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Japan aktuell: Menschen hinter den Schlagzeilen der Fukushima-Katastrophe

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Gedenklicht für die Opfer mit
Gedenklicht für die Opfer mit "Kizuna"-Kanji 2012 (Foto: reishi-san cc-by)
Gedenklicht für die Opfer mit "Kizuna"-Kanji 2012 (Foto: reishi-san cc-by)
Gedenklicht für die Opfer mit "Kizuna"-Kanji 2012 (Foto: reishi-san cc-by)

Zwei Jahre sind vergangen, seit sich die „Große Erdbebenkatastrophe Ostjapans“ ereignete und mit einem daraus resultierenden Tsunami die Küstengebiete der Region Tohoku im Nordosten von Japans größter Hauptinsel Honshu verwüstete.

Verwüstet wurde auch die Anlage des Kernkraftwerks Fukushima Daiichi, was zu Japans bislang schwerster Reaktorkatastrophe führte.

Spreadnews berichtete seit dem ersten Tag der Katastrophe zunächst in einem Live-Ticker, um dann bis zum heutigen Tag die Berichterstattung über die Entwicklungen am AKW Fukushima fortzuführen.

Was bleibt nach diesen zwei Jahren voller dramatischer Meldungen?

Vor allem die stetige Mahnung, dass es – trotz aller Berichte über Reaktorlecks, Messwertmanipulationen und Verschleierung technischer Mängel vor allem um eines geht – das Schicksal von Menschen.

Deshalb ist es uns ein besonderes Anliegen, Sie auf eine neue Serie von Artikeln hinzuweisen: Im Rahmen der Serie „Katastrophenhelfer in Japan„, werden in zweitägigem Rhythmus die Erfahrungen eines deutschen Rettungsteams in Japan vorgestellt. In den ersten beiden Artikeln erfolgt das Ausräumen von Mythen – danach persönliche Erfahrungsberichte.

Den ersten Artikel finden sie hier: Katastrophenhelfer in Japan: Im Schatten von Fukushima. Der zweite Teil erscheint am 13. März

Wer aber sind diese Menschen der Tohoku-Katastrophe und des Kraftwerksunglücks?

Der Fukushima Pointing Man am 28. August 2011 (Foto: TEPCO)
Der Fukushima Pointing Man am 28. August 2011 (Foto: TEPCO)

Da sind die Kraftwerksarbeiter im AKW Fukushima: Zunächst als „Fukushima 50“ zu tragischen Helden stilisiert, wurden sie später zum Sinnbild für die Skrupellosigkeit eines Unternehmens, das ihnen Risiken verschwieg, sie vorsätzlich in Gefahr brachte und dessen Leistungsdruck so groß wurde, dass sie Dosimeter manipulierten, um länger in verstrahltem Gebiet arbeiten zu können.

Die in provisorischer Schutzkleidung durch stark radioaktiv belastetes Wasser wateten, so dass ihnen die verseuchte Flüssigkeit in die notdürftig gesicherten Stiefel schwappte und die sich auf Befehl des Kraftwerksleiters über Befehle von Bürokraten hingwegsetzten, die längst den Überblick verloren hatten.

Da sind die Überlebenden der Naturkatastrophen: Menschen, die beim Erdbeben reagierten, wie sie es dutzendfach übten – Schutz unter einem Tisch suchen, nach Beruhigung der ersten Erdstöße mögliche Brandquellen ausschalten, Ruhe bewahren und eine Tür oder Fenster als Rettungsweg öffnen –

Menschen, die sich in den Großstädten mit ungewohnten Stromausfällen und Energiesparmaßnahmen konfrontiert sahen, so dass sogar die bekannte Leuchtreklame des Hauptsitzes von „Yodobashi Kamera“ im Tokyoter Stadteil Nishi-Shinjuku finster blieb und sie vor leergeräumten Regalen in den Geschäften standen, wo Wasser in Flaschen schneller ausverkauft war, als sich mancher vorstellen kann.

Die ihren Alltag zwischen Läden mit Notbeleuchtung, Ampelanlagen ohne Strom und immer wieder unterbrochen von Nachbeben bestritten

Menschen in den Küstengebieten: die zwar die Tsunami-Warnung hörten, doch von der Höhe des Tsunami überrascht wurden, so dass sie zusehen mussten, wie neben ihren Häusern auch Familienangehörige, Freunde und Nachbarn fortgespült wurden, weil zum Teil selbst als sichere Evakuierungsorte geltende Gebäude den Wassermassen keinen Widerstand bieten konnten.

