Start Aktuelles Japan aktuell: Fukushima-Notfallrichtlinie stufte Kühlung als unwichtig ein

Japan aktuell: Fukushima-Notfallrichtlinie stufte Kühlung als unwichtig ein

1529
0
TEILEN
AKW Fukushima: Reaktoren 1-4 am 15. März 2011 (Foto: TEPCO)
AKW Fukushima: Reaktoren 1-4 am 15. März 2011 (Foto: TEPCO)
AKW Fukushima: Reaktoren 1-4 am 15. März 2011 (Foto: TEPCO)
AKW Fukushima: Mängel in Notfallrichtlinien verschärften die Katastrophe (Foto: TEPCO)

Wenn innerhalb von fünf Tagen 76 Millionen Yen an Spenden erzielt werden, um die zwischen China und Japan diskutierten Senkaku-Inseln aufzukaufen und zum selben Zeitpunkt dort chinesische Schiffe kreuzen , ist dies durchaus bemerkenswert.

Wenn man jedoch im Bezug auf das AKW Fukushima aktuell erfahren muss, dass offenbar selbst die Sicherheitsrichtlinien der Kühlung von Reaktoren nur geringe Priorität einräumen, ist das gewiss mehr als eine Randnotiz Wert.

Da wir den 1. Mai ohne Kollateralschäden überstanden, gibt es sie auch heute – die Fukushima News und weitere Neuigkeiten aus Japan, aktuell im Spreadnews Japan-Ticker vom 2. Mai 2012.

Unsere heutigen Themen:

  • Fukushima-Notfallhandbuch stufte Kühlung als unwichtig ein
  • Überschreitung neuer Cäsium-Grenzwerte in neun Präfekturen
  • Schweres Motorrad aus Japan in Kanada angeschwemmt
  • Populäre buddhistische Autorin in Atomkraft-Hungerstreik
  • Start der „Cool Biz“Kampagne
  • Grauwalsichtung in japanischer Bucht
  • Entflogener Wellensittich weist den Weg
  • Katastrophentourismus in Krisenregionen:

Fukushima-Notfallhandbuch stufte Kühlung als unwichtig ein: Die Kernschmelzen in den Reaktoren während der Fukushima-Krise waren das Ergebnis der ausgefallenen Kühlung der Brennelemente, darin ist man sich einig. Die Nutzung von Notkühlsystemen hat jedoch bei einem Störfall nicht oberste Priorität – wenn es nach dem Notfall-Leitfaden für das AKW Fukushima Daiichi geht.

Zu den Kühleinrichtungen gehörden die so genannten Isolationskondensatoren, die dazu dienen, den Dampf aus dem Reaktor abzukühlen um diesen kondensieren und damit wieder zu Wasser werden zu lassen, um den Reaktor zu kühlen. Da sie ohne Stromzufuhr funktionieren sollten, stellten sie einen wesentlichen Teil des Notkühlsystems dar.

Doch das Handbuch mit den Notfallrichtlinien für den diensthabenden Leiter sieht stattdessen, zunächst das Öffnen der Hauptsicherheitsdampfventile vor, um den Druck im Reaktor zu senken, bevor die Isolationskondensatoren genutzt werden sollten.

Nach Ansicht von Toyoshi Fuketa, stellvertretender Direktor am Atomsicherheits-Forschungszentrum der japanischen Atomenergiebehörde JAEA , vergrößert dieses Vorgehen sogar die Wahrscheinlichkeit eines ernsthaften Störfalls. Das abrupte Öffnen der Ventile könne zu einem plötzlichen Abfall des Drucks führen und das Wasser im Reaktor zum Kochen bringen. Er vergleicht die Situation mit der eines leeren Topfes auf einem heißen Herd.

Der Einsatz voll funktionsfähiger Isolationskondensatoren hätte dagegen den Verlauf der Krise verändert. Fuketa plädiert daher für eine Überarbeitung der Richtlinien. Das Untersuchungskomitee der Regierung wird sich in ihrem Abschlussbericht auch zu diesem Punkt äußern.

