Japan aktuell: Unerwartete Strahlungserhöhung in Fukushima-Reaktor 3

Japan aktuell: Unerwartete Strahlungserhöhung in Fukushima-Reaktor 3

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Fukushima-Reaktor 3: Blick von westlichem Hügel am 15. Oktober 2011 (Foto: TEPCO)
Fukushima-Reaktor 3: Ungewöhnlich hoher Strahlungsanstieg gemessen (Foto: TEPCO)

Fukushima-Reaktor 3: Blick von westlichem Hügel am 15. Oktober 2011 (Foto: TEPCO)
Fukushima-Reaktor 3: Ungewöhnlich hoher Strahlungsanstieg gemessen (Foto: Oktober 2011, TEPCO)

TEPCO scheint nun daran gelegen zu sein, Erklärungen und Lösungen für bislang ungeklärte Probleme an der Anlage zu präsentieren, handelt es sich bei einigen der im Zusammenhang mit dem AKW Fukushima aktuell gemeldeten Informationen doch um ausführliche Berichte zu Phänomenen wie Rauchentwicklung an Stromleitungen.

Einer ungewöhnlich hohen Strahlung steht der Betreiber des Kernkraftwerks in Fukushima heute anscheinend entspannter gegenüber. Weitere Fukushima News und sonstige Meldungen jetzt im Spreadnews Japan-Ticker vom 28. November 2012.

Unsere heutigen Themen:

  • Ungewöhnliche Strahlungserhöhung in Fukushima-Reaktor 3
  • Ursache für Rauchaustritt an Stromleitung des AKW Fukushima geklärt
  • Durchflussproblem an Kühlsystem des AKW Fukushima geklärt
  • NRA will TEPCO-Verantwortliche zu AKW-Sicherheit befragen
  • Parlamentarischer Fukushima-Untersuchungsbericht ist Verkaufsschlager
  • Standortplanung und Hacking bei der IAEA
  • China zeigt ruhige Präsenz
    • Chinesische Schiffe kreuzen zwischen japanischen Inseln

Ungewöhnliche Strahlungserhöhung in Fukushima-Reaktor 3: Offiziell ist die Lage am AKW Fukushima unter Kontrolle. Daher ist die heutige Erklärung des Betreibers, man habe im Inneren von Reaktor 3 drastisch höhere Strahlungswerte gemessen als noch vor einem Jahr, äußerst ungewöhnlich.

Im ersten Stock des Reaktorgebäudes sei im Nordosten ein Bereich ausgemacht worden, bei dem in Bodennähe bis zu 4.780 Millisievert pro Stunde gemessen worden waren. Im November vergangenen Jahres waren in der Nähe noch  1.300 Millisievert gemessen worden.

Diese neuen Messergebnisse waren beim gestrigen Einsatz von zwei Robotern und 12 Kraftwerksarbeitern entdeckt worden. Die höchste nachgewiesene Belastung eines Arbeiters während der etwa eine Stunde und vierzig Minuten dauernden Aktion betrug 0,52 Millisievert.

TEPCO selbst sieht diesen starken Strahlungsanstieg offenbar gelassen. Wie das Unternehmen mitteilte, könnten bereits geringste Änderungen in derartigen Untersuchungssituationen, wie etwa die Position der Roboter während der Messung und die Lage der Messpunkte wilde Schwankungen der Werte verursachen.

Neben dem Unternehmen selbst, berichtete auch die jiji über die jüngste Entdeckung. Nachdem der Elektrizitätskonzern noch gestern angekündigt hatte, auch an Reaktor 4 eine visuelle Inspektion auf Schäden und Auswirkungen des Tohoku-Erdbebens 2011 durchzuführen, bleibt abzuwarten, ob sich dort ähnlich überraschende Entdeckungen ergeben.

Ursache für Rauchaustritt an Stromleitung des AKW Fukushima geklärt: Am Freitag den 2. November 2012 hatte gegen 9:25 Uhr ein Alarm die Angestellten auf Abweichungen im Energieversorgungssystem an den Netzschaltfeldern 1A und 2A (Common M/C2A generating line ground fault”) aufmerksam gemacht.

Bei einer Kontrolle um 10:00 Uhr waren Schäden und später auch ein Rauchaustritt festgestellt worden (Spreadnews berichtete noch am selben Tag).

Irrtum beim Auftrennen der Schläuche am 2. November 2012 (Foto: TEPCO)
Irrtum beim Auftrennen der Schläuche am 2. November 2012 (Foto: TEPCO)

Jetzt hat die Betreiberfirma TEPCO weitere Angaben zu Ablauf, Ursache und Gegenmaßnahmen gemacht.

Nach der Feststellung des Schadens habe demnach der Angestellte eines Hauptvertragspartners, der mit Kabelverlegungsarbeiten beschäftigt gewesen war, gegen 9:47 Uhr seinem TEPCO-Vorarbeiter  die irrtümliche Durchtrennung des Hochspannungskabels gemeldet.

