Start Aktuelles Japan aktuell: Richtlinien-Hörigkeit beeinflusste Fukushima-Krisenmanagement

Japan aktuell: Richtlinien-Hörigkeit beeinflusste Fukushima-Krisenmanagement

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Offizielles Standardfoto des Atomkraftwerks Fukushima Daiichi (Foto: TEPCO)
Arbeiten an Kühlsystem des AKW Fukushima Daiichi (Symbolfoto: TEPCO)
Offizielles Standardfoto des Atomkraftwerks Fukushima Daiichi (Foto: TEPCO)
Fukushima: Neuigkeiten vom Katastrophen-AKW(Foto: TEPCO)

Nachdem der Sieg der japanischen Fußball-Nationalmannschaft gegen Spanien (1:0) sowohl unerwartet, als auch der allgemeinen Öffentlichkeit durch die Berichterstattung bekannt war, endet die Woche mit überraschenden Einsichten und Bekanntmachungen zur Fukushima-Krise.

So meldete etwa TEPCO, Betreiber des AKW Fukushima aktuell, man wolle das Videokonferenz-Material für die Medien veröffentlichen.

Weitere Themen der Fukushima News sind zudem erneute technische Probleme sowie Atomlobbyismus und ein Manipulationsverdacht. Weitere Einzelheiten und Hintergründe zu Fukushima heute im Spreadnews Japan-Ticker vom 27. Juli 2012.

Unsere heutigen Themen:

  • Richtlinien-Hörigkeit beeinflusste Fukushima-Krisenmanagement
  • Dekontaminationsarbeiten in Fukushima begonnen
  • TEPCO will Videokonferenz-Material für Medien offenlegen
  • Stickstoff-Einleitung am AKW Fukushima mit Problemen
  • E-Mails zu heimlichen Treffen der Atomlobby gelöscht
  • Kandidaten für Atomkontrolle erhielten Zahlungen der Atomlobby

Richtlinien-Hörigkeit beeinflusste Fukushima-Krisenmanagement: Ein Bericht des Ministeriums für Bildung, Kultur, Sport, Wissenschaft und Technologie (MEXT) der am heutigen Freitag vorgelegt wurde, befasst sich unter anderem mit der Entscheidung der Regierung, die zu Beginn der Fukushima-Krise von der USA zur Verfügung gestellten Karten zur Verbreitung von radioaktivem Material nicht veröffentlicht zu haben.

MEXT: Kultus- und Wissenschaftsministerium (Foto: っ cc-by)
MEXT: Bildungsministerium entschuldigt sich für Krisenmanagement (Foto: っ cc-by)

Das Bildungsministerium räumt ein, sowohl die Informationspolitik gegenüber den Einwohnern, als auch der Umgang mit den Besorgnissen der Eltern sei unangemessen gewesen. So habe man beispielsweise auch die Grenzwertbestimmung für schulische Aktivitäten unter freiem Himmel falsch gehandhabt.

Der Umstand, dass im April 2011 der Grenzwert für Außenaktivitäten zunächst auf 20 Millisievert pro Jahr festgelegt worden war und auf drängen von Eltern dann gesenkt wurde, da der Wert von ihnen als zu hoch empfunden wurde, hätte zur Verunsicherung beigetragen.

Der Bericht macht nach Meinung von  Takashi Kii, stellvertretender Minister für Bildung vor allem deutlich, dass mangelnde Flexibilität ein Problem gewesen sei.

So waren die US-Strahlungskarten nicht veröffentlicht worden, da es keine Leitfäden für die Veröffentlichung von Untersuchungsergebnissen fremder Quellen gab.

Auch sei die Kommunikation zwischen den einzelnen Stellen nicht reibungslos verlaufen, da das genutzte Konzept von dem eines Leitfadens abwich.

Bei den Strahlungswerten für Außenaktivitäten von Schulen war man lediglich den Empfehlungen einer internationalen Organisation gefolgt, ohne auf den konkreten Fall einzugehen.

Vize-Bildungsminister Kii erklärte laut Meldung der NHK, die Verantwortlichen des Ministeriums müssten „ihre Vorstellungskraft nutzen“ und handeln, ohne auf Befehle zu warten.

Dekontaminationsarbeiten in Fukushima begonnen: Am heutigen Freitag begannen Dekontaminationsarbeiten in der Präfektur Fukushima. Die Maßnahmen begannen in Miyakoji einem Ortsteil der Stadt Tamura. Damit werden erstmals in einem Ort der bis zum April ein Teil der Sperrzone war, von der Regierung Anstrengungen unternommen, die Ortschaft wieder in naher Zukunft bewohnbar zu machen. Erst im April war der Status der Stadt geändert worden.

Dekontamination mit Hochdruckreiniger in Fukushima am 15. Juni 2012 (Foto: TEPCO)
Dekontamination mit Hochdruckreiniger in Fukushima am 15. Juni 2012 (Foto: symbolisch, TEPCO)

Nach Angaben des Umweltministeriums sollen bis März kommenden Jahres etwa 400 Häuser in Tamura, sowie 420 Hektar landwirtschaftliche Nutzfläche und Wälder dekontaminiert sein, berichtet die NHK.

