Start Aktuelles Japan aktuell: Erste Orte im früheren Sperrgebiet des AKW Fukushima freigegeben

Japan aktuell: Erste Orte im früheren Sperrgebiet des AKW Fukushima freigegeben

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Sperrgebiet zum J-Village (Foto: youngfield cc-by)
Hier geht es nicht weiter Sperrgebiet zum J-Village (Foto: youngfield cc-by)
Sperrgebiet zum J-Village (Foto: youngfield cc-by)
Hier geht es nach wie vor nicht weiter Sperrgebiet zum J-Village (Foto: youngfield cc-by)

Das Wochende und der heutige Montag brachten sowohl für den AKW-Betreiber TEPCO, als auch für die Präfektur Fukushima aktuell einige Änderungen mit sich. Doch während ein jetzt erstelltes Szenario über ein mögliches Großbeben vorerst noch reine Theorie bleibt, gibt es Konkretes zu überschrittenen Grenzwerten, Kontamination und bestechungsähnlichen Zuständen und damit mehr als nur Fukushima News, heute im Spreadnews Japan-Ticker vom 02. April 2012.

Unsere Themen zu Wochenbeginn:

  • Nur drei von elf früheren Sperrgebiet-Orten mit neuen Evakuierungszonen
  •  Klagen gegen TEPCO wegen Neustarts eingereicht
  • Seit Jahresbeginn bereits Überschreitungen der neuen Grenzwerte
  • Atomindustrie spendete auch nach Fukushima-Unglück an Behörde
  • Fukushima-Arbeiter bei Zwischenfall nicht belastet
  • Japans Walfänger kehren mit Einbußen zurück
  • Tenno benötigt weiterhin Ruhe
  • Erdbeben der Stärke 5,9 erschütterte Präfektur Fukushima

Nur drei von elf früheren Sperrgebiet-Orten mit neuen Evakuierungszonen: Angestrebt worden war die Umsetzung des überartbeiteten Zonenkonzepts zu Beginn des Jahres. Doch Bedenken über einen möglichen Einfluss auf Dekontamination und Aufbauarbeiten, sowie auf Entschädigungszahlungen hält die mehrzahl der Gemeinden, die von der Neuregelung für Gebiete in Nähe des AKW Fukushima Daiichi betroffen sind, von der Bereitschaft zur Umsetzung ab.

Und so erklärten sich mit den Städten Tamura und Minamisoma und dem Dorf Kawauchi nur drei der insgesamt 11 betroffenen Gemeinden dazu bereit, die neuen Regelungen auf ihrem Gebiet zuzulassen. Das überarbeitete Modell sieht drei Zonen vor, die abhängig von der Strahlung, auf Teile der Gemeinden ihre Anwendung finden.

  • Gebiete mit einer Belastung von 20 Millisievert pro Jahr oder weniger, ermöglichen den Bewohnern kurze Besuche ihrer Häuser. Ihre Situation könnte sich durch Dekontamination weiter bessern.
  • Gebiete mit einer Belastung zwischen 20 und 50 Millisievert pro Jahr die eine eingeschränkte Bewohnbarkeit aufweisen. Hier sind kurze Besuche gestattet, allerdings wird empfohlen, weiter evakuiert zu bleiben.
  • Gebiete mit einer Belastung von 50 Millisievert oder mehr gelten als langfristig nicht bewohnbar. Der Zutritt zu diesen Gebieten ist verboten –  Zufahrtswege werden abgesperrt.

Es handelt sich bei den drei Gemeinden um die ersten Ortschaften innerhalb der früheren 20 Kilometer Sperrzone, die durch das neue Modell wieder zugänglich werden. Die Ortsverwaltung von Kawauchi die übergangsweise nach Koriyama verlegt worden war, ist bereits zurückgekehrt und auch die Schulen von Kawauchi sollen diesen Monat wieder öffnen.

