Start Panorama Katastrophenhelfer in Japan: Bei Ankunft bebte die Erde

Katastrophenhelfer in Japan: Bei Ankunft bebte die Erde

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Hochhäuser in Tokyo (Copyright: Andreas Teichert, DTRG e.V.)
Hochhäuser in Tokyo (Copyright: Andreas Teichert, DTRG e.V.)
Hochhäuser in Tokyo (Copyright: Andreas Teichert, DTRG e.V.)
Hochhäuser in Tokyo (Copyright: Andreas Teichert, DTRG e.V.)

Spreadnews ist es gelungen, Herrn Andreas Teichert von der Vereinigung für internationale Katastrophenhilfe e.V. (DTRG) für eine Artikelreihe über den Einsatz seines siebenköpfigen Teams im Zuge der Tohoku-Katastrophen zu gewinnen.

Im Rahmen der Serie “Katastrophenhelfer in Japan” wird er von Erfahrungen vor Ort berichten.

Heute erhalten Sie im fünften Teil eine Schilderung von Erfahrungen mit Erdbeben, sowie einen Vergleich mit Deutschland im Katastrophenfall.

Grenzen einer Einsatzerfahrung Teil V

Natürlich, erschreckt jedes Erdbeben Mensch und Tier, vor dem Hintergrund, das es kaum ein anderes Land gibt, das so sehr mit Erdbeben leben muss wie Japan.

Nichtsdestotrotz, seit dem 11. März 2011, wird sich auch für die Menschen in Japan viel ändern.

Das um 14.46 Uhr hereingebrochene Seebeben vor der japanischen Hauptinsel Honshu, war eine der viert oder fünft stärksten die jemals auf der Welt gemessen wurden – die Festlegung erfolgt nicht, weil sich führende Wissenschaftler darüber noch nicht völlig eins sind.

Bislang ging man davon aus, das ein Erdbeben zwar nie beherrschbar sein wird, sich die Folgen eines jeden Bebens sich menschlich und technisch angepasst werden kann. Diese Wahrnehmung galt jedoch nur bis zum besagten 11. März, dessen Stärke, alles bisher bekannte bei weitem übertraf.

Nun muss man sich aber auch vor Augen halten, mit welchen Erfahrungen und Kenntnissen, jemand in ein solchen Gebiet reist. Während in Japan bereits im frühesten Kindesalter, Verhaltensweisen aus gutem Grund antrainiert werden, kommen Touristen und Geschäftsreisende zuweilen vollkommen unvorbereitet nach  Japan.

Zwar liegt einigen Mitgliedern aus unserem Team eine ausreichende Erfahrung zu Grunde. Für die neuen Mitglieder in der Vereinigung für internationale Katastrophenhilfe e.V. jedoch muss das Wissen und das Verhalten vor und während eines Erdbebens erst noch entsprechend vermittelt und verinnerlicht werden.

Auch hier kann ich mich noch an meine ersten Erfahrungen in Japan erinnern, wir hatten noch nicht einmal die Einreisekontrolle im ersten Stock des Flughafen „Narita“ International passiert und blickten eine Etage tiefer in den Bereich der Gepäckausgabe, als das gesamte Terminal massiv zu rütteln begann.

Flughafen Tokyo-Narita: Sicherheits-Check (Foto: pd)
Flughafen Tokyo-Narita: Sicherheits-Check (Foto: pd)

Der erste Gedanke der mir durch den Kopf schoss, wie möglicherweise auch den vielen anderen Einreisenden, wohin und vor allem, wie viel Beton über mich lastet, ich wollte diesen Gedanke nur zu gern ausblenden. Alles schaukelte und man hatte erhebliche Mühen, sich richtig auf den Beinen zu halten.

Nachdem wir dieses erste Erlebnis schadlos überstanden hatten, folgten gleich die nächsten Lektionen zur Erdbeben-Prävention. Besonders kurz nach dem schweren Beben folgten viele mittlere teilweise eigenständige Erdbeben, als auch so genannte Nachbeben.

Bahnen und Busse stoppten, und auch Pkws hielten auf den Straßen, zu meiner großen Verwunderung jedoch nicht so, dass eventuelle Rettungskräfte noch durchkämen, dies erschloss sich mir jedoch nicht wirklich, bis man mich von Seiten der Japaner darüber aufklärte.

Zwar verstanden Sie das Prinzip einer so genannten Rettungsgasse, diese würde jedoch in bebauten Gebieten einen erheblichen Nachteil mit sich bringen. Das Halten von Fahrzeugen direkt in der Mitte der Straße, schützt die Autofahrer und ihre Insassen vor allem vor herabfallende Trümmer- und Gebäudeteile.

Würden diese Fahrzeuge also an der Seite halten, bestünde die erhebliche Gefahr, dass sie selbst zu verschütteten Personen werden und zudem noch in Ihren Fahrzeugen eingeklemmt sind. Diese Aussage erschloss sich mir dann in der Tat.

