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Japan aktuell: Geologische Bedingungen stellen Sicherheit des AKW Tsuruga in Frage

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Atomkraftwerk-Symbol (Grafik: Hendrik Tammen cc-by)
AKW Monju: Terrorismus-Gefahr durch Schlamperei (Grafik: Hendrik Tammen cc-by)
Atomkraftwerk-Symbol (Grafik: Hendrik Tammen cc-by)
AKW Tsurugs: Mögliche Gefahr durch Verwerfungen (Grafik: Hendrik Tammen cc-by)

Mit ihren Samurai-Rüstungen schafften es die 1.061 Teilnehmer eines Festival-Umzugs in Kofu nun in das Guiness-Buch der Rekorde und tatsächlich kann Japan angesichts der Folgen am AKW Fukushima aktuell auch weiterhin einen gesunden Kampfgeist brauchen. Wie die Katastrophe zeigte, stellen gerade Kernkraftwerke eine besondere Gefahr bei Erdbeben und Tsunami dar. Dies ist daher auch eines der Themen, mit denen sich der heutige Artikel abseits der Fukushima News befasst.

Einzelheiten nun im Spreadnews Japan-Ticker vom 25. April 2012.

Unsere heutigen Themen:

  • Mögliches Risiko durch aktive Verwerfung unter AKW Tsuruga
  • Präfektur Chiba veröffentlicht Karte zu vermuteten Tsunami-Überflutungen
  • Präfektur Chiba erwartet großflächige Bodenverflüssigung
  • Betreiber will Shinkasen-Schnellzug sicherer machen
  • Präfektur Osaka mit Acht-Bedingungen-Plan für AKW-Neustart

Mögliches Risiko durch aktive Verwerfung unter AKW Tsuruga: Die Atomsicherheitsbehörde NISA wies am gestrigen Dienstag den Elektrizitätskonzern Japan Atomic Power dazu an, detaillierte Begutachtung einer aktiven Verwerfung, die unterhalb des AKW Tsuruga verlaufe, vorzulegen.

Für den Fall, dass die geologische Verwerfung in der Tat als aktiv eingestuft wird, gehen informierte Quellen der Nachrichtenagentur jiji davon aus, dass dies die dauerhafte Stilllegung der beiden Reaktoren des Kraftwerks zu Folge haben werde. Auch die Kyodo äußert sich praktisch identisch und zieht ebenfalls eine endgültige Betriebsunfähigkeit des AKW Tsuruga in Erwägung.

Die NHK berichtet, am selben Tag hätte zuvor ein Expertenteam drei Verwerfungen innerhalb des Geländes untersucht und dabei eine Verwerfung entdeckt, die 150 Meter westlich von Reaktor 1 verlaufe und möglicherweise aktiv sein könnte. Sollte sich diese Verwerfung gleichzeitig mit einer nah gelegenen und als aktiv anerkannten Verwerfung  bewegen, dann könnte dies stärkere Erdbeben zufolge haben, als das Atomkraftwerk standhalten könnte, da zuvor von anderen Bedingungen ausgegangen worden sei.

Die NISA wies den Betreiber an, zusätzlich zu untersuchen, ob die dritte Verwerfung, die unmittelbar unter dem Reaktor verläuft, aktiv sein könnte.

Die Atomsicherheitsbehörde untersucht nach der Fukushima-Katastrophe, welche seismischen Verwerfungen sich nahe Kernkraftwerken im ganzen Land befinden. Die nationalen Sicherheitsrichtlinien über die Erdbebensicherheit von AKW stufen eine Verwerfung dann als „aktiv“ ein, wenn die Möglichkeit besteht, dass der Bereich vor 120.000 Jahren, oder später seismisch aktiv war. An einem derartigen Standort ist der Bau entscheidender Bestandteile der Anlagen, wie etwa Reaktoren, verboten.

Noch im vergangenen August hatte die Betreiberfirma Japan Atomic Power berichtet, es bestünden keine Hinweise darauf, dass sich die fragliche Verwerfung gemeinsam mit einer anderen derartigen Formation, die als Urazoko-Verwerfung bekannt ist und unter einem anderen Teil des AKW verläuft, bewegen könnte.

Allerdings hatte ein Mitglied des Ausschusses zur Neubeurteilung der Erdbebensicherheit von Atomkraftwerken angemerkt, dass ein Teil der Verwerfung unter beiden Reaktoren vor etwa  20.000-30.000 Jahren möglicherweise aktiv gewesen sei.

