Start Panorama Katastrophenhelfer in Japan: Im Schatten von Fukushima

Katastrophenhelfer in Japan: Im Schatten von Fukushima

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Ein Katastrophenhelfer in Japan: Andreas Teichert berichtet (Copyright: Andreas Teichert/DTRG e.V.)
Ein Katastrophenhelfer in Japan: Andreas Teichert berichtet (Copyright: Andreas Teichert/DTRG e.V.)
Ein Katastrophenhelfer in Japan berichtet (Copyright: Andreas Teichert/DTRG e.V.)
Ein Katastrophenhelfer in Japan berichtet (Copyright: Andreas Teichert/DTRG e.V.)

>Spreadnews ist es gelungen, Herrn Andreas Teichert, von der Vereinigung für internationale Katastrophenhilfe e.V. (DTRG) für eine Artikelreihe über den Einsatz seines siebenköpfigen Teams im Zuge der Tohoku-Katastrophen zu gewinnen. Im Rahmen der Serie „Katastrophenhelfer in Japan“ wird er von Erfahrungen vor Ort berichten.

In den ersten beiden Teilen wird er über die Realität der Rettungseinsätze sprechen und mit einigen Mythen aufräumen. In den folgenden Gastbeiträgen wird Herr Teichert dann seine Erfahrungen schildern.

Grenzen einer Einsatzerfahrung
Der Japaneinsatz aus 2011 –  zwei Jahre sind seit der verheerenden Dreifach-Katastrophe im Nordosten der japanischen Hauptinsel Honshu vergangen. Nicht nur das diese Hauptinsel durch das schwere Seebeben um rund 2,40 Meter verschoben wurde, auch der schwerste Tsunami seit 1000 Jahren hat die Menschen im Nordosten, der sogenannten Tohoku-Region schwer getroffen.

Rund 20.000 Menschen verloren dabei ihr Leben oder gelten seither als vermisst. Dramatischerweise havarierten durch diese Ereignisse auch Zwei der Vier Reaktoren am Kernkraftwerk Fukushima I. Ich habe immer wieder beklagt, dass sich alles Augenmerk nur auf die „Atomkatastrophe“ gerichtet hat.

Sicherlich handelt es sich unbestritten um ein Unglück unglaublichen Ausmaß, aber macht es einen Unterschied, ob Menschen durch verstrahlte Gebiete ihr Haus und ihre Heimat verloren haben, und diese sich zumindest, wenige persönliche Gegenstände holen durften, oder ob Menschen ihr Haus und ihre Heimat und zudem nahezu all ihre persönlichen Gegenstände unwiederbringlich verloren haben und auch der Wiederaufbau in diesen Gebieten teilweise nicht mehr möglich ist?

Ich denke Nein, und so möchte ich Ihnen als Einsatzleiter unserer Hilfsorganisation für Katastrophenhilfe und dem Suchen & Retten bei solchen Katastrophen, der, Vereinigung für Internationale Katastrophenhilfe e.V. (DTRG), besonders an diesem zweiten Jahrestag der Ereignisse in Japan einen kleinen Einblick gewähren, wie es wirklich ist, in einem solchen Katastrophengebiet als Team tätig zu sein.

Ich möchte Ihnen, auch wenn es das Marketing einiger Organisation zerstören mag erklären, dass viele Eindrücke, die Sie als Leser oft nur aus den Medien entnehmen können, bei weitem nicht so dramatisch zu verstehen sind, wie sich für Sie vielleicht der Eindruck aus der visuellen Darstellung aufzwingen mag.

Sicherlich und das möchte ich auch betonen, ist es für professionelle Helfer immer ein anderer Blickpunkt, dennoch müssen auch wir mit Situationen umgehen in denen wir -hinschauen müssen, wo andere gern wegsehen -als ein Tagesgeschäft sind solchen Katastropheneinsätze dennoch nicht zu verstehen.

Beginnen wir mit dem Mythos aufzuräumen, dass nach solchen Katastrophen verzweifelte Menschen unter panischer Angst auf den Bäumen sitzend auf ausländische „Superretter“ warten, so zumindest wird es sehr gern durch die breite Medienwelt transportiert und auch der Eindruck vermittelt, um dadurch eine höhere Spendenfrequenz zu erreichen.

Versorgung am 15. März 2011 (Copyright: Andreas Teichert/DTRG e.V.)
Selbstversorgung am 15. März 2011 (Copyright: Andreas Teichert/DTRG e.V.)

Hier leben Medien und Hilfsorganisation zwangläufig in einer Lebenspartnerschaft und in gewisser Weise zehren auch beide voneinander.

Ich darf Ihnen versichern, und dies kann ich Ihnen aus eigener Erfahrung berichten: Wenn ungewöhnliche Naturereignisse eintreten, und denken Sie dabei an die Bilder, die aus dem rund 350 Kilometer entfernten Tokio gesendet wurden.

Der natürliche Reflex eines jeden Menschen, eines jeden Tieres, ist in Gefahrensituation nach Sicherheit zu suchen –  hier spricht man in Fachkreisen von der sogenannten „Fluchtphase“. Die Menschen sind aus den Häusern gerannt, neben ihnen fielen die Gebäudetrümmerteile auf den Gehweg. Es ist also ein Irrglaube, dass Menschen sich der drohenden Gefahr in den Weg stellen.

