Start Panorama Katastrophenhelfer in Japan: Das Schweigen der alten Dame

Katastrophenhelfer in Japan: Das Schweigen der alten Dame

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Betonpfeiler einer zerstörten Brücke (Copyright: Andreas Teichert, DTRG e.V.)
Betonpfeiler einer zerstörten Brücke (Copyright: Andreas Teichert, DTRG e.V.)
Betonpfeiler einer zerstörten Brücke (Copyright: Andreas Teichert, DTRG e.V.)
Betonpfeiler einer zerstörten Brücke (Copyright: Andreas Teichert, DTRG e.V.)

Spreadnews ist es gelungen, Herrn Andreas Teichert von der Vereinigung für internationale Katastrophenhilfe e.V. (DTRG) für eine Artikelreihe über den Einsatz seines siebenköpfigen Teams im Zuge der Tohoku-Katastrophen zu gewinnen.

Im Rahmen der Serie “Katastrophenhelfer in Japan” wird er von Erfahrungen vor Ort berichten.

Der heutige siebte Teil schildert die Arbeit der Katastrophenhelfer in einem japanischen Ort und räumt mit einem weiteren Klischee der internationalen Hilfseinsätze auf.

Grenzen einer Einsatzerfahrung Teil VII

Ich hatte Ihnen in den vorangegangene Folgen ja schon beschrieben, dass es ein Irrglaube ist, das ein ganzes Land nach einer Katastrophe von apathisch, verstörten Menschen gesäumt sei, dieser Gedanke ist bestenfalls dazu geeignet, Mitleid zu erwecken und Spendengelder zu akquirieren, sowie den zahlreichen Nachrichten zu sättigen.

Ich beziehe mich daher noch einmal auf meinen Bericht zum natürlichen Fluchtinstinkt der Menschen in betroffenen Katastrophengebieten (siehe Teil I. dieser Beitragsserie).

Hierbei möchte ich jedoch einen klaren Unterschied zum Trauma klarstellen, das uns besonders oft in Japan begegnete.

Lassen Sie mich noch einmal auf den 11. März 2011 zu sprechen kommen. Ein in Japan lebender Deutscher berichtete mir, wir er als Chef eines deutschen Unternehmens in Japan den Tag erlebte. Nach den schweren Ereignissen am Nachmittag des besagten Freitags, gab es in vielen Bereich großflächige Elektrizitätsausfälle, Bahnen fuhren nicht und die Straßen waren verstopft.

Obwohl, so berichtete er mir, diese außergewöhnliche Situation ein Handel hätte rechtfertigen können, beobachtete er selbst in der Masse von Tausenden Menschen die zu Fuß, ihre Weg nach Hause antraten, dass kein einziger Menschen es gewagt hatte, sich eines der vielen Fahrräder zu nehmen, um damit nachhause zu radeln.

Sie hätten es anschließend an dieser Stelle wieder zurückbringen können. Sie taten es nicht und nahmen kilometerweite Märsche nach Hause in Kauf. Dies hat mich sehr beeindruckt.

Lassen Sie mich auf den Mythos der unbedingt erforderlichen schweren Technik zu sprechen kommen.

Hilfslieferungen nach Sendai am 20. März 2011 (Foto: pd)
Katastrophenhilfe: So präsentieren Medien den Einsatz (Foto: pd)

Die Zuschauer, beeindruckt von der schnellen Berichterstattung bekommen oftmals den Eindruck präsentiert, das jede Sekunde zählt. Nicht selten erhaschen sie dann Bilder von, mit Rucksäcken bepackten Rettungsteams, die an internationalen Flughäfen in die Gebiete reisen um den „verzweifelt wartenden“ Opfern schnelle Hilfe zukommen zu lassen, die dort schon auf ausländische Hilfe warten.

Werfen wir doch einmal einen Blick auf die vielen großen Organisationen. Bis diese dorthin reisen, oder gar eintreffen vergehen oftmals viele Tage, manchmal auch Wochen, bis sie wirklich vor Ort tätig werden können. Das liegt sicherlich nicht daran, dass sie unentschlossen oder langsam wären. Es sind die mittlerweile bei großen Organisationen vorherrschenden Verwaltungsstrukturen, die Entfernungen und auch die logistische Herausforderung.

Nur ist es notwendig 12 oder mehr Tonnen an Ausrüstung zu verfrachten? Meinen Sie, alle würden tatenlos auf Spezialeinheiten aus dem Ausland warten? Definitiv nicht!

Ich kann Ihnen aus eigener Erfahrung sagen, das Erste was Menschen nach einem Erdbeben zum Beispiel unternehmen, ist, Schippen und Schaufeln oder ihre bloßen Hände einzusetzen um nach Verschütteten zu suchen. Es ist völlig irrelevant welches Rettungsteam aus welchem Land als erstes eintrifft, für die Betroffenen wird es immer das letzte eingetroffene Team bleiben.