Präfektur Chiba veröffentlicht Karte zu vermuteten Tsunami-Überflutungen: Die Präfekturleitung Chiba veröffentlichte am heutigen Mittwoch eine Karte über die Überflutungsgebiete, die sich im Fall eines 10 Meter hohen Tsunami an der Ostküste und einem etwa drei Meter hohen Tsunami in der Bucht von Tokyo voraussichtlich ergeben würden.

Als Grundlage für die Karte dient die Arbeit eines Komitees unter Leitung von Professor Shoichi Nakai von der Universität Chiba, das im Juni vergangenen Jahres von der Präfekturalverwaltung aus Experten zu den Themen Erdbeben und Tsunami zusammengestellt worden war. Diese untersuchten die Überreste des bislang größten Tsunami der Region, der sich beim Genroku-Erdbeben im Jahr 1703 ereignet hatte und kamen dabei zu dem Schluss, dass der höchste anzunehmende Tsunami heutzutage 10 Meter betragen werde.

Shirako in der Präfektur Chiba (Foto: Okajun cc-by)
Shirako in der Präfektur Chiba (Foto: Okajun cc-by)

Die jetzt erstellte Karte zeigt, dass Gebiete, die etwa drei Kilometer von der Küste aus landeinwärts liegen, überflutet werden würden.

Damit stünden etwa 56 Prozent der Ortschaft Shirako unter Wasser, während im Bereich der Bucht von Tokyo schätzungsweise neun Quadratkilometer der Stadt Kisarazu von den Fluten getroffen würden.

Das Komitee berücksichtigte bei der Erstellung der Karte auch die unterschiedlichen Arten der Gebiete, die von Überschwemmungen bedroht sind. Falls die Wellenbrecher durch das Erdbeben nicht beschädigt und die Schleusentore der Dämme geschlossen werden könnten, würden immerhin noch 61 Quadratkilometer der Pazifikküste und damit zwei Dörfer und zwei Städte vom Tsunami geflutet.

Sollten sowohl die Wellenbrecher bzw Dämme versagen und die Schleusentore geöffnet bleiben, sei mit zwei Quadratkilometer großen Überschwemmungen im Zentrum von Funabashi, das tief in der Bucht von Tokyo gelegen ist, zu rechnen. In Urayasu würde es zu Überflutungen von einem Quadratkilometer kommen.

Ein Beamter der Präfektur beurteilte die neue Karte positiv und erklärte, es sei landesweit der erste Versuch, die Tsunami-Risiken für jeden einzelnen Wohnstandort aufzuzeigen. Diese Daten könnten bei der Evakuierung von Einwohnern Anwendung finden. Das berichtet die Mainichi Shimbun.

Präfektur Chiba erwartet großflächige Bodenentfestigung: Ebenfalls basierend auf der neuen Karte berichtet die Nachrichtenagentur jiji über die Risiken einer so genannten Bodenverflüssigung durch den Tsunami. Diese werde sich in 52 der 54 Gemeinden der Präfektur ereignen, falls diese von einem Erdbeben der Stärke 9 erschüttert werden würde.

Wie die Einschätzungen für Überflutung selbst, geht man auch bei der plötzlichen Bodenentfestigung davon aus, dass sie sich hauptsächlich an den Bereichen der Pazifikküste und der Bucht von Tokyo, jedoch auch in den Bereichen entlang des Tonegawa (Tone-Fluss)  ereignen werden. Diese Prognosen basieren unter anderem auf der Annahme eines zwei bis drei  Minuten andauernden Erdbebens der Stärke 6+ auf der siebenstufigen japanischen Skala.

Fluss in Katori, Präfektur Chiba (Foto: pd)
Teil der Stadt Katori in der Präfektur Chiba (Foto: pd)

In einem Modellszenario geht man bei der Karte von 10 bis 20 Sekunden dauernden Erschütterungen aufgrund eines Inlanderdbebens der Stärke 9 beziehungsweise auf der japanischen Skala von 7 aus.

Ausgehend von Modelszenarien, unterteilt die Karte die Präfektur Chiba in vier Kategorien – von Bereichen die besonders anfällig bis zu jenen die als widerstandsfähig gegenüber der Bodenverflüssigung eingestuft werden. Dabei berücksichtigt man vier Stärken von Erschüttertungen zwischen 5- und 6+ und geht davon aus, dass keine Gegenmaßnahmen getroffen worden seien.

Diesen Entwürfen zufolge sind derartige Entfestigungen des Bodens besonders in Teilen von Urayasu und Katori zu erwarten, wenn diese von Erschütterungen der japanischen Skala 5- begleitet werden. Sollten diese Erdstöße bei 5+ liegen, so sei praktisch in allen Gebieten von Urayasu mit Bodenverflüssigungen zu rechnen.

