Start Panorama Katastrophenhelfer in Japan: Der Reisbauer von Sendai

Katastrophenhelfer in Japan: Der Reisbauer von Sendai

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Zerstörte Gebäude im Mai 2011 (Copyright: Andreas Teichert / DTRG e.V.)
Zerstörte Gebäude im Mai 2011 (Copyright: Andreas Teichert / DTRG e.V.)
Zerstörte Gebäude im Mai 2011 (Copyright: Andreas Teichert / DTRG e.V.)
Zerstörte Gebäude im Mai 2011 (Copyright: Andreas Teichert / DTRG e.V.)

Spreadnews ist es gelungen, Herrn Andreas Teichert von der Vereinigung für internationale Katastrophenhilfe e.V. (DTRG) für eine Artikelreihe über den Einsatz seines siebenköpfigen Teams im Zuge der Tohoku-Katastrophen zu gewinnen.

Im Rahmen der Serie “Katastrophenhelfer in Japan” wird er von Erfahrungen vor Ort berichten.

Heute erhalten Sie im vierten Teil Eindrücke aus den betroffenen Katastrophengebieten, Informationen zur Hilfe vor Ort und wie nachhaltige Katastrophenhilfe dauerhaft das Leben eines Reisbauern veränderte.

Grenzen einer Einsatzerfahrung – Teil IV

Es es sind viele kleine Momente, an die ich mich erinnere. Etwa an einen Einsatz, an dem wir mit zwei Helikoptern der amerikanischen Streitkräfte zu einer Schule in die Präfektur Iwate unterwegs waren.

Dort befanden sich seit der Nacht des 11. März, 27 Schüler auf dem Dach der Schule. Sie hatten Wasservorräte und auch Essen, so dass das mitgeführte Trinkwasser nicht benötigt wurde. Sicherlich sind solche Gefühle nicht zu beschreiben, und auch nicht die höfliche Dankbarkeit, die uns allen entgegen gebracht wurde.

Es war jedoch ein koordinierter Einsatz und keine Zufallsrettung. Für alle eingesetzten Rettungskräfte, wie auch für uns, drängte sich wohl das gleiche Gefühl bei dem Anblick der unglaublichen Schadensweite auf, – es war schwer zu rationalisieren, in welchem Planquadrat man anfangen soll, so sehr ausgeweitet waren die Gebiete.

Zerstörungen in der Präfektur Iwate (Copyright: Andreas Teichert/DTRG e.V.)
Zerstörungen in der Präfektur Iwate (Copyright: Andreas Teichert/DTRG e.V.)

Dadurch, dass die Gebiete so massiv zerstört waren, die Chancen, Überlebende zu finden nach Einschätzung aller vor Ort tätigen Retter verschwindend gering waren, unterlies man jedoch keine Maßnahme. Die folgenden Wochen und Monate zeichneten sich zunächst in einer engen Zusammenarbeit mit den örtlichen Feuerwehren in den Präfekturen Fukushima, Iwate und Sendai aus.

An einem Tag besuchten wir eines der Notaufnahmezentren, die zumeist durch das Japanische-Rote-Kreuz betreut wurden. Mich persönlich haben immer wieder die Tapferkeit und die Willenskraft dieser Menschen, die alles verloren haben, tief berührt. Nicht alle Menschen haben zugleich alles verloren, und so entschieden wir, den Wiederaufbau in den folgenden Monaten voranzubringen.

Viele Häuser waren von Ihrer Statik unbeschädigt, jedoch durch die Wassermassen stark in Mitleidenschaft gezogen worden. Es waren nicht etwa einzelne Häuser, sondern teilweise ganze Wohnviertel. Der Nordosten Japans, dies muss man hinzufügen, wird mehrheitlich von älteren Menschen bewohnt, während die jüngere Generation zum Studieren oder Arbeiten nach Tokyo, Sendai oder in eine andere große Stadt ziehen.

Arbeiten in den Häusern der Katastrophenregion (Copyright: Andreas Teichert/DTRG e.V.)
Arbeiten in den Häusern der Katastrophenregion (Copyright: Andreas Teichert/DTRG e.V.)

Ebenso ist die Landwirtschaft in den betroffenen Gebieten Hauptbetätigungsfeld. Es galt also, als die dringlichste Aufgabe, sofortig den Lebens- und Wohnraum dieser Menschen wieder intakt zu bekommen. Fast alle Häuser mussten erst einmal entkernt werden, die überwiegende Holzbauweise kam uns dabei mit den Rigips Wänden sehr entgegen.

Problematisch wurde es immer nur dann, wenn tote Körper durch die massiven Fluten unter die Häuser gespült wurden. Beim Öffnen der Bodenpaneele kam dies immer wieder vor. Für die weitere Vorgehensweise in diesem Fall, waren die geltenden buddhistischen Regeln strikt zu beachten. Es war mittlerweile Juli und die Tagestemperaturen stiegen im Schatten auf 35 Grad, die Luftfeuchtigkeit lag bei gut 85 Prozent.