Der Mainichi Shimbun zufolge, sollen die Arbeiten 480 Hektar an Wohngebieten, Straßen und Anbauflächen von insgesamt 4.200 Hektar dekontaminieren. Ausgenommen davon sind die Wälder und andere Landschaftsformen, die 80 Prozent des Gebiets ausmachen.

Die Arbeiter vor Ort begannen jedoch mit dem Aufsammeln von herabgefallenem Laub und dem schneiden von wuchernden Gräsern auf Friedhöfen und den Gebieten von Schreinen. Dies geschieht auf Wunsch von Familien, die anlässlich des buddhistischen Totenfestes Obon, die Gräber ihrer Angehörigen besuchen wollen. Neben den offiziellen Arbeitern beteiligten sich auch Einwohner an den Arbeiten.

Für Unmut sorgt indessen die Absicht des Umwetministeriums, eine Verbrennungsanlage errichten zu lassen, mit der dekontaminierte Abfälle entsorgt werden sollen. Dabei kritisieren die Einwohner, dass am 9. Juni 2012 zwar für die Bürger eine Präsentation der Dekontaminationsarbeiten stattgefunden hatte – die Pläne zum Bau der Abfallentsorgungsanlage wären jedoch erst bei einem Treffen mit Vertretern des Bezirks, das nach der Präsentation stattgefunden habe, offengelegt worden.

Am 24. Juni fand eine öffentliche Vorstellung der geplanten Verbrennungsanlage durch die Behörden von Fukushima statt. Dabei wurden, ebenso wie bei einer weiteren Veranstaltung, die Filtertechnologie des Sackfilters, der radioaktives Material aus dem Ausstoß filtern und insbesondere Cäsium unter den Nachweiswert senken soll, vorgestellt.

Auch der Verweis auf einen Ende Juni veröffentlichten Bericht der japanischen Atomenergiebehörde JAEA, konnte die Bedenken nicht zerstreuen. Während die Präfekturverwaltung argumentiert, sollte der dekontaminierte Abfall nicht verbrannt werden, wäre der benötigte Lagerplatz für die Abfälle hundert mal größer. Die Einwohner sehen jedoch in der durch die Verbrennung anfallende höhere Konzentration von radioaktivem Cäsium eine Gefahr.

Es bleibt somit abzuwarten, ob die Anlage wie geplant im Oktober den Betrieb  aufnehmen kann. Über die Dekontaminationsarbeiten berichteten die NHK und die Mainichi Shimbun.

TEPCO will Videokonferenz-Material für Medien offenlegen: Der Betreiber des AKW Fukushima kündigte am heutigen Freitag an, das 150 Stunden umfassende Material den Vertretern der Medien zwischen dem 6. und 10. August 2012  zu präsentieren, nachdem man Teile der Aufnahmen bearbeitet habe, um die Privatsphäre von einigen der anwesenden Personen zu schützen.

TEPCO-Zentrale in Tokyo (Foto: Yusuke Kawasaki cc-by)
TEPCO-Zentrale in Tokyo (Foto: Yusuke Kawasaki cc-by)

Darin enthalten sind Telekonferenzen, die hauptsächlich zwischen dem Hauptsitz des Unternehmens in Tokyo und der Leitung des Kraftwerks in Fukushima stattfanden.

50 Stunden des Videomaterials verfügen über eine Tonaufzeichnung, in weiteren 100 Stunden Filmaufnahmen fehlt jedoch der Ton. Das meldet die Nachrichtenagentur jiji.

Von besonderem Interesse dürfte vermutlich die Aufnahmen vom Besuch des damaligen premierministers Naoto Kan in der Firmenzentrale in Tokyo, sowie die hitzige Diskussion über eine mögliche vollständige Evakuierung der Reaktoranlage.

Stickstoff-Einleitung am AKW Fukushima mit Problemen: Am heutigen Freitag berichtet TEPCO, dass gegen 14:54 Uhr kein Gasdurchfluss mehr an der Stickstoffeinspeisung für die Reaktoren 1 bis 3 angezeigt wurde. Eine Kontrolle vor Ort habe um 15:20 Uhr ergeben, dass die Anlage tatsächlich stillstand. Auch zwei Warnungen – „Problem am Kompressor um 14:24“ und „ernstes Problem am  Inverter“ wurden jeweils bestätigt.

Man versuche nun die Ursache des Stops zu ermitteln. Die Stickstoffversorgung für die Sicherheitsbehälter war hiervon nicht betroffen, da ein zweites System problemlos arbeite.

E-Mails zu heimlichen Treffen der Atomlobby gelöscht: Das Bekanntwerden der geheimen Treffen zwischen der Regierung und Vertretern der Atomlobby, hatte in der Vergangenheit für Irritationen gesorgt und zur Bildung einer Taskforce geführt. Nun wurde bekannt, das möglicherweise Beweismittel vernichtet wurden.

