Artikel sieht, mag man es kaum glauben – doch weniger als eine Woche später waren die Blüten vergangen, die Bäume wirkten einsam und Schnee fiel in Tokyo.

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