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Japan aktuell: Störung im AKW Genkai

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Nach einem durch den Tag der Deutschen Einheit verlängerten Wochenende, beginnt die Woche nun an einem Dienstag und sowohl der heutige als auch die vergangenen Tage brachten bislang wenig erfreuliches.

So sorgt etwa die Zahl jüngster Erdbeben im Bereich der Präfektur Fukushima aktuell für Besorgnis, denn auch wenn es offiziell keine baulichen Schäden durch die Beben gibt, fürchten einige Menschen, dass die Erschütterungen mit möglichen Vorgängen im Reaktor in Verbindung stehen könnten.

Während der früherer Premier Kan seine zuvor begonnene Shikoku-Pilgerreise fortsetzt und die aus Nordkorea geflohenen Personen (Spreadnews berichtete) zwischenzeitlich in Südkorea angekommen sind, beunruhigen heutige Meldungen über des Herunterfahren eines Reaktors am AKW Genkai die Menschen ebenso, wie zuvor der erneute Nachweis von Plutonium außerhalb der Anlage.

Das sich nach der teilweisen Aufhebung der Evakuierungsempfehlungen viele Rückkehrer vor neue Probleme gestellt sehen ist sicher nicht überraschend – mehr Fukushima News der vergangenen Tage sowie heutige Meldungen nun im Spreadnews Japan-Ticker vom 4. Oktober 2011.

Aktuelle Meldungen:

AKW Genkai: Reaktor stoppt nach Kondensatorproblemen: Am AKW Genkai (Präf. Saga) schaltete sich am heutigen Dienstagnachmittag der Reaktor 4 automatisch ab, nachdem Unregelmäßigkeiten am Dampfkondensator des sekundären Kühlwassersystems festgestellt worden waren. Der Betreiber Kyushu Electric schloss größere Schwierigkeiten am Reaktor aus, weder wurden Mitarbeiter verletzt, noch sei Radioaktivität  freigesetzt worden.

Nach Angaben der japanischen Atomsicherheitsbehörde NISA stoppte die Turbine und ein Alarm wurde ausgelöst der auf Anomalien am Vakuum des Kondensators hinwies. In Folge habe sich der Reaktor automatisch heruntergefahren. Das berichten die Nachrichtenagenturen Kyodo und jiji.

Damit bleibt dem Energiekonzern Kyushu Electrics mit dem AKW Genkai Reaktor 1 vorerst nur noch einer von sechs vorhandenen Reaktoren, da die Übrigen die standardmäßigen Sicherheitsüberprüfungen durchlaufen. Für die Reaktoren 1 und 4 sind Sicherheits-Checks im Dezember vorgesehen.

Japan will Walfang wieder aufnehmen: Mit der Erklärung von Fischereiminister Michihiko Kano, Japan werde den Walfang zu Forschungszwecken ungeachtet von Protesten wieder aufnehmen, macht sich das Kabinett Noda im Ausland sicher keine Freunde. Als zusätzlicher Reizpunkt kommt hinzu, dass der Minister die Walfänger nun von Schiffen des Fischereiministeriums eskortieren lassen wird, um Walfanggegner abzuschrecken.

Im Februar hatte Japan den Walfang in antarktischen Gewässern nach wiederholten Behinderungen durch die Anti-Walfangorganisation “Sea Shepherd” vorübergehend eingestellt. Vier Walfangjäger waren seit Dezember 2010 unterwegs und sollten dort bis April diesen Jahres bleiben. Die Walschützer erklärten unterdessen, Japan ignoriere damit internationale Meinungen, man werde auch unter Einsatz des eigenen Lebens weiterhin versuchen den Walfang zu stoppen. Hierüber berichtet NHK.

METI will Verantwortliche für Meinungsmache-Manipulation bestrafen:  Das japanische Ministerium für Wirtschaft, Handel und Industrie teilte am Dienstag mit, man werde sechs Ministerialbeamte aufgrund ihrer Rolle im Manipulationsskandal zur Akzeptanz von Atomkraftwerken ahnden. Die sechs als verantwortlich angesehenen Mitarbeiter, unter ihnen Uichiro Yoshimura, früherer Leiter der Atomsicherheits-PR bei der Atomsicherheitsbehörde NISA wurden für ihr “unangemessenes Verhalten” gerügt, dass die Fairness derartiger Symposien schädige, sowie ihr Versagen derartige Maßnahmen ihrer Untergebenen zu unterbinden.

