Start Aktuelles Japan aktuell: Erwartetes Riesenbeben und Tsunami könnten über 320000 Menschen töten

Japan aktuell: Erwartetes Riesenbeben und Tsunami könnten über 320000 Menschen töten

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Haus in Kamaishi, Präfektur Iwate
Haus in Kamaishi, Präfektur Iwate (Foto: Department for International Development/Ed Hawkesworth)
Haus in Kamaishi, Präfektur Iwate
Haus in Kamaishi, Präfektur Iwate (Foto: Department for International Development/Ed Hawkesworth)

Die Veröffentlichungen der Regierung zu den Folgen eines Großbebens, das von einigen Medien auch als „Mega-Erdbeben“ bezeichnet wird, verdrängt in seiner Aktualität das AKW Fukushima heute von seiner Position als Hauptmeldung.

Dennoch wird auch am heutigen Mittwoch über die neusten Entwicklungen am Kernkraftwerk Fukushima aktuell berichtet.

Erdbeben-Berechnungen, Fukushima News und sonstige Themen jetzt im Spreadnews Japan-Ticker vom 29. August 2012.

Unsere heutigen Themen:

  • Regierung stellt neue Kalkulationen zu Nankai-Großbeben vor
    • Geschätzte Zahl der Todesopfer
    • Mehrzahl der Toten durch Tsunami erwartet
    • Geschätzte Zahl der Verletzten
    • Regierung spricht von geringem Risiko
    • Begrenzung der Opferzahlen
    • Besonders betroffene Präfekturen
    • Höhe des Tsunami
    • Größe des Überflutungsgebiets
    • Erwartete Gebäudeschäden
  • Weitere Fotos der entnommenen Fukushima-Brennstäbe veröffentlicht
  • Übergangssiedlungen für Flüchtlinge beantragt
  • IPPNW fordert Begrenzung der Strahlungsbelastung

Regierungsberechnung: Nankai-Großbeben könnte über 320.000 Menschen töten Die japanische Regierung stellt heute Einzelheiten ihrer neuen Kalkulationen zu den Auswirkungen eines Erdbebens und des damit verbundenen Tsunami für die Pazifikküste der Inselkette vor.

Die den Schätzungen zugrunde liegendenden Szenarien gehen von einem Erdbeben der Magnitude 9 im Nankai-Graben aus, der bislang etwa alle 90 bis 150 Jahre erdbebenaktiv wurde. Eine vergleichbare Schätzung war im März 2012 durch einen Expertenausschuss der Regierung durchgeführt worden.

Seit dieser ersten Schätzung wurden jetzt genauere, regional bezogene Kalkulationen vorgestellt, die sich etwa auf den Umfang der Flutgebiete, die jeweils am Standort zu erwartende Höhe des Tsunami und Schäden durch Erdstöße die Riesenwelle und entstehende Brände verursachen, beziehen. Die ermittelten Ergebnisse sind beunruhigend.

Geschätzte Zahl der Todesopfer: Nach aktueller Einschätzung der Regierung könnten bei einem Erdbeben, dessen Epizentrum sich im Nankai-Graben befindet bis zu 323.000 Menschen sterben. Diese Zahl liegt deutlich über der Schätzung für Großbeben aus dem Jahr 2003. Damals waren 24.700 Opfer bei einem Riesenbeben kalkuliert worden.

Das Tohoku-Erdbeben und der damit verbundene Tsunami vom 11. März 2011 tötete offiziellen Zahlen zufolge etwa 19.000 Menschen. Ein Vergleich dieser Zahlen zeigt, wie schwerwiegend die Neueinschätzung des erwarteten Nankai-Erdbebens und des damit verbundenen Tsunami ist.

Die neuen Zahlen basieren auf der Annahme, dass sich das Nankai-Erdbeben in einer Winternacht ereignet und der Tsunami sich entlang der Pazifikküste, von der Suruga-Bucht bis zur Halbinsel Kii erstreckt, erklärte die Regierung die neue Einschätzung.

Der Anstieg der Zahlen im Vergleich zur Schätzung von 2003 wird auf die Entscheidung der Regierung zurückgeführt, die Ausmaße des Herdgebiets zu verdoppeln und die Magnitude des Erdbebens zu erhöhen – beides eine Reaktion auf das Tohoku-Erdbeben 2011.

Nach dem Tsunami: Ofunato am 15. März 2011 (Foto: pd)
Nach dem Tsunami: Ofunato am 15. März 2011 (Foto: pd)

Mehrzahl der Toten durch Tsunami erwartet: Bei der Opferzahl von 323.000 Personen in 30 von Japans 47 Präfekturen ist anzunehmen, dass etwa 70 Prozent der Todesopfer nicht durch das Erdbeben, sondern den damit verbundenen Tsunami ums Leben kommen werden.

