Start Aktuelles Japan aktuell: TEPCO-Führung ignorierte Stromausfall-Gefahr und spielt Verantwortung an Fukushima-Krise herunter

Japan aktuell: TEPCO-Führung ignorierte Stromausfall-Gefahr und spielt Verantwortung an Fukushima-Krise herunter

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Das Atomkraftwerk Fukushima Daiichi in Japan. (Foto: TEPCO)
AKW Fukushima: Brennstäbe-Bergung begonnen
Tepco: Das Atomkraftwerk Fukushima Daiichi in Japan. Foto: Tepco
TEPCO: Ignoranz und Leugnung beim Fukushima-Betreiber

Die heutigen Nachrichten werden von zwei Meldungen dominiert: Zum einen geht es um weitere Warnungen vor Tsunami-Gefahren am AKW Fukushima, die  jahrelang durch TEPCO ignoriert wurden.

Zum anderen ist die Katastrophe von Fukushima aktuell auch Thema der Befragungen des Untersuchungsausschusses.

Hier versucht man sich in der Führung des Unternehmens offenbar darin, alle Verantwortung von sich zu weisen. Einzelheiten zu diesen Fukushima-News, sowie weitere Neuigkeiten jetzt im Spreadnews Japan-Ticker vom 15. Mai 2012.

Unsere heutigen Themen:

  • NISA warnte TEPCO bereits 2006 vor Tsunami-Stromausfall
  • TEPCO-Vorsitzender weist Schuld an Fukushima-Krise auf die Regierung
  • Kritiker sehen unabhängige Fukushima-Berichterstattung der NHK gefährdet

NISA warnte TEPCO bereits 2006 vor Tsunami-Stromausfall: Der Betreiber des AKW Fukushima Daiichi, dessen Kernschmelzen zur bislang größten Nukleakatastrophe Japans führten, war bereits im Jahr 2006 von der dortigen Atomsicherheitsbehörde NISA auf die Gefahr eines vollständigen Stromausfalls bei einem Tsunami hingewiesen worden. Diese Warnungen wurden jedoch ignoriert.

So lautet das Fazit einer Pressekonferenz mit Yukio Edano, Minister für Wirtschaft, Handel und Industrie, die sich am gestrigen Montag an ein Kabinettstreffen anschloss. Die damalige Warnung war eine Reaktion auf das Sumatra-Erdbeben von 2004, wurde jedoch nicht mit einer Anordnung zur Schaffung von Tsunami-Schutzmaßnahmen verbunden.

Nachdem der Tsunami des Sumatra-Erdbebens die Meerwasserpumpe der Reaktorkühlung an einem indischen Atomkraftwerk  ausgeschaltet hatte, wurden in den seit Januar 2006 geführten Informationssitzungen an denen die Atomsicherheitsbehörden NISA und JNES ebenso beteiligt waren, wie der Energiekonzern TEPCO und weiteren Teilnehmer, auch die Sicherheit japanischer Atomkraftwerke diskutiert.

Im August 2006 wies man im Rahmen dieser Veranstaltungen dann darauf hin, dass ein Tsunami, der die bislang vermutete Höchstgrenze überschreiten würde, vermutlich auch einen Ausfall der Meerwasserpumpe am AKW Fukushima Daiichi zur Folge hätte. In dem zusammengestellten Schriftstück heisst es, dass die Stromversorgung ausfallen könnte „falls ein 14 Meter hoher Tsunami das AKW Fukushim treffen und Meerwasser in das Innere der (Reaktor-) Turbinengebäude gelangen würde“.

Die Position von TEPCO beim gestrigen Treffen des Untersuchungsausschusses zur Fukushima-Krise fiel nach diesen Enthüllungen schwach aus. Tsunehisa Katsumata, Vorsitzender des Unternehmens erklärte lediglich, diese Warnung sei nicht an ihn weitergeleitet worden und die Führung habe keine Gegenmaßnahmen in Betracht gezogen.

TEPCO-Vorsitzender weist Schuld an Fukushima-Krise auf die Regierung: Im Zuge der Fukushima-Krise sind bereits bis jetzt mehrere schwere Fehler begangen worden, so viel ist bereits noch vor dem endgültigen Abschluss der Untersuchung durch die unabhängige Kommission klar geworden. Fehler im Krisenmanagement und Kommunikationspannen zwischen Regierungsstellen und Unternehmensführung sind zwei dieser Punkte.

Tokyo: TEPCO-Gebäude im Juni 2007 (Foto: yoppy cc-by)
TEPCO-Gebäude in Tokyo im Juni 2007 (Foto: yoppy cc-by)

Umso ungewöhnlicher ist es, dass mit Tsunehisa Katsumata nun ausgerechnet der Vorsitzende von TEPCO zum Schlag ausholt und den früheren Premierminister Naoto Kan für seine Handlungen während der Akutphase der Fukushima-Katastrophe kritisiert.

Bei einer Anhörung durch den parlamentarischen Untersuchungs-Ausschuss zur  Ursache der Fukushikma-Katastrophe erklärte Katsumata, die vom damaligen Premiermionister Kan per Handy gegebenen Anweisungen hätten Masao Yoshida, den damaligen Leiter des AKW Fukushima Daiichi, von der Durchführung seiner Pflichten, nämlich der Stabiliisierung der Lage abgehalten. Das berichtete die jiji am gestrigen Montag.

Am heutigen Tag berichten sowohl Kyodo als auch Asahi Shimbun über weitere Vorwürfe des TEPCO-Vorsitzenden gegen Politik und Mitarbeiter.

