Start Panorama Katastrophenhelfer in Japan: Wenn nachts die Erde bebt

Katastrophenhelfer in Japan: Wenn nachts die Erde bebt

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Tokyo schläft nicht (Foto: KJ)
Tokyo bei Nacht (Foto: KJ)
Tokyo schläft nicht (Foto: KJ)
Tokyos Straßen bei Nacht (Foto: KJ)

Spreadnews ist es gelungen, Herrn Andreas Teichert von der Vereinigung für internationale Katastrophenhilfe e.V. (DTRG) für eine Artikelreihe über den Einsatz seines siebenköpfigen Teams im Zuge der Tohoku-Katastrophen zu gewinnen.

Im Rahmen der Serie “Katastrophenhelfer in Japan” wird er von Erfahrungen vor Ort berichten.

Der heutige sechste Teil stellt das Vorgehen bei Erdbeben in Japan vor und ermöglicht Ihnen so einen Vergleich mit den Schilderungen aus Deutschland in der vorangegangenen Folge.

Grenzen einer Einsatzerfahrung Teil VI

Japan hat seine lebensnotwendigen Notstromaggregate zuweilen auf dem Dach eines Hauses installiert, damit ist zum Beispiel für Krankenhäuser ein weiter Betrieb gesichert. Da diese Generatoren auch durch Helikopter mit Kraftstoff versorgt werden können.

Blicke ich dann nach Deutschland und halte mir die schweren Hochwässer von Brandenburg und Sachsen in den Jahren 1997 und 2001 vor Augen, dann befinden sich dort noch heute die Notstromgeneratoren im Keller eines jeden Gebäudes, mit der Folge, dass dieser „Plan B“, dann als erstes sprichwörtlich absäuft.

Welch eine hochtechnologische Überlegenheit wir uns doch immer für Deutschland einreden. Man darf eben nur nicht genauer hinsehen und schon gar nicht mit besseren Beispielen aus dem Ausland kommen.

Um nun wieder zum Thema Erdbeben zurück zu finden so kommt es nicht darauf an, welche Intensität, sondern welche Dauer ein Beben hat.

Folgen der Holzbauweise am 9. April 2011 (Copyright: Andreas Teichert, DTRG e.V.)
Folgen der Holzbauweise am 9. April 2011 (Copyright: Andreas Teichert, DTRG e.V.)

Bis etwa 20 Sekunden regt sich nicht wirklich ein Japaner, es scheint – und auch eine Stärke, kann man teilweise selbst durch Erleben skalatechnisch einordnen- das eine Gewohnheit inplantiert ist, die erkennen lässt, ab wann tatsächlich Gefahr drohen könnte. Bei vielen Beben, nimmt man diese auch als normalen Umstand hin.

Diese magischen 20 Sekunden, haben noch einen weiteren Hintergrund. Die vornehmlich in klassischer Holzbauweise errichteten Häuser, „arbeiten“ in sich, zugleich besteht auch die erhebliche Gefahr, dass sie sich verziehen könnten, gleiche Regeln gelten auch bei hohen Gebäuden aus Beton.

Es ist also zwingend bei einem länger anhaltenden Beben, wenigstens eine Tür oder ein Fenster zu öffnen. Unterlässt man das, würde man Gefahr laufen, selbst zu einem unnötigen Notfall zu geraten. Bei einem verzogenen Gebäude wären so unter Umständen die Fluchtwege durch Fenster und Türen blockiert. Dann ist  unnötigerweise professionelle Hilfe von außen notwendig. Das wiederum an andere Stelle dringender benötigter Rettungskräfte bedarf.

Nach dem Erdbeben: Tausende zu Fuß unterwegs (Copyright: Andreas Teichert, DTRG e.V.)
Nach dem Erdbeben: Tausende zu Fuß unterwegs (Copyright: Andreas Teichert, DTRG e.V.)

