Start Aktuelles Japan aktuell: Trubel um Fukushima-Kartenmaterial der USA

Japan aktuell: Trubel um Fukushima-Kartenmaterial der USA

1069
0
TEILEN
MEXT: Kultus- und Wissenschaftsministerium (Foto: っ cc-by)
MEXT: Bildungsministerium entschuldigt sich für Krisenmanagement (Foto: っ cc-by)
MEXT: Kultus- und Wissenschaftsministerium (Foto: っ cc-by)
MEXT: Wissenschaftsministerium entschuldigt sich für Versäumnisse (Foto: っ cc-by)

TEPCO beginnt den heutigen Tag mit Bildmaterial zu weiteren Schäden –  das hierzu verfügbare Textmaterial ist jedoch noch reichlich dürftig. Umfangreich sind dagegen die hastigen Erklärungsversuche und Ausflüchte die zur verabsäumten Nutzung von US-Kartenmaterial während der Akutphase am AKW Fukushima aktuell von der Regierung vorgetragen werden.

Der Betreiber des AKW veröffentlicht derweil neue Hintergründe zu einer bereits gemeldeten Wasseransammlung – und bietet dem Leser Informationen über ein Leck der etwas anderen Art. Weitere Fukushima News und sonstige Meldungen wie üblich im Spreadnews Japan-Ticker vom 19. Januar 2012.

Unsere heutigen Themen:

  • Regierung will Nichtbeachtung von US-Kartenmaterial untersuchen
  • NISA entschuldigt sich für Versäumnisse bei US-Karten
  • Ölleck an hydraulischem Gerät in Fukushima
  • Untersuchungsergebnisse zur Wasserlache in Fukushima vom 14. Juni
  • Tokyoter Verwaltung übernimmt weitere Katastrophentrümmer
  • Frauen leiden stärker unter Krisenfolgen
  • Giftgas-Sektenmitglied führt in Haft Rituale des Kults durch
  • Haftbefehl gegen weibliches Giftgas-Sektenmitglied wegen VX-Gasanschlag

Regierung will Nichtbeachtung von US-Kartenmaterial untersuchen: Auf dem Höhepunkt der Fukushima-Krise hatte die US-Regierung am 18. März 2011 dem japanischen Wissenschaftsministerium und der NISA Kartenmaterial zur Verfügung gestellt, auf denen die Ausbreitung des radioaktiven Materials basierend auf Echtzeitdaten dargestellt war.

Hirofumi Hirano: Minister für Bildung, Kultur, Sport, Wissenschaft und Technologie - MEXT (Foto: pd)
Hirofumi Hirano: Minister für Bildung, Kultur, Sport, Wissenschaft und Technologie (Foto: pd)

Doch weder Wissenschaftsministerium noch NISA nutzen dieses Wissen für Evakuierungspläne, noch wurden das Büro des Premierministers oder die Atomsicherheitskomission (NSC) informiert (Spreadnews berichtete gestern hierüber).

Wissenschaftsminister Hirofumi Hirano verteidigte am heutigen Dienstag das Vorgehen seiner Behörde und erklärte, die Aufgabe des Ministeriums bestehe lediglich darin, Strahlungsniveau auf dem Boden zu messen. Allerdings drängte er die Regierung dazu, ihre Entscheidung, die Informationen der Karten nicht zu teilen zu überdenken und diese vielmehr zu nutzen.

Hirano erklärte, die Regierung werde nun prüfen, ob die Veröffentlichung der Karten bei den Evakuierungsbemühungen geholfen hätten. Das berichtet die NHK. Tatsächlich spricht bereits der Umstand, dass Menschen durch stark kontaminierte Gebiete hindurch evakuiert wurden, für den Einsatz des Kartenmaterials.

NISA entschuldigt sich für Versäumnisse bei US-Karten: Nur wenige Stunden nachdem die Asahi Shimbun die Informationen veröffentlicht hatte, habe die Atomsicherheitsbehörde NISA eine eilige Pressekonferenz einberufen und sowohl die Fehler eingeräumt, als sich auch für diese Entschuldigt, berichtet die Zeitung am heutigen Tag.

Japan-Karte: Präfektur-Fukushima radioaktiv (Foto: pd)
Japans Regierung äußert sich zu US-Strahlungskarten (Foto: pd)

Tetsuya Yamamoto,  stellvertretender Generaldirektor für Sicherheitsuntersuchungen bei der NISA äußerte sich zu den Vorwürfen. Es sei sei bedauerlich, dass die Daten nicht für die sichere Evakuierung genutzt worden sei. Die Behörde bedauere dies.

Yamamoto berichtete auch, die USA hätten etwa eine Woche nach dem 11. März 2011 insgesamt drei mal detaillierte Karten, die mit minutengenauen Messungen durch US-Militärflugzeuge die Strahlungshöhe in einem Radius von 45 Kilometern um  das AKW Fukushima Daiichi erstellt worden waren.

Am 18. und 20. März erfolgte die Zusendung per E-Mail durch die US-Regierung. Am 23. März 2011 habe es eine dritte Zusendung, diesmal durch das Außenministerium gegeben.