Gefährliche Kopfenden in Japans Hotels (Copyright; Andreas Teichert, DTRG e.V.)
Gefährliche Kopfenden in Japans Hotels (Copyright; Andreas Teichert, DTRG e.V.)

In Hotels und Gebäuden dagegen lauern ganz andere Gefahren. Besonders in Hotels, gibt es sehr oft direkte Ablagen an der Stirnseite oberhalb von jedem Bett, man sollte es  jedoch tunlichst unterlassen, größere oder schwere Gegenstände dort abzustellen, aus einem ganz einfachem Grund.

Sollte sich Nachts – und Erdbeben halten sich nun einmal bekanntlich an keinen Zeit-Rhythmus – ereignen, kann das dazu führen, dass einem die Gegenstände am Kopf treffen, und im schlimmsten Fall  möglicherweise zu Platzwunden am Auge oder im Gesichtsbereich führen kann.

Eine weiter Besonderheit, sind die in jedem Hotelzimmer und jeder Einrichtung vorgehaltenen Taschenlampen und Verbandskästen. Hierüber wie und besonders über die bauliche Begebenheit und das Treppenhaus sollte man sich in jedem Fall vorher informieren. Der Aufzug sollte absolut Tabu bleiben.

Bewohner in Tokio zum Beispiel sind zu einer privaten Vorratshaltung per se  verpflichtet, es wird also bereits verständlicherweise vorausgesetzt, das ein eigenverantwortliches Handel und Versorgen im Notfall möglich sein muss, ferner um das logische Verständnis geworben wird, dass es Rettungs- und Versorgungseinheiten schlichtweg nicht möglich sein wird, überall zu jeder Zeit jedem Hilfen zu leisten.

Zur Grundversorgung zählen neben Lebensmittel,Trinkwasser und Medikamente für mehrere Tage, auch Taschenlampe, Erste-Hilfe-Ausrüstung und netzunabhängige Radioempfänger.

Vergleich mit Deutschland

Projektiere ich das einmal auf den Zustand Deutschland, dann ist bereits ein mehrstündiger Elektrizitätsausfall aus Sicht des „deutschen Michel“, eine mittlere Katastrophe, wenn es im Supermarkt nicht mehr möglich ist, seinen nahezu rund um die Uhr gewohnten Einkauf zu tätigen.  Geschweige noch auf eine Vorratshaltung zu blicken.

Die strategisch sehr gut aufgestellten Einkaufszentren und Discounter-Märkte verdrängen diese notwendige Eigenschaft nahezu vollständig aus den Köpfen der Bürgerinnen und Bürger.

Dabei reicht ein länger andauernder Elektrizitätsausfall, wie zum Beispiel im Jahr 2005 im Münsterland geschehen,  dass das Bestellsystem neben den Kassenbetrieb und der Kühltheke ebenso außer Betrieb gerät, wie etwa Dialyse-Zentren, Apotheken, Tankstellen u.a.

Allein schon ein schwerer Wintereinbruch kann das logistisch bis in das Detail durchdachte Lieferantensystem als kritische Infrastruktur empfindlich stören.  Auch die die Durckverstärker in jedem Mehretagen Wohnhaus, wird nicht ohne Notstrom funktionieren, das Wasser transportiert sich dann nicht mehr über die 4-5. Etage hinaus und auch das Abwassersystem aus den Toiletten ist davon betroffen.

Von den Möglichkeiten der Speisenzubereitung ohne gewohnte Mikrowelle oder Cerankochfeld, möchte ich erst gar nicht sprechen.

In der nächsten Folge unserer Serie am 21. März erfahren Sie dann mehr darüber, wie im Vergleich die Japaner den Erdbeben begegnen.


Über den Autor: Andreas Teichert (45) ist der Vorstand und Schirmherr der Vereinigung für internationale Katastrophenhilfe e.V. (DTRG).

Als ausgebildeter (freiwilliger) Feuerwehrmann und Rettungssanitäter, blickt er auf eine Reihe von Katastropheneinsätze zurück. Bereits zu den Hochwässern 1997 und 2001 war er unter anderen im örtlichen Abschnitts-Leiterstab in Frankfurt (Oder) im Einsatz – reiste nach Indonesien, sowie nach Japan und in die Türkei und unterstützte an der havarierten „Costa Concordia“.

Die Vereinigung für internationale Katastrophenhilfe e.V. finanziert sich ausschließlich durch Mitgliedsbeiträge und Spenden. Die Mitglieder kommen aus den Bereichen der Feuerwehr, dem medizinischen Bereichen, der Statik sowie aus der Höhenrettung und aus ehemaligen Angehörigen der Bundeswehr.

Umfangreiche Videos aus den Katastropheneinsatz in Japan sowie umfassende Berichte und Bilder finden Sie auf unserem Blog www.dtrg.org/blog oder auf unserer Internetseite www.dtrg.org wie auch themenaktuell auf facebook.

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