Nachdem die Umsetzung für Tamura und Kawauchi zum 1. April 2012 erfolgte, hob die Regierung am Sonntag die Zutrittsbegrenzungen für Teile der beiden Orte auf. Einwohnern der Gebiete in denen die Strahlung vergleichsweise gering sei, ist es nun erlaubt sich dort aufzuhalten und ihren Tagesgeschäften nachzugehen, ohne Schutzmaßnahmen treffen zu müssen. Eine Übernachtung ist ihnen jedoch nicht gestattet. Für Minamisoma sollen die neuen Regelungen am 16. April 2012 in Kraft treten.

Unterdessen bleiben die benachbarten Orte Tomioka, Naraha und Okuma weiterhin unzugänglich. Am Samstag wurden an sechs Straßen, an denen Kawauchi mit den drei anderen Ortschaften verbunden ist, Straßensperren mit einem Gewicht von je 600 Kilogramm, einer Breite von fünf Metern und 80 Zentimetern Höhe errichtet. Auch ein Checkpoint wurde fünf Kilometer weiter östlich, an die Grenze zwischen Kawauchi und Tomioka, verlegt.

Die Neugliederung der drei Orte in der früheren Sperrzone war Thema der Nachrichtenagenturen jiji und Kyodo, sowie der Mainichi Shimbun und der Yomiuri Shimbun.

Klagen gegen TEPCO wegen Neustarts eingereicht: Das Bedürfnis nach Entschädigung und die Verhinderung weiterer Atomunfälle, hat zu einer Reihe von Klagen durch Bürger geführt. So fordern etwa 14 Einwohner der Stadt Iitate (Präf. Fukushima), deren Alter zwischen 20 und 82 Jahren liegt, in einer Klage vor einem Gericht in Tokyo vom AKW-Betreiber TEPCO eine Gesamtsumme von 260 Millionen Yen als Entschädigung für die psychische Belastung. Teil der Klage ist auch eine monatliche Zahlung von 300.000 Yen pro Person.

Das AKW Kashiwazaki-kariwa im April 2011 (Original: Daisuke Yamagishi cc-by)
Klage gegen das AKW Kashiwazaki-Kariwa (Original: Daisuke Yamagishi cc-by)

Allerdings sieht das Gesetz zur Entschädigung aufgrund von Atomunfällen eine Befreiung des Betreibers von der Verantwortung und den damit verbundenen Schadensersatzsprüchen vor, wenn der Atoumfall durch eine außergewöhnliche schwere Naturkatastrophe bedingt ist.

Den Betrieb des AKW Kashiwazaki-Kariwa (Präf. Niigata) will dagegen eine Gruppe von Atomkraftgegnern stoppen. Diese kündigten am heutigen Montag an, man werde eine Klage gegen TEPCO einreichen, mit der ein Stopp des Betriebs des Kernkraftwerks erreicht werden soll. In der Klage, die am 23. April von einem Gericht in Niigata zu den Akten genommen wird, fordern die Aktivisten den Stopp aller sieben Reaktoren der Anlage.

Die Zahl der Kläger beträgt nach Angabe der Gruppierung in diesem Fall über 100 Personen. Auch Einwohner der Präfektur Fukushima und von dort Evakuierte wolle man hinzuziehen. Das berichtet die Nachrichtenagentur jiji.

Das Vertrauen der Bevölkerung in die Stresstests von Betreibern ist ohnehin gering, wie eine Telefonumfrage der Mainichi Shimbun zeigte. Bei den 1.499 von einem Computer willkürlich ausgesuchten Telefonnumern, gaben 950, das sind 60 Prozent der Angerufenen, Auskunft über ihre Meinung. Das Ergebnis ist eindeutig: 84 Prozent der Befragten sind der Meinung, dass die Sicherheitstests der Regierung ausreichend sind.

Seit Jahresbeginn bereits Überschreitungen der neuen Grenzwerte: Bei dem Inkrafttreten der strengeren Strahlungsgrenzwerte für Lebensmittel zum 1. April handelte es sich nicht um einen Aprilscherz. Ebenfalls kein Witz ist jedoch der Umstand, dass es seit Anfang des Jahres in 421 Fällen zu Überschreitungen der neuen Beschränkungen gekommen ist.

