Start Aktuelles Japan aktuell: Differenzen über freigesetzte Strahlung und tote Fukushima-Arbeiter

Japan aktuell: Differenzen über freigesetzte Strahlung und tote Fukushima-Arbeiter

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Atomsymbol
Präfektur Fukushima: Radioaktives Kobalt im Boden nachgewiesen (Symbolbild: pd)
Atomsybol
Fukushima-Arbeiter und Strahlungsdosis als Teil von Studien (Foto: pd)

Alles halb so wild, oder doch eher doppelt so schlimm? Mit dieser Frage lässt sich der Inhalt heutiger Meldungen zusammenfassen.

Tatsächlich scheint sogar ein schweres Erdbeben fast zurückzustehen, wenn man die unterschiedlichen Einschätzungen und Berichte von Regierungsstellen und Betreiberseite liesst, die sich mit Erkenntnissen zu Fukushima aktuell neu befassen.

Ob Schwarzmalerei, Kompensation für mangelnde Kooperation oder doch Schönfärberei – die heutigen Fukushima News bieten sicher Stoff für Diskussionen. Dennoch gibt es neben den Fukushima News auch weitere Neuigkeiten und diese wie üblich im Spreadnews Japan-Ticker vom 24. Mai 2012.

Unsere heutigen Themen:

  • Schweres Erdbeben erschüttert Präfektur Aomori
  • UN-Ausschuss: Keiner der Untersuchten Fukushima-Arbeiter starb an Strahlung
  • WHO sieht Maximalbelastung der Bevölkerung nach Fukushima-Katastrophe bei 50 Millisievert
  • TEPCO schätzt freigesetzte Radioaktivität höher ein als die Atomkontrollen
  • Vermutlich über 400 Polizeibeamte von PTBS betroffen
  • NHK-Vorsitzender will wegen TEPCO-Job zurücktreten

Schweres Erdbeben erschüttert Präfektur Aomori: Wie die Nachrichtenagentur Kyodo und die NHK melden, ereignete sich am heutigen Donnerstag in der Präfektur Aomori ein Erdbeben der Stärke 6,0. Nach Angaben der japanischen Wetterbehörde habe es sich gegen Mitternacht ereignet.

Das Epizentrum habe sich vor der Pazifikküste befunden und in einer Tiefe von 50 Kilometern gelegen. Eine Tsunami-Warnung wurde nicht ausgegeben. Die Erschütterungen waren neben Japans größter Hauptinsel Honshu auch auf der nördlichsten Hauptinsel Hokkaido, sowie in weiteren Gebieten zu spüren.

Auch wenn das Erdbeben den Nordosten des Landes erschütterte, so meldet keiner der Betreiber irgendwelche Auffälligkeit an den Kernkraftwerken und Atomanlagen in dem Gebiet. Weder an der Wiederaufarbeitungsanlage Rokkasho in der Präfektur Aomori, noch an den AKW Fukushima Daiichi und Fukushima Daini sei es zu Störungen gekommen.

Von der Polizei hiess es zunächst, bislang gebe es keine Berichte über Schäden. Allerdings warnte die Wetterbehörde – weitere Nachbeben wären wahrscheinlich.

Atomschädel
Sechs Fukushima-Arbeiter starben nicht an Strahlung

UN-Ausschuss: Keiner der untersuchten  Fukushima-Arbeiter starb an Strahlung: Ein UN-Kommittee kommt in einem gestern veröffentlichten vorläufigen Prüfungsbericht zu dem Schluss, dass der Tod von sechs Arbeitern, die während der Fukushima-Krise am Atomkraftwerk tätig gewesen waren, in keinem Zusammenhang zur Strahlungsdosis stehen, der sie dabei ausgesetzt waren.

Einem vom UN Wissenschaftskomitee über den Effekt radioaktiver Kernstrahlung zusammengestellten Bericht zufolge gehe man anhand der bislang verfügbaren Informationen von Herz-Kreislauf-Erkrankungen als Todesursache aus. Zwar starb einer der Arbeiter an akuter Leukemie, jedoch gebe es in diesem Fall keinen Zusammenhang mit der Strahlungsdosis, da der Zeitraum zwischen dem Beginn der Tätigkeit am AKW und dem Todeszeitpunkt zu kurz sei. Das meldet die Nachrichtenagentur jiji.

Das Komitee führt eine Studie zur Einschätzung von Strahlungsdosis und den damit verbundenen Auswirkungen auf Gesundheit und Umwelt durch.

