Zu Gast in Berlin: Japanische Feuerwehrmänner berichten aus Katastrophengebieten

Zu Gast in Berlin: Japanische Feuerwehrmänner berichten aus Katastrophengebieten

2304
1
TEILEN
Yoshio Kitamura vom Tokyo Fire Department (Foto: Spreadnews.de)
Yoshio Kitamura vom Tokyo Fire Department (Foto: Spreadnews.de)

Yoshio Kitamura vom Tokyo Fire Department (Foto: Spreadnews.de)
Yoshio Kitamura vom Tokyo Fire Department (Foto: Spreadnews.de/Hendrick Schatte)

Das am Montag dieser Woche kein regulärer „Japan aktuell“ Artikel zu finden war, ist der Einladung zur Teilnahme an einem Fachsymposium mit Bezug auf die Katastrophen in Japan geschuldet.

Die Veranstaltung fand im Japanisch-Deutschen Zentrum Berlin (JDZB) statt und Spreadnews war für unsere Leser vor Ort.

Bereits vor Beginn wies das Fachsymposium „Disaster Reduction: Deutsch-japanischer Austausch im Katastrophenschutz, mit Schwerpunkt: Fortschritt durch Wissen“ neben den Ehrengästen aus Japan eine weitere Besonderheit auf.

Die Veranstaltung geht auf die monatelange Kooperation der ehrenamtlichen Helfer des DTRG, Vereinigung für internationale Katastrophenhilfe e.V“ mit japanischen Kollegen bei gemeinsamen Arbeiten in den Krisengebieten zurück, die ohne Unterstützung durch die deutsche Regierung, durchgeführt wurden.

Auch die Organisation des Symposiums und die Einladung der japanischen Gäste erfolgte ohne Unterstützung durch Stellen wie den Berliner Senat, oder etablierte Institutionen, wie etwa die Berliner Feuerwehr. Anerkennung der ehrenamtlichen Arbeit sieht definitiv anders aus.

Zu sehen gab es beim Event selbst dagegen einiges.

Freunde japanischer Kultur sahen zwar aufgrund des straffen Zeitplans nichts von der japanischen Bibliothek – das große Blumenarrangement im Vortragssaal, offenbar ein Rikka-Gesteck und die Blumengestecke in den flachen Schalen (Moribana), auf den Tischen während der Mittagspause, machten auf dezente Weise den Veranstaltungsort bewusst.

Die Veranstaltung befasst sich mit folgenden Punkten

  • Willkommensreden und Einleitung
  • Teil I: Berichte aus Japan
    • Arbeit der Feuerwehr Tokyo
    • Neue Konzepte für Tokyoter Katastrophenschutz
    • Einsatz der Feuerwehr Sendai
  • Teil II: Deutsche Forschung und IT für Katastrophenfälle
  • Teil III Katastrophen in Deutschland und ihre Bewältigung
  • Abschluss und Buffet


Willkommenreden und Einleitung

Japans Botschafter Takeshi Nakane am 10. September 2012 im JDZB (Foto: spreadnews)
Japans Botschafter Takeshi Nakane am 10. September 2012 im JDZB (Foto: Spreadnews.de/Hendrick Schatte)

Nach den Willkommensreden von seiner Exzellenz, der Botschafter von Japan in Deutschland, Takeshi Nakane, Dr Friederike Bosse vom JDZB, sowie des DTRG, vertreten durch Herrn Andreas Teichert,  begann das Symposium mit der „Keynote Session“.

In deren Verlauf legte Dr. Eltje Aderhold vom Auswärtigen Amt der Bundesrepublik Deutschland. angesichts des immer häufigeren Auftretens schwerer Naturkatastrophen die Notwendigkeit internationaler Kooperation dar.

 

Professorin Akiko Yamanaka am 10. September 2012 im JDZB (Foto: Spreadnews.de)
Prof. Akiko Yamanaka bei ihrem Vortrag im JDZB (Foto: Spreadnews.de/Hendrick Schatte)

Im Anschluss forderte Professorin Aikiko Yamanaka von der Universität Cambridge, Mitglied des japanischen Parlaments und frühere Vize-Außenministerin Japans die Notwendigkeit, von den traditionellen Konzepten abzurücken und den Sicherheitsbegriff neu zu definieren.

Vom Konzept der Katastrophenbekämpfung müsse der Schwerpunkt auf die Prävention verschoben werden.

Dabei ging es nicht um leere Worte, denn ihre Anregungen zur Verbesserung von AKW-Sicherheit  Evakuierungskonzepten bei Tsunami, die sie während ihrer politischen Laufbahn einbrachte und in ihrem Buch „Think or Sink“ ausformulierte, wurden seinerzeit ignoriert.