Die erste Kernschmelze hatte sich im Reaktor 1 ereignet, dessen Isolationskondensator während der vergangenen 20 Jahre nie aktiviert worden waren, so dass sie den Angestellten dort lediglich durch Computersimulationen bekannt waren.

Unmittelbar nachdem sich das Tohoku-Erdbeben und der Tsunami ereignet hatten, zeigte man sich überfordert und nicht in der Lage den Anleitungen zum Öffnen der Sicherheitsventile zu folgen. Die Isolationskondensatoren wurden automatisch aktiviert – jedoch bereits nach zehn Minuten von den Arbeitern manuell wieder geschlossen, da man fürchtete, die schnelle Kühlung könne dem Reaktor schaden.

In dem Versuch eine kontrollierte schrittweise Kühlung durchzuführen, aktivierte und deaktivierte man einen der Isolationskondensatoren mehrmals, jedoch öffneten sich dann die Ventile nicht mehr gänzlich und so arbeitete auch der Kondensator, bevor der Reaktor ausreichend gekühlt werden konnte.

Neben Reaktor 1 des AKW Fukushima Daiichi des Betreibers TEPCO, existieren lediglich an einem weiteren Kernkraftwerk, dem AKW Tsuruga, das von Japan Atomic Power betrieben wird, Isolationskondensatoren. Die Sicherheitsrichtlinien des Notfallhandbuches sind seit Beginn der Inbetriebnahme praktisch nicht überarbeitet worden – hier findet sich jedoch die Anmerkung, die Verwendung der Isolationskondensatoren habe bei einem Notfall oberste Priorität.

Ein früherer leitender Beschäftigter bei TEPCO erklärte, als das AKW Fukushima Daiichi habe die Regelung im Handbuch genau so gelautet, die Priorität liege bei den Isolationskondensatoren.

TEPCO räumte ein, man habe die Richtlinien zu den Isolationskondensatoren überarbeitet, es gälte jedoch nun zu ermitteln, wie die ursprüngliche Anweisung der Notfallrichtlinien ausgesehen habe. Zudem erklärte TEPCO-Sprecher Junichi Matsumoto dass die Bestimmungen in den Richtlinien für den diensthabenden Leiter und jene für normale Arbeiter unterschiedlich seien.  In den allgemeinen Anweisungen für Arbeiter wird keine Priorität zwischen Isolationskondensator und Druckablass getroffen, dort heißt es man könne zwischen beiden Optionen gleichermaßen wählen.

Überschreitung neuer Cäsium-Grenzwerte in neun Präfekturen: Zahlen die vom Ministerium für Gesundheit, Arbeit und Soziales  am gestrigen Dienstag veröffentlicht wurden, zeigen erste Überschreitungen der seit 1. April 2012 geltenden strengeren Richtlinien für die radioaktive Belastung von Lebensmitteln. Bei der Prüfung von 13.867 Lebensmittelproben durch die Behörde, wurde in 337 Fällen eine Verletzung des Grenzwerte festgestellt.

In 282 Fällen lag der Wert an radioaktivem Cäsium über dem neuen Limit von 100 Becquerel pro Kilogramm. In 55 weiteren Fällen war sogar der vorherigen Grenzwert von 500 Becquerel pro Kilogramm überschritten worden. Gegliedert nach Präfekturen bedeutet dies, dass sich in insgesamt neun Präfekturen derartige Cäsiumbelastungen fanden. Somit stellt sich die Belastung wie folgt dar:

  • 142 Fälle in der Präfektur Fukushima
  • 69 Fälle in der Präfektur Tochigi
  • 41 Fälle in der Präfektur Ibaraki
  • 35 Fälle in der Präfektur Iwate
  • 32 Fälle in der Präfektur Miyagi
  • 13 Fälle in der Präfektur Chiba
  • jeweils zwei Fälle in den Präfekturen Gunma und Yamagata
  • Ein Fall in der Präfektur Kanagawa.

