Start Aktuelles Japan aktuell: SPEEDI-Daten hätten Evakuierung von Fukushima verbessert

Japan aktuell: SPEEDI-Daten hätten Evakuierung von Fukushima verbessert

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Radar-Symbol (Grafik: pd)
Neues System zur Prognose von Fallout auf dem Meer (Abb. symbolisch, pd)
Radar-Symbol (Grafik: pd)
Nutzen von SPEEDI-Daten unklar (Abb. symbolisch, pd)

Während Japan heute den bislang heissesten Tag dieses Sommers erlebt – wurden doch in Tatebayashi (Präf. Gunma) bis zu 37.6°Celsius gemessen – so gibt es vom AKW Fukushima aktuell keine heissen Nachrichten. Das ist durchaus positiv zu bewerten, gab es doch in den vergangenen Tagen  erneut Negativmeldungen über Lecks und Wasseransammlungen.

Dennoch beschäftigt das Thema der Atomenergie die Japaner weiterhin – das zeigen nicht nur die Organisation von Demonstrationen durch prominente Persönlichkeiten. Fukushima News gibt es jedoch auch heute – neben anderen Meldungen finden sie sich im Spreadnews Japan-Ticker vom 16. Juli 2012.

Unsere heutigen Themen:

  • SPEEDI-Daten hätten Belastung vermeiden können
  • Lediglich neun Sprecher bei Atomenergie-Meinungsforum zugelassen
  • Atomlobbyist führt zu Unterbrechung von Bürgeranhörung zur Atomenergie
  • Großdemonstration mit prominenten Atomkraftgegnern in Tokyo
  • Schwere Unwetter auf Kyushu fordern 28 Tote

SPEEDI-Daten hätten Belastung vermeiden können: Der vom Parlament eingesetzte unabhängige Untersuchungsausschuss zur Fukushima-Krise (NAIIC) war zu dem Schluss gekommen, selbst die verabsäumte Nutzung der Daten des SPEEDI-Systems zur Voraussage der Verbreitung radioaktiven Materials wäre zwecklos gewesen, da die genutzten Wetterdaten zu ungenau seien (Spreadnews berichtete am 5. Juli).

Jetzt will ein Untersuchungsausschuss der Regierung, der in der kommenden Woche am 23. Juli seinen Endbericht vorlegen wird, zu einem anderen Schluss gelangt sein.

Der Ausschuss untersucht auch die Zusammenhänge zwischen den Ergebnissen des SPEEDI-Systems, das mit unbestätigten Daten gefüttert worden war, da man keine Informationen über den Fundort des zur Kalkulation genutzten radioaktiven Materials eingeholt hatte, und der späteren Evakuierung von Einwohnern.

In dem Bericht werden die Berechnungen des Systems vom Nachmittag des 15. März 2011 genannt werden, die eine Verbreitung landeinwärts in westliche und nordwestliche Richtung wahrscheinlich erscheinen liessen. In diese Richtung flohen an diesem Tag jedoch viele Menschen.

Daher kritisiert der Bericht den Verzicht auf die Nutzung und die Nichtveröffentlichung des Materials. Einwohner seien auf diese Weise unnötiger Strahlung ausgesetzt worden, die bei Berücksichtigung der SPEEDI-Ergebnisse hätte vermieden werden können, da man die Personen andernfalls angewiesen hätte, zunächst in ihren Häusern zu bleiben.

Nun wird aufgrund der unterschiedlichen Beurteilungen zu diskutieren sein, ob sich das System tatsächlich zur Prognose der Strahlungsverbreitung eignet, oder es, wie von der parlamentarischen Kommission behauptet, durch die Nutzung von Wetterdaten zu ungenau sei und leicht von Einflüssen wie Winden nutzlos gemacht werden könne. Das berichtet die NHK.

Bereits am Freitag hatte der Untersuchungsausschuss zuvor TEPCO kritisiert. Verschiedene Abweichungen, etwa zum Zeitpunkt der Kernschmelze von Reaktor 1. TEPCO hatte das Freiliegen der Brennstäbe auf 18:06 Uhr und damit etwa zweieinhalb Stunden nach dem Tsunami datiert. Zur Kernschmelze durch den Druckbehälter sei es am kommenden Tag gegen 1:50 Uhr gekommen.

