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Japan – Das Frischeland und die Folgen der Radiaktivität

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Tokyo: Traditioneller Fischhändler Foto: KJ
Testfang in Iwaki durchgeführt (Foto: Fischhändler in Tokyo, Copyright by KJ)
Tokyo: Traditioneller Fischhändler Foto: KJ
Tokyo: Traditioneller Fischhandel von Radioaktivität bedroht. Foto: KJ

Die zunehmenden Berichte über verstrahlte Lebensmittel wie Milch, Spinat oder Raps nach dem Zwischenfall im Atomkraftwerk Fukushima Daiichi erregen nicht nur Besorgnis bei der japanischen Bevölkerung, sondern treffen auch einen wichtigen kulturellen Nerv der Japaner: Die Nahrung.

Es gibt vermutlich kaum ein Land auf der Welt, in dem die Frische der Lebensmittel eine derart große Rolle spielt.

Frische von Gemüse: Während auch im deutschen Einzelhandel der Großteil der Lebensmittel weggeworfen wird, weil der Kunde sie etwa aufgrund äußerer brauner Blätter sie nicht mehr kauft, oder er irrtümlich von einer automatischen Gesundheitsgefährdung nach Ablauf des Mindesthaltbarkeitsdatums ausgeht, wäre bereits der lange und möglicherweise ungekühlte Transportweg für viele Japaner inakzeptabel.

Lokale Spezialitäten gefährdet: Ganze Präfekturen sind weniger aufgrund historischer Stätten, sondern aufgrund einer bestimmten Art von Lebensmitteln beliebt. Die Präfektur Aomori im Norden der Hauptinsel Honshu ist etwa für ihre Äpfel bekannt. Dort liegt aber auch Rokkasho – ein Dorf mit einer Aufarbeitungsanlage für radioaktive Abfälle.

Frischfisch: Nicht umsonst beteiligen sich die Chefköche der Restaurants jeden Morgen an den Auktionen auf dem Tsukiji in Tokyo – dem größten Fischmarkt  der Welt – um sich mit dem Grundprodukt für ihre kulinarischen Kreationen einzudecken – dem Fisch.

Da ein großer Teil der japanischen Küche aus dem Meer stammt – neben Fisch gehören auch andere Tierarten, sowie Meeresgemüse zur traditionellen Ernährung – wäre eine schwere radioaktive Kontamination des Pazifiks für Japaner ebenso katastrophal wie die direkte Verstrahlung einer Region.

Walfang: Auch wenn in Japan der Walfang offiziell rein wissenschaftlichen Zwecken dient, so muss doch festgestellt werden, dass Walfleisch aufgrund der ihm traditionell zugesprochenen Wirkung nach wie vor auf den Tellern, besonders gut betuchter Japaner zu finden ist. Eine radioaktive Verseuchung würde dem damit verbundenen Volksglauben sicherlich einen Dämpfer verpassen.

Fast Food: Selbst die Einführung des Fast Foods nach US-amerikanischem Vorbild hat an der Vorliebe an frischen Gerichten und Nahrungsmitteln aus dem Meer nicht wesentlich etwas ändern können. Auch Fertignudelgerichte, Knabbergebäck oder die Mini-Pizza kommen kaum ohne Nori-Algen oder Katsuobushi (getrocknete Flocken einer Thunfischart) aus.

Der Reis als Grundnahrungsmittel: Doch auch das Grundnahrungsmittel der Japaner – der Reis – wäre von möglichen Folgen radioaktiver Wolken und einem möglichen Fallout betroffen. Zunächst einmal können Reisterrassen vom salzigen Meerwasser eines Tsunami in Mitleidenschaft gezogen werden, wenn sie in Reichweite der Flutwelle liegen.

Sollte die Radioaktivität den Verzehr von Reis unmöglich machen, würde aber vor allem die Grundlage vieler Gerichte wegfallen, was neben möglichen gesundheitlichen Folgen, vor allem Auswirkungen auf die Lebensqualität der betroffenen Menschen haben kann.

Es geht also bei der radioaktiven Belastung von Lebensmitteln nicht nur darum, ob etwas nicht mehr gesund, oder möglicherweise gesundheitsschädlich geworden ist, sondern in großem Maße auch darum ob die kulinarische Kultur des Landes gewahrt werden kann.

Angesichts der steigenden Radioaktivitätswerte wie sie bislang in Küstennähe gemessen wurden, gilt es abzuwarten, wie groß das Problem letztendlich sein wird.

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