Insgesamt kam es in 51 Lebensmittelkategorien zu Überschreitungen. In 178 Fällen waren Pilze und andere landwirtschaftliche Pilze radioaktiv kontaminiert, während insgesamt 156 Fischereiprodukte wie etwa Plattfische und  Barsche belastet waren. In zwei weiteren Fällen war das Fleisch von Schwarzbären belastet, in einem weiteren Fall wurde eine Grenzwertüberschreitung bei frittiertem Blaubandbärbling festgestellt.

Schweres Motorrad aus Japan in Kanada angeschwemmt: Nach dem Fund von zwei Sportbällen, die nach dem Tsunami an der US-Küste angeschwemmt und deren Eigentümer identifiziert werden konnten, fand sich nun ein weiteres Fundstück aus Japan – diesmal handelt es sich jedoch um ein Spielzeug für große Kinder.

Peter Mark, ein Einwohner, hatte am 18. April auf Graham Island, einer Insel vor der Küste Westkanadas eine Harley Davidson entdeckt. Die Maschine war durch das Meerwasser stark verrostet, allerdings war das japanische Kennzeichen „Miyagi So 428“ noch lesbar. Gegenüber den Medien erklärte der Finder, sein erster Gedanke habe dem Fahrer der schweren Maschine gegolten, er hoffe, dass es diesem gut gehe. Auch sehe er es als wichtig an, dass Menschen derartige Fundsachen mit Respekt behandelten.

Das japanische Konsulat in Vancouver schaltete sich ein, um den Halter des Motorrads zu ermitteln – und tatsächlich konnte der besorgte Finder aufatmen. Wie die NHK heute meldete, konnte das Fahrzeug nicht nur einem 29 Jahre alten Einwohner eines Küstenorts in der Präfektur Miyagi zugeordnet werden, sondern selbiger hatte den Tsunami vom 11. März 2011 auch überlebt.

Der Besitzer freute sich über den Fund und sagte, er sei davon überzeugt gewesen, er würde die Harley Davidson die er vor vier oder fünf Jahren gekauft und in einem Frachtcontainer als Garage  untergebracht hatte, nie mehr wiedersehen. Er wolle dem Finder danken. Neben seinem Motorrad hatte er auch sein Haus sowie drei Angehörige durch die Naturkatastrophe verloren.

Populäre buddhistische Autorin in Atomkraft-Hungerstreik: Der Widerstand gegen den Neustart von Reaktoren in Japan erhält erneut prominente Unterstützung. Wie die Nachrichtenagentur Kyodo meldet, beteiligt sich nun auch die 89 Jahre alte buddhistische Nonne und Romanautorin Jakucho Setouchi seit heute an einem Hungerstreik vor dem Gebäude des Industrieministeriums in Tokyo und will diesen, gemeinsam mit  Hisae Sawachi (81) und  Satoshi Kamata, ( 73) bis zum Sonnenuntergang fortsetzen.

Setouchi sagte gegenüber Journalisten, Japan befände sich im Laufe ihres  fast 90 Jahre dauernden Lebens nun in einem derart schlechten Zustand, dass sie das jetzige Japan nicht an die künftigen Generationen übergeben könne. Das Verhalten der Regierung sei beängstigend und ihre Handlungen unverständlich.

Bereits mehrere prominente Persönlichkeiten, darunter auch Literaturnobelpreisträger Kenzaburo Oe hatten sich gegen die weitere Nutzung der Atomkraft in Japan ausgesprochen.

