Start Aktuelles Japan aktuell: Illegale Dosimeter-Abschirmung am AKW Fukushima war effektiver als behauptet

Japan aktuell: Illegale Dosimeter-Abschirmung am AKW Fukushima war effektiver als behauptet

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Dekontamination mit Hochdruckreiniger in Fukushima am 15. Juni 2012 (Foto: TEPCO)
Dekontamination mit Hochdruckreiniger in Fukushima am 15. Juni 2012 (Foto: TEPCO)
Dekontamination mit Hochdruckreiniger in Fukushima am 15. Juni 2012 (Foto: TEPCO)
Arbeiten in Fukushima: Wurden Strahlungswerte stärker manipuliert, als vermutet? (Foto: symbolisch, TEPCO)

Was vom AKW Fukushima heute berichtet wird, war für kritische Leser wahrscheinlich absehbar. Entgegen anderslautenden Beteuerungen, war die Abschirmung der Dosimeter durch Blei effektiv genug, um die Arbeitszeit illegal zu verlängern.

Auch an anderer Stelle, nämlich den Aussagen zur Kühlung des Reaktors, nahm man es mit der Wahrheit nicht allzu genau.

Weitere Fukushima News und mehr zu dem, was abseits der AKW Fukushima aktuell sonst noch so geschah, wie üblich im Spreadnews Japan-Ticker vom 9. August 2012.

Unsere heutigen Themen:

  • Dosimeter-Manipulation hatte größeren Effekt als behauptet
  • TEPCO war gegen Meerwasserkühlung
  • Einwohner von Iitate erhalten Tablet-PCs
  • Naraha verliert um Mitternacht Sperrzonenstatus
  • Mehr als 30 Prozent der Katastrophenflüchtlinge in Morioka wollen nicht zurück
  • Gedenken zum 67. Jahrestag des Atombombenabwurfs auf Nagasaki

Dosimeter-Manipulation hatte größeren Effekt als behauptet: Die von Arbeitern am AKW Fukushima durchgeführte illegale Abschirmung der Dosimeter war effektiver als vom Hintermann der Aktion zunächst behauptet.

Das räumten Kraftwerksbetreiber Tokyo Electric Power (TEPCO) und Tokyo Energy and Systems Inc (TES), ein Unternehmen der TEPCO-Gruppe am gestrigen Mittwoch nach einem entsprechenden Test ein.

Zuvor hatte der verantwortliche Vorarbeiter des Subtunternehmens Build-Up ausgesagt, die Abschirmung sei wegen Ineffektivität nur einmal eingesetzt worden. Im Juli war bekannt geworden, dass der Angestellte andere Arbeiter angewiesen hatte, die zuvor angefertigten Bleiabschirmungen zu nutzen.

Tatsächlich hat ein Test nun ergeben, dass die aus einer drei Millimeter dicken Bleiplatte gefertigten Abschirmungen bis zu 30% der durch Dosimeter ermittelten Strahlung abschirmen und das Ergebnis so verfälschen konnte. Als Ergebnis konnten die Arbeiter länger arbeiten als gesetzlich zulässig, bevor der Alarm ertönte.

TES gestand ein, man sei im Bezug auf Dosimeter-Kontrollen und der Überprüfung von Arbeitsverträgen sehr sorglos gewesen und so verwundert es nicht, dass das Unternehmen nun auch bestätigte, dass acht der 12 Angestellten eines Subunternehmens, die daran beteiligt waren, unter illegalen temporären Arbeitsverträgen gearbeitet hatten.

Offiziell hätten sie als zeitweise Beschäftigte eines Subunternehmens von Build-Up registriert sein müssen – doch waren stattdessen bei drei weiteren Subunternehmen unter Vetrag, die keine Genehmigung für Zeitarbeiter hatten. Das erklärte Tokyo Energy and Systems.

Um eine Wiederholung dieser Fälle ebenso zu verhindern, wie die Anfang August entdeckte Arbeit eines Angestellte ohne jegliches Dosimeter, sollen nun doppelte Kontrollen, unter anderem durch einen Mitarbeiter am erdbebensicheren Hauptgebäude, der die Aushändigung von Dosimetern überwacht, eingeführt werden. Das berichtet die Asahi Shimbun.

TEPCO war gegen Meerwasserkühlung: Die öffentlich zugänglich gemachten Aufnahmen der Videokonferenzen machen deutlich, dass die TEPCO-Führung in Tokyo der Nutzung von Meerwasser zur Kühlung stärker abgeneigt war, als dies zumeist geschildet wurde, da man befürchtete, die Korrosion könne den Reaktor für eine künftige Nutzung unbrauchbar machen und ihn zur Stilllegung zwingen.