Sie werden flüchten und das bereits intuitiv in den ersten Sekunden. Sie werden sich einen höher, oder sicher gelegenen Platz suchen, an denen Sie sogar mehre Tage sicher ausharren können, Nicht selten machen sich diese Menschen mit Zeichen, oder Gardienen, was immer sie finden durch Kreuze, Hubschrauberlandeplätze oder durch das einfache Wort „SOS“ bemerkbar und sichtbar.

In der zweiten Phase beginnen die Menschen dann damit, zu retten was zu retten ist und sie helfen einander. Natürlich sind diese Menschen im gewissen Maße traumatisiert, sie waren bei der Katastrophe dabei. Aber sie wissen auch, wo sich noch Menschen in größter Gefahr befinden. Das wiederum ist ein unschätzbarer Wert, der es auch ersetzen kann, mit Containern an High-Tech Ausrüstung anzurücken. Diese Menschen beginnen sofort damit nach Verschütteten zu graben oder Verletzte zu versorgen.

Diese Phasen sind dramatisch, wie erleben Sie nur dann, wenn wir später bei entsprechenden Nachbeben damit konfrontiert werden. Und dies was hier geschieht, hat den Namen humanitär auch wirklich verdient.

Es ist also ein Trugschluss zu glauben, dass die Menschen apathisch, geschockt und hilflos ausgerechnet auf ausländische Rettungskräfte warten. Blicken Sie einmal zurück zu den schweren Hochwässern 1997 und 2001 in Brandenburg und Sachsen, als ganz Deutschland von Ost nach West, von Süd nach Nord angereist sind und zusammengestanden haben, als ein Deutschland. Ich denke genau mit diesem Beispiel, ist es am besten nachzuvollziehen.


Versorgung durch die Streitkräfte (Coypright: Andreas Teichert/DTRG e.V.)
Versorgung durch die Streitkräfte (Coypright: Andreas Teichert/DTRG e.V.)

Immer wieder stellte auch ich fest, wie in einigen Interviews die mangelnde Organisation vor Ort als blankes ungeordnetes Chaos beschrieben wurde. Ein Kollege berichtete mir einmal von einem Einsatz in dem beklagt wurde, das Hilfsorganisation am Flughafen nicht in Empfang genommen wurden, oder diese nicht von den Hotels abgeholt wurden, so haben nach deren Ansicht die lokalen Verantwortungsträger in Ihren Augen versagt.

Ich vergleiche das auch gern mit dem bildlichen Beispiel, als wenn die Feuerwehr hierzulande zu einem Wohnungsbrand gerufen wird und sich zuvor gegenüber den Medien darüber beklagt, dass die Einfahrt für sie nicht gefegt sei. Es macht sich natürlich immer gut, wenn man sich selbst als bester Organisator vor Ort präsentieren kann. Aber soll das der richtige Weg sein?

Ich habe in Japan immer großen Wert darauf gelegt, nicht mit dem erhobenen Zeigefinger als deutscher Oberlehrer – wobei ich diesen Berufsstand durchaus sehr schätze- aufzutreten, sondern gemeinsam und auch mitfühlend zu agieren.

Besonders musste in Japan berücksichtigt werden, dass es nahezu keinen vor Ort gab, der nicht selbst ein Familienmitglied, einen Freund oder einen Kollegen verloren hat, was mich sehr oft persönlich sehr traurig stimmte, besonders, da sich über die vielen Einsatzmonate enge Beziehungen entwickelten und man den Teil einer Seelsorge mit zu übernehmen hatte.

Natürlich herrscht zu Beginn erst einmal ein heilloses Durcheinander – das sollte aber auch niemanden überraschen, das ist eben der Charakter eine Katastrophe, ein totales Chaos, bei dem die betroffene Bevölkerung wie auch der örtliche Katastrophenschutz, sofern er nicht selbst in Mitleidenschaft gezogen wurde, zunächst verständlicherweise überfordert ist und genau auch deswegen auf Hilfe von außen angewiesen ist.

Im nächsten Teil dieser Serie erfahren Sie mehr über das Verhalten der Menschen vor Ort und die Kooperation zwischen japanischen Rettungskräften und internationalen Katastrophenhelfern. Auch Kratzer im Image des strahlenden Retters gibt es zu lesen. Mehr dazu am 13. März – bleiben Sie mit dabei!


Über den Autor:Andreas Teichert (45) ist der Vorstand und Schirmherr der Vereinigung für internationale Katastrophenhilfe e.V. (DTRG). Als ausgebildeter (freiwilliger) Feuerwehrmann und Rettungssanitäter, blickt er auf eine Reihe von Katastropheneinsätze zurück.

Bereits zu den Hochwässern 1997 und 2001 war er unter anderen im örtlichen Abschnitts-Leiterstab in Frankfurt (Oder) im Einsatz –  reiste nach Indonesien, sowie nach Japan und in die Türkei und unterstützte an der havarierten „Costa Concordia“.

Die Vereinigung für internationale Katastrophenhilfe e.V. finanziert sich ausschließlich durch Mitgliedsbeiträge und Spenden. Die Mitglieder kommen aus den Bereichen der Feuerwehr, dem medizinischen Bereichen, der Statik sowie aus der Höhenrettung und aus ehemaligen Angehörigen der Bundeswehr.

Umfangreiche Videos aus den Katastropheneinsatz in Japan sowie umfassende Berichte und Bilder finden Sie auf unserem Blog www.dtrg.org/blog oder auf unserer Internetseite www.dtrg.org wie auch themenaktuell auf facebook.

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