Bahnen und Aufzüge schalten sich teilweise selbsttätig ab und werden erst nach einer Prüfung wieder in Betrieb genommen. Das führte dazu, das am 11. März abertausende Menschen teilweise zu Fuß kilometerweit liefen und Straßen massiv verstopft waren.

Eine weitere Besonderheit ist- und dies wäre in Deutschland undenkbar-, das die Feuerwachen eben genau aus dem vorgetragenen Gründen als offene Gebäude errichtet sind.

Die Fahrzeughallen haben allesamt keine Rolltore oder sonstige Türvorrichtungen. Im Falle eines Bebens, könnte das nämlich  zur Folge haben, dass sich die Tore und Türen nicht mehr öffnen lassen und die Einsatzkräfte demnach nicht mehr mit ihren Fahrzeugen Ausrücken können.

Damit möchte ich nicht den Eindruck verharmlosen, auch ich habe Erdbeben erlebt, in denen mich die nackte Angst packte.

Eines Nachts, wir waren zu diesem Zeitpunkt im Mai, in Tono, einem kleinen Folklore-Ort in der Präfektur Iwate, nur 30 Autominuten von unserm Einsatzgebiet Otsuchi entfernt untergebracht, gab es ein kurzes –ich nehme es zumindest an, denn ich hatte relativ tief geschlafen- aber sehr massives Erdbeben, dies war jedoch nicht das, dass mir einen „Heidenschreck“ einjagte, es war alleine nur Geräusch, es hörte sich so grauenvoll  – und unglaublich laut an.

Wenn ich es beschreiben müsste, könnte ich es am besten mit dem Satz darlegen, als würden zwei Lokomotiven mit voller Geschwindigkeit aufeinander prallen, dabei aber auf gesamter Länge aneinander entlang schrammen, wie kreischendes Metall klang dieses Geräusch.

Bis dato hatte ich schon an die 180 Erdbeben in Japan miterlebt. Diese Angst spüre ich noch heute und sie hat mir mehr denn je verdeutlicht, wie unbedeutend wir Menschen auf diesem Planeten sind, wie klein und machtlos. Und auch Rettungskräfte verspüren Ängste, das muss man nicht verheimlichen.

Ausblick auf die nächste Folge

Nach dieser kleinen Exkursion, möchte ich Ihnen im letzten Teil den Irrglauben von apathischen und verstörten Menschen nehmen, wohlbemerkt, dass ich das nicht mit einem Trauma gleichsetze. Wie sich unsere Aufbauarbeiten gestalteten, wie wir uns mit den Menschen vor Ort austauschten, welche kulturellen Unterschiede vorherrschten, und wie ich noch heute über den Einsatz in der Präfektur Fukushima denken, was mich bewegt, was mich beängstigt, und welche Hoffnung und Freude mir die Menschen in Japan noch heute schenken, möchte ich Ihnen dann noch abschließend berichten.


Über den Autor: Andreas Teichert (45) ist der Vorstand und Schirmherr der Vereinigung für internationale Katastrophenhilfe e.V. (DTRG).

Als ausgebildeter (freiwilliger) Feuerwehrmann und Rettungssanitäter, blickt er auf eine Reihe von Katastropheneinsätze zurück. Bereits zu den Hochwässern 1997 und 2001 war er unter anderen im örtlichen Abschnitts-Leiterstab in Frankfurt (Oder) im Einsatz – reiste nach Indonesien, sowie nach Japan und in die Türkei und unterstützte an der havarierten „Costa Concordia“.

Die Vereinigung für internationale Katastrophenhilfe e.V. finanziert sich ausschließlich durch Mitgliedsbeiträge und Spenden. Die Mitglieder kommen aus den Bereichen der Feuerwehr, dem medizinischen Bereichen, der Statik sowie aus der Höhenrettung und aus ehemaligen Angehörigen der Bundeswehr.

Umfangreiche Videos aus den Katastropheneinsatz in Japan sowie umfassende Berichte und Bilder finden Sie auf unserem Blog www.dtrg.org/blog oder auf unserer Internetseite www.dtrg.org wie auch themenaktuell auf facebook.

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