Japan aktuell: Tsunami durch ungenaue Erdbebenmessung unterschätzt

Japan aktuell: Tsunami durch ungenaue Erdbebenmessung unterschätzt

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Tsunami Warnschild
Neues Warnsystem soll Menschen schützen (Foto: (c) by Pandinus)

Tsunami Warnschild
Tsunami: Erdbebenschätzungen stuften ihn zu gering ein

Ausgehend vom Beginn der Fukushima-Krise am 11. März ist mittlerweile ein halbes Jahr vergangen, in dem Spreadnews durchgehend wochentags berichtete. Angesichts dieses Datums stellt sich die Frage: Wollen unsere Leser weiterhin über Fukushima aktuell informiert werden? Soll die Krise in der Berichterstattung zurücktreten? Nehmen Sie Kontakt auf, schreiben Sie uns einen Kommentar oder eine E-Mail. Ihre Meinung ist gefragt!

Wenig gefragt sind definitiv Lebensmittel aus der Präfektur Fukushima, wurde nun doch eine Kampagne, Produkte von dort in einem „Fukushima Shop“ innerhalb eines Einkaufszentrum in Fukuoka zu verkaufen aufgrund von Protesten und Boykott-Drohungen wieder eingestellt.

Vielmehr kaltgestellt wurde Industrieminister Yoshio Hachiro, der aufgrund seiner Äußerung über „Städte des Todes“ um das AKW Fukushima Daiichi seinen Posten räumen und dem früheren Chefkabinettssekretär  Yukio Edano weichen musste.

Mehr Informationen und Fukushima News nun im Spreadnews Japan-Ticker vom 12. September 2011.

Japan legt IAEA neuen Bericht vor: In einem neuen Bericht an die IAEA der auf einem Treffen in Wien am 19. September veröffentlicht werden wird, will Japan zeigen, wie die im Juni-Bericht analysierten 28 Lektionen die man aus der Krise gezogen habe, angegangen werden. Auch die Einrichtung einer neuen Atomaufsichtsbehörde die dem Umweltministerium unterstehen soll, ist möglicherweise bereits in Vorbereitung, nachdem es zwischen der NISA als Kontrollorgan und dem bislang übergeordneten Industrieministerium als Atomkraftbefürworter, zu Interessenkonflikten gekommen war. Das meldet die Nachrichtenagentur Jiji.

In dem neuen Regierungsbericht an die IAEA regt Japan auch die Schaffung eines Übungszentrums für die Schulung von Personen und Institutionen die in Zusammenhang mit der Sicherheit von Atomanlagen stehen an, so die Nachrichtenagentur Kyodo.

Gemeinden wollen keine Atomkraft: Von den insgesamt 1,793 im Rahmen einer Umfrage der Nachrichtenagentur Kyodo kontaktierten Verwaltungsbehörden von Präfekturen, Städten und Dörfern, antworteten 1697. Eine Mehrheit von 38 Prozent sprach sich gegen den Bau neuer Atomkraftwerke aus, während 27 Prozent zusätzlich die frühe Abschaltung jetziger Anlagen fordern. Eine sofortige Abschaffung der Atomenergie wird jedoch nur von 0,5 Prozent gefordert.

Die Gegenstimmen fallen deutlich schwächer aus, lediglich 17 Prozent würden den Bau weiterer Kernkraftwerke befürworten, sofern geeignete Sichergheitsmaßnahmen getroffen werden

Mit 47 Prozent ist annähernd die Hälfte an der Nutzung regenerativer Energien interessiert, mit 88 Prozent wird dabei der Umfrage zufolge die Solarenergie favorisiert.

Erneute Entschuldigungen von NISA und TEPCO: Sowohl die japanische Atomsicherheitsbehörde als auch Kraftwerksbetreiber TEPCO haben sich erneut für die Katastrophe und das Krisenmanagement am AKW Fukushima Daiichi entschuldigt. Yoshinori Moriyama von der NISA versprach, die Behörde werde alles tun was möglich sei, um die Lage so schnell wie möglich zu stabilisieren, meldet die NHK.

Die Nachrichtenagentur jiji berichtete, TEPCO-Präsident Toshio Nishizawa versicherte, das Unternehmen werde keine Anstrengungen scheuen um Personen die im Zuge der Atomkrise evakuiert werden mussten, möglichst schnell eine Rückkehr in ihre Häuser zu ermöglichen.

Tsunami-Warnungen fehlten Berücksichtigungen: Ein seismologisches Institut berechnete bereits zehn Minuten nach dem Beben die Stärke mit 9,0. Diese Berechnung wurde jedoch nicht in die Tsunamiwarnung aufgenommen und die bisherigen Werte korrigiert, da es sich um ein Verfahren handelt, das nicht standardmäßig genutzt wird.

Die 2001 an der Erdbebenwarte Matsushiro entwickelte Matsushiro-Methode berechnet die Stärke von Erdbeben anhand von Daten aus dem Internet und liefert sehr schnell Ergebnisse, ist jedoch anfällig für zu breite Schätzungen. Dennoch übernahm die Wetterbehörde am 22 Juni die Matsushiro-Methode in ihre Auswertzungen auf um künftige Unterschätzungen zu vermeiden.

Das Standardsystem der Wetterbehörde liefert zwar Schätzungen innerhalb von drei Minuten was im Fall eines Tsunami entscheidend ist. Allerdings beinhaltet es keine Seismographen die dazu fähig sind zuverlässig große Erbeben zu schätzen, so das als Höchstschätzung ein Wert von 8,5 errechnet werden kann und so die Gefahr von Unterschätzungen besteht.

Normalerweise nur dazu vorgesehen überseeische Erdbeben festzustellen, fanden versuchsweise auch Messungen japanischer Beben mit der Matsushiro-Methode statt, auch wenn das System hierfür nicht ausgelegt ist.

Beim Tohoku-Erdbeben errechnete es eine Stärke von 8,9 in sieben Minuten nach dem Beben, korrigierte drei Minuten später auf 9,0 und nach 13 Minuten auf eine Stärke von 9,1. Das Standardsystem dagegen errechnete innerhalb der drei Minuten eine Stärke von 7,9 was zur Schätzung von drei Meter hohen Tsunami in Iwate und Fukushima sowie sechs Metern in Miyagi führte. Eine halbe Stunde später wurden die Tsunamihöhen auf sechs bzw. mehr als zehn Metern korrigiert. Eine Kombination beider Methoden hätte möglicherweise Leben retten können.

Minamisoma dekontaminiert sich:  Auch wenn Grundschulen und Mittelstufen noch geschlossen bleiben, arbeiten die Bewohner von Minamisoma daran, den Schulweg für die Kinder zu dekontaminieren. Am Sonntag arbeiteten über 30 Personen im Stadtteil Masuda  daran, einen fünfhundert Meter messenden Straßenbereich mit Hochdruckreinigern zu säubern und tatsächlich  konnte in einigen Gebieten der Wert von 3,6 Mikrosievert pro Stunde auf ein Drittel dieses Wertes gesenk werden, berichtet die NHK. Der Stadtteil Masuda befindet sich nur 30km vom AKW Fukushima Daiichi entfernt und die Einwohner wurden angewiesen, im Fall eines erneuten Zwischenfalls sofort evakuierungsbereit zu sein.