Start Aktuelles Japan aktuell: Hohe Werte an Radioaktivität in Schilddrüsen von Fukushima-Bewohnern nachgewiesen

Japan aktuell: Hohe Werte an Radioaktivität in Schilddrüsen von Fukushima-Bewohnern nachgewiesen

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Schilddrüse (Grafik: pd)
Forderung nach Reduzierung der Schilddrüsentests (Abb. symbolisch, pd)
Schilddrüse (Foto: pd)
Schilddrüse (Foto: pd)

Offiziell wurde sie für die Fukushima-Reaktoren 1 bis 3 erst im Mai 2011 eingeräumt, doch Dokumente die heute zur damaligen Situation am AKW Fukushima aktuell veröffentlicht wurden, sprechen im Bezug auf die Kernschmelzen in dem japanischen Kernkraftwerk eine andere Sprache.

Auch die neuen Testergebnisse über die Belastung von Schilddrüsen durch Radioaktivität lassen die Auswirkungen der Krise jetzt erst relativ spät deutlich werden.

Mit der Vergangenheit abschliessen können viele Menschen nur, wenn sie das Schicksal ihrer Angehörigen kennen. Um ihnen bei der Bewältigung zu helfen, begann heute eine dreitäigige besonders intensive Suchaktion, an der  300 Polizisten der Präfektur Iwate, sowie 80 Beamte der Küstenwache beteiligt sind.

Weitere Fukushima News und sonstige Nachrichten jetzt im Spreadnews Japan-Ticker vom 09. März 2012.

Unsere heutigen Themen:

  • Hohe Schilddrüsenbelastungen mit radioaktivem Jod festgestellt
  • Regierung zog bereits am Tag der Krise eine Kernschmelze in Betracht
  • Japan beendet jährliche Walfangsaison mit Defizit
  • Regierung plant mehrere Zwischenlager nahe des AKW Fukushima
  • Teilnahme des Tenno an Gedenkfeier nach Untersuchung wahrscheinlich
  • Neue Atomkontrollbehörde verzögert sich

Hohe Schilddrüsenbelastungen mit radioaktivem Jod festgestellt: Ein Forschungsteam der Universität Hirosaki untersuchte die Schilddrüsen von Personen einen Monat nach der Reaktorkatastrophe und gab nun Ergebnisse bekannt. Demnach wurden bei 80 Prozent der untersuchten Personen radioaktives Jod in der Schilddrüse nachgewiesen.

Insgesamt waren in den Untersuchungen die zwischen dem 11. und 16. April 2011 stattfanden 65 Einwohner getestet worden. Dabei stammten 48 der evakuierten Personen aus der Stadt Fukushima und 17 aus der Ortschaft Namie. Das Alter der Testpersonen lag zwischen 0 und 80 Jahren.

Ausgehend von der Annahme, dass die Untersuchten das radioaktive Material am 12. März 2011, durch Einatmung aufgenommen hatten, wurden die im April festgestellten Werte entsprechend überarbeitet und Schätzungen angestellt, bei denen die geringe Halbwertszeit von radioaktivem Jod berücksichtigt wurde.

In den Ergebnissen heisst es nun, dass in 50 Fällen tatsächlich eine Belastung mit radioaktivem Jod festgestellt wurde. In fünf Fällen wurde dabei der internationale Grenzwert der IAEA von 50 Millisievert überschritten. Der höchste gemessene Wert bei einem Erwachsenen betrug 87 Millisievert bei einem Mann aus Namie, der Höchste eines Kindes lag bei 47 Millisievert. Bei 24 Personen wurde eine Belastung von 10 Millisievert oder weniger nachgewiesen.

Besonders Kinder sind durch radioaktives Jod gefährdet, da ihre Schilddrüsen das radioaktive Material leichter aufnehmen. Demzufolge hätten bei ihnen sogar Werte über 100 Millisievert nachgewiesen werden können, wenn sie sich in Gebieten mit einer hohen Konzentration befunden hätten – so die Einschätzung von Professor Shinji Tokonami, dem Leiter des Forschungsteams.

