Start Aktuelles Japan: Warum versagt das Krisenmanagement bei TEPCO – Gedanken zur Kultur hinter...

Japan: Warum versagt das Krisenmanagement bei TEPCO – Gedanken zur Kultur hinter der Krise

920
5
TEILEN
Flagge Japans
Neujahrserdbeben trifft Japan
Flagge Japns
Japan: Wie Kultur die Krise verschärft

Angesichts des Images der Japaner als Meister der Effektivität und dem Ruf Japans als High-Tech Nation scheint es verwunderlich, warum man offenbar nicht ausreichend auf einen derartigen Ernstfall wie in Fukushima vorbereitet war, sondern auch, warum sich das Unternehmen ganz offenkundig Probleme hat, die Lage in den Griff zu bekommen.

 

Warum versagt die Tokyo Electric Power Co. (TEPCO) in großen Teilen bei der Beherrschung solch einer Situation?

Anstatt die bekannten Berichte über schlampige Kontrollen und fehlende Wartung aufzugreifen, wollen wir an dieser Stelle einen soziologischen Blick auf die Ursache der Mängel des Krisenmanagements werfen.

Formalität: Die Japaner sind traditionell gut darin, Dinge in einer bestimmten Art und Weise zu tun und dabei strikten Regeln zu folgen. Traditionelle Beispiele hierfür ist der Handwerker der nicht durch Erklärungen, sondern durch Abschauen lernt und die Kampfkünste in denen vielfach stilisierte Bewegungsabfolgen (Kata) gelehrt werden.

Doch was geschieht, wenn Situationen eintreten für die keine festgelegten Regeln oder reglementierte Verhaltensweisen bestehen? Hier mangelt es mitunter an Flexibilität und ein großes Maß an Bürokratie macht schnelle, spontan zu treffende, scheinbar einfache Entscheidungen schwierig.

Hierarchie: Das japanische Gesellschaftssystem ist streng hierarchisch gegliedert und so ist es vielfach rangniedrigen Mitarbeitern nicht möglich Ideen einzubringen, ohne gesellschaftliche Konventionen zu verletzen. Mag die Idee noch so innovativ sein – die Entscheidungen werden oben getroffen.

Doch selbst wenn Mitarbeiter eingebunden werden, zielt auf die kollektive langfristige Verbesserung durch Perfektionierung ab und dient nicht der Förderung von Innovation des Einzelnen.

Aus diesem Grund dürfte auch die Zahl von Informanten, die bereit sind, Informationen über Mängel im eigenen Unternehmen herauszuschleusen, vergleichsweise gering sein, würde es doch gegen die Hierarchie verstoßen auf derartige Weise tätig zu werden.

Lobbyismus: Lobbyismus ist in Japan ein weitaus akzeptierteres Phänomen als in Westeuropa. Für uns ist die Vorstellung, ein Umweltminister könnte gleichzeitig Mitglied eines Atomenergieverbandes sein, einigermaßen undenkbar.

In Japan ist es gängige Praxis, dass ein Mitglied einer Regulierungsbehörde wie etwa der Atomaufsicht relativ früh in den Ruhestand geht um im Anschluss eine Stelle bei dem Unternehmen anzunehmen, dass er eigentlich hätte überwachen sollen. Dieses Prinzip nennt sich im Japanischen „Amakudari“ („vom Himmel herabsteigen“)Welche Auswirkung solch eine Kooperation haben kann, mag sich jeder selbst ausmalen

Mögliche Folgen der Krise

Doch was geschieht, wenn eine Krise völlig aus dem Ruder läuft, weil aus einem oder mehreren der genannt Gründe die Führung eines Unternehmens nicht fähig ist, die Katastrophe abzuwenden?

Bitte um Hilfe: Die Bitte nach internationaler Hilfe ist für Japan auch aus kulturellen Gründen schwierig, begibt sich doch derjenige der Hilfe erbittet, in ein Schuld-Verhältnis zum Helfenden und geht eine Verpflichtung ein.

Nicht zuletzt aus diesem Grund werden Hilfsangebote nur in beschränktem Maße angenommen, die explizite Bitte um Hilfe spricht dann in der Tat für die „Hilf-Losigkeit“ des Unternehmens.