Fischersfrauen am 15. März 2011 an der Tohoku-Küste (Copyright: Andreas Teichert/DTRG e.V.)
Fischersfrauen am 15. März 2011 an der Tohoku-Küste (Copyright: Andreas Teichert/DTRG e.V.)

Menschen, die durch den Tsunami ihre Lebensgrundlage als Fischer, Reisbauer, oder Unternehmer verloren, weil die Fluten alles mit sich rissen und nur Trümmer und Zerstörung hinterliessen.

Menschen, die nach Ausbruch der Reaktorkatastrophe am Kernkraftwerk Fukushima Daiichi zur Evakuierung aufgefordert und wie man später erfuhr, auch durch Gebiete geschickt wurden, in denen sie besonders schweren Strahlungsbelastungen durch den radioaktiven Niederschlag ausgesetzt waren.

Menschen die evakuiert wurden: und in Folge in Turnhallen ausharren mussten, wo sich ihre Privatsphäre auf die Größe eines Badelakens beschränkte. Deren Angehörige dort starben, weil sie den Belastungen der Evakuierung nicht mehr standhielten, oder weil man ihren besonderen medizinischen Erfordernissen nicht entsprechen konnte.

Menschen die nun auf unbestimmte Zeit in Übergangshäusern leben müssen, ihrer früheren Gemeinschaft und Umgebung entrissen, mit ungewisser Aussicht auf mögliche Rückkehr

Menschen, die bereits jetzt Diskriminierungen, ähnlich den der Atombombenopfer von Hiroshima und Nagasaki (Hibakusha) ausgesetzt sind und denen Wohnungssuche und die Suche nach Arbeitsplätzen erschwert wird, sobald Vermieter oder Arbeitgeber erfahren, dass sie aus den schwer verstrahlten Gebieten stammen.

Nicht vergessen werden sollten die Mitarbeiter von TEPCO: Angestellte, die vorher stolz auf ihr Unternehmen waren und hart arbeiteten, nur um jetzt große Stapel von Beschwerdeschreiben und Androhungen juristischer Klagen in Empfang nehmen und abarbeiten zu müssen.

Bild der TEPCO Notfallzentrale Foto: TEPCO
Arbeiter in der TEPCO-Notfallzentrale (Foto: TEPCO)

All diese Menschen und ihre Schicksale scheinen, nicht zuletzt auch aufgrund einer Zeitspanne von zwei Jahren, ganz weit weg zu sein, doch tatsächlich sind sie uns näher, als manch einer denken mag.

Auch wenn Großbeben und Riesenwellen nicht zu den täglichen Bedrohungen in Deutschland gehören mögen – mit ihrer Angst um eine ungewisse Zukunft, vor gesundheitlichen Problemen und der Trauer um Angehörige sind die Menschen in Japan uns menschlich genau so nahe, wie unsere Verwandten.

Was können wir für uns aus Japans Katastrophen lernen ?

Nach den Naturkatastrophen und den Kernschmelzen in den Reaktoren, ist der Name „Fukushima“, der eigentlich die poetisch klingende Bedeutung „Glücksinsel“ hat, zum Synonym für die totale Katastrophe geworden.

Verstopfte Verkehrswege während der Rush-hour, Hektik und Stress auf dem Straßen, unfreundliche Kassiererinnen in überfüllten Supermärkten, gehören so sehr zu unserem Alltag, dass wir erst realisieren, was für ein Glück ein ganz normaler Alltag darstellt, wenn wir durch eine Katastrophe aus unserer Normalität gerissen werden.

Wenn wir den Alltag also ein Stück weit als das begreifen was er ist – ein Zustand relativer Sicherheit der es uns ermöglicht, einem vergleichsweise gedankenlosen Lebensstil zu pflegen, der aber durch dramatische Ereignisse plötzlich jede Selbstverständlichkeit verlieren kann – dann können wir vielleicht zumindest ein Stück Dankbarkeit empfinden, wenn wir bislang von unserem persönlichen Fukushima verschont geblieben sind.

Die Redaktion

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