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Japan aktuell: Wasseranlagen mit giftigem Formaldehyd belastet

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Gefahrensymbol Schädel:
Giftiges Zyanid in Iwate ausgetreten (Grafik: pd)
Gefahrensymbol Schädel: "Sehr giftig"
Giftiges Formaldehyd in japanischer Trinkwasserversorgung

Die Entdeckung von giftigem Formaldehyd in den Kläranlagen und Wasseraufbereitungen in mehreren Präfekturen wirft größere Schatten, als die beeindruckende Sonnenfinstenis, die es am Wochenende in Japan zu bestaunen gab.

Damit ist die Katastrophe von Fukushima aktuell nicht mehr das einzige große Umweltproblem – auch wenn es im Bezug auf die Chemikalie, trotz bislang unbekannter Ursache die Versicherung gibt, es bestehe keine Gefahr für die Bevölkerung.

Somit treten auch andere Ereignisse, wie etwa die Ersteigung des Mount Everest durch die 73 Jahre alte Tamae Watanabe, oder der Gewinn des internationalen Sudoku-Wettbewerbs durch Kota Morinishi, hinter den Meldungen über die giftige Substanz zurück.

Doch auch wenn es daher mehrheitlich Meldungen zu diesem Thema gibt, so sind die Fukushima News auch heute wieder Bestandteil der Berichterstattung – im Spreadnews Japan-Ticker vom 21. Mai 2012.

Die Themen am heutigen Montag:

  • Giftiges Formaldehyd in Trinkwasserversorgung von Tokyo
  • Drei Wasseraufbereitungsanlagen wegen Formaldehyd abgeschaltet
  • Formaldehyd in Präfektur Gunma innerhalb des Grenzwerts
  • Wasseraufbereitungen wieder in Betrieb
  • Experte sieht Formaldehyd-Belastung des Tonegawa als temporäres Problem an
  • Lieferung der Katastrophentrümmer aus Miyagi geht zurück
  • Regierung lehnt zeitlich begrenzte Nutzung des AKW Oi ab
  • Traditionelles Baumaterial mit Cäsium-Absorption entwickelt

Giftiges Formaldehyd in Trinkwasserversorgung von Tokyo: Wie die Verwaltung des Großraums Tokyo am Sonntag mitteilte, wurde in einer Wasseraufbereitungsanlage, die auch an Einwohner von Tokyo Leitungswasser liefert, giftiges Formaldehyd nachgewiesen, dessen Konzentration über dem zulässigen Wert von 0,08 Milligramm pro Liter liegt.

Haupttor der Wasseraufbereitungsanlage Misato in Saitama (Foto: pd)
Haupttor der Wasseraufbereitungs-Anlage Misato in Saitama (Foto: pd)

Zwar gab die Wasserbehörde Entwarnung, da durch die Mischung mit unbelastetem Wasser die Belastung halbiert werde, noch bevor sie Haushalte erreiche. Dennoch stellte die Verwaltung eine weitere Einspeisung  aus der von der Regierung betriebenen Anlage in der Stadt Misato (Präf. Saitama) ein. Das berichtet die Nachrichtenagentur jiji.

Die Belastung des in Misato gefilterten Wassers war seit Freitag von 0,024 Milligramm pro Liter graduell angestiegen und habe am frühen Sonntag erstmals den Grenzwert überschritten. Mit Stand vom Sonntagmittag betrug die Belastung in der Anlage Misato 0,11 Milligramm pro Liter. Eine Gesundheitsgefährdung bestehe durch die Vermischung mit sauberem Wasser jedoch nicht. Auch eine Wasserknappheit in Tokyo schloss die Wasserbehörde aus.

Die von der Verwaltung des Großraums Tokyo betriebenen Wasseraufbereitungsanlagen, die ihr Wasser aus den System der Flüsse Tonegawa und Arakawa beziehen, nutzen in der Regel Einheiten, die 70 bis 80 Prozent von möglichem Formaldehyd entsorgen können. An der Anlage von Misato war die  entsprechende Einheit aufgrund von Modernisierungsmaßnahmen kurzzeitig abgeschaltet, berichtet die Yomiuri Shimbun.

Drei Wasseraufbereitungsanlagen wegen Formaldehyd abgeschaltet: Die Verwaltung des Großraums Tokyo hatte bereits seit Freitag damit begonnen, das Wasser an fünf der Filteranlagen, die sich aus dem Flusssystem des Tonegawa speisen zu untersuchen, nachdem bei Anlagen in den Präfekturen Chiba und Saitama hohe Werte an Formaldehyd festgestellt worden waren.

Totenschädel (Foto: pd)
Formaldehyd in Wasser nachgewiesen

Die Abschaltung von drei Anlagen in der Region Kanto führte zur Unterbrechung der Wasserversorgung von insgesamt 344.000 Haushalten in fünf Städten der Präfektur Chiba. Die Anlage Kamihanawa in der Stadt Noda, die Anlage Kitachiba in Nagareyama und die Anlage Kuriyama in Matsudo waren nach der Grenzwertüberschreitung eingestellt worden.