Der Traum, nur wenige Stunden im Katastrophengebiet tatkräftig anpacken zu können, wird durch die jähe Realität zerstört, so bitter es auch sein mag. Menschen die verschüttet sind, können und werden zugleich in erster Linie, Hilfe durch Einheimische oder Retter vor Ort erfahren. Dennoch gibt es auch sonst noch viel zu tun, so dass es sich immer lohnen wird in einem solchem Gebiet zu helfen.

Der Norden Japans, war noch nie ein sehr dicht besiedeltes Gebiet, vornehmlich wohnen dort auch ältere Menschen, während es die Jüngeren nach Osaka, Sendai oder Tokio zieht. Was ist nun nach einer solchen schweren Katastrophe vor Ort zu tun, werden Sie sich als Leser vielleicht fragen.

Schwer beschädigtes Haus (Copyright: Andreas Teichert, DTRG e.V.)
Schwer beschädigtes Haus (Copyright: Andreas Teichert, DTRG e.V.)

Als wir in Tono (Präfektur Iwate) eingesetzt waren, haben wir uns die folgenden Monate für die schnelle Herrichtung des Wohnraums für Ältere Menschen eingesetzt. Dabei wurde uns ein Haus mit hoher Zerstörung zugewiesen. Nach deutschen Bauvorschriften hätte man dieses Haus als nicht mehr bewohnbar eingestuft – die Hausherrin war 78, ihr Sohn Anfang 50. Ich konnte verstehen, dass sie ihr Haus nicht aufgeben wollte.

Wenn ich Ihnen die Ortschaft beschreiben sollte, würde ich es als Kriegsgebiet beschreiben, bis auf 5 Häuser, darunter das der Dame, waren nahezu 300 Häuser vollständig jenseits der Brücke zerstört. Ein benachbarter Baumarkt ragte als ausgebrannte Ruine vor den Bergen hervor und in einem kleinen Bach lagen große Betonträger einer Brücke, Schienen schlängelten sich verbogen durch die Landschaft. Es war für mich und das Team eine surreale Welt.

Der Anblick: Verbogene Schienen schlängeln sich durch Trümmer (Copyright: Andreas Teichert, DTRG e.V.)
Der Anblick vor der Terrasse: Verbogene Schienen schlängeln sich durch Trümmer (Copyright: Andreas Teichert, DTRG e.V.)

Die Dame war auch die erste vollkommen traumatisierte Bewohnerin des Nordens die ich traf. Sie war grimmig, sprach nicht und hektisch. Als wir die Bodenpaneele öffneten um nach eventuellen Personen oder Trümmerteilen zu schauen, zugleich den Pazifik-Schlick entfernten, trat diese Dame plötzlich neben mich und stocherte mit einem kleinen Stock, ähnlich wie ein Affe auf der Suche nach Ameisen unter diese Bodenpaneele.

Als wir diese geöffnet hatten, kam eine, im Norden weitverbreitete traditionelle Holzfigur zum Vorschein. Diese, wie viele andere Gegenstände, wusch sie über Tage immer wieder, hierfür hatte sie vor dem Haus eine Brunnenpumpe. Gesprochen hat sie über zwei Wochen kein einziges Wort. Auch ihrem Sohn war die Belastung anzusehen.

Eines Tages begab ich mich zu einem in der Nähe befindlichen provisorisch errichteten „FamiliyMart“. Ich kaufte Eis und Kuchen für die Mannschaft und besonders für die Dame. Ich wollte es ihr überreichen, es war jedoch unmöglich, sie war grimmig, lehnte ab, und zum ersten Mal fühlte ich mich nicht willkommen.

Es war wie gesagt das erste Mal und vollkommen anders, als ich es bis dato jemals in Japan erlebte.

Was aus der alten Dame wurde, ist mir nur teilweise bekannt, wie man unschwer erkennen kann, hat das Haus in der Substanz schwer gelitten. Es galt aber auch den Menschen die Hoffnung zu vermitteln und ihnen, ihre Würde zu wahren. Darauf muss man in Japan besonders achten, es werden generell keine Menschen von Grund und Eigentum enteignet. Allein der Zustand der Dame, hätte es in jedem Fall verboten, offen darüber zu sprechen.

Berücksichtigt man dann noch das stattliche Alter, kann man es menschlich nachvollziehen, dass man nur sehr ungern, ein eigenes Haus gegen eine vorübergehende Wohnanlage tauschen wird.  Allein das unmittelbare Umfeld um das das Haus, die zerstörten Brückenpfeiler linksseitig vom Haus und der ausgebrannte Baumarkt rechtsseitig sowie die Schienen und das Geröll direkt vor der Terrasse ist alles andere als ein Umfeld zum Wohlfühlen.

Blick von der Terasse des Hauses (Copyright: Andreas Teichert, DTRG e.V.)
Blick von der Terrasse des Hauses (Copyright: Andreas Teichert, DTRG e.V.)

Dennoch habe wir das getan, das möglich war.

