Stimmen aus Fukushima: Atomangst und kritische Gedanken

Stimmen aus Fukushima: Atomangst und kritische Gedanken

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Artikelbild - Tagesanbruch in der Umgebung von Nihonmatsu (Foto; Photozou, memorin cc-by)
Tagesanbruch in der Umgebung von Nihonmatsu (Foto; Photozou, memorin cc-by)

Spreadnews möchte seinen Lesern die Möglichkeit bieten, etwas über die gegenwärtige Situation der Menschen in Fukushima zu erfahren. Zu diesem Zweck haben wir durch einen Fragebogen Daten und Meinungen von Bürgern dort gesammelt.

In den nächsten Tagen werden wir einige Antworten veröffentlichen, um so die Sichtweise der Bewohner vermitteln zu können. Wir denken, diese subjektiven Einblicke und Einschätzungen stellen eine gute Ergänzung zu unserer sachlichen Berichterstattung dar.

Die Befragung erfolgte anonym und persönliche Angaben wurden freiwillig gemacht.

Wir beginnen unsere Reihe „Stimmen aus Fukushima“ mit den Angaben der Hausfrau M.W. aus Nihonmatsu (Präf. Fukushima). Sie lebt dort gemeinsam mit ihrem Ehemann. Ihre Mutter wohnt in einer Pflegeeinrichtung.

Aufgrund der geographischen Lage von Nihonmatsu waren weder der Tsunami, noch die Ereignisse am Kernkraftwerk Fukushima Daiichi ein Grund für Evakuierungen, so dass die Familie dort immer noch lebt.

Frau W. erklärt, die Kraftwerkskrise betreffe sie heute noch, da das Lagerungsproblem für kontaminiertes Erdreich noch nicht gelöst sind, sich die Abfälle noch auf Privatgrundstücken befinden und auch der Boden selbst noch belastet ist.

Es sei unklar, wie die Stilllegungsarbeiten verlaufen werden und wohin dies noch führen wird. Jedes Mal wenn es zu Erdbeben kommt (was in Japan nicht unüblich ist – Anm. d. Red.), oder schwere Regenfälle auftreten, fürchte sie sich vor den Folgen.

So verwundert dann auch nicht ihre Aussage, sie sei mit den gegenwärtigen Lebensumständen nicht zufrieden.

Dazu befragt, welche Meinung sie vor der Kraftwerkskatastrophe von der Kernenergie hatte, äußerte sie sich im Vergleich zu weiteren Befragten bemerkenswert weitreichend.

Japan sei eine gebombte Nation und angesichts des Horrors der Atombomben auf Hiroshima und Nagasaki hätte einem die Gefahr bewusst sein müssen.  Daher habe auch Widerstand gegen Kernkraftwerke und Pläne von Plutonium-Thermalreaktoren bestanden. Doch man habe gedacht, dies blieben alles eine rein akademische Fragen.

Im Bezug auf ihre jetzige Haltung zur Kernenergie erklärte Frau W. weit über das Problem der Energieversorgung hinausgehend, stelle die Nutzung der Kernkraft eine Gefahr für die Natur dar und der Mensch riskiere die Zerstörung der Welt.

Eine friedliche Nutzung sei nicht möglich, so lange das Problem des anfallenden Atommülls nicht gelöst ist. Daher spricht sie sich auch gegen die Reaktorneustarts aus, die von der japanischen Regierung forciert werden.

Dazu befragt, ob sie bereits Diskriminierung aufgrund ihrer Herkunft aus der Präfektur Fukushima ausgesetzt war, erklärte Frau W., schon die kursierenden allgemeinen Gerüchte stellten eine Form der Diskriminierung dar.

Zu den Berichten über Straftaten durch Dekontaminationsarbeiter erklärt sie, es handele sich häufig um Menschen, die aus dem ganzen Land angeworben werden.  In der Tat gäbe es Mängel in der öffentlichen Sicherheit und die Arbeiter würden sicher eine gewisse Rolle spielen.

Im Bezug auf Glaubwürdigkeit und Ausführlichkeit der Berichterstattung japanischer Medien ist sie der Ansicht, sie halte nicht alle gemachten Aussagen für wahr und man könne den Medien etwa zur Hälfte vertrauen.

Was die Angaben der Strahlungswerte im Rahmen der Lebensmittelsicherheit von Produkten betrifft, so habe sie bis zu einem gewissen Grad Vertrauen. Aufgrund des eigenen Alters würden ältere Menschen jenseits der 60, lokale Produkte bevorzugen.

Zur Darstellung der Präfektur Fukushima in ausländischen Medien ist Frau W. der Ansicht, nachdem die Katastrophe am Kernkraftwerk praktisch live zu verfolgen war, werde die gesamte Präfektur als ein einziges Sperrgebiet wahrgenommen.

Ausländische Besucher sollten ihrer Meinung nach nicht unbedingt nach Fukushima kommen (möglicherweise wegen der Befürchtung des Katastrophentourismus – Anm. d. Red.)

Um einen Zukunftsausblick im Bezug auf den Wiederaufbau gebeten erklärte sie, es gäbe zwar teilweise Anstrengungen, die erzielten Fortschritte seien jedoch nicht ausreichend.

Wir bedanken uns an dieser Stelle bei Frau W. für die Beantwortung unserer Fragen und hoffen, dass die Leser diese persönlichen Ansichten interessant fanden. Wir werden die Serie mit persönlichen Meinungen aus Fukushima fortsetzen.

1 KOMMENTAR

  1. GROSSARTIGE IDEE und tolles Engagement !!! Vielen Dank.

    RT hat jüngst ebenfalls eine Interviewreihe mit Fukushima Flüchtlingen begonnen. Die Menschen waren so dankbar für die Aufmerksamkeit, die ihnen zuteil wurde, und dass sie nicht vergessen sind, auch wenn Japan deren Probleme schlichtweg ignoriert. Sie sind längst Hibakushas – Ausgestoßene.

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