Teil I: Berichte aus Japan
(Erdbeben, Tsunami, GAU)

Gegen 11:20 Uhr begann mit „Berichten aus Japan“ der erste und auch für Laien interessanteste Teil des Fachsymposiums, der von Herrn Andreas Teichert, auf dessen Initiative der Besuch der japanischen Feuerwehrleute zurückgeht und somit die Grundlage des Symposiums ermöglicht wurde, moderiert wurde.

Yasuyuki Suzuki (Fire and Disaster Management Agency) Katsunari Namakura (Sendai Fire Bureau) Andreas Teichert (DTRG), Yoshio Kitamura (Tokyo Fire Departement)
Yasuyuki Suzuki (Fire and Disaster Management Agency) Katsunari Namakura (Sendai Fire Bureau) Andreas Teichert (DTRG), Yoshio Kitamura (Tokyo Fire Departement)

So berichteten die japanischen Gäste – unter ihnen etwa der Leiter des Tokyo Fire Departement Yoshio Kitamura – über ihre Erfahrungen während des verheerenden Tohoku-Erdbebens vom 11. März 2011, des damit verbundenen Tsunami und die daraus gewonnenen Erkenntnisse für künftige Katastrophen.

Dabei wurde deutlich, dass Japan zwar gut auf das Erdbeben vorbereitet gewesen war, jedoch insbesondere der unerwartet hohe Tsunami für die hohen Todeszahlen verantwortlich ist. Dessen Wucht wurde in Videoaufnahmen deutlich, die in einem folgenden Beitrag von Katsunori Numakura von der Feuerwehr Sendai gezeigt wurden.

Arbeit der Feuerwehr Tokyo – Brandbekämpfung, Personenrettung, Reaktorkühlung:

Vortrag von Yoshio Kitamura (Feuerwehr Tokyo) am 10. September 2012 (Foto: Spreadnews.de)
Vortrag von Yoshio Kitamura (Feuerwehr Tokyo) am 10. September 2012 (Foto: Spreadnews.de/Hendrick Schatte)

Als Reaktion auf das Tohoku-Erdbeben waren insgesamt 104.093 Feuerwehrmänner aus 44 der 47 Präfekturen mobilisiert worden. Insgesamt 13.951 Mitglieder der Tokyoter Feuerwehr und 770 Einheiten waren in den Katastrophengebieten im Einsatz. Dabei beteiligten sie sich sowohl an Löscharbeiten, als auch an der Bergung von Personen.

Auch die besondere psychische Belastung, etwa durch die Entscheidungsfindung, welche Personen noch zu retten sind und für wen jede Hilfe zu spät kommen würde, wurde im Vortrag von Herrn Kitamura deutlich.

Neben der Katastrophenhilfe in Kesennuma (Präf. Miyagi), Rikuzentakata (Präf. Iwate) und Ichihara (Präf. Chiba) unterstützte die Feuerwehr Tokyo auch die Bestrebungen zur Kühlung des Reaktors am AKW Fukushima Daiichi und setzte hierzu insgesamt 4.227 Tonnen Wasser ein.

Dabei konnte aufgrund des Aufbaus der Anlage nur ein Teil der Schläuche durch Fahrzeuge verlegt werden –  über größere Bereiche hinweg mussten die Helfer diese selbst per Hand verlegen.

Neue Konzepte für den Katastrophenschutz in Tokyo:

Im Rahmen seiner abschließenden Analyse räumte Herr Kitamura von der Tokyioter Feuerwehr ein, dass man auf eine derartige Kettenreaktion (Erdbeben – Tsunami – Atomunfall) nicht vorbereitet gewesen war. Im Folgenden präsentierte er überarbeitete Konzepte für derartige Situationen vor.

So wird künftig der Bevölkerung ein stärkeres Bewusstsein für den Eigenschutz vermittelt und sowohl Berufs- als auch Freiwillige Feuerwehr besser ausgestattet. Aufgrund der hervorragenden Arbeit privater Organisationen plane man hier eine engere Zusammenarbeit, ebenso wie etwa mit Bauunternehmen, durch deren schweres Gerät die Räumarbeiten möglich wurden.

Einsatz der Feuerwehr Sendai im Zuge der Tohoku-Katastrophen

Herr Katsunori Numakura beim Vortrag im JDZB am 10. September 2012
Herr Katsunori Numakura beim Vortrag im JDZB am 10. September 2012 (Foto: Spreadnews.de/Hendrick Schatte)

Nach den Ausführungen von Herrn Kitamura zeigte Katsunari Numakura von der Feuerwehr Sendai dramatische Szenen der Situation während der Überflutung der Stadt durch den Tsunami.

Nicht zuletzt die Art der Aufnahmen – sie waren von einem Helikopter der Rettungsteams aus gemacht worden – vermittelten ein noch deutlicheres Bild, als dies die Aufnahmen im Fernsehen vermochten.

Auch hier wurde deutlich, dass der Tsunami und die damit verbundenen Maßnahmen wie die Evakuierung von Personen, die sich etwa auf Schuldächer gerettet hatten, die eigentliche Herausforderung für die Katastrophenhelfer darstellte.