Yoshiharu Yamaguchi, ein Beamter des Kabinettsbüros, der an der Organisation der geheimen Treffen zwischen der Regierung und Atomenergiebefürwortern aus den Reihen der japanischen Atomenergiekommission mitgewirkt haben soll, löschte E-Mails, nachdem ein Untersuchungsteam unter der Leitung von Kabinnettsbüro-Vizeminister Hitoshi Goto die Teilnehmer der Treffen dazu aufforderte, relevantes Material auszuhändigen.

Yamaguchi, der zur Japan Atomic Power Co. gehörte und am 1. Juli zum Unternehmen zurückkehrte, gab zu, Ende Juni die E-Mails gelöscht zu haben – stellte dies jedoch als normales Vorgehen dar. Er lösche Mails die nicht mehr benötigt werden gewohnheitsmäßig und habe dies auch getan, bevor er seinen Posten verließ. Er leugnete jede Verschleierungsabsicht und behauptete, auch von niemandem zur Löschung aufgefordert zu sein.

Die Taskforce unter Leitung von Goto, verlangte von den Teilnehmern der Geheimtreffen, das gesamte relevante Material, darunter auch E-Mails, auszuhändigen, um das ganze Ausmaß der Angelegenheit einschätzen zu können. Zu den betroffenen Personen gehörten:

  • Der Vorsitzende der JAEC Shunsuke Kondo
  • Vier Mitglieder der JAEC
  • Vertreter des Büros für Atompolitik
  • Vertreter der Behörde für natürliche Ressourcen und Energie
  • Vertreter der MEXT
  • Vertreter von Elektrizitätsunternehmen

Zwar händigte das Büro für Atomenergiepolitik etwa 1.000 E-Mails mit Bezug zu den Geschehnissen aus, die auf den Rechnern vorhanden waren. Ausgerechnet von Yamaguchi, der eine entscheidende Rolle gespielt hatte, waren jedoch nur wenige vorhanden. Yamaguchi gab auf Druck der Taskforce zu, sie gelöscht zu haben.

Nach Anweisungen durch Rechtsanwalt Tadashi Kunihiro hat das Untersuchungsteam Anstrengungen unternommen, die gelöschten Mails auf dem Server des Kabinettsbüros wiederherzustellen. Mit der Aufgabe wurde ein Privatunternehmen betraut. Das berichtet die Mainichi Shimbun.

Kandidaten für Atomkontrolle erhielten Zahlungen der Atomlobby: Japans neue Atomaufsicht soll unabhängig und glaubwürdig sein. Aus diesem Grund müssen deren Mitglieder nachweisen, über keine Kontakte zur Atomindustrie zu verfügen, noch ihre Forschungsarbeit von dieser finanzieren zu lassen. Auch sind Bezüge von Spenden durch Atomkonzerne nicht zulässig.

Doch tatsächlich hat die neue Kontrollinstanz möglicherweise bereits erste Kratzer.

Japan: Japanische Yen-Banknoten (Foto: pd)
Künftige Ausschussmitglieder erhielten Gelder (Foto: pd)

Zwei der voraussichtlichen Kommissionsmitglieder – Kunihiko Shimazaki (66) emeritierter Professor für Seismologie und Toyoshi Fuketa (54), stellvertretender Generaldirektor der Abteilung für Nuklearwissenschaften der Japanischen Atomenergiebehörde – erhielten in der Vergangenheit Finanzleistungen der Atomindustrie.

Den Regierungsrichtlinien zufolge, sind Personen die im Zeitraum der vergangenen drei Jahre 500.000 Yen oder mehr an jährlichen Zahlungen der Atomindustrie erhalten haben, von einem Posten in der neuen Aufsichtskommission ausgeschlossen.

Während Kunihiko Shimazaki  jeden Kommentar gegenüber der Asahi Shimbun ablehnte, meldete sich Kraftwerksbetreiber TEPCO zu Wort und erklärte, Shimazaki habe im März 2008 einen Vortrag über Erdbeben in einer damaligen PR-Einrichtung gehalten und sei dafür mit einem Betrag entlohnt worden, der als „vernünftig und angemessen“ bezeichnet wurde. Die genaue Summe nannte TEPCO jedoch nicht.

Fuketa zeigte sich offener und erklärte, er habe seit 2003 etwa ein- bis zweimal jährlich Vorlesungen zum Thema Brennelemente in einer Einrichtung der Japan Atomic Power gehalten. Diese hätten sich nicht wesentlich von jenen in der Universität unterschieden. Mit einer Bezahlung von 40.000 Yen pro Vorlesung sei die finanzielle Entschädigung eher moderat ausgefallen, erläuterte Fuketa. Es sei nicht mit einer Zusammenarbeit zu vergleichen.

Selbst Kritiker der Atomenergie räumen ein, es sei schwierig, ausreichend qualifizierte Kommissionsmitglieder zu finden, die nicht in irgendeiner Weise mit der Atomindustrie Kontakt gehabt hätten. Die freiwillige Offenlegung von früheren Zahlungen, auch wenn sie nicht die Vorgaben überschritten hätten, sei daher von größerer Wichtigkeit, als die Einhaltung von Richtlinien. Das berichtet die Asahi Shimbun.