Start Aktuelles Japan aktuell: Kein Jahresrückblick auf Fukushima

Japan aktuell: Kein Jahresrückblick auf Fukushima

86267
5
TEILEN
Die große Welle (Copyright by Fuchskind)
Die große Welle (Copyright by Fuchskind)
Die große Welle (Copyright by Fuchskind)
Die große Welle (Copyright by Fuchskind www.fuchskind.de)

Die Naturkatastrophen des 11. März 2011  – ein Jahr nach dem schweren Erdbeben und dem verheerenden Tsunami, die zu Japans bislang schwerster Atomkatastrophe führten, blickt die Weltöffentlichkeit wieder nach Japan.

Bereits in den Tagen zuvor, konnte man sich den zahlreichen Sondersendungen und Extra-Artikeln, Analysen und Enthüllungen kaum entziehen.

Spreadnews berichtet seit dem ersten Tag der Katastrophe täglich von Montag bis Freitag über die Geschehnisse in Japan.

Während wir nach einem Ticker zur Akutphase der Krise so aktuell wie möglich berichteten, führten wir unsere Berichterstattung weiter. In den meisten deutschen Medien wurde Fukushima nur noch aufgegriffen, wenn es zu weiteren Krisen kam.

Die nun stattfindenden zahlreichen Rückblicke und Reportagen sehen wir dagegen auch als den Versuch einer Kompensation der fehlenden Berichterstattung eines ganzen Jahres. Aus eben diesem Grund wird es an dieser Stelle auch keine ausführliche Retrospektive geben, sondern vielmehr den Versuch, weiter vorwärts zu denken.

Das vermutlich stärkste Symbol für das Vertrauen in eine ungewisse Zukunft, das diese Krise für ihre zahlreichen überlebenden Opfer mit sich brachte, ist nicht von Menschenhand gemacht.

Etwa 70.000 Bäume umfasste einst ein Kiefernwald nahe Rikuzentakata, in der Präfektur Iwate. Der Tsunami des 11. März 2011 riss nicht nur die Ortschaft mit sich, sondern auch den gesamten Wald – bis auf einen einzigen Baum. Diese Kiefer, die als einzige überlebte und als „Kiseki no ippon matsu“ (奇跡の一本松), als einzelner wundersamer Baum bekannt wurde, gab nach Angaben der Katastrophenopfer ihnen  die Zuversicht, wie dieser Baum überleben zu können.

Kiseki no ippon matsu - Die wundersame Kiefer der Hoffnung (Foto: Jacob Ehnmark cc-by)
Kibō no matsu - die Kiefer der Hoffnung in Rikuzentakata (Foto: Jacob Ehnmark cc-by)

Nun heisst es, die Hoffnung stirbt zuletzt und tatsächlich wird auch diese Kiefer, die als „Kibō no matsu„, oder Baum der Hoffnung galt, sterben. Trotz zahlreicher Rettungsversuche hat das salzhaltige Meerwasser die Wurzeln zu sehr geschädigt, als dass der Baum noch eine Chance hätte. Doch dies ist nicht das Ende.

Neben den Bemühungen, den Stamm in der gegenwärtigen Form als Symbol zu erhalten, wurden auch Setzlinge der Pflanze genommen, die sich nach Angaben der Züchter überraschend gut entwickeln und so bleibt abzuwarten, ob es den Nachkömmlingen des nach Leben strebenden Baumes vergönnt sein wird, eines Tages wieder als Wald bestehen zu können.

Für die Menschen in Japan ist trotz aller Erschwernisse durch Stromsparmaßnahmen und aller bürokratischen Hürden, der Wunsch nach Alltag und Normalität stark. So blendet man so gut wie möglich das aus, was nicht gesehen werden soll. Doch Dinge wie etwa die Hinweise zur erfolgten Strahlungsprüfung von Produkten in Läden, werden die Folgen der Naturkatastrophen noch eine Zeit im Gedächtnis der Menschen halten.

