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Japan aktuell: Fukushima weniger weitreichend als Tschernobyl?

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Offizielles Standardfoto des Atomkraftwerks Fukushima Daiichi (Foto: TEPCO)
Arbeiten an Kühlsystem des AKW Fukushima Daiichi (Symbolfoto: TEPCO)
Offizielles Standardfoto des Atomkraftwerks Fukushima Daiichi (Foto: TEPCO)
AKW Fukushima: Weniger gravierend als Tschernobyl? (Foto: TEPCO)

Das Jahr nach den Naturkatastrophen und der Atomkrise geht vorerst weiter wie bisher. Maßnahmen wie das für Juli geplante Einführen eines mobilen Thermometers in den Fukushima-Reaktor 2 warten auf ihre Durchführung und Probleme wie etwa Tonnen an kontaminiertem Reisstroh und Erdreich, auf ihre Lösung.

TEPCO zeigt dagegen am AKW Fukushima aktuell seine Bemühungen, die Verbreitung radioaktiven Materials durch Betonierung des Meeresbodens wie angekündigt zu verhindern und veröffentlicht entsprechendes Bildmaterial

Mehr Informationen über Auswirkungen und Reaktionen jetzt in den Fukushima News – wie üblich im Spreadnews Japan-Ticker vom 13. März 2012.

Unsere heutigen Themen

  • Verbreitung radioaktiven Materials geringer als bei Tschernobyl
  • Über 470 Tonnen radioaktive Trümmer in Sperrgebiet
  • Stadt Shimada will weitere Trümmer zur Verbrennung übernehmen
  • Bericht zur Sicherheit für Feuerwehrmänner bei Tsunami
  • Alte Bildröhren als Strahlungsschutz
  • Erstmals Fluchtwege an Zugstrecken eingerichtet
  • Interne Strahlungsbelastung in Tokyo weit unter Grenzwert

Verbreitung radioaktiven Materials geringer als bei Tschernobyl: Der Umfang jener Gebiete, die aufgrund der Atomkatastrophe am AKW Fukushima 2011 von der Kontamination durch radioaktives Material betroffen sind, ist offenbar deutlich kleiner als dies beim Atomunfall am ukrainischen AKW Tschernobyl im Jahr 1986 der Fall war. Zu diesem Schluss kommt zumindest ein Bericht des Minisiteriums für Bildung, Kultur, Sport, Wissenschaft und Technologie, der heute vorgelegt wurde.

Als Grundlage für diese Einschätzung dienen Erdproben die zwischen Juni und Juli 2011 hauptsächlich in einem 100 Kilometer-Umkreis um das AKW Fukushima herum gesammelt worden waren. Anhand dieser Proben wurde dann die Ausbreitung radioaktiven Materials, darunter Cäsium, Jod, Plutonium und Strontium ermittelt. Die Ergebnisse wurden nun in Form einer Karte veröffentlicht, bei der auch die Werte aus der Luft berücksichtigt worden waren.

Ein Vergleich dieser mit einer ähnlichen Karte, die drei Jahre und acht Monate nach dem Reaktorunglück in Tschernobyl, habe dann die geringere Verbreitung deutlich gemacht.

Nach der Tschernobyl-Explosion konnte Erdreich mit einer Belastung von bis zu 1.480 Kilobequerel an Cäsium-137 pro Quadratmeter in einem Radius von 30 Kilometern um das AKW Tschernobyl nachgewiesen werden. Weitere Werte konnten noch in 160 bis zu 250 Kilometer nord-nordöstlich von der Anlage entfernt nachgewiesen werden.

Im Vergleich dazu konnten im Bereich um das Kraftwerk Fukushima Daiichi zwar insgesamt an 34 Stellen eine gleich starke Belastung mit Cäsium-137 festgestellt werden – der äußerste Punkt an dem dieser Wert erreicht wurde, lag jedoch gerade einmal 32,5 Kilometer vom AKW entfernt, in der Ortschaft Namie.