Die Testergebnisse sind von besonderer Bedeutung, da bislang wenig über die Werte unmittelbar nach der Fukushima-Katastrophe bekannt war und die  im März durchgeführten Massentests an 1.080 Kindern an Kindern aus Kawamata, Iwaki und Iitate, bei denen lediglich Maximalwerte von 35 Milllisievert gemessen wurden, nur mit sehr einfachen Messgeräten durchgeführt worden waren. In der jüngsten Untersuchung wurden dagegen genauere Methoden, die jeweils fünf Minuten pro Testperson benötigten, genutzt.

Lediglich Jod-132 konnte bei den Untersuchungen nicht berücksichtigt werden, da die Halbwertszeit nur zwei Stunden beträgt, erklärte Professor Yoshio Hisoi. Berichte über die Belastung mit radioaktivem Jod, die zu Krebs führen kann, fanden sich bei der Asahi Shimbun, der jiji und bei der Kyodo.

Regierung zog bereits am Tag der Krise eine Kernschmelze in Betracht: Der Kristenstab der Regierung hatte zum Höhepunkt der Krise mehrere Treffen abgehalten, um das weitere Vorgehen abzusprechen. Dabei wurden jedoch, anders als gesetzlich vorgeschrieben, keine Sitzungsprotokolle geführt (Spreadnews berichtete am 23. Januar 2012).

Am folgenden Tag versprach die Regierung in Tokyo, das verloren gegangene Material durch Notizen und Befragungen so weit wie möglich wiederherzustellen. Anschliessend folgte die Ankündigung, man werde voraussichtlich gegen Ende des Monats, das Material veröffentlichen (SPN vom 22. Februar 2012)

Heute legte die Regierung die rekonstruierten Gesprächsprotokolle vor.

In diesen spricht etwa ein unbekannter Teilnehmer bereits gegen 19:03 Uhr  in der ersten Sitzung am Tag des Unglücks, das sich zuvor um 14:26 Uhr ereignet hatte, über den größten anzunehmenden Unfall in Form einer Kernschmelze, der sich nach etwa acht Stunden ereignen könne, sobald die letzten Backup-Kühleinheiten aufgebraucht seien, da die Dieselgeneratoren durch den Tsunami ausgefallen waren.

Die japanische Regierung war sich damit bereits am Tag der Katastrophe der Möglichkeit einer Kernschmelze bewusst, sträubte sich jedoch gegen die Veröffentlichung von Informationen.  Zu diesem Zeitpunkt hatte es noch keine Evakuierungsaufforderung gegeben, jedoch erklärte ein unidentifizierter Teilnehmer, dass irgendwann der Zeitpunkt kommen könnte, an dem eine Evakuierung von Einwohnern in einem 10-Kilometer-Umkreis um das Kraftwerk erforderlich werden würde.

Ein Teilnehmer sagte bei diesem ersten Treffen, bislang sei der Austritt von radioaktivem Material nicht bestätigt worden, daher bestehe auch keine Notwendigkeit, besondere Maßnahmen zu treffen.

Bei einem dritten Treffen, das am Nachmittag des 12. März 2011 stattgefunden hatte, brachte der  jetzige Außenminister Koichiro Gemba die Möglichkeit von stattfindenden Kernschmelzen ins Gespräch und fragte, ob in diesem Fall eine Evakuierungszone von zehn Kilometern ausreichend wäre.

Am selben Tag wurde ein Sprecher der Atomsicherheitsbehörde ausgetauscht, nachdem dieser eben jene Möglichkeit in einer Pressekonferenz angedeutet hatte.

Zu diesem Zeitpunkt wurde eine zehn Kilomter umfassende Evakuierungszone eingerichtet, die nach der Wasserstoffexplosion an Reaktor 1 die sich am 12. März um 18:25 Ortszeit ereignete, auf 20 Kilometer ausgeweitet wurde.

Während eines siebten Treffens am 14. März berief sich der damalige Premierminister Naoto Kan sich auf eine allgemeine Einigkeit der Experten, dieser Radius sei ausreichend. Gemba äußerte dagegen auch hier Zweifel, ob dies ausreiche, da es Wissenschaftler mit abweichender Ansicht gebe.

