Start Aktuelles Japan aktuell: UN-Vertreter kritisiert Verharmlosung der Folgerisiken von Fukushima

Japan aktuell: UN-Vertreter kritisiert Verharmlosung der Folgerisiken von Fukushima

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Atomschädel
UN-Vertreter: Langfristige Risiken der Fukushima-Krise werden verharmlost (Grafik: pd)
Atomschädel
UN-Vertreter: Langfristige Risiken der Fukushima-Krise werden verharmlost (Grafik: pd)

Misstrauen und Kritik skeptischer Leser gegenüber den Anstrengungen der japanischen Regierung werden nun von prominenter Stelle geteilt, da auch aus Sicht eines UN-Vertreters die möglichen, gesundheitlichen Folgen der Krise von Fukushima aktuell immer noch heruntergespielt werden.

Doch auch technologisch ist das AKW Fukushima heute wieder Thema, gibt es doch mehrere Ereignisse, die von der üblichen Routine vor Ort abweichen.

Somit wieder eine ganze Reihe von Fukushima News, im Spreadnews Japan-Ticker vom 27. November 2012.

 

Unsere heutigen Themen:

  • UN-Vertreter wirft Japan Nachlässigkeit und Verharmlosung vor
  • TEPCO gesteht mangelnde Sicherheitsvorkehrungen
  • Untersuchungen zu Wasserhochstand und Salzsäure-Austritt
  • Sommer-Kühleinheiten am AKW Fukushima abgestellt
  • Stickstoffeinspeisung in Reaktor 1 angehalten
  • TEPCO erklärt Fukushima-Robotereinsatz
  • Ermittlungen nach Tsunami-Opfern in Verwaltungsgebäude
  • Dekontaminationsfaser in Massenfertigung produziert

UN-Vertreter wirft Japan Nachlässigkeit und Verharmlosung vor: Anand Grover,  UN-Sondergesandter für Gesundheit erklärte am gestrigen Montag, dass Japan bislang nicht ausreichend Maßnahmen zum Schutz von Arbeitern und Anwohnern des Kernkraftwerks Fukushima Daiichi getan habe.

Auch wenn die derzeit durchgeführten Gesundheitskontrollen bei Einwohnern zu begrüßen seien, so gingen sie nach Ansicht von Grover nicht weit genug. Insbesondere die Begrenzung auf die Einwohner der Präfektur Fukushima und die Beschränkung von Schilddrüsentests auf Kinder kritisierte er. Dabei gibt es selbst in der Präfektur Versäumnisse.

Bislang sind ledigich ein Viertel der zwei Millionen Fukushima-Einwohner getestet und viele Kraftwerksarbeiter mit Kurzarbeitsverträgen haben nicht einmal Anspruch auf langfristige Gesundheitskontrollen. Außerdem sei vielen Einwohnern sogar die Einsicht in die eigenen Gesundheitsakten mit den Ergebnissen verweigert worden.

UN-Vertreter Grover vertritt die Ansicht, praktisch die gesamte nordöstliche Hälfte von Japans Hauptinsel Honshu müsste systematisch medizinisch untersucht werden, da Radioaktivität nicht Halt an Präfekturgrenzen mache und auch dort das Risiko von Folgeschäden beobachtet werden müsse..

Da man in Japan lediglich Tschernobyl-Daten als Referenz heranziehe und epidemologische Untersuchungen ignoriere, die einen möglichen Zusammenhang zwischen verschiedenen Erkrankungen wie Krebs und niedrigen Strahlungswerte unter 100 Millisievert pro Jahr nahe legen, sei die Untersuchung zu eng gefasst. Auch gäbe es von den ersten drei Jahren nach der Tschernobyl-Katastrophe keine Daten.