Damit entspräche die Verbreitung von Cäsium durch die Fukushima-Katastrophe weniger als der Hälfte des Tschernobyl-Unglücks. Die Nachrichtenagentur Kyodo, die neben Mainichi Shimbun und jiji ebenfalls berichtete, sprach von lediglich einem Zehntel der ukrainischen Verbreitung.

Die Mainichi Shimbun schränkte jedoch abschließend ein, das Ministerium sei bislang nicht in der Lage gewesen, die gesamte Landfläche die von dem jeweiligen AKW-Unfall  betroffen war, zu bestätigen.

Über 470 Tonnen radioaktive Trümmer in Sperrgebiet: Nach den gestrigen Angaben des Umweltministeriums sind es noch immer rund 474.000 metrische Tonnen an Schutt, die sich in den Küstengebieten der Sperrzone angesammelt haben. Die dortigen Überreste sind mit radioaktivem Cäsium aus dem havarierten Kernkraftwerk Fukushima Daiichi kontaminiert, weshalb ihre Entsorgung direkt der Regierung in Tokyo unterliegt.

Die größte Belastung wurde dabei in Okuma mit bis zu 58.700 Becquerel pro Kilogramm gemessen. Die geringste Belastung von Trümmern, die durch Verbrennung entsorgt werden können, betrug 1.300 Becquerel pro Kilogramm und wurde in der Stadt Namie nachgewiesen.

Der höchste Werte bei nicht einzuäscherndem Material wurde mit 11.600 Becquerel in Okuma festgestellt, während die geringsten Werte in Höhe von 200 Becquerel pro Kilogramm in Namie und Minamisoma gemessen wurden.  Bereits in Minamisoma alleine liegen 183.000 Tonnen an Schutt und Trümmern innerhalb des Sperrgebiets. Das berichtet die Mainichi Shimbun.

Stadt Shimada will weitere Trümmer zur Verbrennung übernehmen: Die Stadt Shimada (Präf. Shizuoka) hatte sich im Februar zur testweisen Entsorgung von Material aus dem Ort Yamada (Präf. Iwate) bereit erklärt. In dem Versuch am 16. und 17. Februar waren zehn Tonnen Abfallmaterial aus Yamada mit 56 Tonnen normalem Hausmüll von Shimada vermischt und in der Müllverbrennungsanlage der Stadt entsorgt worden. In der dabei anfallenden Asche habe die Menge an Cäsium 64 Becquerel pro Kilogramm und damit deutlich unter dem Grenzwert von 8.000 Becquerel gelegen (Spreadnews berichtete).

Der Bürgermeister der Stadt, Katsuro Sakurai, will nun am Donnerstag bekannt geben, man sei bereit, weiteren Abfall aus Otsuchi und Yamada zu Entsorgung zu  übernehmen, nachdem der örtlichen Stadtversammlung erklärt worden war, es seien kein radioaktives Material in den Abgasen der Anlage entdeckt worden. Nach Angaben der Nachrichtenagentur Kyodo wird nun erwartet, es könne sich um ein positives Signal für weitere Gemeinden handeln und die Bereitschaft zur Entsorgung von Katastrophentrümmern erhöhen.

Einer landesweite Umfrage der NHK bei  Personen ab 20 Jahren hat dagegen ergeben, das 57 Prozent der  1000 Personen, die antworteten, damit einverstanden wären, wenn Katastrophenabfälle in Müllverbrennungsanlagen in ihrer Nähe entsorgt würden. Ganze 32 Prozent seien unentschlossen und lediglich sieben Prozent lehnten die Verbrennung der Abfälle aus den Katastrophenregionen ganz ab.