Die rekonstruierten Aufzeichnungen geben somit keine genaue Auskunft darüber, wie Entscheidungen wie etwa die Überarbeitung der Evakuierungszonen gefällt wurden. Damit sind die Prozesse der Entscheidungsfindung, die von der Regierung erfolgten, nach wie vor nicht wirklich nachvollziehbar.

Berichte und Artikel hierzu lieferten  mehrere Medien, etwa die Nachrichtenagenturen jiji und Kyodo, sowie die NHK.

Japan beendet jährliche Walfangsaison mit Defizit: Am heutigen Freitag erklärte der Minister für Fischerei, Michihiko Kano, die diesjährige Walfangsaison offiziell für beendet. Die Waljagd war bereits am Dienstag eingestellt worden. Die Schiffe seien seit gestern auf dem Rückweg nach Japan und werde dort Ende des Monats wieder eintreffen, teilte der Minister auf einer Pressekonferenz.

Kujira: Walfleisch im Kaufhaus Takashimaya in Osaka (Foto: Zenwort, cc-by)
Walfleisch im Kaufhaus Takashimaya (Foto: Zenwort, cc-by)

Im Gegensatz zum Vorjahr habe die Walfangflotte ihre Arbeit fast bis zum geplanten Zeitpunkt durchführen können. Damals hatten die Störaktionen der militanten Umweltorganisation Sea Shepherd zu einem vorzeitigen Abbruch geführt. Diesmal sei man durch den Begleitschutz des Fabrikschiffes durch ein Patroullienschiff der Fischereibehörde besser vorbereitet gewesen.

Die Aktivisten von Sea Shepherd hatten im Rahmen der „Operation Divine Wind“, mit deren Namen sie auf die  „göttlichen Wind“ (Shinpu/Kamikaze) in Gestalt zweier Taifune anspielen, die Japan zweimal vor Invasionen durch die mongolische Flotte geschützt hatten,  insgesamt 12 Störaktionen durchgeführt.

In der Pressekonferenz hiess es weiter, man sei weit hinter der erwarteten Fangrate zurückgeblieben – Schuld hieran sei das schlechte Wetter gewesen. Insgesamt konnten statt der geplanten 900 Wale nur 267  gefangen werden, davon 266 Zwergwale, statt der geplanten Zahl von 850 und lediglich einen Finnwal, statt der geplanten 50 Stück.

Die geringe Fangrate könnte eine Kürzung der Finanzmittel für die nächste Saison bedeuten, dies wüsse jedoch zunächst noch entschieden werden. Berichte hierzu fanden sich bei der NHK, der jiji und der Nachrichtenagentur Kyodo.

Regierung plant mehrere Zwischenlage nahe des AKW Fukushima: Wie Tatsuo Hirano, Minister für den Wiederaufbau heute erklärte, plane die Regierung den Bau von Zwischenlagern für radioaktive Abfälle an mehreren Stellen im Landkreis Futaba der Präfektur Fukushima, wo sich auch das gleichnamige Kernkraftwerk befindet. Damit weicht man vom ursprünglichen Plan ab, lediglich eine derartige Einheit zu errichten.

Dies geschehe, um die Last ein derartiges Zwischenlager für einen einzigen Standort zu verringern. Durch die Einrichtung mehrerer Zwischenlager soll auch die Bereitschaft der örtlichen Gemeinschaften gewonnen werden, da sich niemand genötigt sieht, alleine die Verantwortung zu tragen.

Auf einer Pressekonferenz erklärte Hirano zunächst, man werde verschiedene Gemeinden diesbezüglich fragen, dagegen sollen Einzelheiten des gegenwärtigen Plans voraussichtlich bei einem Treffen der acht Gemeinden des Landkreises Futaba vorgestellt werden. Unter ihnen gelten die Orte Futaba und Okuma, sowie Tomioka und Naraha als wahrscheinlichste Kandidaten für derartige Zwischenlager.  Das berichtet die Nachrichtenagentur jiji.