So sei etwa nicht nur das Telefonat, sondern auch der Besuch des Premiers am AKW Fukushima Daiichi, einen Tag nach Ausbruch der Krise falsch gewesen. Bei dem einstündigen Rundgang habe Yoshida ihn begleiten müssen, was ihn ebenfalls von seiner Arbeit abgehalten habe. Auch hätten einige direkte Anfragen per Handy zur allgemeinen Verwirrung beigetragen.

Regierung sei Schuld an Kühlstopp-Befehl: Auch die Verantwortung für die Verwirrung über die Entscheidung, ob eine Kühlung mit Meerwasser durchgeführt werden solle, weist Katsumata dem Büro des Premierministers zu.

Von dort sei die Anordnung gekommen, die Einspeisung von Meerwasser einzustellen. Er habe sich einer Regierungsanweisung nicht widersetzen können. Ex-Premier Kan bestreitet jedoch, diese Entscheidung gefällt zu haben. Schliesslich hatte der Leiter des AKW Fukushima, Masao Yoshida eigenmächtig die Weiterkühlung befohlen, was sich als richtiger Schritt herausgestellt hatte.

Wie später bekannt wurde, hatte Ichiro Takekuro, führender Mitarbeiter von TEPCO und zu diesem Zeitpunkt beim Dienst im Büro des Premierministers an die Konzernführung weitergegeben, der Premierminister hätte die Weiterkühlung mit Meerwasser bislang nicht befohlen, was zu Diskussionen und dem Befehl an Yoshida geführt hatte, die Einspeisung zu stoppen, was dieser jedoch verweigert hatte. Kan selbst hatte keine Kenntnis, dass bereits Meerwasser zur Kühlung genutzt wurde.

Bei der  jetzigen Anhörung war auch die Behauptung von Kan, die er nach seinem Rücktritt geäußert hatte – der damalige TEPCO-Präsident Masataka Shimizu habe die Regierung darum gebeten, alle Arbeiter zu evakuieren, was er als Premier abgelehnt habe – von Katsumata als „absolut unwahr“ bezeichnet. Vierlmehr habe Shimizu um gänzliche Evakuierung mit Ausnahme von 70 Personen zur Krisenbewältigung gebeten, was auch von Kan verstanden worden sei.

TEPCO-Vorsitzender redet sich raus: Die weitere Befragung zeigte vor allem eines: TEPCO-Vorsitzender Tsunehisa Katsumata wich als unvereidigter Zeuge allen Fragen zu seiner persönlichen  Verantwortung aus, sondern Verwies auf den Präsidenten und die Vizepräsidenten des Unternehmens.

Weder sei ihm die im August 2006 erstellte Warnung der NISA vor einem möglichen Ausfall der Stromversorgung durch einen großen Tsunami vorgelegt worden, sondern er habe erst später davon erfahren,  noch habe er von den Ergebnissen der von TEPCO selbst durchgeführten Computersimulation, die eine 15,7 Meter hohe Flutwelle errechnet hatte, gewusst.

Auch habe man nicht an einen derart großen Tsunami geglaubt. Vielmehr sei man, wie auch der Bevölkerung gesagt worden war, davon überzeugt, dass Atomkraftwerke sicher seien, was für einen Mangel an Krisenbewusstsein im Unternehmen spricht.

Kritiker sehen unabhängige Fukushima-Berichterstattung der NHK gefährdet:  Der Energiekonzern TEPCO stellte am gestrigen Montag die immensen finanziellen Verluste im Fiskaljahr 2011 vor und gab die Schaffung eines neuen, elfköpfigen Ausschusses bekannt, der sich mit dem finanziellen Wiederaufbau befassen soll. Sechs der Mitglieder waren bislang nicht dem Konzern zugehörig – darunter auch Fumio Sudo, Vorsitzender des Aufsichtsrats von Japans einziger öffentlicher Rundfunkgesellschaft NHK

Dessen Ernennung hat nun zur Besorgnis darüber geführt, ob die Neutralität der Berichterstattung der NHK über das Unternehmen gewahrt werden kann. Der 71 Jahre alte Sudo, zuvor Präsident eines Stahlherstellers, verneint mögliche Interessenkonflikte. Auch das Sekretariat der NHK erklärt, alle Aufsichtsratmitglieder seien gesetzlich dazu verpflichtet, ihre Arbeit außerhalb des Sendeprogramms von ihrer Medienarbeit zu trennen.

Vollzeit-Aufsichtsratsvorsitzenden der NHK ist es zwar gesetzlich verboten, andere Posten außerhalb der Beschäftigung inne zu haben, dies gilt jedoch nicht für Sudo, da er diese Funktion nur als Teilzeit-Vorsitzender erfüllt. Daher ist er auch mit einem  Pharmaunternehmen (Takeda Pharmaceuticals) verbunden.

Doch auch aus den Reihen der NHK, sowie von Medienexperten – etwa Professor Yoshihiro Oto von der Universität Sophia –   gibt es Bedenken, man könne das Vertrauen der Zuschauer schädigen.

Warum etwa, sollte ein führendes Mitglied einer Mediengruppe ausgerechnet jetzt Aufgaben bei TEPCO übernehmen – einem Konzern, der zu den wichtigsten Themen der Berichterstattung von Medien gehört? gibt ein NHK-Mitarbeiter zu bedenken. TEPCO selbst steuert auf eine Quasi-Verstaatlichung zu, da die Regierung sich die Mehrheit der Stimmrechte in dem Unternehmen aneignen wird.

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