Das es sich bei den Personen lediglich um “Bauernopfer” handelt, die für das Weiterbestehen eines Systems herhalten müssen, bei denen Politik und Wirtschaft derart verwoben sind, dass zurücktretende oder pensionierte Politiker umgehend Plätze in den Unternehmen einnehmen, die sie zuvor noch überwachen mussten, scheint dabei sehr wahrscheinlich.

Gewerkschaftsbund für langfristigen Atomausstieg:  Nobuaki Koga, Präsident von Japans größtem Gewerkschaftsbund Rengo erklärte am heutigen Dienstag in einer zweitätigen Versammlung in Tokyo, eine Wende von der bisherigen Linie der Gewerkschaft. Nun fordere man, dass man eine Gesellschaft anstrebe, die nicht länger von atomarer Energie abhängig ist.

Allerdings schlug Koga vor, die Regierung sollte eine vorübergehende Wiederinbetriebnahme der Atomkraftwerke in Betracht ziehen, um eine stabile Energieversorgung sicherzustellen, jedoch unter Bedingung, dass die Anwohner ihr Einverständnis erklären und die Sicherheit des Kraftwerks von der Regierung bestätigt wird.

Ausdehnung und Schulung zur Dekontamination: Nachdem die bisherige Regelung der Kontamination sich vor allem auf die großen Städte in der Mitte der Präfektur Fukushima erstreckt hatte, wofür die Regierung einige Kritik erntete, will man nun auch Gebiete in den angrenzenden Präfekturen Tochigi und Gunma, die durch das Reaktorunglück ebenfalls kontaminiert wurden, ausdehnen. In Hinsicht auf die Präfekturalverwaltungen und Gemeinden erklärte die Führung in Tokyo, man werde für die zusätzlichen Kosten aufkommen. Das meldet die Asahi Shimbun.

Zudem hat die Präfektur nun damit begonnen, Übungsseminare für Arbeiter, die an der Dekontamination belasteter Gebiete mitarbeiten sollen, anzuhalten. Die Schulungen dauern jeweils zwei Tage.

Ein Experte der japanischen Atomenergiebehörde (JAEA) erklärte, welches Arbeitsmaterial und welche Werkzeuge sich eignen um radioaktives Material aus Dachrinnen, Rinnsteinen und Straßengräben zu entfernen. Den Teilnehmern wurde außerdem vermittelt, wie sie sich während ihrer Arbeit vor radioaktiver Belastung schützen können. Am morgigen Mittwoch soll dann der Umgang mit Dosimetern erklärt werden.

Bis zum Ende des Jahres sollen zehn dieser Schulungen stattfinden, die Präfekturalregierung hofft, dass sich möchlichst viele Menschen beteiligen und bei den Arbeiten mithelfen werden, berichtet die NHK. Freiwillige gibt es durchaus -  jüngst meldete sich eine Gruppe von Studenten aus Tokyo.

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Meldungen der vergangenen Tage:

TEPCO sagte zehn Meter hohen Tsunami voraus: Regierungsdokumente belegen, dass der Betreiber des AKW Fukushima Daiichi bereits im Jahr 2008 voraussagte, dass ein Tsunami über 10 Metern Höhe die Anlage treffen könnte, die jedoch nur auf Tsunami bis einer Höhe von 5,7 Metern vorbereitet ist. Auf Anfrage der NHK veröffentlichte die Regierung am Montag den Bericht von TEPCO über eine Simulation.

Demnach ging TEPCO in der Einschätzung davon aus, dass Wellen zwischen 8,4 und 10,2 Höhe alle sechs Reaktoren treffen könnten,  übergab die Dokumente jedoch erst am 7. März 2011 und damit vier Tage vor dem Unglück an die japanische Atomenergiesicherheitsbehörde NISA. Untersuchungen zur Tsunami-Sicherheit hätten der NHK-Meldung zufolge im April stattfinden sollen, mögliche Schutzmaßnahmen wären im Oktober 2012 besprochen worden.  Junichi Matsumoto von TEPCO führte als Grund für den Umstand, dass TEPCO nicht sofortige Maßnahmen ergriffen habe an, dass es sich lediglich um Berechnungen gehandelt habe.