Seit Januar bis zum 21. März diesen Jahres wurden in acht Präfekturen Lebensmittel mit einem Gehalt an radioaktivem Cäsium über der neuen Regelung von 100 Becquerel pro Kilogramm entdeckt. Das ist das Ergebnis einer rückblickenden Untersuchung des Gesundheitsministeriums, die am Samstag vorgestellt worden war und über die am Sonntag von der Nachrichtenagentur Kyodo berichtet wurde.

Bei den betroffenen Präfekturen handelt es sich sowohl um die als Katastrophenpräfekturen bekannten Gebiete von Fukushima, Iwate und Miyagi, als auch um die Präfekturen Chiba, Yamagata, Ibaraki und Tochigi, sowie um Gunma. In 80 Prozent der 421 Fälle handelte es sich um Meeresfrüchte und Flussfische, bei den übrigen um das Fleisch von Wildtieren, wie Wildschweinen und Vögeln, sowie den als Shiitake bekannten Pilzen.

Letztere stellten auch die Ursache fast aller Fälle in denen Gemüse betroffen war. Die meisten Überschreitungen gab es in der Präfektur Fukushima (285 Fälle), gefolgt von Ibaraki (36 Fälle) und Tochigi (29 Fälle).

Atomindustrie spendete auch nach Fukushima-Unglück an Behörde: Bislang gab es im Bezug auf fragwürdige finanzielle Verbindungen zwischen der Atomindustrie vor allem Meldungen über langfristige Geschehnisse früherer Jahre.

Doch die auf Anfrage der Asahi Shimbun bereitgestellten Daten zeigen, dass sogar nach der Fukushima-Katastrophe im vergangenen Jahr insgesamt 55,1 Millionen Yen an Spendengeldern von Elektrizitätsanbietern an die Japanische Atomenergiebehörde (JAEA) geflossen waren.

Um welche Energiekonzerne es sich bei diesen jüngsten Spendern handelt, ist unklar.

Japanische Yen-Banknoten (Foto: pd)
Fragwürdige Spenden auch nach Fukushima-Katastrophe (Foto: pd)

Über vier Jahre hinweg war ein Gesamtsumme von 250 Millionen Yen (inklusive des oben genannten Betrags) an die JAEA gespendet worden. Von den Energiekonzernen selbst gibt es dagegen nicht einmal offizielle Angaben zur Gesamtsumme der finanziellen Zuwendungen.

Diese Spenden sind von Interesse, da Mitglieder der JAEA in verschiedenen Sicherheitsbehörden präsent sind. In der Atomsicherheitskommission (NSC) die jüngst die Stresstest-Bewertungen der NISA anerkannte, gehören 15 der insgesamt 89 Mitglieder zur JAEA – mehr als die Zahl der Experten der Universität Tokyo.

Ein früheres Mitglied der Vereinigung der Elektrizitätsanbieter Japans als auch ein ehemaliges leitendes Mitglied bei einem der Stromkonzerne bestätigten nach Angaben der Zeitung die enge Zusammenarbeit mit der JAEA.

Fukushima-Arbeiter bei Zwischenfall nicht belastet: Bereits am Donnerstag hatte ein Angestellter der Betreiberfirma TEPCO bei der Überprüfung des Wasserstands in einem Tank nahe der Turbinengebäude der Reaktoren 5 und 6 für kurze Zeit ohne Maske gearbeitet. Es wurde jedoch kein radioaktives Material am Körper des Arbeiters festgestellt.

Am Samstag, dem 31. März wurde bestätigt, dass es keine Kontamination um den Mund herum gegeben habe. Um der Möglichkeit einer Inkorporation von radioaktivem Material Rechnung zu tragen, habe man eine Ganzkörperuntersuchung durchgeführt. Diese habe keine Probleme im Bezug auf die Dosis interner Belastung ergeben.