Doch bei der Wahl „Radioaktive Wolke über Tokyo vs. Gesichtsverlust“ dürfte zumindest die Bevölkerung eine Meinung haben, die von der möglichen Ansicht des Unternehmens abweicht.

Rücktritt und Selbstmord: Umgangssprachlich sagt man, nun würden „Köpfe rollen“ und besonders in Japan kann dies durchaus einigermaßen wörtlich genommen werden.

Auch wenn Dinge wie der rituelle Selbstmord („Seppuku„, fälschlicherweise meist „Harakiri“ genannt) praktisch ausgestorben sind – der letzte öffentliche Selbstmord dieser Art wurde 1970 vom Schriftsteller Yukio Mishima begangen – ein Suizid ist in Japan keineswegs immer der verzweifelte Versuch, sich einer Situation zu entziehen, sondern kann als Zeichen der Übernahme persönlicher Verantwortung verstanden werden.

Besonders Dinge wie mangelhafte Ausrüstung der Arbeiter und die mehrfachen Messfehler könnten langfristig zu einer temporären Teilverstaatlichung führen – schlicht weil das Management aufgrund seines Versagens untragbar geworden ist.

5 KOMMENTARE

  1. Ja, es ist einfach unerträglich täglich von sich widersprechenden Meldungen zu hören. Selbst wenn man aktuell nicht „direkt“ betroffen ist – ist es unerträglich. Ich leide jeden Tag mit den Menschen in Japan, die dem Ganzen ausgeliefert sind. Und nicht mehr tun können, als den falschen oder richtigen Messwerten Glauben schenken zu müssen um überhaupt in irgendeiner Art und Weise reagieren zu können. Doch machen wir uns nichts vor – Messwerte liegen nur da vor, wo gemessen wird! Trinkwasser gesundheitsschädlich verseucht – Trinkwasser nicht gesundheitsschädlich verseucht – und dazwischen ? Nicht gemessen ? Falsch gemessen ? Wie lange kann ein Mensch so eine Situation aushalten ? Sperrzone 20 km ? Sperrzone 40 km ?
    Greenpeace hat bereits bewiesen, daß auch korrekt gemessene Werte
    nicht zur gleichen Schlußfolgerung führen. Und das finde ich erschreckend ! Korrekte Messwerte lassen Raum für Interpretationen ?
    Es ist unerträglich, daß die Kontrolle und das „Berichtswesen“ nach wie vor in der Hand des Betreibers liegt! Seit nahezu 3 Wochen darf der Verursacher selbst allein über den Schaden berichten. Und die Welt ist so wenig handlungsfähig ? Zeigt uns das nicht, daß ein Ausstieg in Deutschland ein Anfang – wenn auch nur ein winziger Teil ist ? Daß es eigentlich weltumfassende Gesetzesregelungen geben müßte, die ein Eingreifen in einem Fall wie Fukushima oder Tschernobyl von außen auch gegen den Willen einer Regierung legitimieren ? Weil diese „Unfälle“ alle betreffen ? Wenn nicht primär, dann sekundär ? Weil wir in einer globalen Welt leben ? Die Strahlung und Verseuchung wird sich schleichend um den ganzen Erdball verteilen. Es ist eine Frage der Zeit. Beweise dafür haben wir mit Tschernobyl genügend erhalten. Noch heute ist zum Beispiel Wildfleisch aus Bayern mit höheren Messwerten zu finden. In einem großen Supermarkt habe ich im vergangenen Jahr Körbe mit Pfifferlingen aus der Ukraine gesehen. Viele Menschen habe sie gekauft. Kann man sicher sein, daß sie kontrolliert wurden ? Niemand hat gezögert, keiner hat gefragt oder sich gewundert. Die Menschen vergessen eben.
    Angesichts der Ereignisse ist es unfassbar, daß es noch immer Menschen und Länder gibt, die gegen einen Ausstieg aus diesem Wahnsinn sind. Die ein Restrisiko eines Atomreaktors mit dem „täglichen Restrisiko beim über die Straße gehen“ vergleichen.
    Und große Stromanbieter schämen sich nicht vor Gericht zu gehen um gegen das kurzfristige Runterfahren zu klagen! Darüber sollte sich jeder Kunde in Deutschland Gedanken machen. Und jeder der glaubt er kann in der Sache nichts bewegen – der irrt sich.

