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Japan aktuell: Plan für neues Fukushima-AKW aufgegeben

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Japan-Karte: Radioaktivität in Japan (Foto:pd)
Fukushima-Sperrzone: Langzeitbetroffene planen erstmals Klage (Symbolfoto: pd)
Japan-Karte: Präfektur-Fukushima radioaktiv (Foto: pd)
Kein neues Kraftwerk in Präfektur Fukushima (Foto: pd)

Die Vorstellung, nach der Katastrophe am AKW Fukushima Daiichi ein weiteres Kernkraftwerk in der Präfektur zu bauen, scheint sicher nicht nur für überzeugte Atomkraftgegner widersinnig. Dennoch bestanden solche Pläne.

Neben verworfenen Plänen gibt es aus der Präfektur Fukushima aktuell weitere interessante Meldungen. So wird etwa über indirekte Auswirkungen der Krise auf die körperliche Entwicklung von Kindern berichtet.

Manipulationen der Atomlobby sind neben den Geschehnissen rund um Fukushima heute ebenso Thema, wie die Möglichkeit, eine Stadt in der Sperrzone virtuell zu besuchen.

Einen persönlichen Einblick in die Bemühungen deutscher Helfer unmittelbar in den Folgemonaten nach der Katastrophe angesichts der Situation vor Ort, finden Sie im letzten Teil der Serie „Katastrophenhelfer in Japan“ der morgen erscheint.

Details zu den Fukushima News und den sonstigen Nachrichten jetzt wie üblich im Spreadnews Japan-Ticker vom 28. März 2013.

Unsere heutigen Themen:

  • Tohoku Electric gibt Plan für neues Fukushima-AKW auf
  • Angaben zu aktiver Verwerfung unter Tokyo korrigiert
  • Atomkonzern stellte Mehrheit der Anwesenden bei Bürgeranhörung
  • Zahl der Plattfüße bei Fukushima-Kindern gestiegen
  • Namie kann durch Google Street View besichtigt werden

Tohoku Electric gibt Plan für neues Fukushima-AKW auf: Der Energiekonzern Tohoku Electric teilte heute mit, man habe das im Jahr 1968 begonnene Projekt zum Bau des Kernkraftwerks AKW Namie-Odaka, dass sich an der Grenze der Gemeinde Namie und der Stadt Minamisoma erstreckt hätte, aufgegeben.

Es ist das erste Mal seit der Katastrophe des 3/11, das ein japanisches Unternehmen einen Plan zum Atomkraftwerksbau fallen lässt. Als Grund für das Ende des AKW-Projekts, das  825 Megawatt hätte liefern sollen, gab das Unternehmen die anhaltende Ablehnung der Bürger vor Ort an.

Der Bauplan war bereits im vergangenen Frühling zunächst vom bisherigen Zeitrahmen „Fiskaljahr 2016“ auf „unbestimmte Zeit“ abgewichen. Nun folgte das vollständige Ende, über das unter anderem Kyodo, Asahi Shimbun, jiji und NHK berichteten.

Angaben zu aktiver Verwerfung unter Tokyo korrigiert: Auf einer heutigen Pressekonferenz musste Hiroshi Sato, Professor am Erdbebenforschungsinstitut der Universität Tokyo, einen Fehler bei der Beurteilung einer Verwerfung einräumen, die angeblich ein Großbeben unter dem Zentrum von Japans Hauptstadt hätte auslösen können.

Tokyo: Blick auf den Tokyo Sky Tree von Asakusa aus (Foto: KJ)
Bedrohung von Tokyo durch Verwerfung falsch eingeschätzt (Foto: KJ)

Aufgrund der Gesteinsbewegung sei man davon ausgegangen, dass es sich bei der Struktur um den Teil einer aktiven Verwerfung  handele. Die Entdeckung hatte für Aufsehen gesorgt, da das betroffene Gebiete zum Bereich von Verwerfungen gehört, der sich von Tachikawa in der Präfektur Tokyo, bis zur Präfektur Saitama erstreckt und zu einem Großbeben in Tokyo hätte führen können.

Nun stellte sich heraus, dass es sich bei der Struktur um Beton handelt und keine natürliche Gesteinsschicht. Da die zehn Meter tiefen Bohrungen der Untersuchungen auf einem leeren Parkplatz des früheren Fabrikgeländes eines Autoherstellers erfolgten, ist es möglich, dass es sich um Teile des Fundaments der Anlage handelt.

Aufgrund des Zerfalls der Struktur und der daraus resultierenden lehmartigen Beschaffenheit war man von einer natürlichen Formation ausgegangen, die alle Kennzeichen einer lateralen und aktiven Verwerfung aufgewiesen habe. Professor Sato entschuldigte sich für die Fehleinschätzung.

Da die vorausgegangenen Schätzungen ergeben hatten, dass sich dort vermutlich eine aktive Verwerfung befinde, sei man bei der Entdeckung der verschobenen Schichten schlichtweg von einer aktiven Verwerfung ausgegangen. Die Entdeckung bedeute jedoch nicht, dass dort gar keine Verwerfung existiere. Jetzt bedürfe es genauerer Untersuchungen.