Eine der prägnantesten Szenen neben den Rettungsarbeiten in Trümmergebieten, war die Suche in überfluteten Bereich von einem kleinen Aluminiumboot aus – ein übliches Schlauchboot wäre durch die Trümmer beschädigt worden.

Den Abschluss dieses Vortragsblocks bildeten die Informationen von Yasuyuki Suzuki, der Konzepte der Behörde für Brand- und Katastrophenmanagment vorstellte.

Nach diesen Schilderungen folgte das gemeinsame Mittagessen, bei dem auch Vegetarier berücksichtigt wurden und das Gelegenheit zum gegenseitigen Austausch bot und erwartungsgemäß viel zu schnell vorüber war.

Teil II Beiträge zu deutscher Forschung und IT für Katastrophenfälle

Der weitere Verlauf des Symposiums mit Beiträgen zur Einführung eines Masterstudiengangs „Safety and Danger Response“ an der Universität Magdeburg und zur Nutzung von Software für besseres Informationsmanagement im Krisenfall, dürfte einen Großteil unserer Leser, die sich Informationen über die Situation in Japan erhoffen, vergleichsweise wenig interessieren.

Dennoch war eine Vielzahl an Informationen, etwa zur Struktur behördlicher Katastrophenhilfe durchaus interessant und wurden zudem in angenehm komprimierter Weise vermittelt. Die folgende Kaffeepause erlaubte die Wiederaufnahme von Gesprächen und das Knüpfen von Kontakten, bevor der dritte und letzte Teil begann.

Teil III Beiträge zum Thema Katastrophen in Deutschland und ihre Bewältigung
(Kohlekraftwerke, Tornados in Deutschland und Berliner Polizei)

Das es bei Katastrophenprävention um mehr geht, als das Anbringen von Rauchmeldern zeigten die weiteren Vorträge, die ähnlich wie zuvor die Berichte aus Japan, vor allem praktische Erfahrungen vermittelten. So sprach Hartmut Bastisch von der Werkfeuerwehr Vattenfall über potentielle Gefahren wie etwa Kohlestaubexplosionen – ein Risiko, das wohl den wenigsten Kunden eines Stromkonzern bewusst sein dürfte.

Von ihren Erfahrungen mit den Gefahren durch Naturkatastrophen, die auch in Deutschland wiederholt erhebliche Schäden anrichten, berichtete Dipl.-Ing. Hannelore Brendel, parteilose Bürgermeisterin der Stadt Mühlberg/Elbe  bei ihrer Schilderung von drei Katastropheneinsätzen aufgrund von Hochwasser und Tornado.

Nach Ausführungen von Fritz Roch (Albert Ziegler GmbH & Co KG) zu den Herausforderungen der Feuerwehrindustrie bei der Zunahme von Katastrophen, war Polizeihautpkommissar Andreas Dannebaum aus dem Stab des Polizeipräsidenten von Berlin, der letzte Redner der Veranstaltung.

Seine Ausführungen zu Aufgaben, Vorgehen und Kooperation der Polizei Berlin im Bereich des Katastrophenschutzes zeigten ein anderes Bild, als das der Kriminalbeamten oder des Streifendienstes und verdeutlichte stattdessen Umfang und Vielfältigkeit der Polizei im Falle einer Katastrophe.

Abschluss und Buffet

Das Schlusswort hatte dann erneut Dr. Friederike Bosse vom JDZB in dem sich die Erfahrung mit derartigen Veranstaltungen zeigte – fiel es doch wohltuend kurz aus, bevor das Buffet eröffnet wurde – und das Ende dieses Berichts erreicht ist.

Fazit: Eine interessante Veranstaltung mit Japan-Bezug, deren ehrenamtlicher Hintergrund mindestens ebenso interessant ist, wie es die geladenen Redner und Gäste waren.

1 KOMMENTAR

  1. Hallo Spreadnews-Team,

    Sie schreiben, dass der DTRG die Hilfsaktion in Japan und die Organisation der Veranstaltung ohne Hilfe von staatlicher Stelle in Deutschland durchgeführt hat. Ist das überhaupt machbar?

    Wenn ja, ist das tatsächlich eine riesige Sauerei, so eine Arbeit nicht zu unterstützen. Für Milliardengräber wie Pannenflughäfen ist Geld da – um Ehrenamt zu unterstützen offenbar nicht!!!

    Rettung von Menschenleben hat offenbar weniger Gewicht als ein Prestigeprojekt, selbst wenn es in die Hose geht wie der BER.

    Vermutlich wurde sich vom Land Berlin nicht einmal an den Reisekosten der japanischen Gäste beteiligt. Da muss man sich ja schämen Berliner zu sein!

    Vielen Dank für diesen Artikel und insbesondere für die Hervorhebung dieses unsäglichen Verhaltens der Berliner Behörden!

HINTERLASSEN SIE EINE ANTWORT