Auch die Nutzung von 20 Millisievert pro Jahr als Grenzwert für Sperrzonen um das Kraftwerk herum erwecke den falschen Eindruck, bis zu diesem Wert sei eine Belastung unbedenklich – dabei gilt dieser  Wert als jährliche Maximalbelastung für AKW-Arbeiter und liegt immer noch zehnfach über dem Drei-Jahres-Grenzwert für Zivilbevölkerung.

Wie die Asahi Shimbun berichtet, unterstütze die Regierung diesen falschen Eindruck von Sicherheit, indem man in Veröffentlichungen und Schulmaterial behauptet, selbst bei einer Belastung die fünf Mal über diesem Wert liege, sei kein klarer Beweis für ein unmittelbares Krebsrisiko gegeben.

Der UN-Vertreter steht mit seiner Kritik nicht alleine. Bereits mehrere Untersuchungen durch verschiedene Instanzen und Ausschüsse hatten die Regierung für Verzögerungen bei der Veröffentlichung von Strahlungsdaten kritisiert, was eine unnötig hohe Belastung durch Radioaktivität mit sich gebracht habe.

TEPCO gesteht mangelnde Sicherheitsvorkehrungen: Am ersten Tag eines Komitee-Treffens der „U.S. National Academy of Sciences“ in Tokyo räumte Akira Kawano, Mitglied der Führunsspitze des Elektrizitätskonzerns TEPCO ein, man habe bewusst auf einige Sicherheitsmaßnahmen verzichtet, da man sonst Ängste in der Bevölkerung befürchtet habe.

Ziel des US-Komitees ist es, bis zum Frühjahr 2014 einen Bericht zusammenzustellen, der Verbesserungen aus den Lektion die aus der Nuklearkatastrophe von Fukushima gezogen werden können, ermöglichen soll.

In seiner Aussage vor dem Komitee stellte Kiyoshi Kurokawa, Leiter des vom japanischen Parlament eingesetzten Fukushima-Untersuchungsausschusses, die Ergebnisse der Erkenntnisse vor und erklärte, Personen in Führungspositionen hätten Unfälle an AKW als unmöglich angesehen.

Nach Angaben der Kyodo soll sich am Freitag ein Besuch des größtenteils zerstörten Kernkraftwerks Fukushima Daiichi anschließen.

Untersuchungen zu Wasserhochstand und Salzsäure-Austritt: Im vergangenen Monat war es mehrfach zu Problem an der Entsalzungsanlage für das Abklingbecken von Reaktor 3 gekommen. So hatte etwa am 4. Oktober ein Alarm darauf hingewiesen, dass der Wasserstand des Puffertanks zu hoch gewesen sei.

Der letzte größere Zwischenfall ereignete sich dann am 24. Oktober, als 25-prozentige Salzsäure aus einem Behälter ausgetreten war, nachdem ein Testlauf am Vortag zuvor problemlos verlaufen war (Spreadnews berichtete). TEPCO hatte angekündigt, die Ursache zu ergründen und legte nun aktuelle Informationen vor.

  • Problem der Wasserstandszunahme: Im Fall der Zunahme des Wasserstands geht der Betreiber davon aus, dass offenbar das Verklemmen eines Bauteils zu einem Sensorproblem führte.
Das Innere des Puffertanks mit Kalkablagerungen am 15. Oktober 2012 (Foto: TEPCO)
Das Innere des Puffertanks mit Kalkablagerungen am 15. Oktober 2012 (Foto: TEPCO)

Im Normalfall liegt der Schwimmkörper, der den Wasserstand regelt, unterhalb eines ersten Sensors. Da sich der mit Magneten befestigte Schwimmkörper jedoch an der Verkalkung des Sensors verklemmte, funktionierte dieser nicht mehr korrekt, was zum Wasseranstieg bis zu einem höher gelegenen zweiten Füllstandsschalter und der Auslösung des Alarms führte.

