Start Aktuelles Japan aktuell: Zweites Fukushima-Kraftwerk entging nur knapp der Kernschmelze

Japan aktuell: Zweites Fukushima-Kraftwerk entging nur knapp der Kernschmelze

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Reaktor 4: Kameraufnahme des Abklingbeckens am 9. Februar 2012 (Video: TEPCO)
Fukushima-Reaktor 4: Aufnahme der Kamera im Abklingbecken am 9. Februar 2012 (Video: TEPCO)
Reaktor 4: Kameraufnahme des Abklingbeckens am 9. Februar 2012 (Video: TEPCO)
Fukushima-Reaktor 4: Aufnahme der Kamera im Abklingbecken am 9. Februar 2012 (Video: TEPCO)

„Wieviele Leute, soviele Meinungen“. Dieses Zitat des römischen Komödiendichters Terenz lässt sich sicher auf die vielen unterschiedlichen Ansichten von Fachleuten, Experten und wissenschaftlichen Laien anwenden, die sich mit dem Thema der Nuklearkatastrophe in Fukushima aktuell noch befassen, übertragen – auch wenn die Entwicklungen und die Folgen des Geschehens eher den Charakter einer Tragödie haben.

Ob das AKW Fukushima Daini nun möglicherweise am Rand einer Katastrophe stand, ist vermutlich mindestens so interessant, wie die Ergebnisse einer gestern durchgeführten Kamera-Untersuchung in einem Abklingbecken – mehr Informationen darüber wie üblich als Bestandteil der Fukushima News im Spreadnews Japan-Ticker vom 10. Februar 2012.

Fukushima Daini nur mit geringen Schäden: Auf einer Pressekonferenz in Iwaki (Präf. Fukushima) am gestrigen Donnerstag stellte eine Gruppe von Experten für Erdbebentechnik und weitere Disziplinen eines Ausschusses der NISA die Einschätzung nach einer dreieinhalbstündigen Besichtigung der Anlage vor. Dabei konzentrierte man sich im Wesentlichen auf Anlagen wie das Gebäude von Reaktor 1, einen durch den Tsunami beschädigtes Gebäude mit Notfall-Dieselgeneratoren und ein Steuerstäbe-Antriebssystem an Reaktor 4 .

Der Einschätzung zufolge wurde der größte Schaden am AKW Fukushima Daini durch den Tsunami verursacht. Es habe aber keine schweren Schäden gegeben. Die NISA will noch in diesem Monat einen Zwischenbericht über die Auswirkungen der Naturkatastrophen zusammenstellen. Das berichtet die Nachrichtenagentur jiji.

Fukushima Daini stand vor Kernschmelze: Die Beurteilung der  Situation durch den Leiter der Anlage Fukushima 2 sieht deutlich anders aus, als jene der NISA-Expertenkommission. Stattdessen erklärte er der Yomiuri Shimbun zufolge Reportern bereits am Mittwoch, beinahe habe sein Kraftwerk das gleiche Schicksal wie Fukushima Daiichi ereilt. Zuvor war erstmals seit dem Unglück Medien der Zutritt zur Anlage möglich.

AKW Fukushima Daini in Japan. Foto: Tepco
AKW Fukushima Daini (Foto: TEPCO)

Kraftwerksleiter Naohiro Masuda berichtet, dass der 13 Meter hohe Tsunami die Meerwasserpumpen, die der Kühlung der Reaktoren diente, ausfallen liess, so dass an drei der vier Reaktoren der Anlage, das Risiko einer Kernschmelze bestand.

Offenbar ist die Sicherheit der Anlage nur reinem Glück und menschlicher Ausdauer zu verdanken.

Zum einen ermöglichte es eine einzelne noch funktionierende Stromleitung dem Team im Kontrollraum, die Daten über die Temperaturen und den Wasserstand im Reaktor nachzuvollziehen. Damit bestand ein deutlicher Vorteil zum AKW Fukushima Daiichi, wo es keinerlei Informationen über den Zustand gab.

Zum anderen ereignete sich der Vorfall an einem Freitag, so dass insgesamt 2.000 Angestellte daran arbeiteten, durch die Verlegung von Kabelsträngen über eine Strecke von neun Kilometern, der Situation wieder Herr zu werden. Hätte sich das Unglück am Freitagabend oder gar am Wochenende ereignet, so wären lediglich 40 Arbeiter vor Ort gewesen.

Nach dem massiven Einsatz der Angestellten, konnte die Leitung des AKW Fukushima Daini bereits am 15. März, vier Tage nach den Naturkatastrophe, die erfolgreiche Kaltabschaltung, den „Cold Shutdown“ melden, ein Zustand, bei dem die Lage unter Kontrolle ist, da die Temperatur an allen vier Reaktoren unter 100°C gehalten werden kann. Auch radioaktives Material sei nicht ausgetreten.

