Start Aktuelles Japan aktuell: Neuer Cäsium-Rekordwert für Fukushima-Hafeneinfahrt erreicht

Japan aktuell: Neuer Cäsium-Rekordwert für Fukushima-Hafeneinfahrt erreicht

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Präfektur Fukushima: Radioaktives Kobalt im Boden nachgewiesen (Symbolbild: pd)
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AKW Fukushima: Neuer Cäsiumrekord in Hafeneinfahrt (Grafik: pd)

Bereits das Wochenende sorgte beim Betreiber des Kernkraftwerks Fukushima aktuell zu neuen Rekorden und Unsicherheit im Bezug auf Strahlungsmessungen.

Wenn zum Wochenbeginn am AKW Fukushima heute zumindest beratende Hilfe aus dem Ausland eintrifft, kann man dies fast schon als Verbesserung bezeichnen.

Details zu den Einzelmeldungen der Fukushima News, sowie zu den weiteren Themen, jetzt im Spreadnews Japan-Ticker vom 14. Oktober 2013.

Unsere Themen zu Wochenbeginn:

  • Neuer Cäsium-Rekordwert für Fukushima-Hafeneinfahrt erreicht
  • Cäsiumwerte an Tanks angeblich durch Sedimente verfälscht
  • Strahlungsbelastung der Fukushima-Arbeiter liegt möglicherweise 20 Prozent höher
  • Größte Atomkraftgegner-Demo seit Reaktorabschaltung
  • Windrichtung bei Evakuierungsübung berücksichtigt
  • IAEA-Team nimmt Umweltmanagement-Mission auf

Neuer Cäsium-Rekordwert für Fukushima-Hafeneinfahrt erreicht: Wie der Kraftwerksbetreiber TEPCO am Samstag, dem 12. Oktober bekannt gab, habe man an der Einfahrt des Hafenbereichs, zwischen dem Hafenbereich um das Kraftwerk und den umgebenden Ozean, steigende Werte an radioaktivem Cäsium nachweisen können.

Offizielles Standardfoto des Atomkraftwerks Fukushima Daiichi (Foto: TEPCO)
AKW Fukushima: Cäsium-Rekordwert für Hafeneinfahrt (Symbolfoto: TEPCO)

Mit Zahlen von insgesamt 10 Becquerel an Cäsium-134 und Cäsium-137 an der Hafeneinfahrt ist dies der höchste gemessene Wert seit Beginn der dortigen Entnahme von Wasserproben im Juni 2013. Der bisherige Rekordwert an radioaktivem Cäsium in der Hafeneinfahrt war am 19. August 2013 nachgewiesen worden und betrug 1,6 Becquerel an Cäsium-134 und 4,7 an Cäsium-137.

Obwohl die Weltgesundheitsorganisation WHO für Trinkwasser eine Maximalbelastung mit radioaktivem Material auf 10 Becquerel pro Liter festgelegt hat, erklärte der Kraftwerksbetreiber TEPCO, der Einfluss auf die Umwelt durch den jüngsten Rekordwert sei vernachlässigbar.

Das Kraftwerk hatte zuletzt eine ganze Reihe von Turbulenzen und Rekorden. Nachdem zuvor am 8. Oktober in einer Distanz zur Hafeneinfahrt 1,4 Becquerel an Cäsium-137 entdeckt worden waren,  folgte am 10. Oktober an einem Messposten der Nachweis von 320.000 Becquerel an Tritium – es war der erste Mal, das eine Grundwasserbelastung über 300.000 Becquerel pro Liter nachgewiesen wurde.

Während am Vortag die Cäsiumwerte praktisch unter dem Nachweiswert gelegen hatten, kam es am vergangenen Freitag, dem 11. Oktober, über Nacht zum Anstieg auf 2,7 Becquerel an Cäsium-134 und 7,3 Becquerel an Cäsium-137.

Cäsiumwerte an Tanks angeblich durch Sedimente verfälscht: Am Sonntag lagen die  Werte von Cäsium-134 an der Abflussrinne eines Tanks bei 1.000 Becquerel pro Liter, was im Vergleich zum Samstag einen deutlichen Anstieg bedeutet. Der Messwert von Cäsium-137 lag mit 2.300 Becquerel pro Liter noch höher.

Da jedoch im weiteren Verlauf des Abflusses an einer anderen Stelle praktisch keine Änderungen zum Samstag nachgewiesen werden konnten, vermutete TEPCO, bei der ersten Entnahme könnten bei der Wasserprobe aufgenommene Sedimente das Ergebnis verfälscht haben. 