Als unmittelbare Gegenmaßnahme werden nun die kalkartigen Ablagerungen, die sich auch am Boden des Behälters sammelten, durch den Einsatz von Säure entfernt. Um ein erneutes Auftreten des Problems zu verhindern, will man nun eine bereits bestehende Leitung für Salzsäure nutzen, um weitere Säure in den Behälter zu leiten.

  • Problem des Salzsäureaustritts: Im Zusammenhang mit dem Säureaustritt wurden Ventilprobleme und eine mangelnde Säureresistenz eines verwendeten Bauteils an der Säureanlage festgestellt.
Kritischer Teil des Salzsäure-Austritts am 24. Oktober 2012 (Foto: TEPCO)
Kritischer Teil des Salzsäure-Austritts am 24. Oktober 2012 (Foto: TEPCO)

Eine Untersuchung unmittelbar nach dem Zwischenfall ergab, dass das Ablassventil sich vom Ablassschlauch gelöst hatte und das Verbindungsstück (Stutzen)  zwischen beiden fehlte. Auch ein zweiter Verbindungsstutzen wies Schäden auf. Des Rätsels Lösung war das Material des Verbindungsstücks.

Bei einem Versuch konnte dann nachgewiesen werden, dass sich das entsprechende Werkstückaus Polamidharz innerhalb von 16 Stunden, in denen es der 25-prozentigen Salzsäure ausgesetzt gewesen war, gänzlich aufgelöst hatte und zersetzt worden war.

Der Materialfehler war zuvor nicht aufgefallen, da bei allen bisherigen Testläufen, bei denen die Betriebstauglichkeit überprüft wurde, nur Wasser statt Säure genutzt worden war. Als unmittelbare Gegenmaßnahme wurde das Zwischenstück durch einen Stutzen aus säurebeständigem PVC ersetzt und ein Testlauf mit Salzsäure durchgeführt, der keine Auffälligkeiten an anderer Stelle ergab.

Am morgigen Mittwoch soll das System neu gestartet und der Betrieb des ganzen Systems genau überwacht werden. Sollten keine probleme auftreten, wird die Anlage wieder in den Regelbetrieb übergehen.

Sommer-Kühleinheiten am AKW Fukushima abgestellt: Nachdem am 18. Juli 2012 mehrere Kühleinheiten gestartet worden waren, um während der Sommermonate die Temperatur des eingespeisten Wassers konstant zu halten, wurde die zusätzliche Kühlung am gestrigen Tag abgeschaltet.

Damit trägt man den sinkenden Außentemperaturen Rechnung. Zum Zeitpunkt des Kühlstopps um 10:15 Uhr betrug die Wassertemperatur im Puffertank 10,8°Celsius.

Stickstoffeinspeisung in Reaktor 1 angehalten: Nachdem am 23. Oktober um 9:37 Uhr mit der kontinuierlichen Einspeisung von Stickstoff in die Druckkammer von Reaktor 1 begonnen worden war, konnte gestern um 5:00 Uhr eine Abnahme der dortigen Wasserstoffkonzentration 0,18 Prozent beobachtet werden.

Da TEPCO davon ausgeht, das somit der Großteil des verbliebenen Wasserstoffs dort erfolgreich durch den Stickstoff verdrängt bzw, ausgetauscht wurde, erfolgte um 10:37 Uhr ein Stopp der Stickstoffeinspeisung. Die Einspeisung wird jedoch wieder aufgenommen werden, um das restliche Gas aus der Kammer herauszulassen.

TEPCO erklärt Fukushima-Robotereinsatz: Gestern berichteten wir an dieser Stelle über die möglichen Pläne die TEPCO, Betreiber des AKW Fukushima Daiichi, hatte erkennen lassen. Heute wurden dann genauere Informationen über den Einsatz von Robotern bekannt gegeben.

Demnach soll der Robotereinsatz bereits heute beginnen und bis morgen andauern. Ziel der Operation ist die Untersuchung von Rohrleitungen in Fukushima-Reaktor 3.