Start der Cool Biz Kampagne: Am gestrigen Dienstag begann die offiziell von der Regierung geforderte „Cool Biz“ Kampagne in den japanischen Behörden, öffentlichen Einrichtungen und Unternehmen. Im Rahmen dieser Maßnahme wird die Kühlleistung der sonst im Sommer stark genutzten Klimaanlagen um zwei Grad gesenkt und stattdessen Angestellte dazu angehalten, sich leichter zu kleiden und etwa auf die Krawatte zu verzichten. Die im Jahr 2005 eingeführte Kampagne soll der Klimaerwärmung durch Treibhausgase entgegenwirken.

Mit dem Start am 1. Mai beginnt die Kampagne einen Monat früher als sonst allgemein üblich. Bereit im vergangenen Jahr hatte man den Beginn auf den Mai vorverlegt um der befürchteten Stromknappheit während der Sommermonate zu begegnen. Die bis Ende Oktober andauernde Maßnahme ist diesmal von besonderem Interesse, da damit gerechnet werden muss, dass in diesem Sommer über einen gewissen Zeitraum kein einziges Atomkraftwerk am Netz sein wird.

Grauwalsichtung in japanischer Bucht: Ausgerechnet vor Japan, eine der Industrienationen die noch am Walfang, wenn auch vorgeblich zu wissenschaftlichen Zwecken festhalten, wurde nun in der Bucht von Mikawa ein Grauwal gesichtet. Offenbar wandert er an der Bucht entlang.

Nachdem eine Reihe von Personen, darunter auch die Besatzung einer Fähre, im März verschiedenfach die Sichtung des Wals gemeldet hatten, begann das „Minamichita Beach Land“, ein Aquarium in Mihama (Präf. Aichi) mit einer Untersuchung. Anhand einer Fotografie vom 16. März aus der Bucht vor der Stadt Tahara kam Prof. Motoi Yoshioka von der Universität Mie zu dem Schluss, dass es sich bei dem Wal um ein Exemplar von der Gattung der Grauwale handeln muss.

Bei einer Videoaufnahme vor der Insel Saku, auf der offensichtlich der selbe Wal zu sehen ist, handelt es sich vorerst um den letzten Augenzeugenbericht, so die Nachrichtenagentur jiji. Bereits im Jahr 2012 hatte es eine Fotografie  durch einen Vogelbeobachter gegeben. Auch damals habe es sich um einen Grauwal gehandelt.

Entflogener Wellensittich weist den Weg:  Das Adressensystem Japans wirkt besonders auf Ausländer zunächst verwirrend und tatsächlich ist es in einer Metropole wie Tokyo nicht einfach sich zu orientieren – insbesondere wenn man sich erst einmal verirrt hat. Doch manchmal sind sogar entflohene Tiere schlauer als man denkt.

In Tokyo hatte die Polizei am Sonntag einen entflogenen Wellensittich im Garten eines Hotels gefunden und mitgenommen. Zwei Tage später begann der Vogel eine Adresse und Hausnummer aufzusagen. Der Vogel namens Piko konnte dann der Besitzerin Fumie Takahashi zurückgegeben werden. Sie hatte dem Vogel das Aufsagen von Adresse und Telefonnummer beigebracht, nachdem ihr vor fünf Jahren schon einmal ein Wellensittich entflogen war, das meldet die NHK.

Katastrophentourismus in Krisenregionen: Anlässlich der Urlaubstage während der „Goldenen Woche“ nutzen japanische Touristen die Möglichkeit, die Stätten zu Besuchen, an denen die Folgen des Tohoku-Erdbebens und des Tsunami immer noch sichtbar sind, berichtet die Mainichi Shimbun.

So besuchten sie etwa am 30. April den Ort Kesennuma (Präf. Miyagi) um dort Fotos von einem großen Schiff zu machen, das hier von der Gewalt des Tsunami an Land geworfen worden war. Die Besucher zeigten sich deutlich beeindruckt von der Stärke und den immer noch andauernden Folgen.

HINTERLASSEN SIE EINE ANTWORT

Please enter your comment!
Please enter your name here