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Katastrophenhelfer in Japan: Die Gefahr der Radioaktivität

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Andreas Teichert in den Trümmern der Katastrophe (Copyright: Andreas Teichert, DTRG e.V.)
Radioaktivität: Die unsichtbare Gefahr in den Trümmern (Copyright: Andreas Teichert, DTRG e.V.)
Andreas Teichert in den Trümmern der Katastrophe (Copyright: Andreas Teichert, DTRG e.V.)
Radioaktivität: Die unsichtbare Gefahr in den Trümmern (Copyright: Andreas Teichert, DTRG e.V.)

Spreadnews ist es gelungen, Herrn Andreas Teichert von der Vereinigung für internationale Katastrophenhilfe e.V. (DTRG) für eine Artikelreihe über den Einsatz seines siebenköpfigen Teams im Zuge der Tohoku-Katastrophen zu gewinnen.

Im Rahmen der Serie “Katastrophenhelfer in Japan” wird er von Erfahrungen vor Ort berichten.

Im heutigen, neunten Teil werden die ständige unsichtbare Gefahr der Radioaktivität und die kulturelle Eindrücke beim Hilfseinsatz im Vordergrund stehen.

Grenzen einer Einsatzerfahrung Teil IX

In meinem vorletzten Berichtsteil komme ich ein wenig auf den Bereich, „Katastrophenhilfe, ja – aber um jeden Preis?“ zu sprechen.

Japan war ein anderes Katastrophengebiet, als man es aus von Kobe, aus Indonesien, Haiti oder der Türkei kennt. Nichtsdestotrotz ist auch das Unglück von Tschernobyl eine Katastrophe in sich selbst. Japan traf es gleich in dreifacher Form, das machte diese Naturkatastrophe zu einer der ungewöhnlichsten überhaupt, an die ich mich erinnern kann.

Sicherlich haben auch wir uns die Frage gestellt, wie wir mit einer solchen Situation umgehen sollen. Die Vereinigung für internationale Katastrophenhilfe e.V. (DTRG) bestimmt zwar in internen Gremien über die Form der Auslandseinsätze, so bedarf es für humanitäre Einsätze in Gebieten mit kriegerischen Auseinandersetzungen zum Beispiel der Zustimmung aller Mitglieder mit einfacher Mehrheit.

Eine Naturkatastrophe, einhergehend mit einem Nuklearunglück, fand diesbezüglich bislang keine Betrachtung. So haben wir es nach einem ganz einfachen Muster gehalten:

Die Feuerwehr rückt auch nicht nur dann an, wenn die berühmte Katze vom Baum zu retten ist, um dann bei einem Wohnhausbrand besser auf die Stadtwerke zu verweisen, da diese ja über das notwendige Wasser verfügen würden. So war für uns klar, welchen Weg wir allein aus unserer Satzung heraus zu gehen haben, ohne Wenn und Aber.

Strahlungsmessgerät (Copyright: Andreas Teichert, DTRG e.V.)
Helfer aus Österreich: Strahlungsmessgerät (Copyright: Andreas Teichert, DTRG e.V.)

Für einen solchen Fall sind wir auch mit hochwertiger Strahlenschutzkleidung, Dosimeter und Spektrometer ausgestattet gewesen.Teile unserer Teams haben auch entsprechende ABC-Ausbildungen erhalten, doch ganz so einfach sollte man sich einen solchen Einsatz dennoch nicht vorstellen.

Von der eigenen Überwindung natürlicher Ängste und Bedenken, möchte ich nicht ablenken, diese sind ein ständiger Wegbegleiter bei solchen Einsätzen, die glücklicherweise und hoffentlich auch in der Zukunft die Ausnahme darstellen werden.

Während unserer Aufenthaltsdauer taten sich die verschiedensten Berichte, oder auch Gerüchte auf, dass ein anderes privates Rettungsteam aus Deutschland gar nicht erst anreiste und ein weiteres noch im Transitbereich des „Airport Narita International“, die Rückreise nach Deutschland antrat. Zu groß war offenbar die Angst vor der möglichen Strahlung.