Zweifel an der bisherigen Beurteilungen waren erst aufgekommen, nachdem der Bereich im Februar der Öffentlichkeit zugänglich gemacht worden und ein Besucher die Meinung geäußert hatte, der Bereich sehe nach einer künstlichen, von Menschen gefertigten Struktur aus. Über die Korrektur berichteten Kyodo und NHK.

Atomkonzern stellte Mehrheit der Anwesenden bei Bürgeranhörung: In der Vergangenheit hatten wir mehrfach von Versuchen japanischer Energiekonzerne berichtet, bei öffentlichen Veranstaltungen Einfluss auf die öffentliche Meinung zu nehmen.

Jetzt wurde ein weiterer Fall öffentlich, in dem groß angelegte Meinungsmanipulation betrieben worden war.

Verwaltungsgebäude der Stadt Saga (Foto: pd)
Verwaltungsgebäude der Stadt Saga (Foto: pd)

Die japanische Atomenergiebehörde hatte zwischen dem 18. und 26. August 2005 an mehreren Orten Veranstaltungen abgehalten, um Meinungen zum Entwurf von Richtlinien zur Atompolitik einzuholen.

Nun wurde zunächst bekannt, dass bei einer Versammlung in Saga insgesamt 11 der 21 sprechenden Teilnehmer vom AKW-Betreiber Kyushu Electric geschickt worden waren.

Nach Anfrage der Mainichi Shimbun aufgrund eines Verdachts wurde eine unternehmensinterne Untersuchung durchgeführt und durch interne Papiere deutlich, dass insgesamt 150 Angestellte des Unternehmens und seiner Subunternehmen bei dem Treffen waren. Damit waren 83 Prozent der 179 Teilnehmer Beschäftigte von Kyushu Electric.

Das Unternehmen ist in Sachen Propaganda und Meinungsmanipulation kein Unbekannter. Im Juni 2011 hatte man Angestellte aufgefordert, bei einer Fernsehsendung zum Thema Atomkraft E-Mails als Zuschauerkommentare einzusenden, die sich für Atomenergie aussprachen. Der damalige Präsident und Vorsitzende von Kyushu Electric hatte in folge des „Fake-E-Mail Skandals“ die Verantwortung und seinen Hut genommen.

Zahl der Plattfüße bei Fukushima-Kindern gestiegen: Der Kindergarten Torikawa in der Stadt Fukushima meldet einen deutlichen Anstieg von Kindern mit Plattfüßen und führt dies auf die mangelnde Bewegung im Freien nach dem Ausbruch der Fukushima-Katastrophe zurück.

Ein Plattfuß (Foto: pd)
Kinder in Fukushima leiden an Plattfüßen (Symbolfoto: pd)

Bei einer Untersuchung die im vergangenen April bei Kindern zwischen drei und fünf Jahren durchgeführt worden war, wurden in 43 Prozent der Fälle Plattfüße festgestellt. Das stellt einen Anstieg um das Dreifache vor den Reaktor-Katastrophen dar. Trotz der Bemühung um sportliche Aktivitäten weisen heute immer nach 32 Prozent der Kinder das Problem auf.

Die Entwicklung von Plattfüßen führt dazu, dass die Erschütterungen beim Auftreten nicht mehr adäquat absorbiert werden können. Dadurch ermüdet der Mensch bei körperlichen Aktivitäten schneller.

Während viele Kindergärten in dem Gebiet auch zwei Jahre nach dem Unglück die Beschränkungen aufrecht erhalten, hat man in Torikawa nach der Dekontamination der Spielplätze und der übrigen Anlagen das Aufenthaltsverbot etwas gelockert. Wie die NHK meldet, ist jedoch die Umgebung immer noch radioaktiv kontaminiert, so dass sie außerhalb der Schule nicht ins Freie gehen dürfen.

Namie kann durch Google Street View besichtigt werden: Für die einen ist es vielleicht nur virtueller Katastrophentourismus, für Tamotsu Baba, Bürgermeister der praktisch verlassenen Stadt Namie (Präf. Fukushima), ist es sowohl eine Möglichkeit für einstige Bewohner ihre Heimat nicht zu vergessen – als auch eine Mahnung, die Auswirkungen der Katastrophe am AKW Fukushima nicht zu vergessen.

Die Stadt wurde nach dem Unglück praktisch vollständig evakuiert und was nicht zuvor durch das Tohoku-Erdbeben zerstört worden war, ist nun dem Zerfall preisgegeben. Auf Anfrage von Bürgermeister Baba hatte sich der Internetkonzern Google bereit erklärt, seine Kamerawagen durch den Ort zu schicken.

Nun sind auch die unzugänglichen Teile der Stadt wieder begehbar – zumindest virtuell auf der Google StreetView Karte von Namie. Dort erwartet den Betrachter nicht nur ein Bild der Zerstörung. Vielfach wirkt die Kleinstadt vergleichsweise normal, wenn nicht die Straßen menschenleer wären.

Hier fordert niemand vom Internetriesen die Anonymisierung seines Gesichts- weil es hier keine Gesichter gibt, die verschleiert werden müssten. Dennoch hofft der Bürgermeister, dass die Einwohner eines Tages wieder zurückkehren können. Bis es tatsächlich soweit ist, bleibt nur der Blick aus dem Kamerawagen.

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