Die Zahl der Toten durch einstürzende Gebäude wird auf 82.000 und der Personen die durch Brände sterben auf 10.000 geschätzt, da in der Simulation von einem Beben im Winter und der damit verbundenen Nutzung von Gasöfen ausgegangen wird.

Geschätzte Zahl der Verletzten: Die Regierung geht im Fall des Nankai-Erdbebens von 623.000 ernsthaft Verletzten aus.

Regierung spricht von geringem Risiko: Das Kabinettsbüro gab bei all diesen Zahlen zu bedenken, dass die Wahrscheinlichkeit eines solchen Großbebens „extrem niedrig“ sei. Dennoch werde man das denkbar schlimmste Katastrophenszenario zur Grundlage neuer Schutzmaßnahmen machen, die bis Ende März 2013 festgelegt sein sollen.

Begrenzung der Opferzahlen: Das Kabinettsbüro geht bei diesen neuen Schätzungen davon aus, dass lediglich 20 Prozent der Menschen in der Lage sein werden, unmittelbar nach dem Erdbeben zu evakuieren. Sollte es dagegen allen Menschen innerhalb des Zeitraumes gelingen sich in Sicherheit zu bringen, könnte die Opferzahl auf die Hälfte gesenkt werden.

Tsunami Warnschild
Erdbeben mit Tsunami-Warnung (Foto: (c) by Pandinus)

Auch Experten gehen davon aus, dass die Anzahl der Todesopfer durch entsprecchende Evakuierungspläne und andere Maßnahmen signifikant gesenkt werden könnte.

Besonders betroffene Präfekturen: Den aktuellen Einschätzungen zufolge wäre von den 47 Präfekturen des Landes die Präfektur Shizuoka am härtesten von den Auswirkungen der Naturkatastrophe betroffen, so das Kabinettsbüro des Premierministers.

Höhe des Tsunami: An den gesamten Orten entlang der Pazifikküste, die voraussichtlich durch das Riesenbeben betroffen wären, würde die größte Welle für die Orschaft Kuroshio (Präf. Kochi) erwartet. Hier sei mit einer Höhe von 19 Metern zu rechnen, berichtet die Mainichi Shimbun.

Der NHK zufolge ist in Teilen der Präfekturen Kochi und Shizuoka, sowie der Izu-Inseln mit einem Tsunami von mehr als 30 Metern zu rechnen. Für 23 Gemeinden in acht Präfekturen werden Tsunami-Höhen von 20 metern oder Höher erwartet.

Größe des Überflutungsgebiets: Durch den Tsunami könnten in 24 Präfekturen insgesamt 1.015 Quadratkilometer Land von Wasser bis zu einer Höhe von einem Zentimeter oder mehr überschwemmt werden.  Tatsächlich wäre eine derartige Überschwemmung etwa 1,8 mal größer als das Gebiet,  das durch die Naturkatastrophen vom März 2011 verwüstet wurde.

Von diesen über eintausend Quadratkilometern werden voraussichtlicht 602 Quadratkilometer von Wassermassen mit einer Höhe von einem Meter oder mehr zu kämpfen haben. Bei diesem Wasserstand könnten praktisch fast alle dort lebenden Menschen getötet werden. Die Fläche des Gebiets entspräche dann fast einem Drittel der Präfektur Osaka, Heimat von Japans zweitgrößem Ballungsgebiet.

Erwartete Gebäudeschäden: Durch die Stöße des Erdbebens und die ausbrechenden Brände könnten etwa 2,38 Millionen Gebäude vollständig zerstört werden. Diese Zahl könnte jedoch bei einem Anstieg erdbebensicher gebauter Häuser um etwa 40 Prozent gesenkt werden. Bislang scheuen jedoch besonders private Immobilieneigentümer die  entstehenden Kosten.

Zusammenfassung der Schätzungen zum Nankai-Großbeben

  • Zahl der Todesopfer: 323.000 (ca. 230.000 Tsunami, 82.000 Trümmeropfer, 10.000 Brandopfer. Laut jiji evtl. weitere 23.000 Tsunami-Opfer, falls Dämme und Schleusen versagen)
  • Zahl der Verletzten: 623.000
  • Schwerste betroffene Region: Präfektur Shizuoka
  • Höhe des Tsunami: über 30 Meter
  • Überflutungsgebiet: 1.015 Quadratkilometer
  • Bauliche Schäden: 2.38 Millionen durch Erdbeben und Brände.

Weitere Fotos der entnommenen Fukushima-Brennstäbe veröffentlicht: Der Elektritzitätskonzern TEPCO fährt damit fort, Bilder der Brennelemente zu veröffentlichen, die im Juli aus dem Inneren von Reaktor 4 des AKW Fukushima Daiichi durch den Einsatz eines Krans entnommen worden waren. Diese Maßnahme gilt als erster Test für die künftige Entfernung weiterer Brennstäbe.