Das auch uns die Sorge um das havarierte Kernkraftwerk Fukushima Daiichi über alle Tage und Wochen begleitet, muss ich Ihnen als aufmerksamen Leser sicherlich nicht weiter erklären.

Zu den täglichen Aufgaben zählten die Wetterberichte genau zu beobachten, Windrichtung, Regen, Hoch- und Tiefdruckgebiete, alles das spielte eine große Rolle, um die radioaktive Belastung eines Gebiets einschätzen zu können.

Personen-Dosimeter waren absolute Pflicht, auch um die schlussendliche Gesamtbelastung im Auge zu behalten. Soweit zu den äußeren Einwirkungen.

Problematischer gestaltete sich die später nicht mehr autark notwendige Aufnahme von Nahrungsmitteln. Ich nehme bewusst noch nicht auf die Aufnahme durch Flüssigkeit oder das Einatmen von Partikeln Bezug.

japanische Instant-Produkte (Foto: Akiyoshi Matsuoka cc-by)
Japanische Instant-Produkte (Foto: Akiyoshi Matsuoka cc-by)

Alle im Handel befindlichen Lebensmittel bereiteten uns die Schwierigkeit, dass wir weder Inhaltsangaben noch Herkunft ermitteln konnten.

Somit bestand auch immer das Risiko, an stark strahlungsbelastete Produkte zu geraten.

Anders als bei den Einsatzstellen, waren bei Einkäufen nicht immer japanisch sprechende Begleiter anwesend.

Der notwendige Bedarf über die Problematiken von Strahleneinwirkungen und Inkorporation zu sprechen benötigte nur zu oft, sehr viel diplomatisches Fingerspitzengefühl. Zeit für einen klaren Umgang mit diesem Problem war nicht immer gewollt oder gegeben.

Auch erlebten wir selbst in der 1,3 Millionen Stadt Sendai (Präfektur Miyagi), die 90 Kilometer vom beschädigten Kraftwerk Fukushima Daiichi und 55 Kilometer vom Kraftwerk Onagawa entfernt liegt, das immer wieder sogenannte „Volunteers„, also aus dem ganzen Land angereiste Freiwillige, sowohl bei Regen ihre Hilfsdienste verrichteten oder verrichten wollen, als auch staubige Reinigungsarbeiten ohne jeden persönlichen Schutz vornahmen und somit Unmengen an Sporen und Partikel aufwirbelten.

Wir erlebten auch immer wieder, dass Messungen nie auch auf Strontium, Plutonium oder Uran ausgeweitet wurden, jedenfalls nicht bei den unzähligen privaten Messungen.

Manchmal ertappt man sich auch noch heute dabei, wenn man morgens vollkommen erschöpft in den Tag startet, dass es die ersten Spätfolgen dieses Einsatzes sein könnten.  Nichtsdestotrotz bestehen noch immer sehr enge Verbindungen nach Japan –  dieses Band der Freundschaft werden wir natürlich auch weiter auf breiter Basis pflegen.

Da ich Ihnen gerade etwas über unsere und meine Eindrücke schildere, möchte ich auch ein wenig ausholen.

Sicherlich haben Sie sich die Frage nach einem möglichen Kulturschock gestellt. Ich kann Ihnen versichern, dass sich eine solche Anpassungsschwierigkeit ohne Zweifel sehr schnell einstellt. In erster Linie war es allerdings ein Re-Kulturschock, also ein Schock, mit vielen sehr beispielhaften und guten Eindrücken, wieder nach Deutschland zurückzukehren.

Ausgenommen davon, dass ich bereits nur noch englisch und nicht mehr deutsch dachte, es wurde täglich nur in Englisch kommuniziert, stellte ich schon am Umsteiger-Flughafen in München fest, welch ein Chaos wir uns selbst bereiten.

In Japan fährt man beispielsweise grundsätzlich links und läuft auch auf den Gehwegen strikt linksseitig. An Bushaltestellen, Bahnhöfen oder an Taxiständen stehen die Menschen in ordentlichen Schlangen hintereinander.

