Start Panorama Loveparade 2010: Gedächtnisprotokoll eines Augenzeugen

Loveparade 2010: Gedächtnisprotokoll eines Augenzeugen

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Erinnerungsschild an das Loveparade-Unglück. Foto: Mario Ernst
Erinnerungsschild an das Loveparade-Unglück. Foto: Mario Ernst

Anlässlich des Jahrestags des Unglücks bei der Loveparade erreichten uns mehrere Zuschriften von Lesern, dafür möchte sich die Redaktion von Spreadnews an dieser Stelle bedanken. In Stellvertretung aller anderer Texte an dieser Stelle nun das unveränderte Gedächnisprotokoll eines Augenzeugen der Ereignisse bei der Loveparade am 24.07.2010

Erinnerungsschild an das Loveparade-Unglück. Foto: Mario Ernst
Erinnerungsschild an das Loveparade-Unglück. Foto: Mario Ernst

Um ca. 14 Uhr bin ich mit mehreren Bekannten auf das Gelände der  Loveparadeveranstaltung an der Karl Lehrstr in Duisburg gelangt, die Menschenmenge erhöhte sich stetig. Als sich die ersten Floats in Bewegung setzten,wirbelten sie reichlich  Staub  auf,weil das komplette Gelände mit Bahnschotter eingeebnet wurde  und m.E.
mehrheitlich aus Kreidestein bestand.

Ich versuchte mich durch einige Stadortwechsel der riesigen Staubwolke  zu
entziehen, wass nur teilweise gelang und so fand ich mich notgedrungen  damit ab.
Gegen 16 Uhr wurde ich innerlich immer unruhiger, da sich das Gelände  derart
füllte, dass man sich nur noch mit Körperkontakt durch die Menge  bewegen
konnte.

Ich beschloß nun auf die Suche nach einem Ausgang zu gehen, denn ich  wollte
einfach nur noch aus der Enge und zurück zum Hauptbahnof, umd  nach hause
fahren.

Nachdem ich mehrere Ordner an den Notausgängen um Auskunft bat, wo denn  der
reguläre Ausgag wäre, bekam ich immer die selbe Antwort: „Das wissen  wir nicht,
versuchen sie es doch mal dort, wo sie reingekommen sind„.
Ich also zurück zum Eingang am Fusse der Rampe…

Loveparade 2010
Nach Wunsch vieler die Loveparade-Gedenstätte: Die Treppe. Foto: Mario Ernst

Dort stand die letzte Einlasskontrolle und ich wurde von dem Ordner  abgewiesen mit der Bemerkung: „Es gibt KEINEN Ausgang, nur einen Eingang„. Ich war merklich unriger geworden und meine optische Erscheinung tat ihr
übriges, denn ein Polizeibeamter sah mir ins Gesicht und befahl dem Ordner: „Lassen sie diesen Mann heraus, sofort„.

Nun befand ich mich vor dem letzten Kontrollpunkt zum Gelände…

Es war sehr eng, denn der Einlass wurde duch die Kontrollstelle unterbrochen. Ich versuchte nun in Richtung Hbf. zu gehen,wass mich grosse Mühe  kostete und bis ich am Ende des langen Tunnelsegments angelangt bin,  verging in etwa 1 Std.

Von diesem Moment an fehlt mir bis heute gegliches Zeitgefühl, dH. ich war bisher laut Erinnerung wie oben beschrieben der Meinung, ich wäre vor der Massenpanik durch die Menge gegangen.

Dieses Ereignis hat seine Spuren hinterlassen…

Seither war nichts mehr so wie es war, ich besuchte ein Unheilig Konzert  und
musste aus Platzangst die 2. Hälfte vor der Tür verbringen.

Es vergeht kein einziger Tag, an dem ich nicht an diesen 24.07.2010 denken muss
und es drängt sich unvermittelt in meinen Kopf.

Am 8.07. 2011 ! wurde ich von einer Bekannten auf einem Foto erkannt,  dort bin
ich mitten in einer panischen Menschenmenge zu erkennen, also  war ich demzufolge
mittendrin, auch wenn mir jede Erinenrung daran fehlt.

Diese Erkenntnis riss mich mental noch mehr in diesen Strudel und ich  fühle
mich seelisch sehr angeschlagen, dass ich mich nun genötigt sehe  Therapeutische
Hilfe in Anspruch zu nehmen.

Seitdem ist es noch unerträglicher geworden einen geregelten Alltag zu
gestalten und ich fühle in mir einen starken inneren Druck, verlasse nur  noch
selten das Haus und habe mich auch persönlich sehr verändert.
Ich lache kaum noch, bin sehr ernst geworden und spühre, dass ich nicht in der
Lage bin dieses Ereignis zu verarbeiten.

MfG. Mario Ernst

Ähnlich wie diesem Augenzeugen geht es vielen Betroffenen – sie sind traumatisiert von den

Zelt während der Mahnwache am 18.06.2011. Foto: Mario Ernst
Zelt während der Mahnwache am 18.06.2011. Foto: Mario Ernst

Geschehnissen und neben der Frage „Warum ist es passiert?“ beschäftigt sie angesichts des Todes anderer Menschen auch die Frage „Warum habe ich überlebt?“. Einige der Überlebenden haben sich entschlossen, diese Frage für sich selbst zu beantworten und setzen sich für die Erhaltung der Treppe, auf der Menschen zu Tode kamen, als Mahnmal ein.

Diese Pläne werden jedoch durch den Aufkauf des Geländes bedroht, würde beim geplanten Bau eines Möbelhauses diese doch abgerissen werden – Überlebende des Loveparade-Unglücks protestieren seitdem mit Mahnwachen gegen dieses Vorgehen.

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