WHO sieht Maximalbelastung der Bevölkerung nach Fukushima-Katastrophe bei 50 Millisievert: Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) erklärt in einem aktuellen Bericht, die maximale Ganzkörperbelastung an Strahlung, die ein durchschnittlicher Japaner während der ersten vier Monate nach dem Fukushima-Unglück aufgenommen habe, belaufe sich auf 50 Millisievert. Die WHO veröffentlichte in einem ersten internationalen Versuch die weltweite Strahlungswerte durch das Unglück zu bestimmen, jetzt Schätzungen, bei denen alle wichtigen Möglichkeiten einer Strahlungseinwirkung berücksichtigt wurden.

Die effektive Dosis der Einwohner an zwei Orten in der Präfektur Fukushima, die relativ schwer belastet sind, liegt schätzungsweise zwischen 10 bis 50 Millisievert, unter der Annahme, dass sie seit dem Beginn der Krise dort weitere vier Monate verbracht hatten. Bei den beiden Orten handelt es sich um Teile der Orte Namie und Iitate, die außerhalb des Sperrgebiets liegen. In anderen Teil der Präfektur Fukushima liegt die effektive Jahresdosis geschätzt zwischen einem bis zehn Millisievert. Für angrenzende Präfekturen wie beispielsweise die Nachbarpräfektur Miyagi betrage diese voraussichtlich 0,1 bis 10 Millisievert. Das berichtet die Nachrichtenagentur jiji.

TEPCO schätzt freigesetzte Radioaktivität höher ein als die Atomkontrollen: Sowohl ein Artikel der Yomiuri Shimbun als auch eine Nachrichtenmeldung der NHK berichten, dass der Betreiber des havarierten Atomkraftwerks Fukushima Daiichi, der Elektrizitätskonzern TEPCO, den Umfang der freigesetzten Radioaktivität höher einschätzt, als die japanischen Behörden zur Atomkontrolle. Dabei weichen auch beide Berichte in der Höhe der Strahlung voneinander ab.

Atomkraftwerk-Symbol (Grafik: Hendrik Tammen cc-by)
Unterschiedliche Berichterstattung über unterschiedliche Ergebnisse (Grafik: Hendrik Tammen cc-by)

Die Yomiuri Shimbun berichtet in einem Artikel vom gestrigen Mittwoch, der Kraftwerksbetreiber habe die Gesamtmenge der radioaktiven Substanzen, die bei der Nuklearkatastrophe freigesetzt worden war, auf 760.000 Terabecquerel geschätzt, das 1,6 mal höher sei, als die Schätzungen der Atomsicherheitsbehörde NISA vom Februar 2012. Die eigene Schätzung will TEPCO auch in den Endbericht des eigenen Untersuchungskomitees einbringen.

Die NISA hatte im Juni 2011 einen Wert von 770.000 Terabecquerel angenommen und eine weitere Einschätzung vonn 480.000 Becquerel im Februar 2012. Eine zweite Kontrollinstanz, die Atomsicherheitskommision (NSC) des Kabinettsbüros war in ihren letzten Schätzungen vom August vergangenen Jahres auf 570.000 Becquerel gelangt.

Der Zeitung zufolge gibt es zwei Möglichkeiten zur Einschätzung der freigesetzten radioaktiven Substanzen. Zum einen könne man Berechnungen, basierend auf dem Umfang der Schäden am Reaktorkern durchführen. Die zweite Möglichkeit besteht in der Umrechnung der Dichte radioaktiver Belastung wie sie in Atmosphäre und Seewasser festgestellt wurde. Aufgrund der unterschiedlichen Methoden kann es auch zu unterschiedlichen Einschätzungen kommen.

TEPCO habe beide Methoden kombiniert und die Berechnungen unter verschiedenen Bedingungen wiederholt. Schließlich sei man zu einer Gesamtschätzung von  400.000 Terabecquerel an radioaktivem Jod-131 und 360.000 Terabecquerels an Cäsium-137 gelangt.

Die Yomiuri bietet dabei folgende Zahlen zum Vergleich: Ein Terabecquerel entspricht einer Trillion Becquerel. Beim Kernkraftunglück von Tschernobyl im Jahr 1986 waren 5,2 Millionen Terabecquerel freigesetzt worden.

Die NHK meldet in einem heutigen Bericht dagegen, TEPCO schätze die Menge des ausgetretenen radioaktiven Materials auf 900.000 Terabecquerel. Das Unternehmen analysierte für ihre Schätzungen die beschädigten Reaktoren in denen sich die Kernschmelzen ereignet hatten, die Strahlungswerte im Gebiet um das Kraftwerk herum und das radioaktive Material aus Bodenproben. Die genauen Schätzungen soll TEPCO im Laufe des Tages veröffentlichen, heisst es.