Ein mittlerweile sehr guter Freund aus dem japanischen Team an diesem Objekt, hatte mir ein Jahr später, also im Mai 2012 ein E-Mail geschickt, in dessen Anhang befanden sich zwei Bilder, aufgenommen von dem Sohn der alten Dame, und mit dem Sohn selbst als ein ganz persönliches Dankeschön an unsere damalige Hilfe.

Ob das Haus noch steht, oder ob es durch nachfolgende Beben, zusätzlich irreparablen Schaden genommen hat, entzieht sich leider meiner Kenntnis, jedenfalls wenn es den Zeitraum Mai 2012 bis zum heutigen Datum umfasst, auch unser japanischer Kontakt weiß dies nicht, da er ursprünglich aus Tokyo stammt

Gesehen oder gesprochen haben wir die Dame nicht mehr, das begründet sich auch mit einer Weiterverlegung aus der Präfektur Iwate in die Präfektur Miyagi

In den folgenden Wochen, je weiter die Tage ins Land reichten, sah ich die mentalen und kulturellen Schwierigkeiten mit den die Japaner versuchten das Erlebte zu verarbeiten.

Sie begannen mehr miteinander zu Reden und ich denke, das tat ihnen auch gut, dennoch wird es ein langer schwererer Weg für viele Japaner werden, mit der ungewissen Zukunft umzugehen.

Neben der Hilfe für den Reisbauern Ouchi (siehe Teil IV dieser Serie) , bauten wir insgesamt 127 Häuser wieder auf. Die Aufgaben lagen zunächst darin, das Inventar herauszubringen, dann wurden aus den zumeist in traditioneller Holzbauweise errichteten Häusern, die Rigips-Wände und die Bodenpaneele entfernt. Nachdem dies erfolgt war, wurden die Böden und Decken gereinigt, getrocknet und es erfolgte ein neuer Trockenausbau.

Wiederaufbau in einem japanischen Haus (Copyright: Andreas Teichert, DTRG e.V.)
Wiederaufbau in einem japanischen Haus (Copyright: Andreas Teichert, DTRG e.V.)

Nur mit dieser wichtigen Arbeit, sowie dem reinigen der Vorgärten und der vor Ort befindlichen Infrastruktur, war es möglich, den dringend benötigten Wohnraum für diese Menschen als Grundlage wieder herzustellen. Es mag vielleicht ungewöhnlich klingen, aber nach meiner Auffassung ist Katastrophenhilfe weit mehr als nur das Suchen & Retten, die eigentlichen Herkulesaufgaben folgen erst in den Wochen danach.

Für diesen Einsatz haben wir insgesamt 17.000,00 Euro Spenden für eine Dauer von sieben Monaten erhalten und auch zweckgemäß eingesetzt. Doch eines können wir nicht leisten; Die psychologischen Nachsorge derer, die noch heute sehr unter den Folgen des Erlebten leiden.

Sie dürfen mir glauben, dass wir, und besonders ich, diese Eindrücke so schnell nicht vergessen werden. Aber auch den Dank der vielen Menschen noch immer nah bei uns tragen.

Ich denke, dass ich Ihnen so, wenigstens in der Kürze dieses Beitrages ein wenig vermitteln konnte, welche Chancen sich auftun, Menschen in solchen Lagen effizient Hilfe zukommen zu lassen. Zugleich aber auch einen großen Beitrag für das Ansehen der Bundesrepublik Deutschland im Ausland leisten, was viel zu oft in der Wirkung unterschätzt und unbeachtet bleibt.

In der nächsten Folge berichte ich Ihnen dann noch ein paar letzte Erfahrungen und Eindrücke.

Der nächsten Teil unserer Serie „Katastrophenhelfer in Japan“ erscheint am 25. März 2013


Über den Autor: Andreas Teichert (45) ist der Vorstand und Schirmherr der Vereinigung für internationale Katastrophenhilfe e.V. (DTRG).

Als ausgebildeter (freiwilliger) Feuerwehrmann und Rettungssanitäter, blickt er auf eine Reihe von Katastropheneinsätze zurück. Bereits zu den Hochwässern 1997 und 2001 war er unter anderen im örtlichen Abschnitts-Leiterstab in Frankfurt (Oder) im Einsatz – reiste nach Indonesien, sowie nach Japan und in die Türkei und unterstützte an der havarierten „Costa Concordia“.

Die Vereinigung für internationale Katastrophenhilfe e.V. finanziert sich ausschließlich durch Mitgliedsbeiträge und Spenden. Die Mitglieder kommen aus den Bereichen der Feuerwehr, dem medizinischen Bereichen, der Statik sowie aus der Höhenrettung und aus ehemaligen Angehörigen der Bundeswehr.

Umfangreiche Videos aus den Katastropheneinsatz in Japan sowie umfassende Berichte und Bilder finden Sie auf unserem Blog www.dtrg.org/blog oder auf unserer Internetseite www.dtrg.org wie auch themenaktuell auf facebook.

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