Tokyo: Bahnhof Shinjuku: Warteschlange zum Shuttlebus (Foto: KJ)
Tokyo: Warteschlange zum Shuttlebus am Bahnhof Shinjuku (Foto: KJ)

Diese Uniformität mag dem einen oder anderen Leser vielleicht seltsam, oder unfreiwillig komisch vorkommen, es zeigt aber auch die Mentalität der Menschen auf, für andere so gering wie möglich eine Belastung oder Behinderung zu bereiten.

Alle diese Regeln sind so eingeprägt, dass sie funktionieren. Keiner steht dem anderen beim Laufen im Weg, keiner behindert den anderen im Verkehrsfluss ob auf der Straße oder auf dem Bahnhof. Gegenseitige Rücksichtnahme ist ein sehr hohes Gebot.

Auch das vielverbreitete Lächeln der Japaner fehlte mir nach meiner Rückkehr, obgleich hinter einem Lächeln auch Ärger versteckt sein kann. Hauptsache, die allgemeine Stimmung („Kimochi“) leidet nicht.

Schon nach den ersten 30 Minuten auf deutschem Boden fühle ich mich persönlich, und das wohlbemerkt im geordneten Bayern, vollständig gestresst und traf auch eine Vielzahl unfreundlicher oder unhöflicher Menschen. Und noch eine bemerkenswerte Feststellung konnte ich treffen.

Coolbiz-Kampagne im Jahr 2012 (Foto: KJ)
Das typische Bild: Diszipliniert und freundlich (Foto: KJ)

So verrückt wie es für Sie vielleicht auch klingen mag. Ich hatte den Eindruck, alle diese Menschen zu kennen, sie waren mir vertraut, nahezu bekannt. Ein für mich bislang nie zuvor erlebte Situation die ich auf den asiatischen Menschenkreis in seinen vielen Unterschieden begründet sehe.

So waren auch die unterschiedlichen Verhaltensweisen, der Umgang der Menschen mit- und untereinander, derart unterschiedlich, dass ich schon annahm, das wahre Deutschland, bezüglich Pünktlichkeit, Fleiß, Sauberkeit und Ordnung, sei in der Tat nur in Japan zu finden. Viele der eigentlich uns weltweit zugesprochenen Tugenden erlebte ich tatsächlich erst in Japan, nicht jedoch in Deutschland.

Zukünftig wird für mich persönlich ein Flug nach Japan, auch immer eine Reise in die Heimat sein.

Betrachte ich jedoch rückblickend unseren Erschöpfungszustand zum ersten Ausrüstungswechsel, der uns im Monat Mai 2011 kurz zurück nach Deutschland führte und abgesehen davon, dass die Erschöpfung derart groß war, dass ich zum Beispiel noch vor dem Start eingeschlafen bin und den Start selbst nicht mehr wahrnahm, könnte dieser Re-Kulturschock durchaus auch auf unseren Allgemeinzustand zurück zu führen sein.

Einen ganz persönlichen Eindruck auf dem doch sehr langen Flug nach Deutschland möchte ich Ihnen jedoch noch mitteilen. Teilweise machten sich in mir auch große Zweifel an unserer Operation breit.

Das wahrgenommene Ausmaß der Katastrophe war derart groß, dass mich persönlich das Gefühl traurig stimmte, viele Freunde allein und zurückgelassen zu haben und nichts geschafft oder erreicht zu haben. Was natürlich nur eine erste Wahrnehmung war. Wir fühlten uns angesichts des Katastrophenausmaßes einfach nur noch hilflos, so unbeschreiblich war und ist das Ausmaß dieser Katastrophe gewesen. Noch heute ist es schwer, das ganze Ausmaß in passende Worte zu bündeln:

Über hunderte Kilometer Küstenlinie, teilweise bis 20 Kilometer in das Landesinnere reichend, mehr als 19.000 Menschen leblos, eine ungewisse Zahl an Menschen vermisst.

Blick auf das Katastrophengebiet (Copyright: Andreas Teichert, DTRG e.V.)
Blick auf das Katastrophengebiet (Copyright: Andreas Teichert, DTRG e.V.)

Zudem die Ungewissheit und Sorgen einer Vielzahl von Menschen, die ich für ihre Aufrichtigkeit und Disziplin an allen Tagen so sehr bewundert habe.