Japans Walfänger kehren mit Einbußen zurück: Die japanische Walfangflotte, deren Mutterschiff Nisshin Maru den Hafen von Tokyo nach viermonatiger Reise am Samstagmorgen erreichte, hat in dieser Walfangsaison starke Einbußen beim Fang hinnehmen müssen.

Sea Shepherd Schiff "Steve Erwin" (Foto: Melburnian cc-by)
Sea Shepherd: Walfang-Misserfolg ist ihr Erfolg (Foto: Melburnian cc-by)

Die Japaner, die den Walfang offiziell nur noch zur wissenschaftlichen Forschung betreiben, blieben in dieser Saison mit insgesamt 267 getöteten Walen weit hinter der angestrebten Zahl von 900 Tieren zurück.  Ursache hierfür sind die massiven Störaktionen der radikalen Umweltschutzaktivisten der Organisation Sea Shepherd. Das berichtet die NHK

Koji Matsuoka, Leiter des Forschungsteams verurteilte die Maßnahmen der Tierschützer und erklärte, die Störungen seien teilweise derart offensiv verlaufen, dass die Gefahr von Verletzungen bei der Mannschaft bestanden hätte.

Tatsächlich wurde lediglich ein Mitglied der Walfangflotte von einer Flasche übel riechender Buttersäure, welche Sea Shepherd zur Abschreckung benutzt getroffen, blieb jedoch unverletzt. Auf der Seite der Aktivisten gab es dagegen tatsächlich Verletzungen (Spreadnews berichtete am 18. Januar  2012)

Als Gegenmaße forderte Matsuoka bessere Schutzmaßnahmen für die Walfänger, etwa den Einsatz mehr begleitender Patrouillenboote zum Schutz der Walfangschiffe vor derartigen Protestaktionen.

Tenno benötigt weiterhin Ruhe: Wie das kaiserliche Hofamt am Freitag mitteilte, benötigt der Tenno eine längere Ruhephase. Nachdem er sich Mitte Februar einer Bypass-Operation unterzogen hatte, musste am 7. März und erneut am 20. März Flüssigkeit aus dem Brustraum entfernt, werden. Die zweite Maßnahme war nötig geworden, da sich die Flüssigkeit entgegen ärztlicher Erwartungen nicht von selbst zurückgebildet hatte.

Nach Angaben von Ichiro Kanazawa, leitender Mediziner des kaiserlichen Hofamtes, muss die Ruhephase nun ausgedehnt werden, da die Menge an Flüssigkeit wieder gestiegen sei.

Kunaicho in Tokyo - Kaiserliches Hofamt (Foto: pd)
Gebäude des kaiserlichen Hofamts in Tokyo (Foto: pd)

Nach seiner Entlassung aus der Klinik hatte er sich ursprünglich bis Ende des Monats im Kaiserpalast in Tokyo erholen sollen. Jetzt soll der Tenno sich Anfang des Monats zur Erholung in der  kaiserlichen Villa in Hayama (Präf. Kanagawa) aufhalten. Auch seine Gemahlin wird dort anwesend sein.

Es obliegt dem Hofamt, anhand von medizinischen Untersuchungsergebnissen zu entscheiden,  wann der Tenno wieder seinen Pflichten nachkommen kann. Entsprechende Tests sollen nach seiner Rückkehr in den Kaiserpalast in Tokyo erfolgen.

Erdbeben der Stärke 5,9 erschütterte Präfektur Fukushima: Sonntagnacht ereignete sich um 23:04 Uhr Ortszeit ein Erdbeben der Stärke 5,9, dessen Epizentrum sich in 50 Kilometern Tiefe vor der Küste der Präfektur Fukushima befand. Eine Tsunami-Warnung wurde nicht ausgesprochen, so die japanische Meteorologiebehörde.

TEPCO, Betreiber der Atomkraftanlagen Fukushima Daiichi (Fukushima 1) und Fukushima Daini (Fukushima 2) meldete, es habe in Folge des Erdbebens keine Zwischenfälle an den Kernkraftwerken gegeben. Dies meldete die Nachrichtenagentur Kyodo.