In den Aufnahmen erklärt eine nicht identifizierter Mitarbeiter,  seiner eigenen Meinung nach sei es „eine Verschwendung Meerwasser in Reaktor 2 zu pumpen, da es den Reaktoren korrodieren wird. Können Sie frisches Wasser hineinpumpen?“

Kraftwerksleiter Masao Yoshida verneinte dies offenbar und erklärte in dem Video, „Sie denken an eine weitere Nutzung des Reaktors, aber wenn wir uns auf normales Wasser beschränken, würde es zu spät sein“. Es werde derartig viel Kühlwasser benötigt, dass man Meerwasser benutzen müsse, berichtet etwa die jiji.

Dies wurde zwar zur Kenntnis genommen, jedoch blieb diese Option aus Angst vor Korrodierungen im Druckbehälter weiterhin unpopulär. Zu einem späteren Zeitpunkt wurde nach dem Unglück nach Einrichtung eines funktionierenden Kühlkreislaufs auch das hochgiftige Hydrazin eingespeist, das eine weitere Korrosion verhindern soll.

Im eigenen Endbericht zur Fukushima-Krise hatte TEPCO etwaige Vorbehalte oder Verzögerungen bei der Entscheidung zur Meerwasserkühlung bestritten.

Einwohner von Iitate erhalten Tablet-PCs: Norio Kanno, Bürgermeister der in drei Strahlungszonen aufgeteilten Ortschaft Iitate, hat allen Haushalten einen Tablet-PC zur Verfügung gestellt. Er hofft, dass die 2.485 Geräte, die über einen Zehn-Zoll-Touchscreen verfügen dazu beitragen werden, dass die Kommunikation zwischen den zurückgekehrten Bürgern und örtlicher Verwaltung verbessert wird.

Bei der öffentlichen Demonstration am gestrigen Mittwoch wurde etwa gezeigt, dass es allen Bürgern leichter möglich ist, verschiedene Informationen der Verwaltung zu erhalten sowie den Behörden Anfragen und Meldungen zukommen zu lassen. Auch vier Live-Webcams aus der Ortschaft stehen zur Verfügung.

Als Teil der Vorstellung des Kommunikationsnetzwerks, für dessen Einrichtung in Übergangshäusern 122,85 Millionen Yen reserviert sind, führte Kanno werbewirksam ein Videotelefonat mit dem 75 Jahre alten Joji Sato, der die Vereinigung der Übergangshausbewohner in Minamisoma (Präf. Fukushima) vertritt. Über die Einrichtung des neuen Angebots berichteten NHK und Yomiuri Shimbun.

Naraha verliert um Mitternacht Sperrzonenstatus: Die Ortschaft Naraha, die als fünfte von elf gemeinden im Bereich des Kraftwerks einer Neugliederung im Zonenmodell zugestimmt hatte, wird um Mitternacht ihren Status als stark eingeschränkte Zone verlieren. Dann gilt der Ort als Teil der Kategorie von Zonen mit einer radioaktiven Jahresbelastung von unter 20 Millisievert.

Dies macht für die 7.600 früheren Einwohner, die heute zumeist in Iwaki leben, Kurzaufenthalte auf dem Gelände möglich und die Regierung wird Vorbereitungen treffen, um den Evakuierungsbefehl aufheben zu können. Noch innerhalb dieses Monats sollen Dekontaminationsarbeiten beginnen, die bis zum März 2014 abgeschlossen sein sollen. Das berichtet die Nachrichtenagentur jiji.

Mehr als 30 Prozent der Katastrophenflüchtlinge in Morioka wollen nicht zurück: Wie eine Untersuchung der örtlichen Behörden, die am heutigen Donnerstag veröffentlicht wurde zeigt, wollen 36 Prozent der 550 im Juli befragten Haushalte aus den besonders schwer betroffenen Küstenregionen, die nach Morioka evakuierten, nicht zurückkehren.

Insgesamt 300 der 550 befragten Haushalte in Morioka antworteten auf die Umfrage und 36 Prozent von ihnen gaben an, nach dem Tohoku-Erdbeben und dem Tsunami weiterhin in Morioka bleiben zu wollen. Seit ihrer Flucht von den Küstengebieten leben mit stand vom 11. Juli etwa 1.534 Flüchtlinge in Morioka.

Zu ihrem bevorzugten Wohnort gefragt, gaben 17 Prozent an, sie wollten ihre Häuser in Morioka bauen, 19 Prozent wünschen sich Häuser dort zu mieten, während 40 Prozent noch unentschlossen seien. Lediglich 17 Prozent sagten, sie würden gerne in ihren Heimatort zurückkehren.

