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Japan aktuell: Gefährlicher Strahlungsrekord in Fukushima-Reaktor 1

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Atomschädel
UN-Vertreter: Langfristige Risiken der Fukushima-Krise werden verharmlost (Grafik: pd)
Atomschädel
Fukushima-Reaktor 1: Bislang höchste Strahlungswerte der Anlage (Grafik: pd)

Die detaillierten Angaben zu den neusten Strahlungsmesswerten, die vom AKW Fukushima aktuell veröffentlicht worden waren, sind alles andere als positiv, sondern zeigen die Gefahr für Angestellte vor Ort.

Da wirken dann auch Reformversprechen des neuen TEPCO-Präsidenten Naomi Hirose und die Neustartforderungen des neuen Vorsitzenden Kazuhiko Shimokobe als Mittel zur Unternehmenswende, vergleichsweise trivial an.

Daneben gibt es in den Fukushima News auch eine Meldung über Probleme an einem weiteren Reaktor.

Weitere Meldungen, wie sich die Situation im AKW Fukushima aktuell darstellt, sowie sonstige Informationen jetzt im Spreadnews Japan-Ticker vom 28. Juni 2012.

Unsere heutigen Themen:

  • Fukushima-Reaktor 1 mit Strahlungshöchstwerten
  • Störungsmeldung am Abklingbecken-Kühlsystem von Fukushima-Reaktor 2
  • Erdbeben erschüttert Präfektur Fukushima
  • Präfektur Hokkaido rechnet mit Tsunami von fast 35 Metern
  • Entzündbare Katastrophenabfälle aus Iwate können außerhalb verbrennt werden
  • Anonymous-Attacke auf Japans Regierung ging teilweise daneben

Fukushima-Reaktor 1 mit Strahlungshöchstwerten: Die gestern im Pressematerial von TEPCO vorgestellten Daten erhielten am heutigen Donnerstag nach der gestrigen Pressekonferenz des Unternehmens stärkere Beachtung. Das Unternehmen hatte am Dienstag mit einem Endoskop Videoaufnahmen sowie Messungen von Strahlung und Temperatur vorgenommen (Spreadnews berichtete).

Ein Vergleich des Strahlungsniveaus, wie er nun von der NHK vorgestellt wurde, zeigt jetzt, dass im Reaktorbehälter des Fukushima-Reaktors 1 die stärkste bislang gemessene Strahlung vorhanden ist.

Die Messungen in Reaktor 1,  bei denen es sich um die ersten handelt, die dort seit Beginn der Krise durchgeführt wurden, ergaben in einem Abstand von 20 Zentimetern über der Oberfläche des radioaktiv kontaminierten Wassers in der Kondensationskammer einen Wert von 10,3 Sievert (10.300 Millisievert) pro Stunde. Nach Angaben der NHK wäre dieser Wert innerhalb von 50 Minuten für den Menschen tödlich.

Zum Vergleich: Die zulässige Jahresdosis eines Fukushima-Arbeiters liegt bei 50 Millisievert.

In einem Abstand von vier Metern über der Wasseroberfläche betrug 1.000 Millisievert pro Stunde. Diese Werte sind zehnmal höher als die gemessenen Werte in den Fukushima-Reaktoren 2 und 3. Als vermutliche Ursache nannte TEPCO-Sprecher Junichi Matsumoto den Umstand, dass dort mehr Brennelemente geschmolzen seien als in den anderen Reaktoren der Anlage.

Angestellte die Aufräumarbeiten und andere Aufgaben in der Anlage wahrnehmen sollten, würden voraussichtlich auf der Höhe des Vier-Meter-Levels arbeiten, was zu Besorgnis über die Gesundheit der Arbeiter im Atomkraftwerk Fukushima Daiichi führte. TEPCO-Sprecher Matsumoto erklärte, man werde für die Prüfung auf weitere Schäden jetzt Roboter einsetzen, da die Gefahr für Menschen dort zu groß sei.

Störungsmeldung am Abklingbecken-Kühlsystem von Fukushima-Reaktor 2:  Am gestrigen Mittwoch machte um 14:01 Uhr ein Alarm des Kühlsystems für Reaktor 2 auf eine mögliche Störung aufmerksam. Um 14:22 Uhr meldete das System einen „große Differenzen im Hauptwasserfluss“. Eine Überprüfung über eine Kamera bestätigte dem Personal im erdbebensicheren Hauptgebäude, dass Kühlpumpe A automatisch angehalten wurde. Gegen 14:40 Uhr bestätigte die Betreiberfirma, dass es kein Leck gegeben habe.

Reaktor 2: Aufnahme des Abklingbeckens vom 5. Stock am 13. Juni 2012 (Foto: TEPCO)
Fukushima-Reaktor 2: Aufnahme des Abklingbeckens vom 5. Stock am 13. Juni 2012 (Foto: TEPCO)

Da man von einer Wassertemperatur von 22,9°Celsius im Abklingbecken ausgegangen war und die Rate des Temperaturanstiegs zum Zeitpunkt des Systemstopps bei etwa 0,24°Celsius pro Stunde lag, war die Temperatur des Abklingbeckens nicht betroffen.

Als Ursache des Fehlalarms geht man bei TEPCO nach einer Untersuchung davon aus, dass ein Kurzschluss des Kabels aufgrund eines Fehlers bei der Anbringung des digitalen Aufzeichnungsgeräts des Durchflusszählers den irrtümlich erfolgten Alarm auslöste. Eine Überprüfung der Funktionstüchtigkeit von Durchflussmesser und der übrigen Geräte wird nun durchgeführt und Pumpe anschließend wieder gestartet.