    • Dieser Brief spricht mir aus dem Herzen. Ich bin erleichert,
      dass andere Menschen ähnliche Empfindungen haben. Auch ich
      finde die Situation in Japan unerträglich, obwohl ich nicht
      direkt betroffen bin.
      Und täglich wächst mein Entsetzen, dass es tatsächlich ein Unternehmen ist und nicht die Regierung selbst, die die Kontrolle über die Radioaktivität versucht zu gewinnen. Bei einer derartigen Katastrophe greift die Regierung nicht mit allen ihr zu Verfügung stehenden Mitteln ein, um die Bevölkerung und die Belegschaft des Betriebes zu schützen! Das ist für mich grob fahrlässig!
      Arbeiter, Techniker und andere Helfer, die ihr Leben für andere
      Menschen riskieren und denen wir zu großem Dank verpflichtet sind, werden nicht ausreichend geschützt und müssen sich aus Konserven ernähren? Allerhand!
      Erst jetzt wird mir klar, dass nicht die Gesellschaft und ihre
      Vertreter, die Regierung, die Macht über die Atomkraft hat, sondern die Energiebetreiber selbst und denen scheint die Gesundheit der Bevölkerung ziemlich gleichgültig zu sein, solange ihr Profit stimmt.
      Es wird Zeit, so schnell wie möglich Gesetze zu erlassen, die den zuständigen Regierungen bei einem atomaren Unfall sofort die volle Kompetenz für die Überwachung und den Gesundheits-schutz aller Beteiligten zuweist. Solange noch Atomkraftwerke
      laufen. Am allerbesten wäre: Atomkraft sofort abschalten!

  2. liebe Christine,

    Du schreibst mir aus der Seele. Da heißt es, der Mensch lernt und begreift aus Fehlern und erst dann am besten, wenn ganz Schlimmes und Schmerzhaftes passiert.
    Weit gefehlt, ist ein Hohn, welch fadenscheinige Vergleiche und Milchmädchenrechnungen angestellt und damit jedes einzelne Menschenleben abgewertet und ausgelacht wird.

    Was bitte muß passieren, damit die Herren in den oberen Rängen,
    die ihre Schäfchen im Trockenen „GLAUBEN“, begreifen und
    erfassen? Erschütternd! Unfassbar! Ein noch größeres Armuts-
    zeugnis als die Katastrophe selbst.

    Auch wenn ich noch so wenig Ahnung von technischen Zusammenhängen und der komplexen Atomphysik habe, ich glaube, gesunder
    Menschenverstand reicht völlig aus, festzustellen, daß da etwas
    völlig verquer läuft.

    Aber, die Hoffnung stirbt zuletzt.

  3. Hallo Hella, Hallo Petra,
    vielen Dank für euer Feedback. Das macht Mut!
    Ich habe am Wochenende einen Bericht über einen Ort
    in Russland gesehen – 9 Flugstunden von Moskau weg – in dem
    einmal ein Atom-U-Boot explodiert ist. Der Reporter hat
    eine russische Landfrau interviewt und diese sagte : „….In Deutschland wollen sie jetzt die Atomkraft abschaffen – einfach alles abschalten. Das habe ich aus dem Internet. Die haben Recht – die machen es richtig.“
    Das hat mir so viel Mut gemacht! Das zeigt ganz deutlich, daß wir ein Vorbild zum Umdenken sein können und müssen. Und daß unsere heutige Kommunikationstechnik die Chance bietet es in die ganze Welt zu tragen. Und wenn es eine russische Landfrau versteht, dann werden es mehr werden.Wie du sagst Petra – man muß kein Atomphysiker sein um es zu kapieren – gesunder Menschenverstand reicht völlig aus, wie man an diesem Bericht sieht….

Comments are closed.