Eine erneute Analyse ergab dann tatsächlich nur noch eine Belastung von 83 Becquerel (Cäsium-134) bzw. 220 Becquerel (Cäsium-137) pro Liter. Da auch keine signifikanten Abweichungen bei den Betastrahlern auftreten, sieht TEPCO das Szenario aufgewirbelter Sedimente als wahrscheinlich an.

Strahlungsbelastung der Fukushima-Arbeiter liegt möglicherweise 20 Prozent höher: Ein wissenschaftlicher Ausschuss der UN kommt zu dem Schluss, dass die japanische Regierung die inkorporierte Strahlungsbelastung unmittelbar nach Ausbruch der Fukushima-Krise und in der Akutphase bis zu 20 Prozent unterschätzt haben könnte.

Schulung zur Messung von Strahlung und Dekontamination eines Patienten (Foto: TEPCO)
Schulung zur Messung von Strahlung und zur Dekontamination eines Patienten (Foto: TEPCO)

Zu diesem Schluss kommt der Wissenschaftliche Ausschuss der Vereinten Nationen zur Untersuchung der Auswirkungen der atomaren Strahlung (UNSCEAR) nach der Auswertung von Daten zur Menge des freigesetzten radioaktiven Materials, die durch Japans Regierung, den Kraftwerksbetreiber TEPCO und weitere Stellen zur Verfügung gestellt wurden.

Auch die Strahlungsinformationen der 25.000 Arbeiter, die bis spätestens Oktober 2012 an der Anlage arbeiteten, flossen in den Bericht ein und machten Mängel deutlich.

So wurde die Schilddrüsenbelastung der Arbeiter nicht nur mit deutlicher Verzögerung nach ihrem Einsatz getestet – die radioaktiven Isotope iod-132 und Iod-133 die nur kurze Halbwertszeiten von zwei bzw. 20 Stunden haben, wurden bei der Strahlungsbestimmung völlig ignoriert.

Wenn man diese Aspekte mit der Menge an radioaktivem Material und der Art der radioaktiven Substanzen berücksichtige, so gelange man zu dem Schluss, dass zu Beginn der Krise die tatsächliche Strahlungsbelastung der Arbeiter um 20 Prozent unterschätzt worden sei.

Sollte diese Einschätzung stimmen, hätten mehr Arbeiter ein Anrecht auf langfristige Gesundheitskontrollen. Deren Gewährung hängt derzeit von der Strahlungsbelastung ab. Bislang sind 1.100 Personen aufgrund einer Ganzkörperbelastung von mehr als 50 Millisievert und weitere 2.000 aufgrund von niedrigeren Werten, aber Schilddrüsenbelastungen über 100 Millisievert berechtigt.

Doch auch andere Maßnahmen, die eine langfristige Beurteilung der Risiken für die Arbeiter überhaupt erst möglich machen würden, sind nach wie vor nicht gänzlich getroffen.

Tokyo Regierungsgebäude Nummer 5: Ministerien für Arbeit, Soziales, Gesundheit und Umwelt
Gesundheitsministerium fehlen Daten von Fukushima-Betroffenen (Foto: pd)

Vielfach haben Unternehmen trotz der gesetzlichen Verpflichtung weder Gesundheitskontrollen durchgeführt, noch entsprechende Gesundheitsberichte an die Regierung übermittelt.

Eine vom Gesundheitsministerium geplante Datenbank mit den Gesundheitsinformationen der Arbeiter zur Langzeitbeobachtung der Strahlungsfolgen, krankt an dem Vorgehen der Beteiligten. Im Fall der Datenanforderung von 20.000 Arbeitern die bis Dezember 2011 tätig waren, fehlen mit Stand vom August 2013 in 4.297 Fällen grundlegende Gesundheitsdaten.

Von TEPCO und dessen 81 Hauptvertragspartnern sind bis heute nicht die geforderten Daten eingesandt worden. Im Fall einiger Unternehmen gehen die UN-Experten davon aus, das überhaupt keine Gesundheitskontrollen erfolgten.

Die wichtigen Daten zur Schilddrüsenbelastung liegen den Experten vielfach nicht vor, da in der Datenbank zwar unter anderem auch die unterschiedlichen Strahlungsangaben und Untersuchungsergebnisse zu Lungenkrebs, Darmkrebs und anderen Krebsarten vorhanden sind – Im Fall der Schilddrüse wurde die Strahlungsbelastung nicht mit abgedeckt und Untersuchungsergebnisse liegen nur in Teilen vor.

Über diese Entdeckung berichteten unter anderem Kyodo, Mainichi Shimbun und Asahi Shimbun.