Erdbeben erschüttert Präfektur Fukushima:  Am Donnerstagnachmittag ereignete sich gegen 14:52 Uhr (Ortszeit) ein Erdbeben mit einer geschätzten Stärke von 5,2 auf der Richterskala. Das Beben, dessen Epizentrum vor der Küste der Präfektur Fukushima lag, erschütterte die Präfekturen Fukushima und Ibaraki im Nordosten Japans.

Auf der siebenstufigen japanischen Omoriskala wurden die Städte Shirakawa und Sukagawa (beide Präf. Fukushima), sowie die Stadt Kitaibaraki (Präf. Ibaraki) von Erschütterungen der Stärke 4 getroffen. Berichte über Schäden oder Verletzte gab es zunächst noch nicht. Auch von den Kernkraftwerken gab es keine Störungsmeldungen, heisst es bei den Nachrichtenagenturen Kyodo und jiji.

Präfektur Hokkaido rechnet mit Tsunami von fast 35 Metern:  Für das Katastrophenmanagement zuständige Stellen der Verwaltung von Japans nördlichster Präfektur Hokkaido haben am Donnerstag ihre bisherigen Schätzungen über die mögliche Höhe eines Tsunami für die östliche Küstenregion deutlich nach oben korrigiert.

Die Präfekturverwaltung geht nun von der Möglichkeit eines Tsunami von bis zu 34,6 Metern Höhe aus. Die bisherigen Schätzungen waren nach dem Tohoku-Erdbeben und dem damit verbundenen Tsunami neu berechnet worden.

Ein Erdbeben im Pazifik könnte insgesamt 11 Gemeinden mit einem Tsunami von mindestens 20 Metern treffen. Insgesamt der Ortschaften könnten sie mit einem Tsunami von mehr als 30 Metern konfrontiert sehen. In einem betroffenen Dorf wäre mit Wellen bis zu 34,6  Metern zu rechnen. Dabei würde ein Großteil des Dorfzentrums überflutet werden.

Dies wäre 20 Zentimeter höher als der bislang als größtmöglichen Tsunami, der durch den Nankai-Graben vor der Küste Westjapans ausgelöst werden könnte. Als Reaktion hierauf erklärte die Präfekturalverwaltung, man werde mit den Gemeinden zusammenarbeiten  um Konzepte, etwa auch zur schnellen Evakuierung erarbeiten zu können. Namen der Ortschaften wurden in der Meldung der NHK nicht genannt.

Entzündbare Katastrophenabfälle aus Iwate können außerhalb verbrennt werden: Brennbare Katastrophentrümmer aus der Präfektur Iwate, können wie zuvor geplant in anderen Präfekturen entsorgt werden. Das teilte Umweltminister Goshi Hosono dem Gouverneur der Präfektur Iwate, Takuya Tasso bei einem Gespräch in Morioka am heutigen Donnerstag mit.

Hosono erklärte gegenüber der Presse, er halte die Einhaltung des Plans, der eine Entsorgung aller Katastrophentrümmer innerhalb von drei Jahren vorsieht, für möglich.

Bei Iwate handelt es sich um eine der Katastrophenregionen, die vom Tohoku-Erdbeben am 11. März 2011 besonders schwer getroffen worden waren. Von der Gesamttrümmerlast von 5,25 Millionen Tonnen will die Präfektur 1,2 Millionen  außerhalb der Präfektur entsorgen lassen.

Unter dem Abfallmaterial das aus der Präfektur geliefert wurde, sind etwa 300.000 Tonnen brennbar – darunter Holz und Kunststoffe. Bislang haben sich sechs Verwaltungen, darunter die Präfektur Akita und die Verwaltung des Großraums Tokyo zur Übernahme von Katastrophentrümmer bereiterklärt. Das berichtet die jiji.

Anonymous-Attacke auf Japans Regierung ging teilweise daneben: Anders als zunächst mancher Leser vermuten würde, hat das Hacktivisten-Kollektiv mit den jüngsten DDoS-Angriffen auf japanische Regierungseinrichtungen keineswegs die Atompolitik des Landes kritisiert. Vielmehr protestiert die Gruppierung gegen die erfolgte Einführung strengerer Copyright-Regelungen, durch die auch illegale Downloads stärker bestraft werden.

Anonymous-Logo in Japan (Grafik: pd)
Anonymous: Lost in Translation statt Big in Japan (Grafik: pd)

Dabei unterlief den Angreifern jedoch ein Fehler, wie sie nach Meldung der Nachrichtenagentur Kyodo auch in einem Tweet zugaben.

Offenbar war es zu einer sprachlichen  Verwechslung zwischen der Webseite der vergleichsweise unbedeutenden Zweigstelle des Ministerium für Land, Infrastruktur, Verkehr und Tourismus in der Stadt Kasumigaura (Präf. Ibaraki) und dem Hauptbüro der Behörde im Tokyoter Stadtteil Kasumigaseki gekommen.

Zuvor waren ab Dienstag erstmals japanische Regierungswebseiten – etwa der beiden großen Parteien LDP und DPJ angegriffen worden und teilweise nur schwer erreichbar.

Auch das Finanzministerium und des japanischen Wirtschaftsverbandes Nippon Keidanren waren Ziel der Angriffe.

Gestern Abend bis zum heutigen Morgen sah sich auch die japanische Copyright-Organisation JASRAC diesen Angriffen ausgesetzt.