Diese von der Kyodo vorgestellten Zahlen zeigen, dass ein nicht unwesentlicher Teil der Personen eine Rückkehr aufgegeben hat. Verantwortlich hierfür ist eventuell auch das vergleichsweise hohe Alter der Befragten, denn etwa von ihnen waren 60 Jahre alt oder älter.

Gedenken zum 67. Jahrestag des Atombombenabwurfs auf Nagasaki: Am heutigen Donnerstag fanden im Friedenspark von Nagasaki in der Nähe des Ground Zero, des Hypozentrums, wo am 9. August 1945 der zweite Atombombenangriff der Geschichte erfolgte, die Gedenkfeierlichkeiten statt, an denen etwa 5.600 Personen teilnahmen.

Im Nagasaki Friedenspark (Foto: Σ64 cc-by)
Im Nagasaki Friedenspark (Foto: Σ64 cc-by)

Wie zuvor sein Amtskollege in Hiroshima zwei Tage zuvor, rief auch Tomihisa Taue, Bürgermeister von Nagasaki in seiner Friedenserklärung während der Zeremonie zur Ersetzung der Atomenergie durch erneuerbare Energien und zu einer Klärung von Japans Atompolitik auf.

Gestern hatten Kinder aus der Friedensfontäne im Park Wasser entnommen, dass heute symbolisch geopfert wurde. Dann folgte, um 11:02 Uhr Ortszeit, dem Zeitpunkt des Atombombenabwurfs eine Schweigeminute.

Unter den Teilnehmern befand sich auch Japans Premierminister Yoshihiko Noda, der in seiner eigenen Rede sein Versprechen, einen langfristigen Energiewechsel anzustreben erneuert, sowie ein Enkel des früheren US-amerikanischen Präsidenten Harry S. Truman, der den Abwurf beider Atombomben angeordnet hatte. Erstmalig war mit John Roos auch der Botschafter der USA anwesend.

Nicht zuletzt sprach auch Masanori Nakashima, Vertreter der Überlebenden der Atombombe und schilderte seine Ereignisse, die er als 15 Jahre alter Arbeiter in einer Munitionsfabrik von Mitsubishi, drei Kilometer vom Hypozentrum entfernt erlebte.

Atombombe auf Nagasaki am 9. August 1945
Atombombe auf Nagasaki am 9. August 1945

Ohne jede Vorwarnung fiel der Strom aus und es wurde pechschwarz in dem Tunnel. Nach einer kurzen Pause, wurde ich von einer extremen Druckwelle zu Boden geschleudert[…]

Er beschreibt, wie er aus der Anlage flieht und seine Eindrücke auf dem Weg durch die Stadt: „Ich sah eine in sich zusammengefallene Mutter, die ein totes Kind hielt, und Kinder die neben toten Körpern lagen und weinten. Ich hörte Stimmen, die nach Wasser riefen[…]

Ich schaffte es schließlich zur Yanagawa-Brücke. Als ich dort ankam sah ich verkohlte Menschen und Pferde auf der gesamten Brücke verteilt liegen. Unter den Toten war jemand, dem die inneren Organe durch den Mund herausgedrückt worden waren„.

Die Stahlfabrik von Mitsubishi war komplett zusammengeschmolzen. Ich hörte Stimmen aus dem Inneren nach Hilfe schreien, doch da es nichts gab, was ich hätte tun können, lief ich weiter zum Urakami-Fluß.

Als ich dort ankam war er voller Menschen, die Verbrennungen und andere Verletzungen erlitten hatten und bei der Suche nach Wasser aufeinander zusammengebrochen waren und sich stapelten. Es waren so viele tote Menschen dort, dass es fast keinen Platz mehr zum Gehen gab„.

Nakashima beendete seine Rede mit den Worten:

Wenn es keine Kriege gegeben hätte und keine Atomwaffen, dann wäre diese Tragödie nicht passiert. Ich schwöre dass, so lange ich lebe, damit fortfahren werde, zu einer friedlichen Welt  aufzurufen, in der alle Länder Atomwaffen abschaffen und aufhören Kriege zu  führen.

Zuletzt möchte ich erneut mein Mitgefühl für die über 150.000 Opfer der Atombombe aussprechen. Ich bete für die schnelle Gesundung jener, die heute immer noch an den Nachfolgen leiden“.

Die vollständigen Reden des Premierministers, des Bürgermeisters und des Vertreters der Atombombenopfer veröffentlichte etwa die Mainichi Shimbun.

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