Nachdem eine Kontrolle um 10:20 Uhr Rauch festgestellt hatte, erfolgte die Benachrichtigung der Feuerwehr Tomioka und Abschaltung der betroffenen Einheiten.

Als direkte Ursachen bezeichnete TEPCO nun mehrere Faktoren, die dazu geführt hätten, dass die Arbeiter versehentlich den falschen Schlauch aufgetrennt hatten.

  • Die Sicherheitsbesprechung vor dem Einsatz (“TBM-KY”) fand nicht vor Ort statt.
  • Die Hinweislampe, die auf Spannung des Kabels im EFLEX-Schlauch hinweist, war zu weit von der Einsatzstelle entfernt.
  • Der EFLEX-Schlauch war in einem Stück, ohne Kontrolle auf Kabel im Inneren durchtrennt worden.

Als Faktoren, die den Zwischenfall indirekt begünstigt hätten, nennt TEPCO ebenfalls mehrere Punkte.

  • Da in der Vergangenheit ähnliche Arbeiten durchgeführt wurden, verzichtete man auf die Sicherheitsbesprechung
  • Der Hauptvertragspartner behandelte die Gefahr von Arbeiten in der Nähe aktiver elektrischer Leitungen nicht
  • In den Anweisungen für die Arbeiter gab es keinen Hinweis auf elektrische Leitungen nahe der Einsatzstelle
  • Es erfolgte keine Rücksprache der Arbeiter mit dem Gruppenführer über die Arbeit vor Ort
  • Hinweisschilder auf Kabel in den Schläuchen befanden sich nur in 30-Meter-Abständen

Durchflussproblem an Kühlsystem des AKW Fukushima geklärt: Bei einer Routinekontrolle der Daten am Montag war ein Anstieg der Wassereinspeisung in Fukushima-Reaktor 3 von 5,8 Kubikmeter pro Stunde (10:00 Uhr) auf 7,0 Kubikmeter pro Stunde (11:00 Uhr) festgestellt worden.

Fukushima-Reaktor 3: Durchflussraten-Anpassungseinheit vor der Entfernung des Isolationsmaterials (Foto, TEPCO, Februar 2012)
Fukushima-Reaktor 3: Durchflussraten-Anpassungseinheit vor der Entfernung des Isolationsmaterials (Foto, TEPCO, Februar 2012)

Da eine Zunahme von mehr als 1,0 Kubikmeter pro Stunde eine Verletzung der Vorgaben für einen sicheren Betrieb darstellt, wurde die Einspeisung um 11:10 Uhr auf 6,0 Kubikmeter pro Stunde zurückgestellt. Dabei wurden keine Unregelmäßigkeiten bei den Daten zum Reaktorstatus festgestellt.

Bei der Ursachenforschung wurden zwei Punkte festgestellt: So war es zuvor gegen 10:26 Uhr zu einem Absinken des Drucks bei der Wassereinspeisung von 0,74 Megapascal auf 0,48 Megapascal gekommen. Zwischen 10:22 Uhr und 10:28 Uhr war ein Arbeiter mit der Entfernung von Isoliermaterial nahe des Durchflussraten-Stellventils beschäftigt, um dort den Durchflussmesser auszutauschen.

Daher kommt TEPCO zu folgenden Beobachtungen und Schlüssen: Nach dem Zwischenfall war die Wassermenge die bei der Öffnung des Ventils durchfloss, größer als zuvor. Obwohl sorgfältig darauf geachtet worden war, bei der Auftrennung des Isoliermaterials auf Schwankungen der Durchflussrate zu achten, habe ein Arbeiter versehentlich das Ventil berührt.

Da die Arbeiten unter räumlich ungünstigen Bedingungen stattfanden und sich Durchflussmesser und das fragliche Ventil in unmittelbarer räumlicher Nähe befinden, wird in dieser Berührung die Ursache für die veränderte Durchflussrate vermutet.

NRA will TEPCO-Verantwortliche zu AKW-Sicherheit befragen: In einem heutigen Treffen diskutierte Japans Atomaufsichtsbehörde NRA eine Reihe von Problemen bei der Sicherheit von Kernkraftwerken des Betreibers TEPCO und beschloss die Vorladung von Verantwortlichen des Unternehmens.

Neben den anhaltenden Problemen am AKW Fukushima Daiichi ist auch das Kernkraftwerk Kashiwazaki-Kariwa (Präf. Niigata) ein Problemkind des Unternehmens, nachdem an 18 Stellen von Kühlwasserleitungen einige Verformungen festgestellt worden waren. Die sollen nach Angaben von TEPCO durch starke Krafteinwirkung beim Bewegen der Brennelemmente entstanden sein.

Wie Kyodo und NHK berichtet zieht Shunichi Tanaka, Vorsitzender der Atomaufsicht, das Sicherheitsbewusstsein in Zweifel, wennn er von einem “systematischen Problem” des Unternehmens spricht. Obwohl motivierte und sachkundige Personen eingesetzt würden, um Sicherheitsprobleme zu verhindern, träten diese immer wieder auf.