Reisbauer Fumihiro Ouchi (Copyright: Andreas Teichert/DTRG e.V.)
Reisbauer Fumihiro Ouchi (Copyright: Andreas Teichert/DTRG e.V.)

Als Europäer mit einem relativen gemäßigten Klimaverhältnis, schoss mir fast täglich aus allen Poren der Schweiß.

Mitte Juli wurden wir nach Sendai beordert um dort den Wiederaufbau zu unterstützen und leiteten ein amerikanisch-deutsches Team an. Unsere Aufgabe bestand darin, ein großes Landwirtschaftliches Gehöft wieder bewirtschaftungsfähig zu machen.

Der dortige Reisbauer namens Ouchi, traf es wirklich sehr schwer. Seine gesamte existenzielle Grundlage wurde durch den Tsunami fasst vollkommen zerstört –  seine zahlreichen Reis und Gemüsefelder waren in Mitleidenschaft gezogen worden.
Die Gewächshäuser und seine landwirtschaftlichen Maschinen beschädigt und es würde Wochen dauern, hier wieder alles voran zu bringen. Schlussendlich wurden es Monate.

Der Schaden: Zustand der Anlage im Mai 2011 (Copyright: Andreas Teichert/DTRG e.V.)
Der Schaden: Zustand der Anlage im Mai 2011 (Copyright: Andreas Teichert/DTRG e.V.)

Er berichtete mir, wie er die Katastrophe selbst erlebte und zeigte mir selbst gemachte Bilder von den hereinbrechenden Fluten. Fast wäre er bei der Rettung seines Hundes, als er von dem Dach seines LKWs abrutschte von den Fluten mitgerissen worden.

Er konnte seinen Hund und sich noch in letzter Minute retten. Ich muss Ihnen glaube ich, nicht berichten, dass er zunächst sehr skeptisch uns gegenüber war. Immerhin kamen wir aus Deutschland, rund 12.500 Kilometer entfernt zu ihm. Ich konnte ihn verstehen.

Er sah jedoch, dass wir anpackten.

Mit viel Humor brachten wir auch große Teile seiner landwirtschaftlichen Maschinen wieder in Gang. Was Herrn Ouchi, natürlich entgegen der japanischen Auffassung überraschte, mit dem Ausspruch – „ach, wunderbar, so etwas kann man reparieren?“ – Wir befreiten seine landwirtschaftliche Flächen von Trümmerteilen und den starken Schichten des mittlerweile stark getrockneten Tsunami-Schlicks.

Eine Besonderheit stellten jedoch die durch den Tsunami angespülten Autos dar. Laut der erlassenen Gesetzgebung musste er als Grundstückseigentümer an den Fahrzeugen einen Hinweiszettel anbringen, auf den die höfliche Bitte an den Besitzer verfasst wurde, dass er bitte sein Fahrzeug entfernen möchte.

Eine sicherlich zweifelhafte Maßnahme, wenn man bedenkt, dass wir landeinwärts ganze Eisenbahnwaggons gesehen haben, deren nächste Bahnstrecke sich 50 Kilometer entfernt befand.

Gemeinsamer Erfolg und gute Ernte (Copyright: Andreas Teichert/DTRG e.V.)
Gemeinsamer Erfolg und gute Ernte (Copyright: Andreas Teichert/DTRG e.V.)

Ich besuchte Herrn Ouchi noch einmal im Ende November und konnte mit Freude feststellen, dass er wenigstens seine erste Salaternte in den Verkauf bringen konnte.

Jetzt hat er sein Reisfest gefeiert, in dem er uns seine blühenden Felder zeigte.

Diese Art der sinnvollen und nachhaltigen und vor allem stillen Katastrophenhilfe haben wir für uns zur Richtlinie gemacht. Entscheidend war für uns, die uns anvertrauten Spendengelder entsprechend und zweckentsprechend umzusetzen.


Über den Autor: Andreas Teichert (45) ist der Vorstand und Schirmherr der Vereinigung für internationale Katastrophenhilfe e.V. (DTRG).

Als ausgebildeter (freiwilliger) Feuerwehrmann und Rettungssanitäter, blickt er auf eine Reihe von Katastropheneinsätze zurück. Bereits zu den Hochwässern 1997 und 2001 war er unter anderen im örtlichen Abschnitts-Leiterstab in Frankfurt (Oder) im Einsatz –  reiste nach Indonesien, sowie nach Japan und in die Türkei und unterstützte an der havarierten „Costa Concordia“.

Die Vereinigung für internationale Katastrophenhilfe e.V. finanziert sich ausschließlich durch Mitgliedsbeiträge und Spenden. Die Mitglieder kommen aus den Bereichen der Feuerwehr, dem medizinischen Bereichen, der Statik sowie aus der Höhenrettung und aus ehemaligen Angehörigen der Bundeswehr.

Umfangreiche Videos aus den Katastropheneinsatz in Japan sowie umfassende Berichte und Bilder finden Sie auf unserem Blog www.dtrg.org/blog oder auf unserer Internetseite www.dtrg.org wie auch themenaktuell auf facebook.

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