Die Ergebnisse des Komitees legen einen Schaden am Druckbehälter am 11. März gegen 23:00 Uhr nahe und somit zwei bis drei Stunden vor den Schätzungen von TEPCO. Auch bei den Daten zu Reaktor 3 gab es Abweichungen. Fehlende Daten machten einen Vergleich der Analysen zu Reaktor 2 unmöglich.

Lediglich neun Sprecher bei Bürgeranhörung zur Atomenergie zugelassen: Am Samstag fand die erste einer Reihe öffentlichen Anhörungen über die Zukunft von Japans Atompolitik statt. Von den etwa 170 Personen, die der Regierung ihre Ideen zur Abhängig von Atomenergie im Jahr 2030 nahe bringen wollten, wurden lediglich neun ausgewählt, um mit einer Redezeit jeweils von zehn Minuten, ihre Meinungen vorzutragen.

Atomkraftwerk-Symbol (Grafik: Hendrik Tammen cc-by)
Bürgermeinung zur Atom-Zukunft gefragt (Grafik: Hendrik Tammen cc-by)

Neben dieser Anhörung in Saitama, sollen derartige Meinungsforen auch in weiteren zehn Städten stattfinden.

Bei der Veranstaltung in Saitama erklärte Industrieminister Yukio Edano zwar, dass die grundsätzliche Richtung der Regierung auf die Nutzung regenerativer Energien gehe, wurde jedoch auch dafür kritisiert, dass die Regierung bislang nicht deutlich gemacht habe, wie die Meinungen der Bürger tatsächlich Einfluss in den Entscheidungsfindungsprozess finden werden.

Ende August will der Energie- und Umweltrat, ein von Kabinettsmitgliedern gebildeter Ausschuss, über die neue Energiepolitik entscheiden. Die möglichen Optionen, die dabei bis zum 12. August  im Internet  kommentiert werden können, sind dabei.

  • Eine Atomenergienutzung von 0 Prozent
  • Eine Atomenergienutzung von 15 Prozent
  • Eine Atomenergienutzung von 20 – 25 Prozent

Öffentliche Anhörungen, die Nutzung von Internet-Kommentaren und weitere Möglichkeiten sind in einem Zeitraum von einem Monat möglich. Auf dem Treffen in Saitama wurden drei Personen ausgewählt um jeweils einen der Standpunkte zu vertreten. Das berichtet die Asahi Shimbun.

Atomlobbyist führt zu Unterbrechung von Bürgeranhörung zur Atomenergie: Die zweite der, von der Regierung ausgerichteten Anhörungen der Bevölkerung zur weiteren Nutzung der Atomenergie, war am Sonntag kurrzeitig unterbrochen worden, nachdem sich unter den neun Rednern auch ein hochrangiger Vertreter des Elektrizitätskonzerns Tohoku Electric befand.

Trefoil: Radioaktivitäts-Warnsymbol
Atomlobbyist spricht auf Anhörung (Grafik: pd)

Auch hier bestand die Möglichkeit, sich zu den drei möglichen Optionen zu äußern. Bei dem Unternehmensvertreter handelte es sich um den Leiter der Planungsabteilung des Stromerzeugers, der bei der Geschäftsstrategie des Unternehmens eine entscheidende Rolle zukommt.

Dieser sprach sich, nach eigenen Angaben die Ansicht des Betreibers zusammenfassend, für die höchste der drei Optionen – einen Anteil der Atomenergie von bis zu 25 Prozent bei der Deckung  des nationalen Energiebedarfs, aus. Das berichtet die Nachrichtenagentur Kyodo.

Die Anwesenheit des Atomlobbyisten sorgte für Empörung und die Frage, ob die Auswahl der Sprecher manipuliert worden sei, stand im Raum. Die Veranstaltung wurde kurzfristig unterbrochen und Goshi Hosono, Minister für das Atomkatastrophenmanagement bemühte sich, auf aufgeregten Teilnehmer zu beruhigen.