Die Karte sei dann einer Gruppe Beamten der NISA weitergegeben worden, die im eingerichteten Notfallzentrum beschäftigt und für den Schutz vor Strahlung verantwortlich waren. Eine weitere Gruppe die sich mit der Evakuierung von Einwohner befasste, war ebenfalls eingerichtet worden. Diese erhielt aus unbekannten Gründen jedoch nicht diese Karte. Es bleibt auch unklar, ob die Mitarbeiter sich überhaupt bewusst waren, dass die US-Strahlungsdatenkarte an einer Tafel im Raum befestigt worden war.

Die Strahlungsschutzgruppe bestand hauptsächlich aus Beamten des Wissenschaftsministeriums, so dass unklar ist, ob die US-Karte auf irgendeine Weise einen Einfluss auf die Entscheidungen hatte. Yamamoto betonte jedoch mehrfach, die von ihm als sehr wichtig bezeichneten Karten hätten keine Meldung an die NISA umfasst, wie diese Daten genutzt werden sollten.

Ölleck an hydraulischem Gerät in Fukushima: Am gestrigen Montag entdeckte ein Angestellter der Betreiberfirma um 9:00 Uhr (Ortszeit) in der Nähe der Wassereinspeisung einen Ölaustritt am hydraulischen Teil des Tieflöffelstiels, bei dem es sich um die Halterung eines auswechselbaren Schaufelteils bei Baugeräten, wie etwa Baggern, handelt. Dieser war für das Aufbrechen der Betondecke verwendet worden. Die Gesamtmenge des ausgelaufenen Öls beläuft sich auf etwa ein bis zwei Liter. Mittlerweile ist der Austritt gestoppt.

Ein Teil des Öls war in den Boden gelangt, doch soweit es möglich war wieder aufgewischt. Noch am selben Tag informierte man gegen 10:40 Uhr die Feuerwehr von Tomioka. Diese bestätigte gegen 12:30 Uhr, das es sich nicht um gefährliches Material handelte. Die genaue Ursache des Ölaustritts ist noch unbekannt und wird untersucht.

Untersuchungsergebnisse zur Wasserlache in Fukushima vom 14. Juni:  Am 14. Juni hatte ein Alarmmeldung über eine „Unregelmäßigkeit des Wasserdurchflusses“ am isolierten Zirkulationsbetriebs der Wasserdekontamination, zur Entdeckung einer Wasserlache durch den Angestellten eines Partnerunternehmens (Spreadnews berichtete am folgenden Tag). Die genaue Ursache sei jedoch noch zu untersuchen.

Lachenstelle am Deckel des Wasserbehälters am 15. Juni 2012 (Foto: TEPCO)
Austrittsstelle am Deckel des Wasserbehälters am 15. Juni 2012 (Foto: TEPCO)

Heute veröffentlichte TEPCO Material zu den Untersuchungsergebnissen vom 15. Juni 2012. Als Quelle des ausgetretenen Wassers wurde demnach die Einheit zur Flockung und Sedimentation des Dekontaminationssystems vermutet. Aufgrund der Untersuchung geht man nun davon aus, dass die eigentliche Leckstelle sich im Zwischenraum der Übergangsstelle, an der das Rohr in den Deckel des Behälters für das Abwasser der Anlage befindet.

Es wird zudem vermutet, dass das Wasser aus dem Tank austrat, da die Flüssigkeit nicht abwärts fliessen konnte, nachdem das Durchflussventil der abwärts führenden Rohre geschlossen worden war, weil ein Pegelstandsanzeiger einen Abfall der Wassermenge nahe legte und von oben weiteres Wasser hineinfloss. Als Reaktion hierauf soll der Pegelstandsanzeiger nun ausgebessert werden.

Tokyoter Verwaltung übernimmt weitere Katastrophentrümmer: Die Verwaltung des Großraums Tokyo kündigte am gestrigen Montag an, man erkläre sich dazu bereit, weitere 21.000 Tonnen an Katastrophentrümmern aus Otsuchi (Präf. Iwate) zu übernehmen. Das Material wird zwischen Mitte Juli und März 2013 per Zug transportiert werden und sich so mit den  120.000 Tonnen aus Miyako (Präf. Iwate), Ishinomaki und Onagawa (beide Präf. Miyagi) einreihen, die bereits von der Tokyoter Verwaltung akzeptiert wurden. Das berichtete die jiji.

Frauen leiden stärker unter Krisenfolgen: Eine zwischen Juni und Augsut 2011 in Ishinomaki und Oktober bis Dezember 2011 in Rikuzentakata von der Regierung durchgeführte Untersuchung, deren Ergebnisse am heutigen Dienstag veröffentlicht wurden zeigt, dass Frauen sstärker durch die Naturkatastrophen getroffen werden, als Männer.