Diese enge Verbundenheit hat auch den Grundstein gelegt, auch in Zukunft mit dem Team der „erste Abmarsch“ im Katastrophenfall für Japan zu sein. Diese Vereinbarung wurde bereits im Jahr 2012 beschlossen und besiegelt.

Und auch hier erinnere ich mich an die ersten öffentlichen Vorträge, die erst im zweiten Halbjahr 2012 möglich waren und dass ich immer wieder im Anschluss angesprochen wurde, dass man mir die Betroffenheit und das schwere Verarbeiten des Erlebten noch immer sehr stark anmerkt.

Dabei sind es genau diese Vorträge und Berichte die ein Verarbeiten erst möglich machen. Das man darüber sprechen muss, und auch zwischen den Teammitgliedern ein aussprechen des Erlebten wichtig ist, sollte keiner Einsatzkraft unangenehm sein.

Zum Ende möchte ich aber auch meine Dankbarkeit aussprechen: Ich habe es als ein wirkliches Geschenk wahrgenommen, dass diese Umstände aus der Katastrophe an sich hervorgehend dazu geführt haben, dass ich Japan, seine Kultur und seine Menschen auf eine ganz besondere Art und Weise kennenlernen durfte, wie ich es als Tourist niemals hätte erleben dürfen.

Traumahilfe für Kinder (Copyright: Andreas Teichert, DTRG e.V.)
Traumahilfe für Kinder (Copyright: Andreas Teichert, DTRG e.V.)

Die enge Verbindung mit den Rettungskräften und den unzähligen Betroffenen, mit ihrer Trauer, ihren Ängsten, Sorgen oder Nöten, das gemeinsame Arbeiten, Essen, Schlafen, Weinen wie auch Lachen, hat beide Kulturen eng miteinander verschmolzen.

Diese Tatsache erkenne ich auch noch heute als das größte Geschenk und Entschädigung für das Erlebte und die persönlich erbrachten Opfer an. Sehr gern würde ich Ihnen dieses Glück in Worte gießen, aber noch immer finde ich hierfür nicht die rechten Worte.

In meinem letzten Teil nehmen ich dann auf die Präfektur Fukushima Bezug, für viele die es vielleicht nicht wissen, der Name Fukushima steht für wörtlich übersetzt „Glückliche Insel“ mit diesem unkommentierten Hinweis, möchte ich diesen Bericht schließen.

Im letzten Teil der Serie am 29. März 2013 gibt es dann einen Bericht über den Einsatz in der Katastrophenpräfektur Fukushima. Verpassen Sie ihn nicht.


Über den Autor: Andreas Teichert (45) ist der Vorstand und Schirmherr der Vereinigung für internationale Katastrophenhilfe e.V. (DTRG).

Als ausgebildeter (freiwilliger) Feuerwehrmann und Rettungssanitäter, blickt er auf eine Reihe von Katastropheneinsätze zurück. Bereits zu den Hochwässern 1997 und 2001 war er unter anderen im örtlichen Abschnitts-Leiterstab in Frankfurt (Oder) im Einsatz – reiste nach Indonesien, sowie nach Japan und in die Türkei und unterstützte an der havarierten „Costa Concordia“.

Die Vereinigung für internationale Katastrophenhilfe e.V. finanziert sich ausschließlich durch Mitgliedsbeiträge und Spenden. Die Mitglieder kommen aus den Bereichen der Feuerwehr, dem medizinischen Bereichen, der Statik sowie aus der Höhenrettung und aus ehemaligen Angehörigen der Bundeswehr.

Umfangreiche Videos aus den Katastropheneinsatz in Japan sowie umfassende Berichte und Bilder finden Sie auf unserem Blog www.dtrg.org/blog oder auf unserer Internetseite www.dtrg.org wie auch themenaktuell auf facebook.

1 KOMMENTAR

  1. Grandioser Bericht und tolle Serie. Erfrischend, wenn mal jemand so ehrlich spricht und keine TEPCO-Lügen oder Politikersch*** von sich gibt.

    Mein Respekt gebührt auch allen ehrenamtlichen Helfern.

    Danke für diesen Bericht und Gruß aus Heidelberg, Uwe

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