Bericht zur Sicherheit für Feuerwehrmänner bei Tsunami: Ein Bericht, der von einer Arbeitsgruppe der Behörde für Brand- und Katastrophenschutz, die dem  Ministerium für Innere Angelegenheiten und Kommunikation untergeordnet ist, am Freitag vorgestellt worden war, befasste sich mit dem Umstand, weshalb derart viele freiwillige Feuerwehrmänner bei dem Tsunami am 11. März 2011 ums Leben gekommen waren.

Japanische Feuerwehr (Foto: pd)
Japanische Feuerwehr (Abb. symbolisch, Foto: pd)

Als Ursache für den Tod von 245 freiwilligen Feuerwehrmännern in den Präfekturen Fukushima, Iwate und Miyagi wurden die Überforderung und mangelnde Evakuierungsregelungen für das Personal ausgemacht.

Insgesamt 62 starben, als sie mit Arbeiten zum manuellen Schließen von Schleusentoren beschäftigt waren. 197 starben bei der Evakuierung und Rettung von Einwohnern. Aus Rikuzentakata (Präf. Iwate) wird etwa berichtet, ein freiwilliger Feuermann sei auf dem Weg zu einemEvakuierungspunk gestorben, während er eine ältere Person auf dem Rücken und eine in den Armen transportiert habe.

Als Ergebnis des Berichts sollen Gemeinden nun Richtlinien erlassen, in denen der Evakuierung dieser Rettungskräfte eine größere Priorität als dem Schließen von Schleusentoren und der Rettung von Einwohnern eingeräumt werden soll, um die Zahl der Todesopfer zu verringern. Auch mache der Bericht deutlich, wie wichtig es ist, bei der Bevölkerung das Bewusstsein für das richtige Verhalten bei Katastrophen zu schärfen. Das berichtet die Yomiuri Shimbun.

Heute dagegen hielten Feuerwehrkräfte in Naraha, an der Grenze des Sperrgebiets der Präfektur Fukushima eine Übung zur Bekämpfung von Bränden innerhalb der Sperrzone ab, so eine Meldung der NHK. Dortige Brände könnten leicht außer Kontrolle geraten, da sich die Zentrale der örtlichen Feuerwehr nun außerhalb des Gebietes befindet. Aus diesem Grund sollen dort auch fünf Videokameras künftig das Areal überwachen.

Die Übungen, zu denen auch simulierte Löscheinsätze aus der Luft gehörten, fanden am Boden in voller Schutzkleidung statt, neben der Löschung wurde auch die Strahlung am Einsatzort gemessen. Man plant weitere Übungen für die Zukunft, so dass die Einsatzkräfte schneller agieren und dadurch weniger Strahlunsbelastung ausgesetzt sind.

Alte Bildröhren als Strahlungsschutz: Ein Forschungsteam, bestehend aus Wissenschaftlern des Nationalen Instituts für Materialwissenschaften, sowie zweier Privatunternehmen ist es gelungen, neue Materialien herzustellen, mit denen Strahlung geblockt werden kann.

Alter Fernseher (Foto: pd)
Mit Flimmerkisten gegen Radioaktivität (Foto: pd)

Als Grundlage für das neue Material diente dabei das Glas aus alten Kathodenstrahlröhren, wie sie etwa als Bildröhren  für Fernseher Verwendung fanden. Da das damals verwendete Glas zur Hemmung von elektromagnetischen Wellen einen Blei-Anteil von bis zu 25 Prozent hat, eignet sich auch als Grundsubstanz für das neue Material.

Bei dem neu geschaffenen Material handelt es sich um eine zementartige Substanz von 50 Zentimetern, die den doppelten Strahlenschutz gewöhnlichen Zements leistet, sowie um ein gummiartiges Harz. Ein Verantwortlicher der an der Entwicklung beteiligten Shimizu Corporation sagte, er gehe davon aus, dass das Material in Behältern für stark kontaminierte Trümmer Anwendung finden wird. Das berichtet die NHK.