Fukushima-Reaktor 4: Zweites ungenutzes Brennelement am 29. August 2012 (Foto: TEPCO)
Fukushima-Reaktor 4: Zweites ungenutzes Brennelement am 29. August 2012 (Foto: TEPCO)

Nachdem den Medien gestern fotografische Aufnahmen der visuellen Inspektion des ersten der beiden Brennelemente, sowie die hierzu gehörigen Sicherheitsmuttern und vermutlich korrosionsbedingt entstandenes Material zur Verfügung gestellt wurden, zeigen die heutigen Bilder sowohl die Rostentfernung an diesem Brennelemente, als auch das zweite geborgene Exemplar.

Die Untersuchung soll Aufschluss über mögliche Deformationen und die Auswirkung von Korrosion durch das zur Kühlung genutzte Meerwasser auf die Reaktorteile geben. Entsprechende Arbeiten gelten als vergleichsweise ungefährlich, da die Brennstäbe ungenutzt sind und problemlos aus dem Abklingbecken entnommen werden konnten.

Weiterführende Informationen zu möglichen Entdeckungen oder weiteres Vorgehen gab es von Kraftwerksbetreiber TEPCO heute wiederum nicht, so dass wir erneut die Bilder allein für sich sprechen lassen müssen.

Übergangssiedlungen für Flüchtlinge beantragt: Am gestrigen Dienstag beantragten die Bürgermeister der Orte Namie, Okuma und Tomioka die Einrichtung von Übergangssiedlungen in der Stadt Iwaki (Präf. Fukushima. Die Einwohner der Ortschaften waren durch das Reaktorunglück gezwungen, ihre Häuser zu verlassen und zu evakuieren.

Wie die Mainichi Shimbun berichtet, ist eine Rückkehr vor einem Zeitraum von mindestens fünf Jahren ausgeschlossen. Die genaue Zahl der Gebäude und deren Standorte sind zuvor noch Thema von Gesprächen die zusammen mit Präfekturleitungen und der Regierung in Tokyo geführt werden müssen.

Der Antrag der Bürgermeister war auf einem Treffen mit acht Bürgermeistern und Vertretern von Präfektur und Regierung erfolgt.

Nicht allein, dass enge kulturelle und historische Verbindungen zwischen den Gemeinden in der Stadt bestünden, sondern auch ein Umfrageergebnis in Okuma mit einer Zustimmungsrate von 70 Prozent habe zu diesem Schritt geführt, erklärte Toshitsuna Watanabe, Bürgermeister von Okuma..

Für Futaba und Iwaki liegen keine derartigen Umfragen vor, dennoch erfolgten Anträge auf Bildung von Übergangssiedlungen. Takao Watanabe, Bürgermeister von Iwaki erläuterte die Probleme, die bei der Übernahmme von Flüchtlingen bereits jetzt offensichtlich seien. Bislang habe man 23.000 evakuierte Personen aufgenommen.

Die Aufnahme habe zu einer Überlastung des frei finanzierten Wohnungsbaus, sowie von sozialen und medizinischen Einrichtungen geführt, was das Verhältnis der Bürger seiner Stadt zu den Neuankömmlingen getrübt habe. Er schlug vor, die Evakuierten auf mehrere Gebiete in der Stadt zu verteilen um eine Ghettoisierung zu verhindern.

Dies traf auf Zustimmung bei Präfekturverwaltung und Regierungsvertretern, die Einzelheiten müssen nach dem Eingang der Einträge jetzt ausführlich diskutiert werden.

IPPNW fordert Begrenzung der Strahlungsbelastung: Die Organisation „Physicians for the Prevention of Nuclear War“ (IPPNW), eine Gruppe von Ärzten und Psychotherapeuten, die sich für die Verhinderung eines Atomkriegs einsetzen, wandte sich heute an die japanische Regierung.

Trefoil: Radioaktivitäts-Warnsymbol
Hohe radioaktive Belastung bei Fischen nachgewiesen (Grafik; pd)

Die Vertreter der Organisation, die 1985 für ihre Bemühungen mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet worden war, drängen darauf, man müsse umgehend alle  Anstrengungen unternehmen, um die Jahresbelastung für Menschen, insbesondere Frauen und Kinder auf weniger als einen Milisievert zu senken.

Menschen die in strahlungsverseuchten Gebieten lebten, müssten sowohl vollständige Informationen über die Belastung als auch Hilfe erfahren, durch die ihre eigene Strahlungsbelastung auf ein Minimum reduziert werden könne, fordert die IPPNW.

Diesbezüglich will die IPPNW nachdem ihr 20. Weltkongress in Hiroshima am Sonntag endete, der japanischen Regierung eine Reihe von Empfehlungen zukommen lassen. Die Organisation unterstützt auch unabhängige Strahlenschutzbemühungen vor Ort, etwa das von Bürgern ins Leben gerufene „Projekt 47“, dass die Einführung von Strahlungsmessstellen für Bürger (CRMS)  in jeder Präfektur fordert.

Über die Forderungen berichteten etwa Kyodo und jiji.

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