In der Stadt Noda waren mit 41.000 Haushalten fast zwei Drittel der Stadt seit Samstagmorgen von der Wasserversorgung abgeschnitten. In Kashiwa waren ab Mittag mit einer Zahl von etwa 161.300 praktisch die ganze Stadt ohne Wasser. Zur Sicherstellung der Wasserversorgung wurden an Stellen wie Spielplätzen von Schulen, Trinkwasser in Flaschen ausgegeben. Weitere betroffene Städte waren Nagareyama (68.800 Haushalte), Yachiyo (38.000 Haushalte)  und Abiko (35.000 Haushalte)

Formaldehyd in Präfektur Gunma innerhalb des Grenzwerts: Auch wenn sich die Anlagen vor Ort ebenfalls aus dem Tonegawa speisen, so berichtet die Verwaltung der Präfektur Gunma, die Entnahme von Wasserproben entlang von fünf Flüssen – dem Karasugawa, dem Inogawa, sowie dem Kaburagawa und Ayukawa – in Takasaki and Fujioka hätten unauffällige Werte zwischen 0,006 und 0,03 Milligramm pro Liter ergeben.

Zusätzlich waren Abwasserproben einer Fabrik am Karasugawa untersucht worden. Hier wurden 0,14 Milligramm nachgewiesen. Eine Bestimmung schreibt vor, dass die Belastung im Abwasser von Industrieanlagen unter 10 Milligramm pro Liter liegen muss.

Man könne die Ursache der hohen Belastung im stromabwärts gelegenen Teil des Tonegawa nicht feststellen, da zuvor erst Anormalitäten festgestellt werden müssten, zitiert die Yomiuri einen Verantwortlichen der Präfekturverwaltung.  Die Untersuchungen von Wasserproben, die an fünf Stellen  entlang der vier Flüsse entnommen würden, dauerten weiter an.

Keine Formaldehyd-Belastung im stromaufwärtigen Fluss: In einer Erklärung der Präfekturleitung Gunma vom Sonntag heisst es, der  stromaufwärts liegende Bereich des Tonegawa weise keine erhöhten Werte an Formaldehyd auf. Der flussaufwärts liegende Bereich des Flusssystems war zuvor als Quelle der Kontamination vermutet worden.

Noch am Samstag hatte, der Kyodo zufolge, die Präfektur Saitama erklärt, man halte den oberen Bereich des Karasugawa, einen Zweigarm des Tonegawa in der Präfektur Gunma, für eine mögliche Quelle der Belastung, da sich dort Betriebe befinden, die Substanzen verarbeiten, aus denen sich Formaldehyd bilden kann. Dies scheint nun durch die Angaben der Präfektur Gunma widerlegt, da auch eine Überprüfung der Abwässer einer Anlage in der Stadt Takasaki keine Grenzwertüberschreitung festgestellt habe.

Wasseraufbereitungen wieder in Betrieb: Einer Meldung der Kyodo vom Sonntag zufolge, befanden sich die meisten der Anlagen bereits am Wochenende wieder im Betrieb, nachdem die Konzentration der Substanz gesunken und durch Filterung und Verdünnung mit anderem Wasser unter den gesetzlichen Grenzwert gesunken sei. Am Sonntagmorgen war dann um 4:00 Uhr auch in der Stadt Noda (Präf. Chiba) die Wasserversorgung wiederhergestellt. Nach Angaben der Präfektur Chiba werde auch dort die Anlage den Betrieb in kurzer Zeit wieder aufnehmen.

Formaldehyd kann durch die Kombination von organischen Substanzen, wie sie sich im Abwasser von Chemieanlagen finden mit Chlor, das in Kläranlagen zur Sterilisierung des Flusswassers genutzt wird, entstehen und wirkt beim Menschen krebserregend.

Experte vermutet Formaldehyd-Belastung des Tonegawa als temporäres Problem: Satoshi Takizawa, Professor für Stadtingenieurwesen der Universität Tokyo vermutet als Ursache des jüngsten Zwischenfalls eine kurzzeitige Freisetzung von Formaldehyd aus Fabriken und anderen Standorten im Oberlauf des Tonegawa.

Das die Verwaltung der Präfektur Gunma offenbar nicht in der Lage sei, die Quelle der Kontamination zu bestimmen, erschwere dies die Nachvollziehbarkeit des Phänomens, da die fragliche Substanz durch den Fluss auch in das Meer gelangen könnte. Die Mainichi Shimbun zitiert den Experten mit der Aussage, er habe zuvor noch nie von einem derart weitreichenden Unfall im Bezug auf die Wasserqualität in Japan gehört.