Erstmals Fluchtwege an Zugstrecken eingerichtet: Gestern berichtete die Yomiuri Shimbun über die Pläne des Bahnbetreibers East Japan Railway Corporation, die Tokyoter Ringbahn der Yamanote-Linie baulich zu verstärken – jetzt hat das Unternehmen weiter aufgerüstet. Entlang der vom Tsunami beschädigten Hachinohe-Linie, die entlang der Pazifikküste der Präfekturen Aomori und Iwate verläuft, verfügt nun über 72 Notausstiege. Nach Angaben des Betreiber ist es das erste Mal, dass man an einer Bahnstrecke derartige Evakuierungsmöglichkeiten biete.

Die Fluchtmöglichkeiten beginnen an Bahnhöfen, oder an Orten zwischen verschiedenen Bahnhöfen und führen auf sichere Gebiete in höher gelegener Lage. Über die Fluchtrichtung, die Entfernung und die Höhe der Evakuierungspunkte informieren Hinweisschilder entlang der Strecke.

Insgesamt 32 der neuen Fluchtmöglichkeiten befinden sichan Stellen in der Präfektur Iwate, die bereits vom Tsunami getroffen worden waren, während sich die anderen 40 an Punkten der Präfekturen Iwate und Aomori befinden die für die zukunft als riskant gelten.

Am Samstag solll die Strecke wieder den Betrieb aufnehmen.

Interne Strahlungsbelastung in Tokyo weit unter Grenzwert: Ein Forscherteam unter Leitung von Michio Murakami, von der Universität, kommt in ihren Schätzungen zu dem Schluss, dass die inkorporierte Strahlungsbelastung der Bewohner von Japans Hauptstadt Tokyo weit unter den von der Regierung festgelegten Grenzwerten liegen. Das Risiko für die menschliche Gesundheit sei daher extrem gering.

Aufgrund von Daten örtlicher Behörden und der Regierung berechneten die Forscher die Menge an radioaktivem Material, das von den Einwohnern der Stadt durch Nahrungsmittel und Trinkwasser aufgenommen worde. Während der Krise hatte es kurzzeitig Warnungen vor der Verwendung von Leitungswasser für Kleinkinder gegeben (Spreadnews berichtete etwa am 23. März 2011)

Tokyo: Alltagsverkehr (Foto: KJ)
Gefahr durch Radioaktivität in Tokyo angeblich gering (Foto: KJ)

Die jetzt ermittelte Gesamtbelastung betrug demnach 0,048 Millisievert für Kleinkinder, 0,042 bei Kindern im Vorschulalter und 0,018 Millisievert bei Erwachsenen. Die Zahl für Kleinkinder beträgt nur ein Zwanzigstel des zulässigen Werts. Das Team zog auch Vergleiche heran. So steige bei dieser Belastung bei drei von 100.000 Personen das Risiko, später im Leben an Krebs zu erranken. Damit ist das Risiko ein wenig geringer als bei den Auspuffabgasen von Dieselfahrzeugen.

Die Vertriebsverbote von Lebensmitteln mit Cäsiumwerten über den zulässigen Grenzwerten hätten das Risiko hierdurch an Krebs zu erkranken, bei Kleinkindern um 44 Prozent, bei Kindern im Vorschulalter um 34 Prozent und bei Erwachsenen um 29 Prozent gesenkt. In den Zahlen für Kleinkindern seien acht Prozent der Risikoreduktion auf die Ausgabe von Wasser in Flaschen durch die Verwaltung von Tokyo zurückzuführen.

Allerdings räumte Murakami ein, noch sei unklar ob das Verhältnis der Krebsrisiko-Senkung zu den Kosten und den Auswirkungen auf die Landwirtschaft tatsächlich den Vertriebsstopp rechtfertige. Dies müssten jedoch Experten ermitteln. Nach seiner Einschätzung gebe es Bedarf für eine öffentliche Diskussion darüber, welches Ausmaß an Strahlungsrisiko die Gesellschaft zu tolerieren bereit sei. Das berichtet die NHK.

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