Größte Atomkraftgegner-Demo seit Reaktorabschaltung: Am Sonntag versammelten sich nach Angaben der Organisatoren 40.000 Demonstranten in Japans Hauptstadt Tokyo, um gegen die Atompolitik der Regierung zu protestieren. Bei ihrem Marsch durch das Zentrum der Hauptstadt verliehen sie ihrem Unmut durch entsprechende Parolen Ausdruck.

Tokyo: Atomkraftgegner-Demo am 29. Juli 2013 (Foto: Hajime Nakano, cc-by)
Erneut Proteste von Atomkraftgegnern in Tokyo (Abb. symbolisch, Hajime Nakano, cc-by)

Nach Einschätzung der jiji handelt es sich um die größte Demonstration von Atomkraftgegnern, seit der letzte Reaktor des Landes am 15. September vom Netz ging. Die Teilnehmer werfen Premierminister Shinzo Abe vor, wissentlich gelogen zu haben, als er gegenüber dem Internationalen Olympischen Komitee behauptet hatte, die Situation am AKW Fukushima sei unter Kontrolle.

Zu den Protestierenden gehörte auch der japanische Literaturnobelpreisträger Kenzaburo Oe, der bereits an einer ganzen Zahl von Demonstrationen teilgenommen hatte und die Atomkraftgegner moralisch unterstützt. Über die Proteste entlang des Industrieministeriums und des TEPCO-Hauptsitzes berichteten Asahi Shimbun und jiji.

Windrichtung bei Evakuierungsübung berücksichtigt: Nachdem am Sonntag die große Katastrophenübung am AKW Sendai mit dem Ausrufen des Notstands durch den Premierministers und einer simulierten Pressekonferenz verbunden gewesen war und anschließend endete, hielt die Stadt Nagaoka eine ungewöhnliche Übung ab.

AKW Kashiwazaki-Kariwa (Foto: TEPCO)
Das AKW Kashiwazaki-Kariwa (Foto: TEPCO)

Etwa 6.400 Einwohner, die nahe des AKW Kashiwazaki-Kariwa lebten, beteiligten sich an der Übung, in der auch die Windrichtung zum Zeitpunkt der simulierten Katastrophe berücksichtigt wurde. Unter der Prognose, dass der Wind nach Südosten wehen wurde, wurden die Einwohner angewiesen, sich in Evakuierungszentren außerhalb dieser Windrichtung zu begeben.

Allerdings wurde dann im Stadtzentrum etwa eine halbe Stunde lang Nordwinde gemessen, was bedeutet hätte, dass sich die Flüchtlinge in den Bussen einer Zone genähert hätten, in der starker radioaktiver Niederschlag (Fallout) zu erwarten sei. Daher hoffen die Verantwortlichen entsprechende Maßnahmen zu finden, mit denen Evakuierungsverläufe schneller angepasst werden könnten.

Im Fall der Fukushima-Katastrophe hatte man die Daten des SPEEDI-Systems zur Vorausberechnung der Verbreitung nicht genutzt, so dass Anwohner unwissentlich in stärker kontaminierte Gebiete geflohen waren (Spreadnews berichtete am 28. Dezember 2011).

Die Übung vom Wochenende ist für die Einwohner von Nagaoka von besonderem Interesse, da der Elektrizitätskonzern TEPCO im vergangenen Monat die Durchführung von Sicherheitskontrollen beantragt hatte. Diese sind Voraussetzung für den Neustart von Reaktoren. Über die Übung berichtete die NHK.

IAEA-Team nimmt Umweltmanagement-Mission auf: Am heutigen Montag begann ein 16-köpfiges Team unter der Leitung von Juan Carlos Lentijo ihre einwöchige Mission in Japan. Nach Angaben von Lentijo, der bereits bei der ersten IAEA-Mission im Oktober 2011 in Japan war, besteht die Hauptaufgabe in der Beratung von Behörden in Umweltfragen.

Fukushima: Dekontamination von Bäumen mit Hochdruckreinigern im Juni 2012 (Foto: TEPCO)
Fukushima: Dekontamination von Bäumen mit Hochdruckreinigern im Juni 2012 (Foto: TEPCO)

Insbesondere die allgemeine Senkung der Strahlungswerte und die Klärung, wie radioaktiv kontaminiertes Erdreich effektiv und sicher entsorgt werden kann, gehören zu den Themen der Experten. Nach den ersten Hilfestellungen im Oktober 2011 wolle man nun sehen, ob den Empfehlungen tatsächlich gefolgt werde.

Bis zum Ende des Einsatzes am kommenden Montag will das Team einen ersten Bericht für die japanische Regierung erstellen. Darin werden sich voraussichtlich auch Empfehlungen finden, wie die Dekontamination effizienter durchgeführt werden.

Hierüber berichteten etwa Kyodo und jiji.

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