Nach Angaben der NHK sei der Elektrizitätskonzern bei den Berechnungen zu dem Schluss gekommen, insgesamt seien 900.000 Terabecquerel an radioaktivem Jod-131 sowie Cäsium-137 freigesetzt woren. Diese Schätzung liege demnach 50 bis 80 Prozent höher, als die unabhängig voneinander erfolgten Einschätzungen von NSC und NISA, betrage jedoch weniger als 20 Prozent des freigesetzten Materials des Tschernobyl-Unglücks.

Vermutlich über 400 Polizeibeamte von PTBS betroffen: Die Ergebnisse einer, von der nationalen Polizeibehörde im Januar und Februar 2012 anhand eines Fragebogens mit 32 Punkten durchgeführten Befragung von 9.847 Beamten und Angestellten der Präfekturpolizei in den Präfekturen Fukushima, Iwate und Miyagi hat ergeben, dass insgesamt 4,1 Prozent  ein hohes Risiko haben, an einer so genannten Posttraumatischen Belastungsstörungs (PTBS/PTSD) zu leiden. Die Fragen bezogen sich auf Folgen wie Schlafprobleme und konnten mit den drei Optionen „Ja“, „Nein“ und „Gelegentlich“ beantwortet werden.

Auch wenn in keinem der 408 Risikofälle bislang tatsächlich eine derartige Störung diagnostiziert wurde, so sei eine  langfristige Kontrolle notwendig, da Symptome der PTBS auch in zeitlichem Abstand zum traumatischen Ereignis auftreten können. Von den Betroffenen waren 145 in Fukushima, 199 in Miyagi und 64 in Iwate tätig.

Bei einer ähnlichen Befragung von 7.750 Polizeibeamten zwischen April und Mai vergangenen Jahres und damit in näherem Zeitraum nach dem Tohoku-Erdbeben von März 2011 war bei 7,6 Prozent der Befragten, was 587 Personen entspricht, das Risiko einer PTSD festgestellt worden.

Die jüngsten Untersuchungen zeigen somit einen leichten Rückgang. Dies wird von den Behörden auf die verstrichene Zeit und die Betreuung durch Psychotherapeuten zurückgeführt. Hierüber berichteten die Mainichi Shimbun und die Yomiuri Shimbun.

NHK-Vorsitzender will wegen TEPCO-Job zurücktreten: Über das Angebot an Fumio Sudo, Vorsitzenden des Board of Governors bei Japans größter Rundfunkanstalt NHK, eine Position beim Elektrizitätskonzern TEPCO zu übernehmen wurde diskutiert, befürchteten doch viele eine Beeinflussung der Berichterstattung der NHK über TEPCO-relevante Themen, wie etwa die Krise am AKW Fukushima Daiichi. Zuletzt hatte Sudo erklärt, er erwäge die Aufgabe seines Postens bei der NHK (Spreadnews berichtete zuletzt am gestrigen Mittwoch).

Auf einer Pressekonferenz am heutigen Donnerstag teilte Fumio Sudo mit, er werde von seinem Posten bei der NHK zurücktreten um die  Gefühle die von der Öffentlichkeit und anderen Mitarbeitern der NHK seinen Plänen entgegen gebracht würden, zu respektieren. Er selbst betrachte die gegenwärtige Situation als nationale Krise, die durch eine Einstellung des Betriebs bei TEPCO noch ernster werden würde.

Masayuki Matsumoto, Präsident der NHK gab eine Erklärung heraus. In seinem Statement erklärt Matsumoto, die NHK werde weiterhin den Richtlinien des Rundfunkgesetztes entsprechen und den Erwartungen und dem Vertrauen seiner Zuschauer entsprechen. Das berichtet die NHK.

1 KOMMENTAR

  1. Der Müll aus Japan wird zum Verbrennen im ganzen Land verteilt. Jetzt haben sogar schon Gemeinden im Süden Japans zugestimmt, radioaktiven Müll zum Verbrennen zu übernehmen. Besorgte Anwohner organisierten Sitzstreiks, die von der Polizei brutal aufgelöst wurden. Vorherrschende Stimmung im Land: Man ist nirgendwo mehr sicher. Bitte könnten Sie darüber auch einmal berichten, wie Japan zu einem bizarren Polizeistaat wird. DANKE!

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