Tatsächlich ist das Vergessen eine der Sorgen, mit denen der Wiederaufbau und die immer noch ungeklärte Entsorgung radioaktiv belasteter Trümmer zu kämpfen haben werden. Bereits am Mittwoch hatte mit 50,2 Prozent etwas mehr als die Hälfte der Befragten einer Umfrage der Dentsu Inc. angegeben, man denke, dass die Naturkatastrophen bald vergessen und nicht ausreichend Lektionen hieraus gezogen worden, um auf das lang erwartete große Riesenbeben vorbereitet zu sein.

Die internationale Hilfe nach dem Unglück des Tohoku-Erdbebens am 3/11 war überwältigend und sowohl Nationen mit denkbar schlechtem Image wie der Iran, sandten Hilfskräfte –  als auch Länder wie Bangladesch, das als Inbegriff der Armut gilt und dennoch 2.000 Decken, 500 Gummistiefel und 1.000 Gummihandschuhe spendete, zeigen die große Anteilnahme.

Umso trauriger scheint es da, dass ähnlich wie bei den Terroranschlägen vom 11. September 2001 am so genannten 9/11 nun auch im Rahmen der Fukushima-Krise zu abstrusen Verschwörungstheorien kommt.

Die Behauptung, Israel habe sich durch den Einsatz des Stuxnet-Computerschädlings die Kernschmelzen am AKW Fukushima Daiichi an Japan für die Unterstützung eines unabhängigen Palästinenserstaats gerächt, zeigt sich als Vorwand für die Ablehnung eines bestimmten gesellschaftlichen Systems und der Diskriminierung. Israel war im Übrigen die erste Nation, die ein vollständiges Feldlazarett vor Ort aufbieten konnte.

Andere Umstände der Krise, wie etwa die heldenhaften Gestalten der „Fukushima 50“ mögen in ihrer idealisierten Form ein Produkt der Medien gewesen sein und ihre ebenso selbstmörderischen wie vergeblichen Einsätze auch eher aufgrund gesellschaftlichen Drucks, als aus eigener Überzeugung geleistet haben. Den Menschen hinter der Legende gebührt jedoch Respekt, wie auch allen anderen Helfern, mögen es nun 50 oder Hundert gewesen sein. Nicht umsonst stieg auch das Ansehen der Selbstverteidigungsstreitkräfte nach ihrem Einsatz.

Was bringt die Zukunft?  Verzögerten Wiederaufbau, Schwierigkeiten bei der Auszahlung von Entschädigungsleistungen (auch meldet eine Umfrage der Mainichi Shimbun am 9. März 2012, bislang hätten aus Unzufriedenheit mit dem Angebot, 57 Prozent keine Entschädigung beantragt) und sicher auch weitere Meldungen über die radioaktive Kontamination braucht man nicht hellseherisch zu prognostizieren.

Doch auch wenn der vollständige Wiederaufbau der Krisengebiete, die gänzliche Demontage der Reaktoren am Atomkraftwerk Fukushima Daiichi noch viele Jahre dauern und bestimmte Gebiete über Generationen hinweg nicht mehr bewohnbar sein werden – aus den Fehlern der Vergangenheit zu lernen und für die Zukunft vorbereitet zu sein ist Voraussetzung, um weiter mit einem pragmatischen Fatalismus positiv leben zu können.

5 KOMMENTARE

  1. Japan ist nicht vergessen – auch dank Euch!

    Vielen Dank für die immer aktuelle Berichterstattung, bitte macht weiter!

  2. Ich möchte mich bedanken, dass diese Seite weiter in so aktueller Form berichtet, Ihr habt mir in diesem Jahr viele wertvolle Informationen vermittelt, die ich sonst nicht erfahren hätte. Vielleicht könntet Ihr Euch auf die Suche einer Partnergemeinde begeben, die wir von hier aus unterstützen könnten? Berichtet doch auch mal mehr über unabhängige Projekte, die es wert wären unterstützt zu werden.

    Danke und liebe Grüße
    Tanja

  3. Seit März 2011 verfolge ich nun bereits fast täglich die Fukushima News auf SpreadNews und will an dieser Stelle einen Dank aussprechen. Realistisch, fundiert und kritisch, so funktioniert gute Berichterstattung und da können sich viele Internetpräsenzen eine Dicke Scheibe von ihnen abschneiden! Merci und weiter so!

Comments are closed.