In Ishinomaki (Präf. Miyagi) besteht bei 50,2 Prozent der Frauen der Verdacht auf Schlafstörungen. Bei den Männern dort beträgt der Wert nur 32,4 Prozent. In Rikuzentakata (Präf. Iwate) betrugen die Werte  44,4 Prozent (Frauen) und 27,7 Prozent (Männer). Insgesamt 8,4 Prozent der Frauen in Ishinomaki leiden unter schweren geistigen Belastungen und Stress. Männer dagegen liegen bei 6,0 Prozent. In Rikuzentakata betrug das Verhältnis 7,0 Prozent gegenüber 3,3 Prozent. Das berichtet die Nachrichtenagentur jiji.

Besonders betroffen sind offenbar auch Mütter in der Präfektur Fukushima, die ihre Kinder nach den Natukatastrophen vom 11. März 2011 auf die Welt brachten. Das zumindest ist das Ergebnis einer Befragung von 15.954 Müttern die im Rahmen der Erhebungen der Präfekturleitung Fukushima im Januar diesen Jahres durchgeführt wurden. Über die Ergebnisse berichtet die Mainichi Shimbun. Demnach haben 1.298 (14,6 Prozent) der 8.886 Mütter, die gültige Antworten gaben, depressive Tendenzen. Ein Telefondienst mit Experten wurde für diese Frauen an der medizinischen Universität Fukushima eingerichtet.

Giftgas-Sektenmitglied führt in Haft Rituale des Kults durch: Das zuletzt gefasste Mitglied der fälschlich als „Aum-Sekte“ bezeichneten religiösen Bewegung Omu Shinrikyo hängt offenbar in starkem Maße weiter den Lehren des Endzeit-Kults an. Darauf deuteten bereits die Bücher, Fotos und Tonaufnahmen des früheren Sektenführers Chizuo Matsumoto (Aliasname Shoko Asahara) hin, die im Besitz von Katsuya Takahashi gefunden worden waren – unter anderem auch in dem Münzschließfach am Bahnhof Tsurumi.

Chakras (Grafik: pd)
Giftgas-Sektenmitglied hält an spirituellen Überzeugungen fest (Grafik: pd)

Unter Berufung auf Ermittlerkreise berichtet die Yomiuri Shimbun, der inhaftierte Takahashi führe in seiner Gefängniszelle einige Rituale der Sekte durch. So sitze er beispielsweise im Lotossitz auf dem Boden und wiederhole dabei heilige Formeln (Mantras) der Gruppierung. Auch die rituellen Niederwerfungen führe er dort durch.

Bei den Vernehmungen durch Polizeibeamte nutze er zudem das sektentypische Vokabular der Omu Shinrikyo und erklärte laut Meldung der Kyodo, er glaube weiterhin an den Sektenguru. Seine Verhaftung sei die Folge negativer Auswirkungen des gesetzes von Ursache und Wirkung (Karma). Er äußerte bislang keinerlei Bedauern oder Mitleid für die Opfer oder ihre Angehörigen.

Die Polizeibehörde ist nach Meldung der Mainichi Shimbun der Überzeugung, man müsse die Indoktrination der Sekte überwinden, da andernfalls keine brauchbaren Informationen von Takahashi zu erwarten seien. Als hochrangiges Mitglied der Omu Shinrikyo ist er für die Ermittler von besonderem Interesse.

Abgesehen von  den ersten Worten unmittelbar nach seiner Festnahme, lehnte er es ab über die Taten der Sektenanhänger zu sprechen, da er seine Gedanken noch nicht sortiert habe. Er lasse sich lediglich auf Small Talk und Gesprächen zu den Themen Yoga und Meditation ein. Zu den Übungen und Techniken der Gruppierung befragt erklärte er gegenüber den Beamten, diese würden den Praktizierenden mit Kraft erfüllen.

Allerdings behauptet Takahashi nicht gewusst zu haben, dass es sich bei der braunen Substanz, die in der Sekte mit einem Codenamen benannt worden war, um das Nervengas Sarin handelte.

Haftbefehl gegen weibliches Giftgas-Sektenmitglied wegen VX-Gasanschlag: Die Polizei beabsichtigt offenbar, weitere Haftbefehle gegen Naoko Kikuchi, früheres Mitglied der Sekte Omu Shinrikyo zu beantragen. Sie wird verdächtigt, am 12. Dezember 1994 einen 28 Jahre alten Mann in Osaka auf offener Straße mit dem Nervengas VX attackiert zu haben, da sie ihn verdächtigt hatte, ein Spion zu sein. Das Opfer des Angriffs starb zehn Tage nach dem Gasanschlag.

Im selben Monat soll sie versucht haben, mit dem Gas zwei weitere Männer umzubringen – einer von ihnen gewährte einem Aussteiger Unterschlupf, der andere leitete eine Gruppe, die sich für die Opfer der Sekte einsetzt. Wegen der vermuteten Beteiligung am  Terroranschlag auf die U-Bahn von Tokyo im Jahr 1995 war bereits ein erster Haftbefehl ausgesprochen worden. Das berichtet die jiji unter Berufung auf Ermittlerkreise.

HINTERLASSEN SIE EINE ANTWORT

Please enter your comment!
Please enter your name here