Betreiber will Shinkansen-Schnellzug sicherer machen: Die Central Japan Railway Co. teilte mit, man wolle das Frühwarnsystem verbessern, dass im Fall eines schweren Erdbebens die Geschwindigkeit der Züge schneller bremst als bislang möglich. Mit den notwendigen Maßnahmen soll bereits nächsten Monat begonnen werden. Ziel soll es sein, einen zweisekündigen Vorsprung zur bisherigen Vorwarnzeit zu erzielen.

Ein Shinkansen Schnellzug in Tokyo (Foto: KJ)
Shinkansen Schnellzug in Tokyo (Foto: KJ)

Berücksichtigt werden bei dem Szenario die Ereignisse während eines Inlanderdbebens unmittelbar unterhalb  der Bahnstrecke. Bislang hatten sich die Anti-Erdbebensysteme des Betreibers hauptsächlich mit der Möglichkeit eines schweren Küstenerdbebens, aufgrund der Verschiebung tektonischer Platten befasst.

Teil der Vorbereitung ist die Nutzung von mehr Seismographen, deren Batterielebensdauer von bislang vier auf 72 Stunden erhöht werden soll, um mehrere Tage andauernde Stromausfälle kompensieren zu können, sowie die Nutzung von Satellitentelefonen, falls konventionelle Leitungen aufgrund von Schäden nicht verfügbar sein sollten. Das berichtet die NHK.

Präfektur Osaka mit Acht-Bedingungen-Plan für AKW-Neustart: Der Gouverneur der Präfektur Osaka, Ichiro Matsui und Toru Hashimoto, Bürgermeister der Stadt Osaka haben bei einem Treffen mit Chefkabinettssekretär Osamu Fujimura am gestrigen Donnerstag eine Liste von acht Punkten vorgebracht, die von ihnen als Bedingungen für eine Unterstützung des Neustarts am AKW Oi angesehen werden.

Das Matsui und Hashimoto sich derart einig sind verwundert wenig, ist doch der Gouverneur ein Mitglied der, vom umstrittenen Hashimoto gegründeten Ortspartei „Isshin no Kai“. Bürgermeister Hashimoto hatte zuvor selbst den Gouverneursposten inne und ist für seine nationalistischen Konzepte bekannt.  Das Thema der AKW-Neustarts ist daher für ihn vermutlich auch eine Möglichkeit, Stimmen für seine eigene politische Gruppierung zu gewinnen

Zu den acht Bedingungen gehören unter anderem:

  • Die Schaffung einer absolut unabhängigen Kontrollinstanz, die das Vertrauen der Bürger verdient
  • Eine Neufassung der bislang geltenden Sicherheitsstandards und die Durchführung von Tests nach den neuen Regelungen.
  • Präfekturverwaltungen innerhalb eines 100 Kilometer Radius um Atomkraftwerke müssen ein offizielles Mitspracherecht bei Entschlüssen zum Betrieb der Atomanlagen erhalten.

Die Forderungen der Präfektur von Osaka sind von besonderer Bedeutung, da die Region um Osaka Japans zweitgrößte Geschäfts- und Industriezone darstellt und lediglich 80 Kilometer vom AKW Oi entfernt liegt.

Hashimoto kritisiert, dass Kernkraftwerke als sicher erklärt werden, auch wenn in vielen Fällen weder Wissenschaftler noch die Atomsicherheitskommission NSC ihren Standpunkt vorgebracht haben. Zudem erfolgten Prüfungen unter Kriterien und Vorgehensweisen, die vor der Fukushima-Katastrophe festgelegt wurden.

Chefkabinettssekretär Fujimura begegnete den Forderungen in dem 25 Minuten dauernden Gespräch vergleichsweise passiv und habe zum Ausdruck gebracht, die Regierung in Tokyo werde zwar den Acht-Punkte-Plan für künftige Maßnahmen prüfen, jedoch gleichzeitig beabsichtige, die jetzigen Maßnahmen nach den gegenwärtig üblichen Standards durchzuführen, ohne diese erneut zu prüfen.

In einer anschließenden Pressekonferenz sagte Hashimoto, es stelle eine ernsthafte Krise für die Führung der Regierung in Tokyo dar, wenn die Sicherheit der AKW ohne genaue Prüfung durch Wissenschaftler als sicher bezeichnet würden. Über die Gespräche berichteten Yomiuri Shimbun und NHK .

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