Bei Futaba und Okuma handelt es sich praktisch um Geisterstädte, in Naraha liegt das so genannte „J-Village“ – ursprünglich ein Sportzentrum, das nun als Hauptquartier und Wohnort für die Angestellten von TEPCO und deren Partnerunternehmen dient.

Teilnahme des Tenno an Gedenkfeier nach Untersuchung wahrscheinlich: Wie es von Quellen innerhalb des kaiserlichen Hofamtes heisst, ist die Teilnahme des Tenno an den Gedenkfeierlichkeiten anlässlich des Jahrestags des Tohoku-Erdbebens wahrscheinlich. Nach seiner Bypass-Operation und der anschließenden Punktion um angesammeltes Wasser aus dem Brustraum zu entfernen, unterzog er sich am heutigen Freitag einer Kontrolluntersuchung.

Der Zustand des 78-jährigen Symbol des Staates habe sich gebessert. Die Atemprobleme hätten sich nach der Entfernung der Flüssigkeit habe sich die Atmung deutlich verbessert, der Tenno zeige nun auch wieder Appetit.

Eine formale Ankündigung der Teilnahme steht noch aus. Jedoch ist davon auszugehen, dass seinem Wunsch bei den Feierlichkeiten anwesend zu sein, entsprochen wird. Allerdings  zieht man innerhalb des kaiserlichen Hofamtes eine Kürzung der bislang 40 Minuten dauernden Anwesenheit in Betracht. Das berichtet die Kyodo.

Von Seiten der NHK heisst es, der Tenno werde von seiner Gemahlin zur Veranstaltung in Tokyo begleitet werden. Teil der Zeremonie ist eine Schweigeminute zum Zeitpunkt, als sich das Beben um 14:46 Uhr Ortszeit (6:46 MEZ) ereignete. Die Teilnahme des Tenno werde zur Schonung seiner Gesundheit lediglich 20 Minuten betragen.

Neue Atomkontrollbehörde verzögert sich: Die neue Kontrollinstanz zur Sicherheit japanischer Atomanlagen wird vermutlich nicht wie geplant zum 1. April 2012 die Arbeit aufnehmen können. Das berichtet die Nachrichtenagentur jiji. Die neue Behörde sollte, als Instanz des Umweltministeriums Aufgaben der Atomsicherheitsbehörde NISA und der Atomsicherheitskommission wahrnehmen, nachdem ein Interessenkonflikt zwischen der NISA und dem ihr übergeordneten Ministerium für Wirtschaft immer deutlicher kritisiert wurde.

Ursache für die Verzögerung ist der Umstand, dass sich das Parlament nicht in der Lage sieht, ein entsprechendes Gesetz zu erlassen, da die Oppositionsparteien zunächst die Ergebnisse eines Berichts über die Situation der Anlage Fukushima Daiichi abwarten will. Eine Verzögerung des Arbeitsbeginns der neuen Instanz, könnte einen negativen Einfluss auf die Bemühungen der Regierung haben, die zur Zeit ruhenden Kernkraftwerke wieder hochzufahren.

1 KOMMENTAR

  1. Vorab ein großes Dankeschön für die vielen Fukushima-News. Ohne Euch würde man gar nichts mehr (auf Deutsch) zu lesen bekommen. Weiter so!

    Es ist erschreckend, was alles passiert ist. Aber es stellt sich die Frage, ob das nicht überall anders auch so passieren würde.

    Es ist Zeit, mit den Geheimnissen aufzuhören. Die Politiker sollen endlich mal sagen, was wirklich Sache ist. Jetzt, ein Jahr danach, hört man, daß es Pläne gab, Tokio zu evakuieren (Wobei die Umsetzung mehr als Fraglich ist). Explosionen wurden zum Teil erst viel später zugegeben. Und warum die Explosion von Reaktor 3 größer war als Wasserstoffexplosionen sonst, diese Frage wurde bis heute noch nicht beantwortet (Es bleibt nur eine Kettenreaktion als Auslöser für eine nukleare Explosion, aber das wird noch von Tepco verneint).

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