Junko Nakanishi, eine Kollegin am allgemeinen Forschungsinstitut für Industrietechnik (AIST) sagte der Zeitung, dass Formaldehyd keine Gesundheitsgefahr darstelle, wenn es über einen kurzen Zeitraum aufgenommen werde. Es gilt als Auslöser für das so genannte „Sick-Building-Syndrom“ das durch Leiden wie Kopfschmerzen, Benommenheit und Übelkeit gekennzeichnet ist – allerding nur, wenn es über einen anhaltenden Zeitraum eingeatmet wird. Sie betonte jedoch, dass sie bislang keine Berichte über derartige Symptome nach dem Trinken von gelöstem Formaldehyd kenne.

Lieferung der Katastrophentrümmer aus Miyagi geht zurück: Wie die Präfekturverwaltung Miyagi am heutigen Montag mitteilte, ist die geschätzte Menge, die zur Entsorgung aus der Präfektur Miyagi geliefert werden soll, auf ein Drittel der ursprünglichen Einschätzung von 3,54 Millionen Tonnen gesunken.

Als Ursache hierfür wird angegeben, dass eine größere als bislang angenommene Menge in das Meer gespült wurde und die Zahl der Gebäude, die für einen neuen Aufbau zunächst abgerissen wurde, geringer ausfällt als gedacht. Zudem sei ein besserer Zugang zur Müllentsorgungsanlagen innerhalb der Präfektur  und die Bemühungen um eine Wiederverwendung der Asche ebenfalls an dem Effekt beteiligt.

Die Gesamtmenge der Trümmer die nun in andere Präfekturen zur Entsorgung geschickt werden müssten, wird jetzt auf 1,27 Millionen Tonnen geschätzt. Hiervon sind bereits 130.000 Tonnen für den Transport aus der Präfektur Miyagi festgelegt.

Hilfe aus anderen Landesteilen gibt es dabei durchaus. Bereits am Freitag hatte zumindest Hirofumi Iwakura, Bürgermeister von Tomakomai der Bereitschaft seiner Stadt Ausdruck verliehen, hölzerne Katastrophentrümmer aus der Stadt Miyako und drei weiteren angrenzenden Gemeinden der Präfektur Iwate, zu übernehmen.

Anders als an anderer Stelle, will man die Trümmer jedoch nicht durch Verbrennung entsorgen, sondern für Bauprojekte nutzen. Der von der Gemeinde Tomakomai selbst festgelegte Grenzwert für radioaktives Cäsium liegt bei 100 Becquerel pro Kilogramm. Es handelt sich um das erste Angebot einer Gemeinde auf Japans nördlichster Hauptinsel Hokkaido.

Regierung lehnt zeitlich begrenzte Nutzung des AKW Oi ab: Die heute veröffentlichten Ergebnisse einer Telefonumfrage vom Samstag und Sonntag zeigen, dass mit 54 Prozent die Mehrheit der 1.736 Befragten gegen einen Neustart des AKW Oi sind. Wenn zudem 78 Prozent der befragten Personen angeben, den Sicherheitsschritten der Regierung „nicht trauen“, spricht dies eine deutliche Sprache.

Allerdings ist die Regierung offenbar auch nicht zu Kompromissen bereit, wie eine heutige Pressekonferenz mit Chekabinettssekretär Osamu Fujimura zeigt. Der NHK zufolge erklärte Fujimura, der Neustart von Reaktoren solle nach Ansicht der Regierung, der Industrie und den Bürgern dienen. Ein zeitweiser Betrieb, nur um die befürchteten Stromengpässe im Sommer zu verhindern, käme daher nicht in Betracht.

Traditionelles Baumaterial mit Cäsium-Absorption entwickelt: Eine Forschungsgruppe an der Kinki-Universität hat auf der Grundlage einer Methode, wie sie in der traditionellen japanischen Architektur Verwendung findet einen Baustoff entwickelt, der einen großen Teil von radioaktivem Cäsium aus kontaminiertem Wasser filtert.

Burg von Hikone (Foto: Oilstreet cc-by)
Traditioneller Putz gegen Radioaktivität (Foto: Burg von Hikone, Oilstreet cc-by

Das „Shikkui“ genannte Material wird traditionellerweise aus hydraulischem Kalk und Kalziumkarbonat hergestellt und dient als Verputz für Gebäude. In dem Artikel der NHK ist jedoch die Mischung von Baukalk und  Sand als Grundlage genannt. Diese wurde von den Wissenschaftlern adaptiert, so dass statt Sand das Cäsium absorbierende Zeolithpulver beigemischt wurde.

Während Tests sei das durchlässige Material dazu in der Lage gewesen, in Wasser gelöstes Cäsium zu 99 Prozent aufzunehmen. Als möglichen Verwendungszweck sehen die Wissenschaftler eine sichere Lagerung von kontaminierten Trümmern und Erdreich, da das Material möglicherweise freiwerdende Substanzen aufnehme und so am Austritt hindere.

1 KOMMENTAR

  1. Danke für die viele Mühe. Viele Lesen hier und wir wussten nichts aus Japan ohne eure Hilfe. Danke, danke, danke!

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