Radioaktives Material in Präfekturen Chiba und Saitama gemessen: In Messungen, die zwischen dem 8. und 12. September von Helikoptern aus durchgeführt worden waren, konnten relativ hohe Werte an radioaktivem Cäsium in den Präfekturen Chiba und Saitama nachgewiesen werden. Beide Präfekturen befinden sich in unmittelbarer Nachbarschaft zum Großraum Tokyo und sind damit etwa 200 Kilometer vom KKW Fukushima Daiichi entfernt.

In der Präfektur Chiba waren die höchsten Werte in den nördlichen Gebieten, wie etwa Abiko, Kashiwa, Matsudo und Nagareyama festgestellt worden. Die dort gemessenen Werte betrugen zwischen 30.000 und 60.000 Becquerel pro Quadratmeter.

Zum Vergleich: Während der Tschernobyl-Katastrophe im Jahr 1986 waren Gebiete mit Belastungen über 37.000 Becquerel pro Quadratmeter als  kontaminierte Bereiche gekennzeichnet worden, während bei Werten ab 555.000 Becquerel pro Quadratmeter eine Zwangsumsiedlung erfolgte.

In der Präfektur Saitama waren in den gebirgigen Gegenden von Chichibu, 250 Kilometer vom AKW Fukushima Daiichi entfernt, ebenfalls zwischen 30.000 und 60.00 Becquerel pro Quadratmeter gemessen worden, meldet die Asahi Shimbun.

Plutonium 40 Kilometer von AKW Fukushima Daiichi gefunden:  Wie das Wissenschaftsministerium bereits am Freitag mitteilte, wurden an insgesamt sechs Stellen außerhalb des Kernkraftwerks Fukushima Spuren von Plutonium nachgewiesen. Zwar befinden sich alle Fundstellen innerhalb der Präfektur Fukushima  – in Futaba, Namie und Iitate – allerdings liegen damit einige der Stellen etwa 45 Kilometer vom Kraftwerk entfernt. Die höchste Belastung von radioaktivem Plutonium-238 betrug 4,0 Becquerel pro Quadratmeter und wurde in Namie gemessen.

Auch Strontium-89 und Strontium-90 konnten nachgewiesen werden. Mit 5700 Becquerel pro Quadratmeter ist die Menge an Strontium-90, das an acht Stellen, vor allem in Futaba nachgewiesen wurde,  sechsmal höher als vor der Fukushima-Krise. Ein Vertreter des Ministeriums sagte jedoch, aufgrund des Umstands, dass es sich bei den Funden von Plutonium und Strontium im Vergleich zu Cäsium um derart geringe Werte handle, werde man bei der Planung der Dekontamination weiterhin Cäsium als Maßstab heranziehen. Das melden mehrere japanische Medienberichte, unter anderem die Nachrichtenagentur  jiji, sowie die Yomiuri Shimbun.

TEPCO zeichnet Horrorszenario von Kühlungsausfall: In einem hypothetischen “Worst-Case” Szenario skizziert der Energiekonzern TEPCO die Folgen, die ein 38 Stunden andauernder Ausfall der Wasserkühlung hätte und kommt dabei zu dem Schluss, eine weitere Kernschmelze wäre die Folge. Auch wenn TEPCO betont, es sei lediglich eine Berechnung, dürften bei so manchem misstrauischen Beobachter die Alarmglocken schrillen.

Der AKW-Betreiber erklärte, es sei jedoch praktisch immer möglich, innerhalb von 30 Minuten eine Kühlung wiederherzustellen.

Falls die Versorgung mit Wasser nicht innerhalb von 18 Stunden wiederhergestellt werden könnte, würden große Mengen radioaktiven Materials freigesetzt werden, da sich zudem nach 18-19 Stunden durch den Temperaturanstieg auf 1.200 Grad Celsius Wasserstoff bilden würde, der eine Verpuffung und damit verbundene Detonation herbeiführen könnte. Schließlich werde eine Kühlung der Brennstäbe unmöglich. 38 Stunden später würde die Temperatur schätzungsweise 2.200 Grad Celsius betragen. Die Brennstäbe würden schmelzen, den Druckbehälter durchdringen und in den Sicherheitsbehälter fallen. Von dort durch die verbliebene Betonschicht fressen und schließlich ins Erdreich freigesetzt werden.