Der Unternehmensvertreter von Tohoku Electric erklärte Reportern im Anschluss, der Elektritzitätskonzern versuche alles um Manipulationen einzudämmen. Er habe sich lediglich als Privatperson angemeldet.

Für Unzufriedenheit sorgte auch, dass unter den übrigen Sprechern keine Personen aus den von der Fukushima-Katastrophe betroffenen Gebieten sprachen, sondern stattdessen drei Personen aus dem großraum Tokyo. Minister Hosono verteidigte diesen Umstand und erklärte die Auswahl der Sprecher sei „rein zufällig“ gewählt worden.

Von den insgesamt 105 Personen die sich als Sprecher beworben hatten, waren etwa 70 Prozent für die Null-Prozent Atomkraft-Option, die entsprechende Meinungen vorbringen sollten.

Hosono betonte die Notwendigkeit von Fairness bei der Sprecherwahl, drückte jedoch sein Missfallen über den Umstand, dass ein Angestellter eines Atomkonzerns als Sprecher ausgewählt wurde. Organisationen verfügten über weit mehr Möglichkeiten ihren Standpunkt öffentlich zu vertreten, so dass es am besten sei, so viel wie möglich die Meinung der Bürger einzuholen.

Großdemonstration mit prominenten Atomkraftgegnern in Tokyo: Insgesamt 170.000 Personen haben am heutigen Montag im Yoyogi-Park von Japans Haupstadt Tokyo an einer Demonstration gegen die Nutzung der Atomkraft teilgenommen.

Literaturnobelpreisträger Kenzaburo Oe („Der stumme Schrei„), Komponist Ryuichi Sakamoto (Filmmusik zu Bertoluccis „Der letzte Kaiser“) und der unabhängige Journalist Satoshi Kamata sprachen sich als Organisatoren dort öffentlich gegen die Atomkraft aus.

Oe erklärte, er fühle sich durch die Regierung beleidigt die Reaktoren neustarte, während die Umstände der Fukushima-Krise noch nicht gänzlich geklärt seien. Über die Proteste berichtete etwa die Nachrichtenagetur Kyodo.

Schwere Unwetter auf Kyushu fordern 28 Tote:Wie Asahi Shimbun und jiji heute berichten, haben die schweren Regenfälle auf Japans südlicher Hauptinsel Kyushu zu bislang mindestens 28 Todesfällen geführt.

Stadthaus von Oita (Foto: pd)
Stadthaus von Oita (Foto: pd)

Am heutigen Montag wurde der Tod eines als vermisst gemeldeten 57 Jahre alter Mannes aus Aso (Präf. Kumamoto) bestätigt. In Ukiha (Präf. Fukuoka) war zuletzt ein 30 Jahre alter Mann tot im Chikugogawa genannten Fluss aufgefunden worden.

Neben den Evakuierungsaufforderungen für 250.000 Menschen und der Tatsache, das einige Ortschaften durch Erdrutsche von der Außenwelt abgeschnitten wurde – wie etwa in der Präfektur Oita, wo alleine 150 Personen fest- sitzen, man geht von insgesamt 3.000 betroffenen Menschen aus -, zeigen die sintflutartigen Niederschläge auch außerhalb der südwestlichen Regionen ihre Wirkung.

Auch im Gebiet um Japans alter Kaiserstadt Kyoto, dass wegen seiner historischen Bauwerke wie dem Kinkakuji und dem Bezirk Gion, das wegen seiner Verbindung zur Kultur der Geisha (die Bewohnerinnen nennen sich selbst Geiko) bei Touristen beliebt ist, kam es aufgrund des Regens ebenfalls zu Problemen.

Im Bezirk Kita überschwemmten die Wassermassen eines über die Ufer getretenen Flusses insgesamt 27 Häuser, so das zeitweise 20 Personen in ihnen eingeschlossen waren. In der Stadt Kameoka wurden zwei Häuser zerstört und ein weiteres beschädigt. Die NHK meldete jedoch keine Verletzten.

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