Die drei Fukushima-Roboter: FRIGO-MA, Packbot und Quince 2 (Foto: TEPCO)
Die drei Fukushima-Roboter: FRIGO-MA, Packbot und Quince 2 (Foto: TEPCO)

Zum neuen Roboter FRIGO-MA gibt es nun ebenfalls detailliertere Angaben. Das 65 Zentimeter lange und 49 Zentimeter breite Gerät, verfügt über die Fähigkeit Treppenstufen auf- und abwärts bewältigen zu können.

Neben Bild- und Tonaufnahme kann der Roboter die Strahlungshöhe, Temperatur und Luftfeuchtigkeit messen.

Der etwa 38 Kilogramm schwere Roboter wird über Kabel gesteuert, verfügt jedoch auch über eine weitere, drahtlose Alternativsteuerung, falls sich das Kabel lösen sollte.

Neben diesem neuen Gerät, dass zusätzlich  mit einer schwenkbaren Kamera für Aufnahmen in den oberen Bereichen ausgestattet wird, sollen auch weitere Roboter unterstützend mitwirken.

Der Packbot soll für zusätzliche Beleuchtung für die Kamera des FRIGO-MA sorgen.

Im Gegensatz zu diesem wird er komplett kabellos betrieben, wobei er den FRIGO-MA als Relais nutzt.

Beide Roboter werden vom erdbebensicheren Hauptgebäude aus ferngesteuert. Ein dritter Roboter, Quince 2, steht auf Abruf bei Kabelproblemen bereit.

Ermittlungen nach Tsunami-Opfern in Verwaltungsgebäude: Nach der Klage gegen Jin Sato, Bürgermeister von Minamisanriku, ermittelt die Präfekturpolizei Miyagi wegen des Verdachts der fahrlässigen Tötung.

Die beiden Kläger, Hinterbliebene von Todesopfern durch den Tsunami vom März 2011, werfen ihm vor, durch seine Weigerung, Verwaltungsangestellten die Evakuierung in höher gelegene Gebiete zu erlauben, habe er ihren Tod verschuldet.

Unter Berufung auf informierte Quellen meldet die Yomiuri Shimbun, die Untersuchungen im einstigen Gebäude der Verwaltung von Minamisanriku die gestern begannen, sollen noch etwa eine Woche andauern.

Auch eine Befragung von überlebenden Angestellten, die sich zum Zeitpunkt des Erdbebens in dem Gebäude befanden, wird Teil der Ermittlungen werden. Die Klage gegen den Bürgermeister war im August bei der Polizei eingegangen.

Dekontaminationsfaser in Massenfertigung produziert: Einem Team des Instituts für Industriewissenschaft der Universität Tokyo ist es in Zusammenarbeit mit dem Textilhersteller Ozu Corporation gelungen, einen Stoff, der Cäsium bindet, in einem Massenfertigungsprozess herzustellen.

Das Produkt geht auf eine Entwicklung vom Mai diesen Jahres zurück, als es Professor Kazuyuki Ishii und seinen Kollegen gelang, ein mit Preussisch Blau gefärbtes Stück Stoff herzustellen, das in Wasser gelöstes Cäsium an sich bindet.

Dem Team aus Wissenschaftlern und dem Unternehmen, das sonst ungewebte Textilstoffe für die Dekontamination von Wasser in Kernkraftwerken herstellt, will das fertige Produkt jetzt zum Preis von 1.000 Yen pro Quadratmeter an die Verwaltungen von kontaminierten Gemeinden verkaufen – ein fünftel des Preises der bisherigen konventionellen Angebote.

Wie die jiji berichtet, konnte der jetzt für die Massenfertigung optimierte Stoff während der Experimentalphase der Entwicklung, die Belastung von Wasser, das durch Cäsium in Höhe von 20 Becquerel kontaminiert worden war, auf zwei bis drei Becquerel herabsetzen. Das Massenprodukt soll vergleichbare Leistung bieten können.

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