TEPCO geht von lediglich drei Wasserstoffverpuffungen aus:  Aufgrund einer Analyse einer Erdbebenmessung durch ein Seismometer  kommt das Untersuchungsgremium von TEPCO zu  dem Schluss, es habe keine Wasserstoffverpuffung im Fukushima Reaktor 2 gegeben. Damit korrigiert das Unternehmen die bisherigen Angaben.

Aufgrund des zeitgleichen Explosionsgeräusches am 15. März wo in Folge Schäden an Reaktor 4 festgestellt worden waren und des Druckabfalls der kurz darauf in Reaktor 2 erfolgte, war man von zwei zeitversetzten Detonationen in den Reaktoren 2 und 4 ausgegangen.

Das Seismometer verzeichnete jedoch nur eine Erschütterung zum Zeitpunkt an dem der Schaden an Reaktor 4 entstanden sein sollte und schließt nur daraus, es habe keine Explosion in Reaktor 2 gegeben, somit hätten sich lediglich drei Wasserstoffverpuffungen ereignet, am Sicherheitsbehälter von Reaktor 2 habe es vermutlich Schäden durch das Beben gegeben. Das meldeten japanische Medien.

Pro-Atomenergie-Meinungsmache in sieben Fällen nachgewiesen: In seinem Endbericht kommt ein unabhängiges Untersuchungskomitee zu dem Schluss, dass es im Zusammenhang mit der Beeinflussung der öffentlichen Wahrnehmung zur Befürwortung der Atomenergie bei öffentlichen Veranstaltungen insgesamt sieben Fälle gab, in denen Beschäftigte der Atomkonzerne aufgefordert worden waren, sich bei Konferenzen und Symposien aktiv als Befürworter mit vorbereiteten Fragen zu betätigen.

Die Interessenskonflikte zwischen der japanischen Atomsicherheitsbehörde (NISA) sowie weiteren Behörden  und des ihnen übergeordneten Ministeriums für Wirtschaft, Handel und Industrie (METI), in dem es eine starke Atomlobby gibt, werden damit noch deutlicher.

Die Aufforderungen der NISA zur Manipulation und Meinungsmache erstreckten sich unter anderem auf Symposien zum AKW Genkai (Betreiber: Kyushu Electric), AKW Ikata (Betreiber: Shikoku Electrics) und AKW Hamaoka (Betreiber: Chubu Electrics)

Im Fall des AKW Onagawa das zu Tohoku Electrics gehört, hatte die NISA im Oktober 2006  dem Energiekonzern gesagt, mit Tohoku Electrics verbundene Personen sollten “an Treffen teilnehmen und dort ihre Meinung zum Ausdruck bringen”.  Da die Sitze bei den Treffen in Blöcke aufgeteilt waren, bat die Behörde die Betreiberfirma, Unterstützer in jedem Block zu verteilen.

Im August 2008 erfolgte im Bezug auf ein von der Behörde für Natürliche Ressourcen und Energie (ANRE) die ebenfalls dem Ministerium für Wirtschaft (METI) untergeordnet ist, ausgerichtetes Symposium zum AKW Tomari eine ähnliche Aufforderung an die Hokkaido Electric Power, die daraufhin 12 Personen eine Liste mit vorbereiteten Fragen aushändigte.

Der Bericht erklärt, dies sei möglich gewesen, da, NISA und die ANRE beidem dem METI unterstellt seien. Zudem könne nicht ausgeschlossen werden, dass diese Situation auch die Überlegungen der NISA beeinflusst haben könnte. Dennoch hätten die höheren Beamten der Behörden nichts Falsches getan. Als Prävention schlägt der Bericht eine bessere Aufklärung der Bevölkerung und die Aufstellung von Regeln für derartige Events vor – von einer möglichen Umstrukturierung der Behörden um Interessenkonflikte zu vermeiden ist nicht die Rede.

Am Freitag entschuldigte sich Hiroyuki Fukano, Generaldirektor der NISA für das Geschehene.

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