Nach der Besichtigung durch die Präfekturleitung am Samstag wiederholte diese die Forderung gegenüber TEPCO, die Anlage vollständig stillzulegen. Laut Yomiuri Shimbun habe Kraftwerksleiter Masuda keine ausführlichen Erklärungen abgegeben, sondern lediglich versichert, momentan werde man den Status des Cold Shutdown aufrechterhalten.

Bild vom Inneren des Abklingbeckens von Reaktor 4 am 9. Februar 2012 (Video: TEPCO)
Aufnahme aus dem Abklingbecken von Reaktor 4 am 9. Februar 2012 (Video: TEPCO)

Kamera-Untersuchung im Abklingbecken: Am heutigen Freitag veröffentlichte der Fukushima-Betreiber TEPCO Aufnahmen, die gestern mit einer Kamera im Abklingbecken von Reaktor 4 gemacht worden waren. Die Aufnahmen zeigen, dass zwar Trümmer auf die Halterung der abgebrannten Brennelemente gefallen sei, jedoch offenbar keinen sichtbaren Schaden anrichteten. Die Sichtweite im Becken betrage etwa fünf Meter. Sollte sich der erste Eindruck durch die Aufnahmen bewahrheiten, könnte wie geplant im kommenden Jahr mit der Entfernung der ersten Brennstäbe begonnen werden. Dies stellt einen der Punkte im 40-Jahres-Plan zur Stilllegung des Reaktors dar.

Ursache für Lecks in Fukushima-Leitungen entdeckt: Wie TEPCO gestern mitteilte, habe man die vermutliche Ursache für viele der Lecks in den Schläuchen aus Vinylchlorid gefunden. Der Übeltäter nennt sich Silberhaargras (Imperata cylindrica) und habe mit seinen scharfen und spitzen Blüten die sich durch die vierlagigen Schläuche gebohrt hätten. Sobald die Blüte abstirbt, fällt diese ab – und hinterlässt ein Loch im Schlauch. Dies sei mit Experimenten nachgewiesen worden.

Zwischen Juli und Dezember 2011 war es auf der vier Kilometer langen Strecke, die das Wasser in den Schläuchen zurücklegen muss, 22 mal zu Lecks gekommen. Das berichtet die Asahi Shimbun.

TEPCO hat nach eigenen Angaben die Schläuche durch Leitungen aus Polyethylen ersetzt, das wiederstandsfähiger sei.

Letztes aktives TEPCO-Kraftwerk fährt im März herunter:  Der 26. März 2012 ist für Tokyo Electric Power (TEPCO) von besonderer Bedeutung, wird doch an diesem Tag der Reaktor 6 am AKW Kashiwazaki-Kariwa für mindestens zwei Monate dauernde Sicherheitsprüfungen heruntergefahren – was für den Energiekonzern bedeutet, dass alle seine Reaktoren entweder aufgrund von Schäden, oder Kontrollen vom Netz sind.  Wie Tadayuki Yokomura, Verantwortlicher für das Kernkraftwerk in der Präfektur Niigata der Nachrichtenagentur jiji zufolge am Donnerstag erklärte, werde man neben der Überprüfungen auch Arbeiten durchführen, welche dem Schutz vor künftigen Tsunami dienen.

Anti-Terrorismus für Japans AKW: Japans Atomenergiekommission (JAEC) hat erstmals ihre Maßnahmen zur Abwehr möglicher Terroranschläge auf Atomkraftwerke im Land vorgelegt. Eine Arbeitsgruppe der Behörde hat einen Bericht zur Verbesserung der Sicherheit japanischer Nuklearanlagen zusammengestellt, in dem unter anderem auch eine Überprüfung der persönlichen Daten aller Angestellten, wie etwa Informationen aus dem Strafregister gefordert wird.

Diese Praxis ist in den meisten Staaten die Atombetriebe haben Standard – in Japan hatte man dies aus Datenschutzbedenken bislang nicht eingeführt.

Wie notwendig diese Maßnahmen jedoch tatsächlich sind, zeigt der Fall von zehn Arbeitern, die im Zuge der Arbeiten am schwer beschädigten Kraftwerk Fukushima Daiichi spurlos verschwanden und deren Identität ungeklärt ist. Die Arbeitsgruppe führt dies auf die fehlende Überprüfung von Personalien und Anschriften zurück.

Vermutlich vor dem Hintergrund der Entdeckung mehrerer Behälter mit radioaktivem Material in Tokyo, das offenbar außerhalb der Kraftwerke, etwa in röntgenologischen Untersuchungen eingesetzt worden war, beinhaltet der Bericht auch eine genauere Kontrolle von radioaktivem Material, wie es in Krankenhäusern und Forschungseinrichtungen genutzt wird. Das berichtet die NHK.

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