Das Unternehmen müsse dringend Änderungen vornehmen, wenn es in Zukunft weiterhin Atomkraftwerke betreiben wolle.

Parlamentarischer Fukushima-Untersuchungsbericht ist Verkaufsschlager: Die wenigsten Leser, die ein Sachbuch über die Taten eines Serienmörders lesen, tun dies aus akademischem Interesse, vielmehr ist es das Gruseln angesichts der unfassbaren Tat, das den Leser fesselt.

Fukushima-Bericht der Untersuchungskommission (NAIIC) vom 5. Juli 2012 (Grafik: NAIIC)
Fukushima-Bericht der Untersuchungskommission (NAIIC) vom 5. Juli 2012 (Grafik: NAIIC)

Auch wenn die Inhalte des Berichts der “Unabhängigen parlamentarischen Untersuchungskommission zum Atomunfall von Fukushima” (NAIIC) nicht weniger schockierend sind als Kriminalfälle, so ist es in diesem Fall die Unzufriedenheit und das Misstrauen der Bevölkerung, die das Buch anspricht – und es zu einem Verkaufsschlager macht.

Wie die Asahi Shimbun berichtet, wurden seit Verkaufsbeginn im September bereits 35.000 Expemplare des 594 Seiten starke Berichts inklusive CD-ROM verkauft. Das entspricht zwar nicht dem Absatz der Soft-SM-Romanreihe “Fifty Shades”, sei in Anbetracht des ernsten Themas jedoch ausgesprochen erfolgreich, wie der Verleger Tokuma Shoten Publishing Co. feststellte.

Insbesondere Personen die direkt von der Krise betroffen sind, kaufen das Buch zum Preis von 1.680 Yen, nachdem die Fukushima-Katastrophe vielfach nicht mehr so ausführlich wie zuvor in den Massenmedien behandelt wird.

Ein zweiter Bericht der NAIIC mit 412 Seiten hat mit 100.000 Exemplaren seit März bereits diese Verkaufsmarke geknackt. Von den insgesamt vier Berichten ist lediglich dieser nicht online verfügbar.

Es handelt sich um keinen Spoiler, wenn man das Fazit des Werks noch einmal ins Gedächtnis ruft: Nach Ansicht eines zehnköpfigen Expertenteams ist die Krise um das Kernkraftwerk Fukushima Daiichi eine von Menschen verschuldete Katastrophe und noch lange nicht vorüber.

Standortplanung und Hacking bei der IAEA: Während die Internationale Atomenergiebehörde IAEA heute plante, eine Einrichtung der Präfekturverwaltung Fukushima als Grundlage für gemeinsame Aktionen zu Dekontamination und Gesundheitsfragen zu nutzen, wurde ein Hacking der IAEA-Server bekannt.

Bereits am gestrigen Dienstag gab es eine erste Bestätigung, Server in Wien seien von Kriminellen kompromittiert und E-Mail Adressen von mehr als 160 Atomexperten gestohlen worden. Die geraubten Daten wurden im Internet veröffentlicht, zusammen mit einer Aufforderung an die IAEA die Atomanlage Dimona in Israel zu inspizieren.

Es gilt als wahrscheinlich, dass Israel über Atomwaffen verfügt. Die Nation vertritt jedoch den Standpunkt, nicht durch gesetzliche Regelungen zur Kontrolle der eigenen Anlagen durch die Atomaufsicht der UN verpflichtet zu sein. Zu der Gruppe benannte sich eine Gruppierung namens Parastoo  (Farsi: “Schwalbe”).

Dennoch soll zunächst wie geplant am 15. Dezember in Koriyama eine Kooperationsvereinbarung zwischen IAEA-Generaldirektor Yukiya Amano und dem Gouverneur der Präfektur Fukushima, Yuhei Sato unterschrieben werden. Über beide Ereignisse berichteten mehrere Medien, darunter die Kyodo.

China zeigt ruhige Präsenz: Auch wenn nun erneut chinesische Schiffe in der Nähe japanischer Inseln gesichtet wurden, so wird die jüngste Beobachtung anders bewertet als die Geschehnisse in den Monaten zuvor. Die aktuellen Meldungen nun im Kurzüberblick:

Chinesische Schiffe kreuzen zwischen japanischen Inseln: Zwischen 9:00 und 10:00 Uhr meldeten Aufklärungsflugzeuge und Zerstörer, sie hätten vier chinesischen Marineschiffe zwischen den Inseln Okinawa und Miyako gesichtet. Diese drangen jedoch nicht in japanische Gewässer ein.

Das japanische Verteidigungsministerium sagte, das chinesische Marineschiffe diese Route mehrmals im Jahr nutzen, wenn sie an Übungen im Pazifik teilnehmen.

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